Id. 152 Zweites Blatt
Erscheint Sglich mit A«S»ah»n« btS Sonntags.
Die „Eichener FamMenblStter" werden dem ^Lnzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „UkeftdUttl für den Urelr Eictzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seil- fT«$«w" erscheinen monatlich zweimal.
tbb. Jahrgang
General-Anzeiger für Gberhejjen
Zamstag, \. Juli IM
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchea Universität? - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schrfftleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schuld straße 7. Geschäftsstelle u.Berlag: Schritt»
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Die Seeschlacht vor dem Skagerrai
am 3Z. Mai—)uni Mtb
auf Grmrd amtlichen Materials,
II.
Die Tagschlacht.
5 Uhr 49 nachmittags wird Vv-n uns auf etwa 13 000 Meter mft der schweren Artillerie im lausenden Gefecht das Feuer auf die feindliche Linie eröffnet, die sofort lebhaft antwortet. Die Luft erzittert unter den sich schnell folgenden Salven aus schwerstem Solcher. Auf deutscher Seite sind 44—30,5 und 28-Zentimetcr Geschütze, ans eitglischer 48—34,3 und 30,5-Zen ti nretter - OKs chütze in voller Tätigkeit. Nach etiva 15 Minuten des Feuerkampfes, also kurz nach tt Uhr, erfolgt auf dem Schlußschisf der englischen Linie, dem Schlachtkreuzer „Indefatigable", durch einen schweren Artillerie-Treffer verursacht, eine getvalttge Explosion. Eine schmerze Qualnnoolke, die wohl 100 ?Neter Höhe erreicht, ^schießt hinnnelwärts, hüllt das Schiff ein und als sie sich nach V 4 Stunde verzieht, ist der Platz leer. Dieser Ausfall bringt eure fühlbare Entlastung. Auch bei uns treten natürlich Treffer ein. Tic stählernen Körper erzittern unter der Wucht der Schläge. Unter Führung der 1. Offiziere beginnt im Schisfsinnern der harte Kampf .gegen die Verwüstungen der schwereir C^eschivsse und der nachdrän- genden Elenrente, Feuer und Wasser, die gegen Freund und Feind Uind wütend, ihre vernichtenden Kräfte entfesseln. Mancher Brave ;fbrft mit zerschmetterten Gliedern in ewigen Schlaf. Für die Ver- !wmcheten gibt cs keinen sicheren Platz. Ter Arzt steht wie jeder Kämpfer im feindlichen Feuer. Albes arbeitet mit höchster Kräftc- >«ftpannwtg, der Offizier, der Mann am Geschütz, der schweißüber- Hrömte Hetzer vor den Feuern. Draußen schlagen schwere Salven, ^wasthlche breite Wassersäulen austürmend, oft so dickft neben dem 'Schaffe ein, daß die berabstürzenden Wassermassen auf das Teck 'niederdonnern. Schwirrend sausen dichte Splitterschwärme über "Deck durch die Llufbauten. Mächtige Stichflammen zischen L>heiü> aus den Sprcngwolken der Riesengeschosse, alles was sie ltreffen, zerschmelzeich urrd verkohlend. , ^ . ,
Etwa 6 Uhr 20 nachmittags schließt an das feindliche Schlacht- skrenzergeschwader. bei dom sich unsere Feuerwirkung bereits be- smerkbar inacht, ans Nordwest als wertvolle Unterstützung eine Tioi- lston von 5'Schiffen der neuesten mit 38-Zentimeter-Geschützen bewaffneten schnellen Linienschiffen der Oneen-Elisabeth-Klasse heran. Machdem sie einige Salven aus ilpen gewaltigen Geschützen gegen -unsere kleinen Zkreuzer, die noch rückwärts der Panzerkreuzer stehen, mus etwa 24 000 Meter eirtsandt haben, schwenkt das Feuer der nun hinzutretenden 40—38-Zentrmeter-Geschütze auf unsere Panzer- jkkeuzer.
