Ar. H 5 Zwettes Blatt
Erscheint tätlich mit Ausnahme des Sonntags.
Die ..vieHener Zamittendlätter" werden dem «Anzeiger" viermal wöchentlich deigelegt. das „Kreisblatt für den Kreis Gießen'' zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
166 . Jahrgang
General-Anzeiger für Gberbesjen
Freitag, 23. Juni W6
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lang e, Gießen.
Schrrstleitung,GeschäftsstellemDruckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle u.Berlag:e-^51,Schrift« leitung: ^^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
y. ordentliche evangelische Landessynode.
RB. Darmstadt, 22. Juni.
Die heutige Verhcmdlllug tvurde mit einen i Gebet von Professor Eck-Gießen eröffnet. ?Luf der Tagesordnung stand Zunächst die Vorlage d-esl Großh. Oberkonsisto-riuims. betr. Ä.bÄnderung der Trenstpragma tik fü r die Geistlichem Kur Beratung. Diese lautet: .
§ 1. Der § 5 des Kirchengesetzes vom 11. Juli 1879, Die Dienstpragmattk für die Geistlichen der evangelischen Kirche des GvoWerzogtums betreffend, in der Fassung des Kirchengesetzes vom 4. November 1903 erhält im Eingang und unter Ziffer 1 folgende Fassung: I ^ f .
§ 5. Insoweit deutsche Theologen den vorstehenden Anforderungen nicht genügst haben, gelten als Voraussetzung für die dem Oberkonffstorrum freistehende Aufnahme in den Dienst der evangelischen Landeskirche folgende Bestimmungen:
1. Die von einem Theologen, sei er JoejTe oder nicht, vor erner staatlich angeordneten Prüfungsbehörde innerhalb des deutschen Reichs abgelegte erste theologische Prüffmg kann durch das Oberkonsistorium der Fakultätsprüfung vor der theologischen Fakultät der Laudesuniversität zu Gießen gleichgeachtet werden, wenn und insoweit jene Prüfung nach den für den betreffenden Staat geltenden Bestimmungen als Borbüüngnng für den Eintritt in den Dienst der evange^ Irschen Kirche angesehen wird.
§ 2. Das Oberkdnsistorium wird ermächtigt, den Text des Gesetzes vom 11. Juli 1879, wie er sich aus den Aenderungen ergibt, die in den: gegenwärtigen Gesetz sowie in den Gesetzen vom 4. November 1903 latb vom 12. August 1908. betreffend Abänderung der Dienstpragmattk usw. getrosfeii sind, imter ent- - sprühender Numnrerfolge der Paragraphen und mit der Maßgabe durch das Verordnungsblatt bekannt zu machen, daß auch die in den Gesetzen enthaltenen Verweisungen sachgemäß ab geändert werden. . ' _ v _ . .
In .der Be g-rftrn du n g hierzu wird ausgeftihrt, es fet zweifelhaft, ob die Bestimmung 'von den Gesetzgebern von vornherein mit der Schärfe aufgefaßt wurde, mit der sie jetzt geyandhabt wird. Wenigstens lägen von früher mehrere Ausnahmsfälle vor.
