Ausgabe 
8.6.1916 Zweites Blatt
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fl.rn auch den überlegenen Feind in offener Seeschlacht zu schla- qen. (Lebh. Beifall.) Ich habe mehrfach von den Grundlagen der H-uianzkraft des Staates gesprochen, diese scheinen mir die wesentlichsten Grundlagen der Finanzwirtschaft f^i r den Augenblick. (Lebh. Beifall.)

Abg. Landsbcrg (Soz.):

Wir wollen den Krieg nicht führen, bis die Feinde ohn- ^'"btig am Boden liegen. Unser KriegSziel ist, daß Deutschland o wit anderen Ländern ein selbständiges

a-.Even suhtt. Wie sehnen einen baldigen Frieden herbei, der uns dir Mognchkett dazu eröffnet. Die Friedenssrage ist jetzt auf dem toten Punkt angekommen. Ausschließlich von den Gegnern bangt es ^ab, wann die Verhindlungeu beginnen sollen. Kein deutscher Staatsmann wird, wenn ihm die Geneigtheit offenbart wird, sich ihnen entziehen. Keiner wird zur Vorbedingung machen, daß die Gegner sich für besiegt erklären. Wir wollen tur kein noch so wertvolles Land deutsches Blut opfern, aus­genommen Deutschland. (Zustimmung.) Das Ziel der Siche- rrrng Deutschlands ist noch nicht erreicht. Deshalb bewilligen wir die geforderten Kredite. (Beifall.)

Abg. Hanse (Soz. A.-G.):

Unser Kampf gilt der kapitalistischen Gesellschaftsreform und dem sie stützenden politischen System. Wir betrachten die welt­geschichtlichen Tragödien von dem Standpunkt unserer Grund- Mtze. Die Fortführung wollen wir nicht irgendwie unterstützen. Fr:edcnsgespräche der bisherigen Art führen nicht zum Ziel. Die Gründe der Ablehnung des Haupthaushalts sind bei uns noch schwerwiegender als bei dem Nachtragshaushalt.

Staatssekretär Dr. Helfferich:

Dar deutsche Volk wird sich damit abfinden, daß eS Leute gibt, die auch^n diesem Kriege die eben geoffenbarte Gesinnung in sich tragen und den Kampf gegen die kapitalistische oder irgendeine Gesellschaftsordnung für wichtiger halten als den Kampf gegen den äußeren Feind, der vor unseren Grenzen steht. Er wird- sich auch damit abfinden, daß dem Vorredner seine sozia­listischen Grundsätze wichtiger sind als die Existenz der deutschen Nation. (Widerspruch bei der Soz. A.-G.) Wenn er durch die Verweigerung der Kricgs-kredite gegen die imperialistische Politik Stellung nimmt, so kann ich nur antworten: wenn er mehr bc- deuten würde, als er bereutet, dan wäre seine Stellungnahme eine Förderung der imperialistischen 93 o I i 11 f Englands. (Beifall.)

Abg. Haasc (Soz. A.-G.):

Der Staatssekretär verrät durch seine Angriffe gegen paß er sich an gewisser Stelle bemerkbar machen w:ll. (Lachen und Widerspruch rechts.) Er hat wenig Grund su ferner Ueberhebung. Er maßt sich an, über die politische Be- oeutung emeS Abgeordneten zu urteilen. Darin können es viele Abgeordnete mit ihm aufnehmen. (Gelächter recbtS. Zuruf deS Abg. Grasen Westarp (Kons.): Jeder blamiert sich, so gut er kann!)

Staatssekretär Dr. Hclsfcrich:

War ich gesagt habe, glaube ich mt Interesse des Vaterlandes ? P u 5 e , n * Auf die persönlichen Angriffe antworte ich mcht! (Beifall.)

Die Kriegskredite werden in erster und zweiter Lesung bewilligt. Auf Eintrag B ass e r - mann findet die d r i t t e L e s u n g sofort statt. Das

® L r 'L 1 ? ^ * 71 dritter Lesung angenommen.