Um die jetzt beim Feinde eintrecknde erhebliche Ueberlegen- Iheit nach Möglichkeit auszngleichen, brechen 6 Uhr 20 unsere Tor Ipedobootsflottüleu znm Dorpedoangriss aus die feindliche Linie vor cms der heraus sich ihnen ettva 15 bis 20 modernsia große Zer- lstörer der d»-Klasse entgegenwersen. Die vorstürmenden Maffcn nähern eimrnder bis aus 1000 Meter. Im Vorbei! ausen b>mmt es zum Artillerielamps, in den von unserer Seite auch der kleine Kreuzer Regensburg cffkgrefft. Zwei unserer Boote werden infolge von Artiklerietreffern bewegungsunfähig. Ihre Besatzungen 'lintnen von anderen Booten unserer Flottillen mitten rm wchd- licheu Feuer ausgt-nommen werden. Ein feindlicher Zerstörer finft ttrfolge von Artillerietreffern. Ein anderer wird durch Torpedo- schuß" unserer Boote vernichtet. Zwei wertere Zerstörer, Nestor
Nvmad. BSrsben mir schiceren BetfchÄngungon am dem Kampfplätze zurück und werden später durch Schiffe und Torpedoboote -unseres Gros nach Rettung aller Ueberlebenden vernichtet. Nach -der Entwicklung dieses Teftkampsos ereignet sich aus dem dritten feindlichen Schlachtkreuzer*) von der Spitze der Queen Mary, ca« furchtbare Explosion, lieber der dunklen, von roten Flammen durchzuckten Wolke sieht man die Masten des Schisses nach imreu zusammensinken. Noch ehe der -Qualm verweht, hat sich das Meer über dem zerschmetterten Riesenleib geschlossen. Leichen, Wrack- teile und wenige sich an ihnen festklammernde lieber lebende, die in .einer spateren Phase des Kampfes von unseren Torpedobooten ausgenommen werden, bezeichnen die Stätte.
*) Anmerkung: Zwischen unserem Panzer kveitz er mch dem eng- llrjchen Schlachttreuzer, battle-crniser, besteht kein Unterschied. Tic ^Bezeichnungen sind lediglich dem Sprachgebrauch entsprechend verschieden gewählt.
Um diese Zeit wird unser Linienschiffsgros, bestehend aus drei Geschwadern, in südlicher Richtung nördlichen Kürs steuernd gesichtet. Tic feindlichen schnellen Verbände drehen daraus nach Norden ab. Unsere Panzerkreuzer setzen sich, aus nördlichen Kurs einschwenkend, vor die Spitze des Gros.
Damit ist nach etwa einstündigem Kampfe der erste Gefechtsabschnitt, die Kreuzerschlacht, abgeschlossen. Er endet trotz zeitweiliger erdrückender Ueberlcgenheit des Gegners — 6 Schlachtkreuzer und 5 schnelle Linienschiffe gegen 5 Panzerkreuzer — mit der Vernichtung von zwei englischen Schlachtkreuzern und von 4 der modernsten Zerstörer gegenüber dem Verluste von zwei unserer Torpedoboote, deren Besatzungen von uns gerettet werden, erheblich zu unseren Gunsten.
Unterdessen ist es etwa 7 Uhr nachmittags geworden. Der Flottenchef übertrimmt von da ab unmittelbar auch die taktische Führung. Es beginnt der zweite Gefechtsabschnitt.
Ter Gegner, der, von Norden gerechnet, in der Reihenfolge: Kleine Kreuzer mit Zerstörern, Schachtkreuzergeschwader, Queen Elizabeth-Division, mit hoher Fahtt vor der ihm scharf nachdrängenden deutschen Flotte nordwärts steuert, versucht im weiteren Verlaufe des Gefechts, sich in flachem Bogen vor unsere Suche zu ziehen. Unsere Panzeickreuzer bleiben da der in einem an Hesttqlftft zunehmenden Feuerkampfe, besonders mit der Queen Elizabeth- Division, mit der auch die an der Stütze marschierenden Linren- schiffsdivisionen unseres Gros, kurz vor 7 Uhr beginnend, ein bisweilen abreißendes Feuergesecht auf große Entfernungen führen. Die erste Aurllärnngsgruppe und die etwas vorgeschobenen Kleinen Kreuzer mit den Flottillen stoßen etwa in die Mitte des Bogens in der allgemeinen Richtung auf das abziehende Schach tkreuzerge- sckiwadcr vor, das sich allmählich in der Ferne verliert und. soweit beobachet. sich, wohl infolge bereits erlittener erheblicher Beschädi- gtmgen, später nicht mehr am Kanche beteiligt hat.