Schon in 'den Motiven zu § 3 und 4 der Dienstpragmatik ist bemerkt, daß die gegenseitige Anerkennung der F-akultäts- und Schlußprüfungen, itrtc solche für die Reifeprüfungen schon damals erreicht war, ein zu erstrebendes Ziel sei. Sei auch inzwischen eine allgemeine Vereinbarung unter den deutschen Kirchenregierungen mit der Wirkung, daß das Bestehen der ersten Prüfung vor der Prüfungsbehöiche eines Gebiets die Anwartschaft zur Aufnahme in dem anderen Gebiet gewähre, nicht erßllgt, so sei doch die An erkennung der anderwärts bestandenen Prüfung in der Praxis, soweit bekannt, tatsächlich erfolgt. Insbesondere habe eine Umfrage bei anderenKirchenregierungen in neuester Zeit ergeben, daß in einer ganzen Anzahl von Mrchcngebieten auch für solche Landes- krnder die Möglichkeit Min Eintritt in den heimatlichen Kirchen- dienst vorhanden sei, die ihre erste theologische Prüfung nicht vor der heimatlichen Behörde bestanden haben. Und zwar bestehe diese Möglichkeit zum! Teil uneingeschränkt, zum Teil auf dem Wege des Dispenses. Das für Hessen gesetzlich bestehende Gebundenseiu an das IFaLiltätsexamen in Gießen sei also ein Zustand, von dem uns nicht bekannt sei, ob er in ähnlicher Schärfe für ein anderes deutsches Kirchengebiet bestehe. Es liege nahe, gerade unter den Eindrücken der Gegenwart, die die innere Verbindung Deutschlands auf fast allen Gebieten wesentlich verstärkt habe, die Möglichkeit zum Eintritt in unseren Kirchendienst auch für nicht in Gießen geprüfte hessische Theologen zu schaffen, dies Km' so mehr, als durch den Krieg die Zahl der künftigen Anwärter zum Pfarramt stark gemindert worden und deshälb für die Zukunft ein Mangel an solchen mit Sicherheit zu erwarten sei. Führten schon diese Verhältnisse zur Erwägung, ob nicht eine Abänderung der Dienstpra-gntattk zu veranlassen sei, so träten die in den Verhältnissen unserer Landeskirche liegenden Gründe hinzu. Es sei Tatsache, daß die Besetzung der theologischen Fakultät zu Gießen mit Professoren, die nur der „modernen" Richtung angehören, in den Kreisen der anders gerichteten Glieder der Landeskirche schon seit Jahren starke Beunruhigung hervorgerufen und daß besonders die neueste, hinter der Resolution der Landessvnode von 1908 liegende Besetzung, solche verursacht habe. Es sei ferner Tatsache, daß eine Anzahl junger hessischer Theologen in den letzten Jahren sich der Prüfung in Gießen nicht unterzogen hätten und so dem hessischen Kirchendienst verloren gegangen seien. Wie schon erwähnt, sei ein solcher Verlust für die Zukunft besonders fühlbar, zumal, wenn es sich um Theologen handele, die aus hessischen Pfarrhäusern stammten und wertvolle Traditionen in das Amt mitgebracht hätten. ?(uch sei zu erwägen, daß die Landeskirche Bedarf nach Geistlichen beider Richtungen habe. Gingen aus Gießen, wie feststeht, auch Geistliche „positiver" Richtung hervor. so sei dock) ebenfalls als feststehend zu erachten, daß die meisten der aus der Gießener 'Schule stammenden Geistlichen
„moderner" Richtung seien. Die Möglichkeit, die Bedürfnisse der Gemeinden nach_ Geistlichen „positiver" Richtung zu befriedigen, werde hierdurch immer geringer werden. Auch zur Befriedigung die;er. Bedürfnisse biete die Äenderung der Dienstpragmattk die Möglichkeit. Aus diesen Gründen erscheine es angezeigt, den für hessische Theologen bestehenden Zwang, in Gießen die Fakultäts- Prüfung abzulegen, zu beseitigen.. Indes erscheine es richtig, diese Beseitigung nicht in der Weise eintreten zu lassen, daß für die in Gießen nicht geprüften Theologen hessischer Abstammung die gleiche Anwartschaft zum Eintritt in den hessischen .Kirchendienst erworben werde wie für die in Gießen, geprüften; vielmehr erscheine es den Verhältnissen entsprechend, für das Oberkonsistorium nur die Möglichkeit zur Ausnahme zn schaffen, wie dies aus § 5 des Entwurfes näher hervor geht.
Synodal B a ch f e l d-Osfenbach verliest einen Antrag dahingehend, die Synode wolle im Interesse des Burgfriedens das Oberkonsistorium um Zurückziehung der Vorlage ersuchen.
Justizrat Wahl-Schlitz tritt nachdrücklich für die Vorlage ein... Er weist auf die Ungerechtigkeit des Examenszwanges für. die Hessischen Theologen hin und gibt der Hoffnung Ansdruck, daß durch Annahme der Vorlage der schon seit Jahren währende Streit aus der Welt geschafft werde. Die Ablehnung der Vorlage würde eine Vergewaltigung der Minderheit bedeuten. Eine Vertagung der Vorlage würde er und seine Gruppe als Ablehnung betrachten, die dem Frieden nicht dienen würde. Er halte eine sachliche Be- sprechuug auch heute für möglich. ,
Syn. Wagner unterstützt diese Auffassung.
O ber konsistorialpräfftent Nebel bittet das Ersuchen upi Zurückziehung nicht an das Konsistorium zu richten, da es nach wie vor eine sachliche Debatte für möglich und die Annahme unter der jetzt im Großen geschaffenen Lage für noffvendig erachte.