(Lebhafter Beifall.)

uns noch nicht zu den Lebensmitteln. '(Heiterkeit.) Die ' -uiitmifl2 c D i i! ö m i t t e l d i k t a t o r" war überaus u n -- gtuckirch, da sie auch im Ausland ungünstige Vorstellungen wecken nmtzte. Nur der Reichskanzler hat neue Befugnisse bekommen, um) zwar gesetzgeberischer Art. Der Uebergang in die neue Regelung soll beschleunigt werden. Im mmcn Wirtschaftsjahr müssen d:e bisherigen Erfahrungen eud- l'ch berücksichtigt werden. Der kritischste Punkt des Wirtschafts- rriegev ist überwunden. Weil der A u s h u n g e r u n g s p l a n sur dieses Jahr gescheitert ist. ist er es d a u c r n d. Denn dauernd wird an der Verbesserung der Organisation gearbeitet, und wir sind entschlossen. auch auf lauge Sicht diese Verhältnisse straff zu regeln und uns gegen , die Aushungerung zu wehren. Wegen der Ernahungssorge braucht der Krieg keinen Tag ab­gekürzt zu werden. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Matzinger (Zentr.):

In Berlin ist man viel zu spät zur Verteilung übergegangen. Der Aushungerungskrieg ist jetzt endgültig gescheitert. Die Direktoren der Gerstenberwertungsgesellschaft bczicheii zu hohe Gehälter.^ Die Zentraleinkaufsgesellschaft müßte den wichtigen Donauwasserweg besser ausnutzen. Die wirtschaft­liche Schichtung darf nicht zu ungunsten des Südens verschoben werden. In Berlin sammelt sich jetzt alles an, auch deswegen haben wir Befürchtungen. Die Erzeugung bedarf einer großzügigen Förderung, sonst wird das E r n ä h - r un g s - ein Verzehrungsamt. Unsere Vichstapel müssen rationell behandelt werden, dabei köniicn die Genossenschaften nützlich wirken. Die Hauptsache ist, daß unsere Soldaten ausreichend zu essen haben. (Zujlimmung.) Ddan darf nicht zu viel unreifes Vieh abschlachten. Die Ausdehnung der vichlosen Wirtschaft ist ein Krebsschaden. Den bundesstaatlichen Cha­rakter des Reiches darf man nicht als Hauptschuldigen für die Ernöhrungsschwierigkeiten bezeichnen. Kein Bundesstaat hat sich in unberechtigtem Matze abgeschlossen. Allerdings kann man nicht verlangen, daß die Sparsamen unter den Bundesstaaten nun den Verschwenderischen ihre Ersparnisse abgeben. (Zustim­mung im Zentrum.) Die bayerische Gerstenberwertungsgesellschaft muß im nächsten Jahre fortbeslehen bleiben. Das liegt auch im Interesse des ^bayerischen Bierbrauers. Das Braukontingent muß wieder erhöbt werden. Die Abfälle der Brauereien sind in Süddeutschlaiid von besonderem Wert für die Viehzucht. Aus unseren Entbehrungen darf mari nicht schließen, daß unsere Landivirtschaft versagt hat. Die Schiild trägt eine höhere Gewalt. Aber es geht doch. Wegen Ernährungsfragen brauchen wir nicht einen Tag früher Frieden zu schließen. (Beifall.) '

Die ßrtiöljningsftagen.

ube-

mit

vorgelegt auf den

Auf der Tagesordnung steht dann der Bericht des Ausschusses ' die Ernäbrungs fragen.

Ser Ausschuß hat eine umfangreiche Drucksache __ . vielen Anträgen. Alle Anträge, die sich - r * J <S?a cJ i ! P , ra ? neuen Jahres beziehen

sollen dem Reichskanzler mit dem Ersuchen überwiesen werden, sie tm Parlamentär ischen Beirat für Ernährungs- r n dor dem Inkrafttreten des neuen Planes zur Beratung zu stellen. Die anderen Anträge, die schon aus den AuSschußver- Handlungen bekannt find, beziehen sich auf die Kartoffel- c , r f OI Gun 0 , fordern den Abschuß von Wild, Maßnahmen gegen Wucher, Unterstützung bedrängter Gewerbe, Beurlaubungen aus dem Felde usw.

