Ausgabe 
29.6.1916 Zweites Blatt
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rk.M

Erscheint Syttch mit Ausnahme beS Sann tags.

Die .Metzener KamiltenblAter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das .Hrekblatt für den Ureis Siegen- zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

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K>6. ZahrzMg

General-Anzeiger für G^rhefW

Donnerstag. 29. Juni Wb

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lang e, Gießen.

Schriftleitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schul, straße?. Geschäftsstelle u.Verlag:S^^51, Schrift» leitung: ^^112. Adresse für Drahtnachrichten.' Anzeiger Gießen.

/ Krfegs&defe «ms dM Osten.

Ktassjerem $Km£)$^e*xe «rtftmdten KrregsbrnWeLfteMec

WsKerechkisLer Nachdruck, auch anSUrgsweffe» verboten.)

Die Käurpfe in Wolhynien.

Bei Kieselin, 21. Juni.

Kiieselin.

Glerchzeittg mit dem Sturm aus Höhe 229, die das Städtchen Kieselin deckte, gingen weiter nördlich Kräfte vor und erzwangen die Enge von Woronczyn. Maschinengewehre deckten das Tefrlee, böS ftWeßlich von Norden umsaßt und so geöffnet wurde. Tie Kampfe waren schwer. Im Süden arbeiteten sich die Truppen in austtengenLen, nicht leichten Waldgefechten vorwärts. Am 19. wurde schließlich der Wald von Zahnst durchstoßen und die lang­gestreckte Dorfstraße der Kolonie Zurawiec, genau südlich von Mffeliu, erreicht. Ein sehr heftiger russischer Gegenstoß wurde hier eingesetzt, um der Umklammerung der Hauptstellung von hier aus Luft zu machten. Einzelne Gruppen kamen durch. T-eutsche Reser­ven griffen ein, und von den russischen Angreifern kamen kaum noeHr viele zu dem schützenden Waldrand zurück. Aus den: Wege lstnter Zurawiec sah ich heute aus Ackerseld und Waldrand in klei­nerem Umkreis mehr als 150 russische Tote. Der ganze Weg ist besät von ihnen.

Don .Höhe 229 stießen die heldenmütigen Regiinenter weiter durch das brennende Kieselin durch, und gruben sich hinter Kieselin bei ftuLender Nacht ein. Um 4 Uhr nachts brachten die Russen frchche Truppen heran, unsere Maschinengewehre brachen den An­griff, der in dichten Schwärmen, vier Glieder tief, vorgetrageff umrde. Ein neuer Angriff um 5 Uhr morgens hatte das gleiche

20. Juni nachmittags wurde Chotopieczy bedrohlich für nufere Lacke Flanke, ein russischer Angriff um 10 Uhr vormittags hatte das gezeigt, im Bajonettangriff genommen, im Zentrum Mrrde tüe Brücke bei Zabora erreicht, nördlicher wurde am Abend der Sisdterl von Studyny gestürmt und in dem anschließenden Nmhtgesecht auch der Nvrdteil den Ruffen entrissen. Gegenstöße aus der Richtung Janow, die mit schweren Verlusten für dft Russen zurückgewreftn wurden, zermürbten dieeiserne" russische Schützendivision und die anschließenden Truppen schließlich in Verbindung..mit den moralischen Einbußen des Rückzuges, sobald die Deutschen eingriffcn, so, daß eine neue russische Division in den Kampfraum geworfen werden mußte.

Während bisher die russischen Stellungen ohne Hindernis feldmäßig ausgebaut waren, wurden vor der nächsten russischen (Stellung bei den Höhen von Znbilno, vor der wir stehen, sofort Drahthindernisfc angelegt. Der Uebergang in die Verteidigung, der schon längst in diesen: Kampftanm vollzogen wurde, ist damit auch äußerlich von den Russen sestgelegt.

BonlHohe 232 senkt sich der Weg nach Twerdtzn. Tie schwarzen Sparren und Schuttreste flackern noch und glimmen. Ein paar GmooHner gehen wie» benommen umher. Eure Frau hockt auf ,der Brandstätte, die nur durch die künrmerlichen Ziegelreste des und ein paar Tongefäße, die das Feuer noch einmal ge­brannt hch, bezeichnet ist. Kolonnen, die vorwärts tvollen, Metde- reiter, ein Trupp Infanterie, der sich irgendwohin vorschiebt. Der Fimmel hängt grau über dem Land, das schon einmal gehofft chatte, dem Kriege entronnen zu sein.

