Nr. 134
Erscheint täglich mit Ausnahme de-S Sonntags.
Dre ..Giehener §amillenb!ätter" werden dem »Anzeiger^ vierinal wöchentlich betgelegt, das „Xreisdlatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeltfragen" erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger
Rotationsdrrrck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Blich- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriitleitung,Geschäftsstelle ».Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle u.Berlag:r^^51,Schrlst- leitung: d-^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Mb, Deutscher Reichstag.
V2 Sitzung, Donnerstag, den 8. Juni. .
Am Tische des Bundesrais: H e I f f e r i ch.
Vizepräsident Dr. P a a s ch e eröffnet die Sitzung um 10 Uhr
15 Minuten.
die Ernkihrnngsfragen.
(Zweiter Tag.)
Dbg. Dr. Böhme (natl.)':'
Der den Beratungen des Ernährungsbeirats beigewohnt hat, versteht nicht den gereizten Ton, den gestern hier manche Redner angeschlagen haben. Gewiß manches Unerfreuliche rst vorgewmmen. Der Wucher und seine viel zu Mtlde Bestrafung erregt vielfach Aergernis. Hier hätte rascher und energischer emgegriffen werden müssen. Ich hätte gewünscht, daß der Staatssekretär diese Pestbeule am Körper des deutschen Volkes scharfer gebrandmarkt hätte. Hoffentlich greift das Ncichs- ernahrungsamt hier energisch ein. An den Mißständen ist vor allem ü,e überaus ungünstige Ernte schuld gewesen. Fehler sind hier gewiß gemacht, zunächst in personeller Beziehung. Herr Delbrück hatte dw Zustimmung und Anerkennnung des ganzen Hauses geyabt, aber er war zuletzt ein kranker Mann und den Widerstanden gegen seine Maßnahmen nicht gewachsen. An der Spitze der wichtigsten Ministeriums im größten Bundesstaate stand ein Fachminister, der den großen Aufgaben der Zeit nicht gewachsen ist.
h^ben wohl alle den Eindruck gestern gewonnen, daß setzt der richtige Mann da ist, um die preußischen Hindernisse — auch die Hindernisse anderswo, vor allem in Mecklenburg — auszuschalten. Süddeutschland ist vielfach mit zweckmäßigen Blaß- nah men vorweggegangen. Bei der Kartoffel- und Fleisch-Versorgung find unzureichende Maßnahmen getroffen. Man darf d:e^ Kräfte der Denkfaulheit im Volke nicht unter- ''chätzen, die wohlhabenden Kreise werden die Einschränkungen vielleicht schmerzlicher empfinden als die breiten Massen des Volkes. Was bedeutet aber alles dies gegenüber den Entbehrungen und Gefahren, denen unsere Helden in den Schützengräben ausgesetzt sind. Ueber die Stellung des Ernährungsbeirates sind gairz falsche Ansichten verbreitet. Viele Entscheidungen sind ohne oder sogar ge gen den Willen des Beirates erfolgt. Nicht einmal die Herren in den Zentralen können sich durch all die Verordnungen hindurchfinden, geschweige denn die Orts- und Gemeindevorsteher. Nachträgliche Erhöhungen der Höchstpreise dürfen nicht wieder Vorkommen, loie sie im letzten Jahre vielfach das Ansehen der Regierung schwer erschüttert haben/ Die Interessen der kleinen ländlichen Besitzer werden nicht genügend berücksichtigt; so bedaure ich, daß immer noch nicht Dr. Heim in den Vorstand des 'Kriegscrnährungsamtes berufen ist.