^^^^W^kßung Freiherr von Gamp (Rp.) verlangt zweck­dienliche Maßnahmen zur Untevdrückung des wucherischen Ketten. Handel».

Abg. Graf Westarp (Kons.)-

Lerichtet fifer die Verhandlungen deS Ausschusses.

Vorräte an Lebensrnitteln find knapp und wesentlich geringer al» im Frieden, auch di« zur Erzeugung erforderlichen Futter, und Dung^ittel. Die letzte Ursache all der Schwierigkeiten ist, daß wtr döUerrechtSw^rig von den neutralen Ländern abgeschnitten sind. Daneben stehen die Mängel der Organisatton. Aber auf ihnen allein oder auf dem Verhalten einzelner Stände beruhen unsere Entbehrungen nicht. Die Erbitterung muß sich allein gegen die Feinde wenden. Zn verbergen brauchen wir nichts. Trotz not wendiger Einschränkungen haben wir das Notwendigste für die beiden nächsten Monat«. Beim Brotgetteide kann sogar zugelegt werden, bei Kartoffeln können Schwerarbeiter für Juni statt 1 Pwnd pi Pfund auf den Kopf erhalten. Bei Futtermitteln sind wettausschauende Maßnahmen ergriffen. Auch die andern Vor räte haben wir straff in der Hand. Das Notwendigste ist da. Es muß nm gleichmäßig verteilt werbeu. ISIS hatten wir gegen 1Ü13 eine Minderernte um V,8 Millionen Tonnen Getreide. 5?..® ***** Irisch «tm Ausdruck, daß man jetzt auch dem Mischungsverhältnis der Mehle mehr Freiheit lassen solle, aber es ^ehlt uns vielfach ausländisches Mehl, mit dem gewisse Speku» Inserate cm großes Geschäft machen. Der Brasidrnt der Reich»getr«idestelle hat festgestellt, daß die Der- bande rechtzeitig und ausreichend da» Getreide geliefert haben. Beim Hafer und bei der Berste ttegen di« Ernteverhältnisse de» verflossenen Jahre» besonder» schwierig, aber die Heeresverwal- tung ist gedeckt Am Ausfall an Gerste sind besonder» leidtragend beteiligt die B r a u e r e i e n . Durch die Haferpretserhöhuna ^natürlich we früheren Lieferanten benachteiligt, sie bedauern die Ablehnung der Regierung gegenüber dem Wunsch auf Nach, zahluna. Der in der letzten Zeit hervortretende Mangel an Speisekartoffeln ist eine Folge der 'Ehler haften Organisation. Eine rückschauende Kritik hat aber jetzt keinen Zweck mehr. Die Erzeugung von Alkohol und Trinkbranntwein ist wesentlich eingeschränkt !hor^n. Bei Rinder» und Schweinen ist neuerdings bei den jungstni Kalbern und Ferkeln eine Zunahme eingetreten, während bas schlachtteife Vieh zurückgegongen ist. Für die Zukunft sind günstigere Aussichten vorhanden, als sie gegenwärtig auf dem F^chmarkt bestehen. Für die Gegenwart besteht die Gefahr, daß X J 5 Spachtet wirk. Dieser Gefahr ist die land- wirtschaftliche Verwaltung entgegengetteten. Der Fleisch, verbrauch muß i» den nächsten Monaten unbe. ^"S^^Seschraukt werden. ES ist jetzt an der Zeit, die großen Vorräte an Konserven und Dauerware auf den Markt zu bringen. Mit dem Verbot der HauSschlachtungen soll man nicht zu tief m alte Gavobnoeiten eingreifen. Eine Festsetzung von Höchstpreisen für L««fische ist nicht möglich, jedoch soll eine Preisregulierung in anderer Weise erfolgen. Bei M i l ch u n d B u t t e r besteht immer noch Knappheit. Futtermittel wurden vor dem Kriege im Betrage von einer Milliarde Mark «ingeführt. Man zieht jetzt das Stroh und da» Heidekraut als Ersatz heran. Für Einmachzwecke sollen nochmals Zuckermengen hergegeben werden. Da» Leder gehört bet