Bereits in dieser Phase der Schlacht macht sich die zunehmende Unsichtigkeit, besonders nach Norden und Nordosten hin, unangenehm fühlbar. Ter Betoeg-ung des Feindes folgend, drehen zmsere Linienschiffsverbände von nortmvrdwestlichen Kursen allmählich aus yftird und Nordiwrdost.
Während die eben geschilderte Gefechtslage noch als im inneren Zusammenhänge mit dem ersten Gefechtsabschnitt stehend gewissermaßen als dessen Folgen anzn sehen ist, leiten die sich nun etiva 7,50 Uhr entwickelnden Gefechtshandlungen bereits zum dritten Gesechtsabschnrtte, dem „Kamps mit der vollzählig versammelten englffchen Hauptstreffmacht" über.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 1. Juli 1916.
Der Juli.
„Schön und gewaltig ist der Juli," so feiert Heinrich Seidel in einer seiner Prosadichtungen diesen Monat, „das fft der wahre Sommermonat, der das Korn reist und einen Segen von köstlichen Gemüsen ausschüttet. Da ist es schön, um die Mittagshttze in den weiten Kornfeldern, lvenn die Glut der Sonne über all dem/ reichen Segen brütet und sich nur zuweilen leffe wie im Traum das weite Meer der Aehren flüsternd regt." Mehr noch, als in früheren Jahren hoffen wir, daß die sprichwörtliche Juliglut dnsmal nicht vergeblich auf sich warten lassen tvird. In den meisten Gegenden unseres Vaterlandes beginnt in diesem Monat die Ernte inte* für diese ist den Landlenten eine recht große Hitze sehr erwünscht „Im Juli großer Sonnenbrand, ist gut für alle Leut' und Land!' lautet ein alter deutscher Spruch. Auch den Obstzüchtern und Wein-' bauern ist eine große Hitze in diesem Monat recht willkommen, denn sie sagen: „Nur in der Juliglut nürd Obst und Wein dir gut." Erfahrungsgemäß fällt ja auch die heißeste Zeit des Jahres in d:e Tage vom 10. Juli bis zum 10. August. Das Wetter pflegt nt dieser Zeit nicht nur warm, sondern auch beständig zu sein: für Mittel- und Nordeuropa haben die Durchschnittsberechnungen der Meteorologen 12 sogen. Sommertage ergeben, die eine Tages-- temperatur von mindestens 25 Grad Celsius im Schatten aufweisen ...
Der Juli und der August sind die einzigen Monate des Jahres, die ihren Namen sterblichen dldenschen zu Ehren tragen. Ursprünglich hieß der Juli bei den alten Römern der Quinctilis (der fünfte Mrmatb durch die Kalenderreform des C. Julius Cäsar wurde er der siebente Monat des Jahres und erhielt ai§ Geburtsmonat Cäsars diesem zu Ehren den 9^amen Julius. Sein Nachfolger Augustus benannte den folgenden Monat, den alten Sextilis (den sechsten Monat) nach sich als Augustus, damit aber erreichten^die Neubezeichnungen ihr Ende. So kommt es, daß die Atonale September bis Dezember Namen führen, die der altrömischen Benennung vor der Kalenderreform Cäsars entsprechen, die also mcht, wie ihre Namfen besagen, den 7. bis 10„ sondern den 9. bis 12. Monat des Jahres bezeichnen. Auffällig ist es. daß bei den Monats- nanren Juni, der, wie bekarrnt, nach der römischen Göttin Juno so benannt worden ist, und Juli die lateinische Endung „ns" hinweg- gesallen ist. Bekanntlich schrieb man aber früher diese beiden Monatsnamen noch ttef bis in das vorige Jahrhundert hinein Junp und Jüly. Dieses y am Ende der beiden Monatsnanren ist hervor, gegangen aus der lateinischen Form der Datierung, die beispielsweise im Mittelalter lautete: tertio die mensis Juln (das heißt wörtlich: am dritten Tage des Julischen Monats).^ Hieraus ersieht man deutlich, daß man bei uns von den lateinischen Formen Junii und Juliti über Jurry und Julp zu den heittigen Schreibungen Juni und Juli gelangt ist.