Wir können bis zur neuen Ernte auskommen, hoffentlich hält üre neue Ernte, was sie jetzt verspricht. Sehr zu bekämpfen ist dre vreh lose Wirtschaft, die auf vielen größeren Gütern, sogar auf preußischen Domänen (Hört! hört!), immer mehr um sich greift. Uns-er Rinder- und Schweinebestand hat erheblich ab. genommen. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Aber alle Schichten muffen gleichmäßig die Entbehrungen tragen. Durch Beschlagnahmen und Verbot der Hausschlachtungen gelangt man aber nicht zum Ziel, man soll nur fesffetzen, wieviel Schweine gezüchtet und wieviel abgegeben werden sollen. Bei der Vieh- beschaffnng für das Heer erhalten die Viehkommissionäre nicht nur 3 Proz. von der Militärverwaltung, sondern auch 3 Proz. von der Landwirtschaftskammer, also zusammen 6 Proz. Provision. (Hört! hört!) Bei Futtergerste und Kleie muß eine-gerechtere Verteilung stattffnden. Der Landwirt muß beizeiten über die kommenden Anforderungen unterrichtet werden. Manche begangenen Fehler lassen sich nicht wieder gutmachen. Aber wir werden dennoch dnrchkommen. (Beifall.)
Dbg. Dr. Roesicke (Kons.):
Gegen die Ausführungen des Abg. Hossmann muß ich die schärfste Verwahrung einlegcn. Tatsächlich ist es noch niemals in der Weltgeschichte dagewesen, daß man wie bei uns durch eine Einteilung es erreicht, daß arm und reich gleich bedacht werden. (Lebh. Widerspruch b. d. Sozd.) In Berlin ist es doch so: die Reichen haben keine Butter, die Armen haben sie. (Beifall rechts — Unruhe bei den Sozd.) J'ch bedauere nur, daß der Reichskanzler gestern nicht hier war; er hätte sicher seine Helle Freude an seinen Freunden gehabt. (Sehr gut! rechts — große Unruhe bei den Sozd. — Vizepräsident Dove öinet um Ruhe.) Nach den anerkennenden Worten des Reichskanzlers sagte sich Herr Hoffmann nach dem bekannten Faust- Zitat: „Ich bin des trocknen Tons nun satt. — Will wieder recht den Teufel spielen!" (Sehr gut! rechts.) Wie soll man iachttch über solche Beschuldigungen verhandeln? Ausbeutung rst nicht deutsche Art. (Zurufe bei den Sozd: »Kapita- nsttsche Art!") Jene auch von nns verdanimte kapitalistische Art rst (Zuruf bei den Sozd.: „International!"). Jawahl, das ist ganz meine Meinung! Beifall rechts.) Aber nicht deutsch! Wenn die Meiereigenossenschaften und andere Gesellschaften ihre großen Überschüsse dem Reich zur Förderung der Landwirtschaft und Viehzucht überweisen, dann ist das doch keine Ausbeutung
organisierter Kleinhandel. Mit den heute bestehenden Einrichtungen für die >Fleisch- und Kärtosfelversorgung kommen wir schon zu Rande. Am schlimmsten würden übereilte Maß nahmen wirken. Hier ist die Nichtigkeit besser al die Fixigkeit! (Beifall rechts.) Das wichtigste Erfordernis jeder Nahrungsmittelversorgung ist die Produktionsförderung Dieser Grundsatz wird auch in bezug auf die Landwirtschaft von dem Sozialdemokraten Kaliski vertreten. (Hört, hört! rechts.) Man darf nicht den guten Willen des Bauern zur Produktion durch ungeeignete Maßnahmen stören. Verhängnisvoll ist der Mangel an Futtermitteln. Er ist, wie wir seit Jahren betont haben, die Folge des Fehlers unserer Wirtschaftspolitik, die de Anbau von Futtermitteln ohne den notwendigen Zollschutz lieh (L>ehr wahr! rechts.) Die gestern auch vom Abg. Hofs vertretene Forderung eines Ausgleiches der Viehbestände mit den vorhan denen Futtermitteln ist theoretisch wunderschön, aber praktisch ganz undurchführbar. (Sehr richtig! rechts.)