Abg. Hoffmnnn.Kaiserslautern (Soz.):

Wahrheit und Klarheit ist für ein reifes Volk auch in schwerer Zeit die Hauptsache. Die volle Wahrheit verträgt sich allerdings schlecht mit dem Burgfrieden, das schadet aber nichts. Anderthalb Jabre arbeitet die Regierung an der Lebensmittelversorgung; das Ergebnis ist nicht Organisation, sondern Anarchie. Bei der Wahl zwischen Anarchie und Diktatur pichen wir die Diktatur vor. Handelt es sich aber bei dem Kriegsernährnngsamt auch wirklich nm eine Diktatur? Es bat so viel nebenstehende Faktoren, daß von einer Diktatur keine Rede sein kann. Dafür ist auch neben dem Reichstag kein Platz. Der Diktator selbst ist ein konservativer Großgrundbesitzer und preußischer Junker. Wir begegnen Herrn v. Batocki mit o s s e n c in und ehrlichem Mißtrauen. Wir warten ab, was er tut. Nimmt er nur die Jitteressen der Er­zeuger wahr und tritt die Interessen der Verbraucher mit Fußen, so ist es mit unserer Neutralität bald vorbei. Die vc r- häng nißvo Ile Tätigkeit des Bundesrats soll weiter be- stcben bleiben. Der Kriegsministcr ist dem Kriegsernährnngsamt nichr bcigeordnet, sondern übergeordnet. Die Stellung des Parlamentarischen Beirats entspricht nicht der Würde der deutschen Volksvertretung. Der Reichstag darf zwar reden, hat aber nichts zu sagen. Seine Verantwortung besteht fort. Die Grenzsperren müssen fallen. Die Absperrung der Einzel- staaten, Provinzen, Kreise und Gemeinden erinnert an die schlimmsten Zeiten der deutschen Kleinstaaterei. Die Masse n- s p e i s u n g ist ein Schlagwort, das mehr verspricht als es halten kann.

An sich stehen wir ihr sympathisch gegenüber. Aber auch hier wieder eine Trennung nach Klassen, upd da verlangt man von uns Ausgabe des Klassenkampfes! Die garnisondienstfähigen Ge- m-eindebeamten sind jetzt zu Hause wichtiger als in den Etappen. Das Kricgsernährungsamt sollte auch der Nahrungsmittelindustrie auf die Finger sehen, dort werden unerhörte Gewinne erzielt. Die Strafen stehen in keinem .Verhältnisse zum Lebcnsmittel- wucher. Die Kriegsledergesellschaft hat 60 bis 70 Millionen Mattk Gewinn erhielt, die GerstenverwertungS- gesellschaft mit 300 000 Mark Grundkapital 15 Dttllioncn Gewinne. Die Gerstcnverwcrtungsgescllschaft ist e i n e k a p i t a - listische Räu vergesellschaft! Wie können Sie da noch den Mut finden, sich über die geschäftliche Ausnutzung des Krieges aufzuregen. Tie amerikanischen Geschäftsleute nutzen fremde Völker aus. die deutschen das eigene! (Großer Lärm. Lebhafte Zustimung b. d. Soz.)

Vizepräsident Dr. Paasche:

Ich bitte, solche Bemerkungen zu Unterlasten! (Lärmender Widerspruch b. d. Soz. Abg. Geyer (Soz. A.-G.) ruft: Sie unterstützen den Wucher! Ruse rechts: Frechheit! Der Vize­präsident ruft den Abg. Geyer zur Ordnung. Zuruf der Soz.: Schamlose Wucherkaste!) Ich habe den Abg. Hoffmann mir Recht darauf hingewiesen, daß er solche Bemerkungen unterlassen soll! (Ruse b. d. Soz.: Nein! Nein!) Rufen Sie die Entscheidung deS Hauses an!

