Ausgabe 
2.6.1916 Zweites Blatt
Seite
3
 
Einzelbild herunterladen

Kur dem Reiche.

Der Reichskanzler in Süddeutschland.

München, 31. Mai. (WTB.) Nach der Korrespondenz Losfmamr fand zwisck-en dem Reichskanzler und dem König von «Bayern nachstehender Depeschenwechsel statt:

. Neuosfingen, 30. Mai. Seiner Majestät dem König, München. Euere Majestät bitte ich erneut, meinen tief­gefühlten ehrerbietigsten Dank für die so überaus gnädige Ausnahme entgegenzunehmen, deren mich allerhöchst die­selben wiederum würdigten. Wenn ich daraus die Gewiß­heit schöpfen darf, daß Euere Majestät meinem unwandel­baren Bestreden, dem Reich auch in seinen Fürsten und Stämmen mit allen ifteittejt Kräften zu dienen, mit aller­höchst Ihrem Vertrauen begegnen, so ist mir das die festeste Stütze und Hilfe in dieser großen ernsten Zeit. Die Bevölkerung von Euerer Majestät Residenzstadt er- tvies mir auch diesmal wieder so viel Freundlichkeit, daß ich Euerer Majestät auch dafür tiefsten Dank schulde.

Bethmann Hollweg.

Herrn -Reichskanzler von Bethmann Hollweg, Stutt­gart. Euerer Exzellenz danke ich herzlich, für das liebens- 'jvürdige Telegramm. Ich freue mich, daß Sie so gute Ein­drücke von München mitgenommen haben. Ich begleite Ihr ^verantwortungsvolles Wirken in - dieser ernsten' Zeit mit ineinen innigsten Wünschen, die getragen sind von dem vertrauen, daß Euere Exzellenz alle Kraft einsetzen für die Erreichung des großen Zieles, nach dem das gemeinsame Streben aller Bundesstaaten und ihrer Fürsten gerichtet ist, für eine glückliche, gesicherte Zukunft des Deutschen Deiches. Ludwig.

Stuttgart, 31. Mai. (WTB.) Der Reichskanz­ler reiste heute mittag um 12 Uhr 25 Min., nachdem et! Auvor beim Ministerpräsidenten Dr. v. Weizsäcker gefrüh- MW hatte, nach Karlsruh e ab.

Karlsruhe, 31. Mai. (WTB.) Der Reichskanzler

Betihmann Ho-llweg ist heute nachmittag gegen Halb 3 Uhr nrit dem fahrplanmäßigen D-Zug hier ein- Mtroffeu. Am Bahnhof hatten sich zum Empfang cin- ijgefunden: Der Flügeladjutant des Großherzogs, General- wrajor Freiherr Seutter von Lotzen, Staatsminister Mreiherr v. Dusch und «der preußische Gesandte von Misendächer. Das auf denr Bahnhof anwesende Pu­blikum brachte auf den Reichskanzler ein Hoch aus. Auf der Führt zum herzoglichen Schloß lmrvde der- Reichs­kanzler don dem zahlreich ihn erwartenden Publikum freudig begrüßt. Der Reichskanzler hat im Schloß Ab- Kergequartier getrommen. Im Laufe des Nachmittags wird »er vom Gro ßherzo g empfangen roerden. Auch die Groß- ^herzogrn Hilda und Luise werden den Reichskanzler emp­fangen. Heute abend findet inr Palais zu Ehren des ReichskanAers eine Abendtafel statt. Die Zeitungen der Laudeshauptftadt widmen dem Reichskanzler herzliche Äegrüßungsartikel. Sie heben das vertrauensvolle Verhältnis hervor, in welchem sich die Reichsregie- amug mit den hundesfiaatlüheu Höfen unrd Regierungen befindet und sprechen die feste Zuversicht aus, daß 'der «ReichskanAer das, was von ihm gut angefangen wurde, M einem guten Ende führen werde.

Darmstadch I.Juni. (WTB.) Der Reichskanzler

0. Bethmann HEvtzy ist heute nachmittag 5 Uhr 30 Min. Mit dem stchrplan-mäßigen D-Juge hver eirrgetroffen Auf köem Bahnsteig waren pan Empfange erschienen der Staats- jmtnisterDnL,. E-wald,OberstallrneisterMoritz Riedesel Mhr. zu Ei send ach, Prinz Leop old zu Menburg-Bir- istein und ein Vertreter der preußischen Gesandtschaft. Als der ReichMrnzter dem Wagen eartstie^, brach das auf dem «Bahnsteig versammelte PiLlikum in lebhafte Hochrufe taus. Der Reichskanzler, in feldgrauer Uniform, sah äußetft Wch aus. Er unterhielt sich sofort angelegentlich mit dem Staat^munster Dr. v. Ewald. Bor dem Bahnhof und in de« aus Anlaß des Sieges unserer Verbündeten mit Fah>nen xe^geschmückben Straßen wurde der Reichskanzler von dem Wuvlrkum lebhaft begrüßt. Er begab sich sofort in das Staatsministertum, wo er mit dem Staatsminrster eine etwa etnstündrge Besprechuiig hatte. Hierauf wurde er vom Groß heuzog in AuDienz empfangen, dmtach findet im schloß zu Ehren des Reichskanzlers eine Abevdtafel statt.