Au dem alten Dorfkirchhos vorder geht der Weg zu dem Vor­werk Leonowka. Sie begraben Kameraden, die gestern den Sieg bezahlten. Unter hohen wolhpnischen Holzkrenzen, an denen die 'sichen Marterwerkzeuge Christi hängen, werden die niedrigen weitzen Kreuze stehen mit Reginrentsnamen. Tie V^rrste der SlLurrer sind nicht leicht. Beim Sturm auf 229 wurde auch der Bataillonskommandeur Major v. d. Heyde verwundet, als er sein Bataillon den Höl'ftnhügel hinauf mit fortriß. Bei Pperir hatte >es ichn schon einmal gefaßt, schwere Pocken Waffen ihn dann nieder, Icamt gesund, übernahm er das Bataillon. Tie kahle Höhe mit den tiefen Gräben in dem kreidigen Boden, 229, sollte Heyde-Höhe heißen.

Aus Vorwerk Leonowka liegt eine Kompagnie und gräbt sich ein. Ern junger Leutnant zeigt in die blauen Waldhöhen westwärts: Das sollen wir mittags nehmen!"

Die flachen Schürfen der Minenrverfer-Granaten zeigen sich im> Boden. Es< muß hier auch kaum Luft zum Atmen gewesen sein am 19. Juni.

Das kleine Vorwerk? Wie viele andere auch in Wolhynien. Mn paar Baumle, Holzhäuser, das größere Wohnhaus verbrannt,

ui den Schuppend« ck-ern große Granatlöcher. Jminer der graue Himmel darüber, der wie ein Trauertuch das Schlachtfeld bedeckt.

Der Weg hinaus nach 229 könnte den grauen Mantel dichter, näher aus sich ziehen. Ein Weg der Toten. Bon den zwei russi­schen Kompagnien, die gestern vor stießen, ist kaum ein Mann über den Hügelrand zurückgekommen. Wo ein paar Bäume in der Mitte des breiten^ russischen Fahrweges. stehen, haben die Sterbenden Schatten gffucht. Sie liegen dicht beieinander. Manche haben ihre Leiden beim Sterben vergessen und'liegen wie schlafend. Andere haben sterbend dem letzten Grauen des .Krieges ins 6/esicht gesehen und tragen den Abscheu noch auf den toten «Gesichtern.

Die russische Hauptstellung ist unerhört stark. Sie beherrscht das Gelände bis 232 rückwärts, jeden Mann aus Leonowka kann man erkennen. Sie können ihn groß, zu den vielen anderen großen Tagen in ihr .Heldenbuch schreiben, jene kampferprobten Regimen­ter, die diese Stellung nahmen.

Die Granätttichter sitzen dicht, das Hindernis fehlte, die Bajo­nette stechen so scharf aufblrckend in die Sonne. Die Russen hatten den letzten Sturm nicht abgewartet in ihrer Kreideburg. Jetzt sitzen deutsche Artillericbeobachter in den tiefgffchnittenen Gängen. Tie Kirche von Kieftlin ragt über das Grün von Parkbäumen aus dem Tale empor. * i

Kleine Flammen, die tanzen, langsam sterben, wieder schwarze Balken, das ist das Städtchen Kieselin. Die österreichische Ver­waltung hat saubere Bretterwege im Winter legen lassen, das sieht man noch.

Sonst? Die .Kirchen stehen noch, auch das Pfarrhaus, ein altes, mächtiges Klostergebäude: aber die Russen haben gestern eine 18-Zentimeter-Granate in das Pfarrhaus gesetzt. Eine Kuh ist von den Sprengstücken schlachtreif geworden. Ein paar Frauen, ein alter Mann, sind dabei, sie zu zerlegen. Ein kleines totes Panjepferd liegt an der Eingangstür zmnj Kloster.

Das Herrenhaus, Schloß des Grasen Olizar, steht noch. In den Jnnenräumen hat sich der Krieg breit gemacht. Die Wohnzimmer: alte Briefe, eine Knabenrüstung, Mpdejournale, ein Bild, zerbro­chene Möbel, llirrcndes Glas, Postkarten mit den Grüßen aus den eleganten Badeorten einer eleganten Wett. Bücher, eine Meißener Tasse. An den Parkbäumen stehen die Pferde.