Zur Zucker- und Saccharinfreigabe.
Die in der Presse inaner wieder auftauchenden Klagen über Zuckermangel und die zu geringe Freigabe von Saccharin veranlassen das KriegserTiaheungsamI zu nachstehenden Erläuterungen 3
Die Tatsache, daß ein erheblicher Zuckerinangel zurzeit besteht, läßt sich leider nicht aus der Welt schaffen. Die Ursachen liegen nickt in einem vernrirrderten Anbau gegen bk Friedenszeit oder gar. wü' es auch schon behauptet worden ist, in einer Ausfuhr von Zucher. sondern sind lrtüglich dem Umstande MMschrelben, daß durch den allgernetnen NalymngSmittelmangeL eine bedeutend stärkere Heranziehung des Zuckers z-nr menschlichen und tierischen Nahrung erfolgt ist, als dies fv-nst der Fall war. Inzwischen ist es aber durch die verhältnismäßig günstigen Fntteraussichten dieses Jabres möglich geworden, einen großen Teil der für Futterzwecke zurückgestellten Rohznckerncengen den Raffinerien Arzufuhren und sie so der mensckflichen Ernährung nutzbar zu machen. Es konnten hierzu z. B. noch 600 000 Zentner mrs der Betriebszeit 4914/15 heran gezogen werden. Die Wirkung dieser Maßregeln kommt ja auch schon deckmrch zum Ausdrzrck, daß sowohl den Privathaus- lmltungen, rvic auch den Obstkonservenfabriken recht erhebliche Mengen Zucker zv Ern machzwecken überwiesen worden sind.
Was nun die erweiterte Freigabe von Saccharin betrifft, so ist schon einmal darauf hinqewiesen worden, daß bei allgenwiner Freigabe des Saccharins auch für den Haushalt die dringende Befürchtung besteht, daß das Saccharin auch dort ver-
Erstrebtes und Erlebtes.*)
kr. Unter diesem Titel hat Ernst von Possart, der lguch uns Gießenern wohlbekannte, berühmte Charatterdarstellev -und Generalintendant der Münchener Hosbühnen, den ersten Teü 'seiner Dckenserinnerungcm herausgegeben, ein sehr anziehendes . Buch , vlckch an lebensvollen Einzelzügen, von einem klugen Mann Lrus warmem Herzen mit gewandter Feder geschrieben.
Man wird an die Lebenserinnerungen eines Schauspielers ,nicht leicht ohne Vorurteil l>erangehen. Tie Vermutung liegt nahe, paß Äe Selbstdarsbellung hier zur Setbstbespiegelung ruerboi möchte. 'Wer von Possart weiß oder zu wissen glaubt, dem mag sich solche Vermutung besonders auft>rängcn. Aber wenn auch Poffatt selbst einmal mit liebenswürdiger Ironie von sich als „Seiner Eitelkeit .Herr E. P." redet und damit einen vielleicht nicht unrrckitigen Tatbestand zum Ausdruck bringt, so ist doch diese Eitelkeit keineswegs ein beh-errscheiü)er Zug in dem Bilde, das er von sich und seinen Bestrebungen entwirft. Er tritt vielmehr ganz zurück — rund sichettich nicht durch Mache, sondern mit psychologischer Echtheft — gegenüber anderen, menschlich wertvollen und persönlich .gewinnenden Zügen.