Bei der Futtermittelversorgung ist eine Dezentralisation not wendig. Ehe man zu Beschlagnahmen übergeht, soll man immer berücksichtigen, daß in der Landwirtschaft die Naturalien einen Teil des Lohnes bilden. (Sehr richtig! rechts.) Zwei Jahre lang hat man leider die gemachten Erfahrungen in den Wind ge schlagen, besonders bei Festsetzung der Höchstpreise (Lebb. Zustim mung rechts), hätte maii im Frühjahr nicht endlich die Kartoffel Höchstpreise erhöht, wir ständen heute einer Katastrophe gegenüber (Sehr richtig! r-chts.) Auch wir sind der Meinung, daß da, wo das Wild in schädlichem Ueberfluh vorhanden ist, der Abschuß an geordnet wird. Man darf aber nicht im Uebereifer auch in Gegen den mit schwachem Wildbestand so Vorgehen. Die Strafen für bloße Schätzungsfehler der Landwirte bei der Getreideaufnahme sind häufig viel zu hoch. Es ist erfreulich, daß jetzt auch schon neutrale Staaten einsehen, wie notwendig für die ganze Welt ein euer gischer Kampf Deutschlands gegen Englands völkerrechtswidriger Aushungerungskrieg ist. Dieser Kampf kann nur durch einen rücksichtslosen I7-Bootskrieg geführt werden, der England an seinem Lebensnerv trifft. (Lebh. Beifall rechts.) Wir können dem teuflischen Vorgehen Englands gegen unser ganzes Volk nicht mit verschränkten Armen zusehen. (Sehr richtig! rechts.)
Der Aushungerungsplan ist durch die Zähigkeit unseres Volkes und die Leistungen unserer Landwirtschaft vereitelt worden, aber den Sieg können wir nicht erringen tojnn w i r unsere Waffen in die Kammer legen (Sehr richtig! rechts.) Wer eine scharfe Anwendung dieser Waffen wünscht, der handelt aus Vaterlandsliebe, nicht aber aus schnöder Gewinnsucht. (Lebhafte Zustimmung.) Trotzdem hat sich das „Berliner Tageblatt" nicht entblödet, eine derartige Be Häuptling aufzustellen. (Unruhe.) Wie der Kanzler sich gegen anonyme Angriffe verteidigt hat, so verteidigen wir uns gegen solche hinterlistigen Angriffe. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Wir wollen durch unsere Forderung keine zwecklose Verlängerung des Krieges, sondern im Gegenteil seine Abkürzung durch die schleunige rücksichtslose Vereitelung des eng>lifchen Aushungerungsplanes. (Stürmischer Beifall rechts.)
Unterstaatssekretär Frhr. v. Stein:
Von der Behauptung des Abg. Hossmann, die Gersten- v e r w e r t u n g s g e s e l l s ch a f! habe bei 300 000 Mark Kapttal 15 Mill. Mark Gewinn gemacht, ist nicht eine Silbe richtig. Er hat einfach die Schulden nicht berücksichtigt. Die Gesellschaft hat 10 Millionen Schulden, die restlichen 5 Millionen sind Vorschüsse und Einzahlungen, die in voller Höhe zurückzuzahlen sind. Die Gesellschafter erhalten nur 5 Prozent Verzinsung nach Maßgabe ihrer Einzahlungen. Tin Gewinn i st überhaupt nicht da. Von der „wucherischen Ausbeutung zugunsten einiger weniger" bleibt auch nicht der Schatten ein erTatsache.
Abg. Rupp (D. Fr.):
Dar Fleisck wird durch Vergütungen an VerttauenSleute und Kommissionäre stark verteuert. Namentlich der Kettenhandel wirkt preis st eigernd Die unerhörten Preise sind nicht mehr zu ertragen. In den Zeitungen werden dagegen noch große Lebensmittelmengen angebotcn. Die Bekämpfung des Wuchers macht in der Praxis Schwierigkeiten. Die aus- führenden Organe wissen selbst keinen Bescheid. Es wird zu langsam und umständlich vorgegangen, die Bestrafungen fallen zu milde aus. . Die Riesengewinne der Großmühlen tragen zur Teuerung^ bei. Die Behörden müssen sich um den Abschuß des Wildes kümmern. Unsere Frauen haben viel getan gegen die Aushungerung.