Gffteru sollte hier ein Panjepferd gekauft werden," erzählt der Oberarzt.Der Jude handelte gerade mit dem Unteroffizier. Man wurde nicht einig. Da hauen über dem Park ein paar russi­sche Schrapnells, das Pferd wird an der Hinterhand verwundet. Sic haben gekauft!", sagt der Jude sofort.Sie nnrrden auch da nicht einig." Wir lachen. Lachen doch nicht recht.Es geht also vorwärts?" sagt der müde und abgespannte Oberarzt beim Abschied.Es geht vorwärts, aber nicht leicht."'Wenn'? man vorwärts geht."

An der Keinen zweiten Kirche am> Gutspark schaufeln sie Grä­ber. (5$ beginnt zu regnen. Die Keinen Flammen in Kieselin zischen aus, verlöschen.

Die Pferde ttaben zum Walde von Zapust.

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Rrastfuttermittel aus Mchenabfällen.

Berlin, 26. 'Juni. (WTB.) Tagtäglich gef>err\in Deutschland mehrere Millionen Kilogramm Speisereste und Küchenab fälle rm Müll unverwertet zugrunde. In Ariedens­zeiten mochte das hingehen, obwohl auch damals der Volks­haushalt erhebliche Einbußen erlitt. Jetzt im Kriege wäre es unverantwortlich, wenn die großen Mengen an Eiweiß, Fett, vhosplwrsaurem Kalk und anderen Nährstoffen, die in den Abfällen enthalten sind, dauernd ungenutzt blieben.

Eine Verordnung des Buudesrats vom 26. Iunr besttmmt deshalb, daß in den Gemeinden von mehr als 40000 Einwohnern durch Anordnung der Landeszentralbehörde mit Zustimmung des Reichskanzler? die HarMattungsvorstände und die Inhaber und Leiter von gewerblichen oder gemeinnützigen Be­trieben verpflichtet w-erden können, alle Speisereste und K ü che n a ä l l e, soweit sic nicht zur menschlichen Ernährung dienen oder im eigenen Haushalt oder Betriebe veffüttert werden, v o kn übrigen Müll getrennt zu sa m m e l n. Bei ander­weitiger wirtschaftlicher Verwertung zur Bersütterung sind Aus­nahmen von der Sammelpslicht zugelassen, Haus- und Grundeigen­tümer haben für Sammelgebegenhetten (Eimer mit Handgriffen'! zu sorgen, die Gemeinde hat die gesammelten Abfälle dreimal wöchentlich abzuholcn und an die Reichs gesell schuft für deutsches Milchkraftsutter, G. m. b. H. in Berlin abzuliesern. Die letztere

ist zur Abnahme und zur Zahlung eines angemffsenen Uebernahme- prerses an die Genreinden verpflichtet. Von dem hergfftellten Milch- t'raftfutter muß sie jeder Gemeinde, die eine ordnungsmäßige Rege­lung des Milchoerkehrs durchgeführt'hat. eine bestimmte Menge, die der Reichskanzler sestfttzt und die sich nach der Lieferung der betreffenden Gemeinde an Msällen richtet, zu einem Vorzugs­preis zur Verfügung stellen. Die Reichsgffellschaft steht unter der Aussicht des Reichskanzlers, der über Verteilung und Preffe des Milchtrastsutters Bfftimmungen treffen, auch die Ablieferung anderer als der vorher bezeichneten Abfälle in den Gemeinden, die der Verordnung unterliegen, anvrdnen kann. Auf Anttag des Gemeindevorstandes und der Reichsgesellschaft können die Landes- zentralbehörden auch für Gemeinden von weniger als 40000 Ein­wohnern die Scrmmel- nnd AblifferrmgsPflicht einsühren.

In den Gemeinden mit mehr als 40 000 Einwohnern wohnen etwa 17 Millionen Menschen. Bei täglich 30 Gramm Tisch- und Küchenabfällen aus den Kovf der Bevölkerung ergibt sich!, das Jahr zu 300 Arbeitstagen gerechnet, eine Gesamtabsallmenge von über 300 Millionen Kilogramm. Bei Verarbeitung zu dem in srebm- monatigen Fütterungsversuchen von der Deutschen Landwirtschafts- gesellschast erprobten Milchkraftsutter Me l'ko g en können aus diesen 300 Millionen Kilogramm rund 75 Millionen Kilo­gramm Futter gewonnen werden, die nach den heutigen Preffen einen Wert von über 25 Millionen Mark vorstellen.