Synodal Dornseiff spricht für die Vertagung, er halte eine rrchige Besprechung nicht für möglich.
Bei der namentlichen Abstimmung ergeben sich! 31 Stimmen für und 21 Stimmen gegen die Zurüctz iehnng der Vorlage.
Oberkonsiftorialpräsident Nebel teilt mit, daß das Oberkonsistorium nicht in der Lage sei, dem Gesuch um Zurückziehung der Vorlage zu entsprechen.
Hierauf stellt Synodal Bach selb den Antrag, das Konsisto- riummnöge beschließen, den Punkt von der Tagesordnung abzusetzen.
Synodal Wahl betont nochmals, daß der Antrag eine Verge- waltigrmg der Minderheit sei.
Ter Antrag Bach selb wird mit 32 gegen 21 Stimmen angenommen.
Das Oberkonsistorium zieht sich zur Beschlußfassung über diesen Antrag zurück; -es tritt eine Pause ein.
Nach Wiederaufnahme der Beratungen erklärt Oberkonftstorial- präsident D. Nebel, daß das Oberkonsistorium auch diesem Antrag keine Folge geben könne. Das Oberkonsistorium wünsche eine sachliche Aussprache über diese Vorlage, aus der Nichtbehandlung der Vorlage könne eine große Beunruhigung entstehen, well der Schluß möglich sei, daß das Gesetz überhaupt verhindert werden solle.
Syn. Bach seid beantragt hierauf Vertagung der Aussprache auf Morgen, um den einzelnen Gruppen nochmals! die Möglichkeit zur Besprechung der Lage zu geben.
Dem Antrag wird allseitig stattgegÄEn.
Es beginnt daraus die zweite Lesung des' Voranschlags für 1916, der ohne wesentliche Aussprache in den einzelnen Punkten und danach auch iml ganzen angenommen wird. Damit ist die Tagesordnung für heute erledigt.
Nächste Sitzung: Freitag früh 91/4 Uhr.
Kriegsbriefe aus dem Osten.
Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatters, (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Neue deutsche Erfolge in Wolhynien.
Bei Kieselin, 20. Juni.
Die gestern in schwerem Kampfe errungenen Erfolge wurden heute behauptet und weiter ansgebant. Zwei nächtliche Angriffe der Russen in Bataillonsbreite und dicken Kolonnen von frisch herangebrachten Truppen brachen im Feuer unserer Maschinengewehve unter sehr schweren blutigen Verlusten der Angreifeuden zusammen. Nach Artillerievorbereitung wurde der Wald bei Höhe 207 und starke; russische Nachhutstellungen genommen, die Brücke von Za- bora erreich:. Am Nachmittag wurde auf dem südlichen Flügel Dorf Eholopiczy, aus dem die Russen Flankenstöße versucht hatten, gestürmt und schließlich in den Abendstunden noch der Nordteit von Studyny und- nachts der Südteil im Bajonettangriff genommen. Alle Gegenstöße, die die Russen aus der Richtung Janow versuchten, wurden zurückgewiesen,
die Gefangenenzahl erhöhte sich auf 850. Die r uss is che r Verluste sind s0 schwer, daß sie eine neue Divisioi her anführen mußten.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Aus China.
Petersburg, 22. Juni. (WTB. Nichtamtlich.) Die Petersburger Telegraphenagentur meldet aus Tokio: In Mukden fanden Konferenzen japanis cher und chin-esis cher Kapitalisten statt wegen der Gründung einer japanis ch - ch i n e s i - scheu Bank, die das Recht der Emission eigener Banknoten haben soll.
Die Petersburger Telegraphenagentur weidet aus' Peking, daß die Provinzen K u a n g t n n g, H 0 n a n und S z e - t s ch u a n beschlossen haben, die Pekinger Regierung nicht wehr an zu er kennen. Unter den Ausländern und Chinesen c? - m ? Chinas herrscht wegen der dortigen Lage Beunruhigung. Uns Wunsch der Bevölkerung Tientsins wurde ein japanisches Bataillon aus Kwantung dorthin zur Verstärkung der Schutzkolonne Nordcymas entsandt. _
w \»* wi uwn ce n >
u r g , 23. Juni. Wie ans dem jetzt erschienenen Verzeichnis der Studierenden der Philipps-Universität zu ersehen ist, stellt sich die Zahl der immatrikulierten Studierenden in diesem ^ommersemester einschließlich der im Felde beftndlichen ans 2164, darunter 352 Frauen. Dazu kommen noch 14 Männer und 7 grauen, die pon Hören der Vorlesungen zugelassen sind. Es W« 237 (darunter 2 Frauen) Theologie, 285 (2) Jura, 080 (69) Medizin und 884 (279) Philosophie. Der Heimat nach smd 1712 (291) aus Preußen, darunter 577 (60) aus Hessen- ycaffeLu, 425 (58) aus den übrigen Reichsländern und 27 (5) aus dem Auslande. Im Wintersemester betrug die Gesamtzahl der Studierenden ern,chließlich Hörern 1945. Tie ersten Seiten des Berichts, die mit einem Trauerrand versehen sind, enthalten die Namen von Studierenden, die den Heldentod erlitten haben. Im 1915 betrug die Gesamtzahl der Immatrikulierten 1969 und im letzten Winter 1916.