Abg. Hoffmann-Kaiserslautern (Soz.; fortfahrend):

Der Widerspruch zwischen Stadtünd Land ist verschärft. Auf dem Lande kennt man keine Entbehrungen! (Lärmender Widerspruch rechts. Rufe: Sie haben keine Ahnung!) Alle Nah. rungsmittel muh der Staat beschlagnahmen und zu angemestenen Preisen an das ganze Volk gleichmäßig verteilen. Aber die Rück- ficht auf die kapitalistische Landwirtschaft verhin. dert das! Preußen ist die Wurzel alles Widerstandes! Die Lebens, mittelunruhen sind reine Vorläufer einer Revolution im Lande. Das muh dem Auslande gegenüber fest^estellt werden, dämit dort keine falschen Hoffnungen entstehen, aus denen eine Verlängerung des Krieges hervorgehen könnte. Die Schuld an diesen Krawallen trägt die Regierung mit ihren falschen Maßnahmen. Herr Staats­sekretär, noch ist Rübe im Lande! Sorgen Sie dafür, daß es so blerbt. (Beifall bei Den Soz.)

Staatssekretär Dr. Helfferich:

Mit seinen letzten Worten legt mir der Vorredner ans Herz, die Ruhe im Lande zu erhalten. Ich weiß nicht, ob feine Rede dazu besonders geeignet ist! (Stürmische Zusttmmung bei den bürgerlichen Parteien, lärmender Widerspruch bei den Soz.) Ich habe große Bedenken, ob das der Fall ist. (Lärm bei den Soz. Zurufe: Sorgen Sie dafür, daß es bester wird!) Hören Sie mid) doch ebenso ruhig an, wie ich dem Vorredner zugehört Hab«. Zunächst muß ich feftstellen, daß H e r r v. B a t o c k i. nachdem er drei bis vier Stunden hier im Hause gewesen war, durch wichtige Dienstgeschäfte gezwungen wurde, das Haus zu verlassen. Sobald eS ihm möglich ist, wird er zurückkehren. Praktische Arbeit ist wichtiger als die beste Rede im Parlament, wobei ich nicht behaupten will, daß die Rede, die wir soeben gehört haben, gut war. (Großer Lärm bei den Soz. Vizepräsident Dr. Paasche: Ich bitte doch, die Zwischenrufe zu unterlassen. Erneute lärmende Zurufe b. d. Soz. Vizepräsident Dr. Paasche- Bewahren Sie doch die Ruhe!)

Der Vorredner hat es für nötig gehalten, ein Bild unserer ErnährungSlage zu zeichnen, bei dem lediglich

6ie Schatten in sehr starker Farbe gemalt waren, aber d i e Li ch t. seiten vollkommen fehlten. Deshalb halte ich mich sur genötigt, die''Ausführungen zu ergänzen.

,'^mand wird bestreiten, daß in der schwierigen Frage der Volkscruahrung. deren Regelung für uns ganz neue unvorher- gesehene Ausgaben stellte. Mißbräuche und Mißgriffe vorgeiommcn ,iiib. Eine Schule für diese Diiige war nicht vor- sa.nen. Lie schule war das Leben selbst. Diese Schule mußte l-inchgemacht werden. Niemand wird auch bestreiten, daß im einzelnen da und dort Mißbräuche, Exzesse, Bewucherungen vor- As/ommen sind. Mo es möglich war, solche Mißbräuche und -...Wucherungen zu fassen, ist cs geschehen. Von feiten der ver- ninoctcn Negierungen und der Reichsregierung ist nach dieser Richtung hin alles veranlaßt worden. Ich muß es zurückweisen, das; hier irgendwie eine Nachlässigkeit, ein fahrlässiges Verschulden borlicge. (Widerspruch und Unruhe bei den Soz.)