Von ungleich größerem Vorteil als der Geldwert ist, daß mit dem so gewonnenen Kraftfutter ein beträchtlicher Teil des Milchbedarfs der Städte gedeckt werden kann. Bei je 60 G ramm Absallergebnrs liefern ie 100 von den in Bett acht kommenden 17 Millionen Menschen das .Kraftfutter für täglich 8 Liter Milch. Zur Erzielung dieses erheblichen Nutzens bedarf es nur ganz geringfügiger Bemühungen in Haus und Familie. Für die Gemeinden entstehen nicht nur keinerlei Lasten, vielmehr verbleibt ihnen, bei zweckmäßiger Einrichtung der Abfuhr vor- au?sichtlich noch ein Uebersckmß über die Abfuhrkosten. Bor allem aber können sie sich eine bestimmte Menge Milch zu bestimm­ten Preisen sichern, da ihnen, wenn sie eine ordnungs­mäßige Regelung des Milchverkehrs durchgeführt haben, auf ihr Verlangen annähernd die Menge Melkogen gffiefett werden muß, die giäs ihren Rohstofflrfferungen erzeugt wird.

Auch nach Friedensschluß wttd man, zwecks Verminde­rung der ausländischen Futtermitteleinfuhr und behufs'Für­sorge für künftige Notstände, die Abfallstoffe weiter ver­werten müssen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 29. Juni 1916.

Richtlinien für die Erhaltung der diesjährigen Obsternte.

Tie in diesem Jahre der Bevölkerung zur BersÄAung stehenden geringen Zuckermengen zwingen unbedingt dazu, die Obsternte in weitestgehendem Umfange ohne Zucker zu erhalten, da im Interesse der Volksernährung ein Verlust an Obst aller Att soweit als nur eben möglich permieden werden muß.

Ta Zncker eingemachtes Obst -einerseits nicht nur süßt, sondern auch haltbar macht, und da andeffetts' zuckerarmes, eingemachtes, aber nicht sterilisiertes Obst leicht verdirbt (gärt, essigstrchig wird usw.ß ist in den Fällen, wo Zucker angewendet wird, nicht etwa an Zucker zu sparen, sondern nach b a vD fr teu bisherigen Vvr- schffften zu verfahren.

Aepfel vnd Birnen werden, soweit sie im natürKchen Zustande längere Zeit haltbar sind, zweckmäßig in dieser Form in geeigneten Räumen aufbewahrt und erst allmählich unmittel­bar oder verarbeitet verzehrt.

Im übrigen entpffehlt es sich, Aepfel, Birnen und Pffaumen in möglichst großem Umfange.zu trocknen (in Backöfen, Brat­ösen ustv.), da getrocknetes Obst im Lause des Jahres nach ver­schiedenen Richtungen hin Verwendung sinden kann.

Unreife Stachelbeeren, reise >äber nicht überreife), saure Kir­schen (mit einem Tuch sauber ab gewischt' und Rhabarberstengel «in kleine Stückchen zeffchnrtten) lassen sich in gut veffchlossenew Flaschen ohne zuvorige Erhitzung längere Zeit in sehr kühlen Räumen ausbeivahren (die fest eingefüllten Rhabarberftück- chen und unreifen Stachelbeeren können auch zunächst mit «ge­kochtem und dann erkaltetem Wasser über gossen werden).

In den sonstigen Fällen kommt Erhitzung und. soweit Steri­lisierung nicht durchführbar ist, Anwendung eines chemischen Kon­servierungsmittels in Bettacht, um eine gltbare Dauerware zu bekommen.

zranksurter Brief.

Von den Theat-ern. Tie Universität. Ern neues Denkmal.

Neue Bauten. Fünfzig Jahre preußisch.