Witterungsbericht.
(Oeffentlicher Wetterdienst.)
^ Gießen, den 20. Juni 1916.
Bereits am Anfang die,er Berichtswoche — 14. bis 20. Juni — lagerte im Westen ein ausgedehntes Hochdruckgebiet, so daß wir mit allmählicher Besserung des Wetters rechnen durften. Zwar beeinflußten uns in den ersten Tagen der Woche noch Teiltiefe, die sich von der nördlichen Depression losgelöst hatten, nach Deut, chland vorgerückt waren und verbreitete Regenfälle hervorriefen. Bon da an blieben wir zunächst noch auf der Grenze zwischen dem von Westen nach Osten vorrückenden Hochdruckgebiet und dem iiach Osten abgezogenen Tiefdruckgebiet, so daß die wechselnde Bewölkung zwar noch bestehen blieb, in Westdeutschland jedoch Regenfälle nicht mehr medergingen. Bereits am Samstag und Sonntag hatte jid) das westliche Hochdruckgebiet stark nach Osten verlagert und erstreckte sich von der Nordsee in einem schmalen Streifen auer über Deutschland nach dem Schwarzen Meer, während im Süden über me Alpen bis nach Süddentschland hinein und im Nordoften bi^ nach Nordostdeutschland hinein tiefer Druck lagerte. Unser Bezirk war daher iw Bereich des hohen Druckes von Regenfallen weiterhin verschob, während in Süddentschland und ebenso in dkorddeutschland wiederum regnerisches Wetter herrschte. Nachdem am Anfang der Berichtswoche die Tagestemperaturen angestie-gen waren — in Gießeii von -ß 13 Grad am Dienstag auf19 Grad am Freitag sanken ffe dann wiederum aus -j- 15 Grad am Dienstag, den 20 Tie Nachttemperaturen blieben zunächst unter dem Einfluß der starken Bewölkung relativ hoch, um dann bei dem Vorrücken des Hochdruckgebiets Und der damit verbundenen AusstrahlungsMöglichkeit stark zu sinken, in Gießen in der Nacht txm Freitag zu Samstag auf -ß 4 Grad, in höheren Lagen .sogar bis' ans effvas über Null Von da an stiegen sie mieber .und erreichten am Dienstag, den zO. Juni -r 8 Grad. Das Tages mittel zeigt ungefähr denselben Verlauf wie das Tempcraturmaximum, ntbem es von Anfang der^Berichtswoche an zunächst stieg (in Gießen von ff-11 Grad ans -j- 15 Grad), um dann am Ende der Woche wieder aus K- 12 Grw, zu sinken. Im Norden von uns zog dann am Montag, den 19. Juiii ein neues Tiefdruckgebiet osbvärts vor, ohne uns jedoch wesentlich) zu beeinstussen. Wir blieben vielmehr am Ost- raride des westlichen Hochs, so daß bei Winden aus vorwiegend nördlichen Richtungen zwar die Bewölkung lwch stark wechselte, jedoch trockenes Wetter vorherrschte. Schon heute ersieht man aus der Wetterkarte, daß dieses Tief schnell osüvärts abziehen wird, und auf seiner Rückseite sich der hohe Druck von Westen her weiter nach Deutschland ausbreiten kann. Wir werden daher vorläufia mrt besserem, tagsüber wärmerem Wetter rechnen Ln neu.
Ktmfi, Wissenschaft nnd Leben.