Abg. Hofftnann wird durch solche Reden sein Ansehen in der Pfalz nicht erhöhen, das hat der Staatssekretär treffend und sachlich dargelegt. (Unruhe bei den Sozd.)
Der von England völkerrechtswidrige Aushungerungskrieg konnte sein Ziel nichts erreichen. Das ist aber in erster Linie das Verdien st der deutschen Landwirtschaft. Wie konnte demgegenüber von der Linken behauptet werden, die deutsche Landwirtschaft habe versagt. (Lebh. Widerspruch links.) Abg. Wendorf hat das in der Kommission gesagt. (Abg. Fegter (Rp.): Das ist nicht wahr!) Sie, Herr Fegter, waren ja nicht dabei! irr *. llmr ich dabei! — Vizepräsident Dove: Herr
uvg. regier, ich rufe Sie wegen der fortgesetzten Unterbrechungen zur Ordnung!) Die Sozialdemokraten sprechen immer von der Teuerung, aber nicht von der ungeheuren Produktionsverteuerung durch dje übermäßigen Lohnforderunzen ganz junger Burschen. (Sehr wahr! rechts.) Die wahre Ausbeutung wird durch den Kettenhandel getrieben. Wenn eine Fleisch- ^"lo^benbuchse, die in Berlin 65 Pfennig kostet, in Dresden für HO Mark verkauft wird (Hört, hört! rechts), so erkennt man die Ursachen der ^.euerung. Ein Verbot der bekannten Inserate der r* C - ar v- ec nicht zweckmäßig, diese Jnferate sollten
als Wegtvel)er für scharfe behördliche Eingriffe benutzt werden.
Das Kriegsernahrungsamt kanri unmöglich mit einem Schlage die Funktionen aller bundesstaatlichen Landwirtschaftsministerien übernehmen. (Sehr richtig! rechts.) Das neue Amt darf nicht an den Erfahrungen der bestehenden Organisationen vorbeigeheri. Die. beste Verteilungsmöglichkeit der Nahrungsmittel bietet ein
Abg. Wurm (Soz. Arb.-Gem.):
Wie kann der Staatssekretär die sogenannten Regelungen der Ernährungsdinge als Großtat hinstcllen? Im Volke sagt man: Burgfriede ernährt — den Agrarier. Nur die Hälfte des Brotgetreides, 6 Millionen Tonnen zu wenig, ist der menschlichen Ernährung zugeflossen. Die Selbstversorger in den Ueber- fchußverbänden sind besser daran als die Städter. Die Strafen der Wucheragrarier sind sehr milde. In Kartoffeln hatten wir doch eine der besten Ernten. Woran liegt es, daß wir keine bekommen? (Zuruf rechts: Am Frost. Heiterkeit.) Die „Verstrickung" war eine halbe Maßnahme. Die Stricke waren Zwirnsfäden. Für Heer und Marine wurden die Höchft- prei)c aufgehoben. Ein Oberpräsident erklärte in der Zeitung, der Landwirt schädige sich durch Abgabe von Speisekartoffeln — e? war Herr v o n B a t o c k i. (Hört, hört! b. d. Soz. A.-G.) Hoffentlich liest er das nach. (Heiterkeit.) Ter Eiiifluß des vrcußischen L a n d wi rt sch a ft s m i n i sie r s hat unheilvoll auf den Bundesrat etn- gewirkt. Die Landwirte wurden sozusagen durch Prämien zur Zurückhaltung o n g c s p o r n t. Berlin mußte zu hohen Preßen aus dem Ausland Kartoffeln beziehen. Man regt sich schon, die Kartoffeln der neuen Ernte zu verteuern und will 4,75 M. dafür haben. (Hört, hört! b. d. Soz. A.-G.)