Me anderwärts haben auch in Frankfurt die Bühnen in der Kriegszeit der Schwierigkeiten viele und nicht geringe zu über­winden, um ihren Aufgaben Nachkommen zu können. Allein so unerwartet und gehäuft auch bisweilen Hindernisse rm Weg er­schienen, es gelang imnrer wieder, zur rechten Zeit der Lage Herr zu werden, so daß der Vorhang jeweilen zur angesetzten Stunde die Szene freigeben konnte. Tie Frankfurter Bühnen haben man darf ihnen dies _ Lob nicht versagen rechtschaffen sich bemüht, vielseitig zu sein und doch zugleich Gutes und Wertvolles zu bieten. Es wurden nicht alle Hoffnungen, die ihre An- ttrndigungen im vergangenen Herbst erweckten, verwirklicht, bis­weilen war das Wollen stärker als Können und Vollbffngen allein, im ganzen gab es in allen drei Häusern, in den beident der Stadt und in dem der Herren» Hellmer und Reimann, eine! beträchtliche Zahl von Vorstellungen, die sich sehen lassen konnten. Mit der neuen Spielzeit rm Herbst erwarten die Frankfurter den von Dresden kommenden neuen Generalintendanten der beiden städtischen Bühnen, Geheimrat Tr. Zeiß, der zunächst einen Winter über bei der Auswahl von neuen Kräften und Stücken mittvirken wird, um dann rm Winter 1917 die Tätigkeit seines Amtes in vollem Umfange aufzunehmen. In allen Kreisen des Publikums hofft man zuversichtlich, daß die Berufung des neuen Mannes im Z.ffammenhang mit der Durchführung der beschlossenen Aende- rungen der Verhältnisse in vrganisatoffscher Hinsicht einen günstigen Einftuß ausüben wird.

Trotz des Krieges hat die Frankfurter Universität den Lehrbetffeb zum vorgesehenen Zeitpunkt, im Oktober 1914, aus­genommen. Em sichtbares Zeichen für die Kraft und Stärke des Reiches, ein Denkmal opferwilligen Bürgersinnes! Es ist nicht verwunderlich, daß das Vorhandensein der jungen alma mater sich noch nicht sehr stark im Leben der Stadt bemerkbar machte. Aucb an anderen Hochschulen sind, wie in der unserrgen, die Höffäle nur schwach besucht. Tie Scharen der Studenten, wie viele Dozenten stehen im Felde. Allein, es darf gesagt foerden, daß für die Verhältnisse der Gegenwart die Universität in der kurzen Zeit ihres Daseins eine verheißungsvolle Entwicklung zu verzeichnen hat. Schon ist mau daran, Erweiterungen zu treffen. Tie vor denr Krieg begonnenen Neubauten sind sortgeführt und zumeist schon bezHzen worden. Vor kurzem wurde bekannt, daß ein neuer Letzr- stühl gffchaffen werden soll. Herr Tr. Wilhelm Merton hat die nötigen Mittel für die Errichtung einer Profffsur der Pädagogik

gestiftet. Wie verlautet, wird der bekannte Frankfurter Stadttat, Pros. Tr. Z i e h e n, der bisher dem Magistrat als besoldetes Mitglied angehörte, auf den neuen Lehrstuhl berufen werden.

Wie rm wissenschaftlichen Leben Wt der Kffeg auch auf den Kreis der Erscheinungen der bildenden Künste seinen Einstuß aus. Mehr als einer der Maler, mehr als einer der Bildhauer, die sonst in Frankfurt wirken, steht unter den Fahnen. Nicht selten aber begegnet man in den Kunstsäleu der Stadt Arbeiten heimischer Künstler, die von der Front oder aus der Etappe stammen.. Än schönes Denkmal hat die Stadt vor kurzem in einem «von privater Seite gestifteten) Brunnen, dem Merkurbruiuren, erhalten. Der Schöpfer des Werkes, das sich durch eine scharfbetontc Schlichtheit und Geschlossenheit auszeichnet die krönende Gestalt ist voll lebendiger Bewegnng ist Hugo Lederer, der sich durch diffes meisterliche Stück den Tank aller Kunstfteunde gesichert hat.

Die Bedeutung der Handels- und ausblühenden Industrie­stadt Frankfurt a. M. ward kürzlich, als die bulgarischen Sobranje- Abgeordneten in unseren Mauern w'eilten, von den Gästen in beredten Worten gefeiert. Dabei wurde auch auf die Zukunft der Donau als einen der Hauptverkehrswege zwischen West und Ost hingewieseu. Die mit vermehrtem Nachdruck aufgenommene Werbetätigkeit für eine Verbindung der Donau mit dem Main und Rhein findet bei uns nachhaltige Beachtung und hat neue, schöne Erwartungen wachgerusen, die sich! hauptsächlich auf unseren muster­gültigen Ost Hafen beziehen, der, wie die llnroersität, eine Schöpfung von Franz Adickes, dem verstorbenen^ Oberbürgermeister, ist. Freilich hat nun auch, diegute alte Mainbrücke" der neuen Zeit in der Marnschisfahrt weichen müssen. Ter Uebergang, der an Stelle des nun ganz abgebrochenen Bauwerkes tteten wird, ist zwar so entworfen, daß er sich im großen ganzen in das Mld ernfügen wird, das die Stadt hier am Strom bietet. Aber der Verlust deralten Brücke" wird von den echten Frankfurtern nicht leicht verschmerzt werden. Die Daustellie der neuen Brücke ist ein reichbewegtes Feld der Arbeit. Allzuviel sieht man noch nicht. Immerhin ist zu verkennen, daß die breiten und wuchttgen Pseiler- bauten langsam answachsen. Die Erjveiterung des Hauptbahn- h o f e s durch zwei neue große Ein- und Äusfahrthallen schreitet rüstig vorwärts. Auch sollst ist die Bautätigkeit, die beim Kriegs­ausbruch zunächst ins Stocken geriet, sehr rege. Eine Reihe archi­tektonischer schöner Geschäftshäuser ist in letzter Zeit entstanden.