Unter diesen Zügen scheint mir der bedeuksamste die große Dankbarkeit zu sein, mit der Possart seiner Lebensführuug urrd der Personen gedenkt, die daraus von mehr oder weniger eirt- scheidendem Einfluß gewesen sind. Sehe ich von dem selbstverständlichen, aber doch- liebevoll betonten PietLtsverliälttfts zu den Eltern, besonders zur Mutter, ab, so zeigt sich diese Tankbarkeft schon gegenüber dem Inhaber der Berliner Buchhandlung Kaiser, bei dem Pvssart, mel/r dem Wmrsch der Eltern als dem eigenen Triebe folgend, inehrere, für seine geistige Ausbildung nicht verlorene Jahre als Lehrling verbrackfte. Sie zeigt sich gegenüber dem Bruder seines Prinzipals, dem Hofschanspieler Wülzelm Kaiser, der ihm, ohne Wissen der Eltern, in der ErkOtntnis, daß ftc dem jungen Menschen etwas Außerordentliches stecke, an den freien Sonntagvormittagen ein strenger, aber gütiger und gerechter Lehrer rcnd Füller zu i'entcit schauspi-elerisclzen Idealen wurde. Sic zeigt sich weiter in der herzlichen Anerkennuirg der Berdieirste, die sich die Direktoren der Bühnen in Breslau, Bern, Hamburg (Stadttheaterl und München uni sein« Ausbildung erworben haben, denen allen irgendwie der Ruf vorairgegangen war, daß mft ihnen schlecht Mischen zu effen sei, und die sich aber bei näherer Bekannffchaft als ,F!ermuenscheit in rauher Schale" (wie es von dem verdienstvollen, aber groben Jnteudcurzrat Schmftt in Müncky:n heißt) entpuppten. Anck) die zahlreich emgestteuten,
*) Erstrebtes und Erlebtes. Erinnesttugerr aus nreiner Bühnentätigkeit. Von Ernst von Possart. 326 Seften. Berlin 1916, Mittler mch Sohn.
tefts mit leichten Streichen, tells mft breitem Pinsel gezeichneten Charakterbilder der Kollegen und Freunde (z. D. des nnt besonderer Liebe behandelten (^seneralmusiDrrektors Hermann Levi, des geborenen Gicßeners) sind Zeugnisse solcher Dankbarkeft. Und nicht zuletzt die Denknräler, dre Possart dem für das deutsche KunsUebcn epochemachenden Mäzenattmtum Herzog Georgs von Meiningen und König Ludwigs von Bayern errichtet. Dem schon vor Jahren gesondert veröffentlrchten Kapitel über „Tie Separatvorstellnngen vor König Ludwig II. 1864—1886" merkt man es fast in jeder Zeile an, ivre tief sich der Künstler dem Gönner der Kunst verpflichtet flchlt. Hier wird Possart geradezu zum Apologeten. Ob durckMls mit Rocht, mag man dahingestellt sein lassen. Wenn er die Auffassung von Charlotte Wolter, die bei diesen Vorstellungen den elektrischest Kontakt zwischen Künstler und Publikum vermißte, auf gekränkte Eitelkeit zurücksühren möchte, so dürfte ein Fragezeichen wohl erlarcht sein, und zwar unbeschadet Possarts eigener dluffassung: Denn für ibn sind diese Vorstellungen in ihrem äußerlichen Verlauf das W«il?evollste und Ungetrüb tste geblieben, tvas er als Darsteller während 50 jähriger Bühnentätigkeit miterlebt haben will.
Es ist aber überhnirpt nicht meine Absicht, in ein« Erörterung darüber eftrzutreten, ob Poffarts Urteile über Personen und Zustände überall zu Recht bestehen. Daß er gerecht urteilen will, wird man schon nach dem G-y'agten gerne annehnwn. Daß er, was in seiner Erinnerung lebt, nach Möglichkeit objektiv rührig wiedergibt, dafür bürgt schon das erstcrnnltzche GkdüchETris, für das ci auch in der Bühncnwelt, die doch in dieser Beziehung besondere Ansprüche stellen muß, berühmt fft, und von dem der Leser viele ergötzliche und belehrende Proben finden tvird. Harrptzweck dieser Zeileu ist. zrrr Lektüre des trefflichen Buches anzuregen. Diesem Zweck soll auch der Mdruck einer bcr hübschesten Episoden dienen, den die Redaktion rmseoer „Familienblättett' in den beiden nächsten Nummern zai veranstalten gedenkt. Man tvird an dem geschickten, geradezu spannenden Ausbau erkennen, daß Possart nicht mrr ein liebenswürdiger, sorrdern anch ein guter Erzähler ist. und daß er die Mm st der Darftellang ebenso stcker mft der Feder beherrscht, wie mft Wort und Gebärde
m
— Die deutsche Literatur unter — serbischem Einfluß. Wer der Meinung war, daß die im Dienste der Der- kleinerimg Deutschlands und der Berhrmn»ekrrng der Alliierten sranzösischc Prcssephantasie im Abnehnnm bezsriffen sei, trärd sofort diesen Irrtum erkennen, wenn er von der neuesten toltmx geschichtlichen Entdeckimg französischen Geistes erfährt. Dt man durch die Auszählung angeblicher barbarischer Taten übeisättigt ist, wendet man sich in Frankreich nunmehr mft inn so größerer Einbftdungskraft der deutschen Literatur und Kunst .zu. dre z. T. als nichtig, z. T. als anderen Völkern entlehnt beMickZnet lverdcu.