Die Schweineschlachtung war eine richtige Maßregel, sie hätte nur lioch wirksamer durchgeführt werden müssen. Wir hätten mehr Fleisch, wenn weniger Vieh am Leben geblieben wäre. Jetzt haben wir mehr Vieh, als gemästet werden kann. Wann kommt endlich eine Reichssleischstclle? Erst liefert man die Städte den Verbänden aus, dann schiebt man ihnen die Schuld für das Versagen der Versorgung zu. Die hohen Fleischpreife müssen endlich herabgesetzt toerden. Die privaten Baunzöesitzer müssen gezwungen werden, die Laubfüiterung des Viehes zu ermöglichen. Der Preußische Landwirtschafts- mmffter hat herausgesunden, daß Saatkrähen gut schmecken. (Heiterkeit b. d. Soz. A.-G.) Das ist alles, was er für die Volksernährung getan hat. Er hätte lieber den Wild-2lbfchuß verfügen sollen. Wir brauchen eine Reichsbutterkarte. Der Stadt Berlin sind die größten Schwierigkeiten in der Butterver- sorgung gemacht worden. Selbst das Generalkommando hat ihr nlcht geholfen. i(Hört, hört! b. d. <§03. A.-G.) Das Kriegs-
Ministerium hat der Firma Wertheim gewaltige Mengen Schmalz geliefert, es dagegen der Stadtgemeinde Berlin verweigert. (Hört, hört! b. d. Soz. Arb.-Gem.) Wenn ein Generalkommando Preistreibereien verhindern will, dann hindert der preußische Landwirtschaftsminister solche vernünftige . Maßnab men. Tie Agrarier verlangen jetzt sogar eine Preiserhöhung für Milch. Dem mutz sich das Kriegsernährungsamt widersetzen. (Sehr richtig! b. d. Soz. Arb.-Gem.)
Gegen den Obstwucher muß schleunigst eingeschritten werden, ebenso gegen die Prcislreibereien beim Gemüse. Die Einführung einer Bierkarte ist notwendig, damit eine Ersparnis an Brotgetreide eintritt. Bei den wichtigsten Fragen hat man den Reichstag ausgeschaltet (Sehr wahr! b. d. Soz.), vor allem bei der Schaffung des Monopols der Spiritus-zentrale. Man hat in erster Linie die landwirtschaftlichen Interessen bei allen Maßnahmen berücksichtigt. /(Sehr wahr! b. d. Soz. Arb.). Was zum Himmel schreit, kann nicht erstickt werden. Das Volk braucht billigere und reichlichere Lebensmittel. So darf es nicht wcitergehen.
Die Aussprache schließt.
Ein Sch l u ß a n t r a g wird angenommen.
Abg. Haase (Soz. A.°G.) zur Geschäftsordnung:
Nach den Ausführungen des Berichterstatters mußte man an« nehmen, daß auch noch die Rohstoffversorgung und die Lederfrage behandelt werden würde. Die Frage ist zu wichtig, als daß der Reichstag nicht ausführliche Kritik übt, bevor er ausein cm vergeht.
Präsident Dr. Krrcmpf:
Der Schluß der Aussprache ist aber bereits angenommen.
Abgeordneter Schcidernann (Soz.):
Auch ich hatte den Eindruck, daß die Rohstoffversorgung besonders vorgenommen werden sollte. Ich bitte deshalb, die Erörterung über diese Frage von neuem zu eröffnen.
Präsident Dr. Kaempf:
Wenn kein Widerspruch erfolgt, nehme ich an, daß das Hau? nunmehr mit Wiederaufnahme der Aussprache einverstanden ist.
Wir kommen zunächst zu den persönlichen Bemer« t u n g e n.
Abgeordneter Dr. Wendorff (Fortschr. Vp.):
Der Abgeordnete Dr. Roesicke hat behauptet, ich hätte im Hauptausschuß ausgesprochen, die deutsche Landwirtschaft hchbe bei der Versorgung des deutschen Volkes während des Krieges versagt. Unverständlich ist mir, wie man mir Worte unterstellen kann, die ich nicht gesprochen habe. Ich finde kaum einen parlamentarischen Ausdruck dafür. Ich muß die Behauptung als objektiv unwahr mit aller Entschiedenheit zurückweifen.