Ju t der andern Seite darf ich doch darauf hinweifen/daß die Soiwierigreiten, wie sie bestehen und die uns Entbehrungen auf« erlegen, keineswegs ausschließlich auf Mängeln der Organisation beruhen. Vor allem muß ich zurückweisen, daß heute der Wohl­habende und Reiche noch genau so lebe wie vor dem Krieg (Zu- rufe bei den Soz.) Das ist einfach nicht richtig, cs g i b t k e i. ncn wohlhabenden Mann im Deutschen Ileich. der ein bißchen Ehre im Leib hat, derheutenochlebtwievor de m Krieg. (Lärm bei den Soz.) Bei Brot und Butter hat er schon monatelang deriselben Beschränkungen unterlegen wie alle andern. (Zurufe bei den Soz.s Die Maßnahmen, die jetzt durch- gcsührt werden, von der Brotkarte bis zur Fleischkarte, Fettkarte und Butterkarte, treffen den Wohlhabenden genau so wie die an­dern. (Erneute Zurufe bei den Soz.) Kein Volk in der Welt­geschichte hat einen solchen Krieg mit solchen Entbehrungen durch- geinacht, bei dem die Entbehrungen so auch auf die Wohlhabenden verteilt sind wie jetzt.

Ebenso muß ich der Bebauptung vom platten Lande widersprechen. Sicher ist richtig, daß auf dem Lande vielrach.

nicht immer, die Dinge günstiger liegen als in den großen Städten. Niemand wird das bestreiten. Wenn Sie dem Land­wirt. der die Dinge herstcllt, alles wegliehmen, was ist die Folge? Der Mann hört auf zu produzieren. Was geschieht dann in den großen Städten? Dann verhungern die großen Städte. Wenn der Landwirt seine Arbeit einstellt, ist eS mit den großen Städten zu Ende. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Das sind Rück­sichten auf die Prodiiktion, die wir nehmen müssen rind die uns nicht etwa auserlegt werden, weil uns der Produzent als Mensch oder als Klasse näher steht als der Konsument, sondern die wir in Rücksicht auf den Konsumenten selber nehmen müssen, um uns das Durchhalten zu ermöglichen; wir können die Produktion nicht totschlagen.

Und nun die Situation, wie wir sie infolge der mäßigen Ernte des ersten und der außerordentlich schlechten des zweiten Kriegsjahres haben. Wenn Sie das völlig richtige Bild gewinnen loollen, bitte ich Sie. was ich jetzt ausführe, nicht zu vergessen, denn darin liegt der Schlüssel zu vielem.

Der Berichterstatter hat bereits erwähnt, daß in manchen Punkten die Zurückhaltung, die wir bisher üben mußten, heute fallen muß. Der Aushungerungsfeldzug ist auch nach meiner Ansicht von uns gewonnen, auch wenn die nächsten Wochen noch sehr schwer sein werden, deshalb kann man auch von dieser Stelle aus freier svrechen. Nie­mand bedauert es mehr als wir, daß es bisher nicht möglich war, dem Volke zu sagen, wie die Verhältnisse li^en, nicht die von den Menschen geschaffenen, sondern die durch die höhere Gewalt herbcigeführten. Manche Verbitterung wäre überhaupt nicht auf- gekommen. Rücksichten auf das Ausland verboten uns aber, rüher zu reden.

Gan; kurz die allerwichtigsten Zahlen. Wir sind an einen Brotgctreideverbrauch von 18 MA- lionen Tonnen im Jahre gewöhnt. Davon erzeugten wir 16 Mil­lionen im eigenen Land, 2 Millionen ungefähr ist der Einfuhr- überschnß. Sie wissen, daß die Ernte noch keine 12 Millionen onnen betragen hat. Das ist beim Brotgetreide nur zwei Drit- fcl dessen, was wir in normalen Zeiten haben. Ist eine solche Reduktion ohne die schiversten Rückwirkungen möglich, auch der der besten Organisation? Ich sage: nein.