Die Entdeckung aber, die im ..Äaulois" durch Felicien Pascal zum besten gegeben nnrd. über trifft wohl alles, was die Fraw«sen in dieser Beziehung bisher zu leisten vermochten. Herr Pascal hat ämlich nicht mehr und nicht weniger herausgesunden, als daß die Irößen der deutschen Literatur durchaus nicht etwa selbständig arbeiteten, sondern sich in zalstreicüen Fällen ausländischer Must«: bedienten, und zwar — wie Herr Pascal trruniphiepurd ausruft — <msgerechnet der schbischen Poesie. So behauptet er. daß Klovstvck für nichts aus der Welt so vielJntereffe gehabt habe, wie für die „Jllorffcheu Balladen", ttotzdem er ungebildet gemig Mvesen sei, von der Existenz des Serbenoolkes an sich auch nicht die leffeste ?lhnnng zu haben. Der größte Bewunderer serbischer Dichtung aber sei Goethe gewesen, der sich vielfach durch serbische Verse habe inspirieren lassen. Der Dichter des „Werther" hätte nie seine Werke niederschreiben können, wenn nicht die serbischen Vorbilder ihm hierbei behilflich gewesen wären. Besonders in der letzten Zeit seines Lebens habe Goethe fast ausschließlich ftrr die serbffche Dichtkunst geschwärmt, und in den letzten Jahren vor seinem Tode habe er oster das Bekenntnis nnederholt, daß in fernem ganzen Leben nichts seftr Herz so sehr erguickt und dmiernd ersrstt habe, wie die serbische Poesie. ?luch Herder sei ein Nacheifever der serbischen Dichter gewesen. Seine Ansicht sei dohingegangen. daß die serbischen Volkslieder größeren Wert besäßen als selbst die alten deutsäen Heldengesänge: iuti» Herr Pascal legt sogar Herder die Worte in den Däund: „Unser? sämtlichen deutscherr Dichtiurhen kömrerr sich hniter den ^poetischen Werken der öerlwt verstecken." Unter diesen Umständen müssen wir Herrn Pascal und der Redaktion des „Gaulois" dankbar sein, daß sie uns nicht auch vorwersen. Wagner habe den „Lohengrrn" und die „Meistersinger" nach alten afrikanischen Negerfliedern komponiert.
— Ein Bücherschranksus „Shakespeareeichen." Der amerikanische Eisenbabnkönig Mr. H. E. Hutington bat feipe reichhaltige Mbliothek, in der u. a. als wertrwllstes Stück ein Einzelexemplar der Gutenberg-Bibel sich befindet, durch eintir neuen Erwerb bereichert. Wie nämlich die Pariser Zeitschrift „La Revue" mitteilt, hat Huttugüm van einem Bostvner Mmkrer für 400 000 Mark einen Büchenänank erstanden. deise»l Holz aus ixm jahrhundertealten Eichen genwnnen worden fft, die einst zu Shakespeares Zeft aus dem Viirchplap von Strafford am Arm« >w!'tandeu htibe» Der Säirank ist geschmückt mft Sbcch's^«ares Biiste mrd enthält särntlick»' Bände der „Knighk Pirweial Edition of Sbakesl^re Diese besteht aics 100 Bänden und enkbält mebr als 13 000 '’ßi- bildungen, Kupfer- und Stahlstiche, darmtter,rlle Ivürnnten Bilder Shakespeares, die schönsten IItustraNauen zu seimm Dichtungen, surfte die Schauspieler, die seine Werft verkörpertest, alle in den Kostümen ihrer Zeft. Auch die Bilder der l^edeuteardsten Freunde. Liebhabt'r und Kritiker Shrkespeares sind nt dieser ^lusgabe ut finden.