— Die Erstausführung eines Zobeltitz-Lust- sViels: Aus München wird uns geschrieben: Jin Münchener Schauspielhause erlebte das Lustspiel „W illundWiebke" von Fedor von Zobeltitz seine Erstausführung. Der bekannte Romanschriftsteller liebte auch bei diesem Ausffuge ins Dramatische romanhafte Vorgänge und Menschen. Alles sind herzensgute Leute, alle haben ihre kleinen, harwlosen, sehr harmlose Schwächen und >Eigentümlichkeiteri, und alle erzählen gern und häufig' „was sie für Leute seien". Herr Wjill, Baron und Gutsherr, kowmt, mit mancherlei Getter beladen, nach Europa zurück. Er will in seinem Befftze einen Tierpark errichten, adoptiert eist srerndes Mädchen ohne Nachnamen, das sein Freund zu heiraten gedenkt, verliebt sich in die lleine Wjebke und findet schließlich bei Frau Leontine die Braut früher, Jahre zu spätem Glück. Die Adoptivtochter aber kriegt ihren jungen Herrenreiter, Gutsvolon- tär und Bi erbrau evssohn. Eine harmlose Geschichte, die ebenso harmlos gespielt wurde. Das Publikum verhielt sich zögernd und spendete mageren Beifall.
— Die erftc Londoner Wagnervorstellung im Kriege. Zuw ersten Male, so lange der Krieg tobt, hat Wagner wieder seinen Einzug in London halten dürfen mit einer Vorstellung von Tristan und Isolde rm Aldwych-Theater. Nach dem Bericht der „Times" war das Theater gedrängt voll, und die sehr gute Wiedergabe der Oper erm'ckt? im Zuschauerraum große Begeisterung. Besonders der zn-eite Akt machte in seiner neuen Inszenierung einen sehr großen Eindruck. Miit einem Morte, der deutsche Meister war wieder in Gnaden bei deni englischen Publikum aufgenominen?
— A l t g e r m a n i s ch e B a ck ö fe n. Das Märkische Museum bat wiederum eine interessante Bereicherung dadurch erfahren, daß Dr. Kiekebusch, der Leiter der vorgeschichttühen Abteilung des Berliner Märttschen Museums, in der Nähe von Küstrin eine altgermanische Siedelung ausgegraben hat, die der römisckwn Kaisec- zeit angehört. Bei dieser Msgrabung hat nun. wie die „Geschichte und Lfteraturblätter für Technik, Industrie und Gewerbe" berichtet, Dr. Kückebusch drei eigentümliche Grnben aufgedeckt, die er als alt- germanische Backöfen ansieht. Es handelt sich um tteisförmige Anlagen aus Feldsteinen, die in den Boden hineingebant sind. Der Durchmesser der Gruben beträgt ungefähr 2,40 Meter. Innerhalb
des Hohlrcmmes lag erne festgebrannte Lehmtenne. Zu dern Hohl- raum führte ein einziges, recht lleines Zugangsloch. Die Stein-, wände waren innen und außen mit Lehm umschmiert. Die Decke, die aber nicht mehr erhalten ist, wird )vahrscheinlich aus Balken mit Lehmbewurf bestanden haben. Daß es sich hier um Backöfen mrd nicht um Brennöfen für Töpfeyvaren lMudelt, glaubt Tr. .Kiekebusch deshalb, well die Töpferöfeu. die bisher ausgegraben wordeu sind, eine ganz andere Bauart haben.
— Herbert Trees Macbeth-Film. Die Filmindustrie macht, allen Kriegsschrecken zum Trotz, unbeirrt auf allen Terleii der Erde bei Frermd. Feind und Neutralen Fortschritte, die allerdings nicht immer der Kunst zum Vortell gereichen. Die neueste Filmsensation wird aus England gemeldet, und znmr handelt es sich um die erste Verftlmung eines Shakefpeare-Dramas. Herbert Tree, deu^bekannten Direktor des His Majestys Theatre. gebührt der vom Standpunkt der Ltteralen nicht ganz einioand freie Ruhm, als erster Shakespeare zum Filmautor gewandelt zu haben. Verfilmt wurde „Macbeth", und zwar, wie Tree selbst schrmbt, „in einer Weise, die vorläufig einzig dasteht". Große Schlachtenszenen lvurden aufc^esührt, mächtige .Kämpfe zwischen altertümlich aiff- gebauten Festungswerken auf lphen Bergrücken, alle Ausnahnien fanden in Verlaufe mehrerer Monate in Kalifornien statt. Allerdings soll hierdurch die Ehrerbietung vor Shakespeare nicht unerheblich gelitten haben, da rnan sich der Fllmtechnik zu Liebe' genötigt, sah, „hier und da ein wenig vom Original abzuweicben". Jedoch ist Tree der Meinimg, daß dieser Schaden durch die Verbreitung, die das Shakespeare-Drama auf der Filmleinwand in allen Volkskreiseu ftnden könne, vollkommen aufgcvx'gen werde. Die er)tc Aufführung des Films findet noch in dieses' Woche im Londoner- His Majestvs Theatre statt, und das große Interesse, das angeblich auch aus den Kreisen der ernstesten Literaten und Ktmstler diesem Schauspiel entgegeugebracht wird, zeigt von neuem, wie der Durchschnittsengländer sich wahrer Kunst gegenüber verhält.