Futtermittel. Bei .Hafer war die Jnla^ldZerzeugung 1913 9,6 Millionen Tonnen, 1914 9 Millionen, im letzten Jahr noch keine 6 Millionen. Also noch nicht einmal zwei Drittel dessen, was wir in normalen Zeiten haben. Dazu kam d i e Einfuhr von Futtergerste, in der Hauptsache aus Ruß­land, etwa 3 Millionen Tc-nnen, in Wegfall, in Wegfall kam die Maiscinfuhr und ebenso fiel die gesamte Einfuhr an ölhaltigen Futtermitteln, die mehrere Millionen ausmachte, weg.

Wer will behaupten, daß die Entbehrungen, die heute dag deutsche Volk durchwacht, angesichts dieser Zahlen überhaupt ver­meidlich waren. Auch in ganz normalen Zeiten .war eine Fleischnot, wenn ein so schlechtes Fuiterjahr^voMuS- ging, wie da» vorige gewesen ist, eine ganz natürliche und unabwendbare Erscheinung. (Lebhafte Zufttm- mung.) DaS hat doch mit der Gesellschaftsordnung nichts zu tun. (Widerspruch bei den Soz.) Wenn die Sozialdemokraten einmal regieoen werden, was wir wohl nicht erleben, aber einerlei, wie sie regieren das Wetter werden sie auch im Zukunfiöstaat nicht machen. (Heiterkeit und Zusttmmung.) Wenn Sie die Absper- rung, die unS durch die Völkerrechtswidrige KriegSft'rhrung Eng- landS auferleat ist, hittzunehmen, fo muß die Geschichte, das ist meine feste Neberzeugung, dereinst anerkennen, daß daS, was hier geleistet worden ist, trotz aller schtveren Mängel im einzelnen, eine der größten Großtaten ist, die je vollbracht wurden. (Leb- hafte Zustimmung.)

Meine Herren (zu den Soz.): Jetzt schweigen Siel (Stür­mischer Widerspruch bei den Soz., Unruhe.) Ich werde Sie nicht zum Aweitenmal provozieren, da Sie daS nicht gut vertragen. (Heiterkeit.) Ich richte an Sie den Appell, diese durch keine menschliche Macht zu ändernden Verhältnisse bei der Darstellung der Dinge gebichrend zu berücksichtigen, namentlich auch draußen. Nur so können Sie der Bevölkerung zu einer objektiven zutreffenden

M una der Sachlage verhelfen. Auch Sie haben das Interesse.

) Ruhe tm Land« aufrechterhalten bleibt und daß die Be­völkerung in Geduld tragt, was nicht abzuändern ist. Was ab- wendbar ist, wollen wir abändern. (Zuruf des Mg. Emmel, Soz.: Wenden Sie zunächst den Wucher und die hohen Preise ab!) Sie würden eS vielleicht besser machen, aber wir setzen unser Bestes daran, die vermeidlichen Entbehrungen ak^uwenden. Mit solchen Reden dagegen tun Sie das Gegenteil dessen, was die Lage de» VaterlandeS erfordert. (Unruhe.)

Wenn Sie z. B. behaupten, dt« Pommerfchen Meiereien hätten bei einem Kapital von 100 000 M. einen Wuchergewtnn von 200 000 M. verdient, so spricht das von einem ganz elementaren Mangel an Kenntnis der Verhältnisse. Ebenso wie bet den Konsumgenossenschaften kommt «8 nicht auf die Kapital- hohe an. Fragen Sie einmal nach dem Umsatz und berechnen Sie danach den Gewinn. Dann kommen Sie zu anderen Zahlen als 200 Prozent Gewinn, die nach außen klingen, aber innerlich höhl und lmwabr sind. (Widerspruch bei den Soz.)

Fassen Sie die Dinae in Ruhe und mit Objektivität auf und vermitteln Sie sie den Kreisen, die Ihnen nahestehen, diese Ruhe und Objektivität, da? wird dem Ziel dienlicher fein, als die jetzt gehörten Reden. (Beifall.)

Nach einer Rede des Präsidenten de» KriegSernährungsamt«- v o n Batocki vertagte sich da» HauS auf Donnerstag vormittag 10 Uhr.