In Kurzem ist ein halbes Jahrhundert versttichen, seit Frank­furt zu Preußen gehört. Es sind vielleicht nicht lauter freundliche Erinnerungen, die sich an diffeu Aledenttag Znüpsen. Man weiß, daß derUebergang von 1866" für unsere Stadt nicht ohne jede Hemmung sich vollzog, Allein, niemand fällt es heute ein, au Ver­

gangenes seinen Sürn zu hängen. Die Franffurter gehören der Gegenwart, und sie sind stolz darmrf, Bürger einer starken, schönen deutschen Stadt zu sein, deren Entwicklung sie freundlich fördern und der sie mit Hingabe alle Kräfte widmen.i

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Ein BerlinerKartoffelkrieg" vor 70 Jah­ren. Im Zeichen der Kartoffelknapphert, in der wir jetzt leben, ser eines Veinen ErerMisses aus dem Jahre 1847 gedacht, das eines heiteren Beigeschmackes nicht entbehrt. Die behaglich dahrnlebenden Berliner Philister nannten den Vorfall stolz und bescheiden zugleich ihrenKartoffelkrieg^O und als ein Jahr später die Februarrepo- lutrou in Paris ausbrach, da meinten sie selbstzufrieden, es den Franzosen schon zuvorgetan zu haben, und waren nicht wenig stolz ausihre Revolution". Das kam aber so: Im Jahre 1847 waren infolge einer schlechten Ernte die Kartoffeln außerordentlich knapp. In der Haupt- und Residenzstadt Berlin war die Teuerung durch wucherische Spekulationen besonders fühlbar. Die Berliner ärgerten sich, daß sie in dieser Wersebevorzugt" sein sollten, und als einige Hausfrauen einen Händler, der sie auf dem Markt am Oranienburger Tor verhöhnte, für seinen Fürwitz verprügelt batten, ohne daß sie dafür besttaft worden wären, wuchs ihnen der Mut. Aus der Rosenthaler Voffdadt fanden sich zu den verärgerten Haus­frauen viele Elemente, denen diese Praxis außerordentlichen Spaß machte. Pfeifend, johlend und schreiend durchzogen Gasseniungen, Lehrburschen und allerlei lichtscheues Gesindel die Stadt, um in Läden und aus den Märkten nachdem Rechlren" zu sehen Da war nun fteilrch der Bock zum Gärtner gemachjt, und ein Geschäft, das in solcher Weiserevidiert" worden war, konnte mit Fug und Recht ein Schild:Alle Waren ausverkauft" ins Schauseuster

hangen, falls dieses noch einen Zettel aufnehmen konnte. Auch Bäcker und Schlächter such.te man in dieser Weift heim. Wog bei ersterem eineFünf-Groschen-Schrippe" mehr als 3 Psirnd, so wurde^dem Mann ein Hoch gebracht, und er nrurde im Triumph eine Strecke aus den Schultern zweier kräftiger Burschen über die Gasse getragen, so daß es manchem angst und bonge wurde, denn man konnte wirklich nicht gut entscheiden, was schlimnrer war, eineStrafe" oder diffeEhre". Beides war jedenfalls außer­ordentlich unbeguem. Aber das sahen die SichttheitsbeHörden erst am vierten Tage ein. Da gingen sie aber auch so träftig gegen die Schreihälft vor, daß in einem Tage die Rul-e wieder hergestellt war, ohne daß ein Tropfen Blut Härte vergossen werden müssen. Nun konnten die Spießbürger wieder gemächlich hinter ihren Weiß­biergläsern sitzen und sich über den willkomEnen Gefprächsstvis in aller Ruhe verbreften«