— Eine un ge druckte, handschriftliche Widmung F e a u Paul s'. Beim Sichten und Ordnen von Büchern aus de'- Bibliothek des Hauptiideikoimnisses des Großherzoglich Weimarischen .Hauses, die in die Großlu-rzogliche Bibliothek in Weimar übergegangen sind, stieß Werner Deeijon auf ein Exemplar von Jean Pauls „Dämmerungen für Deutschland" Tübingen, 1806), l>as eine handschriftliche Widmurrg des Dichters aus ein paar eiugellcbten Blättern cntlMt. Aus' dieser Widnrung, die
Deeften in der „Zeitschrift für Bücherfreunde" (Verlag von E A. Seemann, Leipzig) mitteilt, sei im Folgenden etwas mit gereckt Sie beginnt: Des (H:bprinzen von Sachsen-Weimar Karl Friedrich herzoglichen Hoheit und der Frau Gl-oßfürsttn und Erbprinzessin Maria Paulowne kaiserlichen .Hoheit widmet der Verfasser sein Buck rn dreien Polymetern. Von diesen Dichtungen in „Stteckversen" mag eine als Probe genügen, die die lleberschrift trägt „Streit der Perle mit der weißen Rose". Sie lautet:
,Jch bin Ihr ähnlicher und gehöre Ihr mehr an als Du : denn ich glänze rein", sagte die PeAe.
„Aber ich trage die Unschuldsfarbe noch Heller," sagte die weiße Rose — „ich bin ähnlicher."
„Aber mein Werth verwelket nicht." —
„Mer ich hauche Lebenssrühliug dem Zepht)r zu."
„Und ich berühr' als' blasser Schmuck Ihr Haupt."
„Und ich ruh an Ihrer Brust zuweilen."-
Plötzlich tat eine rothe Rose alle ihre jungen Reize ausellian- d-^' urch sagte im blühenden Prangen: „wetteifert nicht so vergeblich, ihr 'Lrchönen! Ich bin Ihr ja auch ähnlich."
— E v a n s H u g hes. Wähveiid der neue Präsidentschaftskandidat noch, nach der amerikanischen Msdrucksweise im politischen Sinne a dark horse (ein Pferd, über dessen Renngualitäten man nicht unterrichtet i,t) darstellt, und man sich in Spekulationen über ferne mutmaßliche Richtung verliert, ist es von einigem Jutereffe, feinen Namen zu bettachten. Er ist von Walliser Abstammung, also Kelte, ime sein Vatersname verrät, der mb die meisten Namen im Fürstentum Wales, sich aus einen Bornam-m Hugh (Hiugv) gnindet, dem ein Mehrzahl- oder Ostschlechtersuffir angehangt ist m>ic im Italienischen das b und wie man es in Jmres, Richards, Griffiths, Cdtvards und zadlmchm ander-en Walliser Namen ,eh.vi kann. Das eigenttimliche ist jedoch. tSaf? Hughes nicht nur eine u.sonoeru gleich z w - i Wal!isec Raimor trägt, denn auch Evans ijt rein iveljy. Es ist also anzunehmen, daß seine Fannlie sich ihrer wallisisch-englischen Abkunft noch so beivußt ist, daß sie sie gern in den Namen ilneer Kinder verewigt, oder daß sie ihr Walliser Blut ziemlich rein crbaltcrt lwr unb mit ihm die alten Namen. Das erstere ist wahrscheinlicher und damit wäre die Tür zu allerlei Koniekttiren über chtmige pol fti'che Neigungen geöfftiet. stiebrigens rvird der, Name des' Prasidenl- schaftslandidateii Juhs ausgespi-ochen, mit weichem s. ein ziem, lichcr Stein des Anstoßes für nicht- angclsächsisckp: Zuü-etu