Abg. Dr. Fegter (Fortschr. Vp.):
Die Behauptung des Abgeordneten Roesicke, ich sei bei den Ausschußberatungen nicht zugegen gewesen, ist unrichtig. Ich habe allen Sitzungen über die Ernährungsfragen beigewohnt. Dr. Wen- dorff hat bei seinen rein geschichtlichen Betrachtungen über die Leistungsfähigkeit unserer Landwirtschaft den Ausdruck nicht ge- braucht.
Als ich dem Abgeordneten Roesicke auf die Wiederholung einer Behauptung zurief: Das ist nicht wahr!, habe ich nicht ohne weiteres behaupten wollen, daß er bewußt eine unwahre Behauptung aufrecht er halten wolle.
Abg. Hoffuunrn-Kaiserslautern (SvA.):
Meine Ausführungen über die Gerstenverwertungv- gesellschaft stützte ich auf den auch in der »Deutschen Tageszeitung" wiedergegebenen Bericht des konservativen Abgeordneten Hoesch im Haushaltsausschuß des preußischen Abgeordnetenhauses vom 2. Juni. Nachdem mir heute vor der Sitzung mitgeteilt worden ist, daß der Bericht auf unrichtigen Voraussetzungen beruht, nehme ich meine daraus gezogenen irrtümlichen Schlußfolgerungen zurück. (Zuruf: Den Agrariern darf niemand trauen! Heiterkeit.) Im übrigen habe ich im Einverständnis mit meiner Fraktion gesprochen. Dr. Roesicke, der mir das Motw unterschob, ich wäre des trockenen Tones satt, sage ich: Der Worte sind genug gewechselt, laßt uns nun endlich Taten sehen. (Heiterkett und.Beifall.)
Abg. Dr. Nocsickc (Kons.):
Dann brauchen wir nicht so lange Reden zu halten. (Heiterkeit.) Die Landwirte haben genug Taten ausgeführt. Die Not der Städter würdigen wir. Die vom Abgeordneten Böhme erwähnte Verordnung faste ich anders auf. Es tut mir leid, daß ich eine so bedeutungsvolle Persönlichkeit, wie den Abgeordneten Fegter, im Ausschuß übersehen konnte. (Abg. Fegter: Alte Witze!) Ich verstehe nicht recht, warum der Abg. Dr. Wendorff so verletzt ist. Der „Vorwärts" nennt in den Berichten über die Ausschußsitzungen die Namen. Unter dem 25. Mai 1916 steht dort als Ausführung des Abg. Dr. Wendorff: Die Verstimmung wäre nicht so groß, wenn man nickt immer erzählt hätte, die deutsche Landwirtschaft fei in der Lage, den Bedarf an Lebensmitteln zu decken. Jetzt zeigt sich, wie falsch diese Behauptung ist. Das habe ich so aufgcfaßt, als ob die deutsche Landwirtschaft bei den ihr gestellten Ausgaben versagt habe. (Widerspruch bei den Fortschrittlern.) Ich habe auch im Ausschuß damals sofort richtiggestellt, daß die Landwirtschaft ihrc Pflicht getyn hat.
Abgeordneter Dr. Dove (Fortschr. Vp.):
»Den Abgeordneten Fegter habe ick nicht wegen des Ausdrucks: . unwahr! zur Ordnung gerufen, da es objektive Unwahrheit gibt, die hier der Anlaß war, sondern wegen der Quantität der Worte. (Große Heiterkeit.)
Abg. Dr. Wendorff (Fortschr. Vp.):
Dr. Roesicke hat positiv ausgesprochen, was ich nur negativ ge- sagt hatte. Jetzt hat er einen Rückzug angetreten, einen Rückzug hinter seine »Auffassung".
Abgeordneter Dr. Roesicke (Kons.):
Rückzüge anzutreten bin ich nicht gewöhnt. (Widerspruch links.) Ich kann auch nicht erkennen, wie man die Worte anders 'als ich auffassen kann. (Zustimmung bei den Konst) Wenn der Ada. Wendorff noch so viele Worte macht, kann er den Sinn seiner Aeußerungnrchtumkehren. (Entrüstung bei den Fort- schrittlern. Rufe: Unerhörtl)