Darmstadt, 1. Juni. (WTB. Nichtamtlich.) Der Reichskanzler von Bethinann Hollweg ist heute abend 10 Uhr 25 Min. in einem an den fahrplanmäßigen D-Zug an gehängten Sonderwageu wieder a b g e r e i st.

Der Reichstag vor der Vertagung.

Berlin, 31. Mai. Der Reichstag wird sich nach neue­ren Dispositionen vermutlich nur bis zum Oktober vertagen. Die Borlage auf Verlängerung der Legislatur­periode steht in sicherer Aussicht und zwar wird die Ver­längerung um je ein Jahr gefordert werden. Vielleicht kün­digt die Regierung ihre Ansicht noch vorher im Reichstage an, damit sich die Parteien auf Verlängerung einrichten können, denn es ist für diese ein dringendes Bedürfnis rechtzeitig zu wissen, ob Neuwahlen stattftnden oder nicht.

Die ältesten Landsturmjahrgänge.

Berlin, 31. Mai. (Amtlich.) Aus verschiedenen Mit­teilungen der Tagespresse und den in letzter Zeit beim Kriegsministerium sich häufenden Anträgen auf Entlas­sung älterer Landsturmleute geht 'hervor, daß ir­rige Ansichten über den eingeleiteten Austausch der ältesten Jahrgänge des preußischen Landsturms der Aufklärung be­dürfen.

Da sich Landsturinmannschaften der ältesten Jahrgänge seit geraumer Zeit, zum Teil schon seit Beginn des Krieges, in vorderster Linie, oder in dem anstrengenden und wichti­gen Sicheruugsdienst der Etappen- und Generalgouverne­ments-Gebiete befanden, schien ihre allmähliche Ablösung durch jüngere Landsturmmannschaften aus dem Heimatdienst angezeigt. Im allgemeinen ist daher die Ablösung und Zu- rückführnng zunächst der 1870 und 'früher, demnächst die der 1871 und- 1872 geborenen Mannschaften durchgeführt, oder in die Wege geleitet worden. Der älleiuige Zweck des Austausches ist, diesen seit längerer Zeit im Fqlde stehenden Landsturmleuten der ältesten Jahrgänge die Erleichte­rungen des D i e n st e s bei den Truppen des Besatzungs­heeres zu verschaffen, nicht aber, wie fälschlicherweise an­genommen worden ist,-ihre Entlassung aus dem Hee­resdienst herbeizuführen. Er betrifft auch nichit Landsturm- manuschaften älterer Jahrgänge, die noch gar nichit einge­zogen waren.

Alle weiteren in der breiten Oefsent lichtet t damit in Zusammenhang gebrachten Meinungen über unzuläs­sige M u st e r u n g und N e u e i n st e l l u n g der seit 1869 Geborenen, über beabsichtigte Entlassung der ältesten Jahrgänge des Landsturms usw. sind i r r i g. Die Einziehung Wehrpflichtiger, auch wenn sie zur Zeit über 45 Jahre alt geworden sind, ist nach § 27 des Gesetzes be­treffend Aenderung der Wehrpflicht vom 11. Februar 1888 zulässig.

Die Entlassung nicht kriegsverwendungsfähiger Mann­schaften, die für militärische Aufgaben nichit gebraucht wer­den, ans den Ersatztruppen kann ohne Rücksicht auf das Lebensalter von den stellvertretenden Generalkommandos genehmigt werden.

Liebknecht im Anklagczustand.

.Berlin, 31. Mai. Wie nach derB. Z." verlautet, ist aegen den Abgeordneten Tr. Liebknecht nunmehr Anklage wegen Kriegsverrats erhoben worden; damit wür­den im Fakte der Verurteilung die Mandate Liebknechts für den Reichstag und das Abgeordnetenhaus hinfällig werden.

*

Berlin, 31. Mai. (WTB.) In der heutigen Sitzung des B u nd e s r a t es gelangte zur Annahme der Entwurf der Bekanntmachung über eine weitere Erleichterung der Brennererbetriebe im Betriebsjahre 1915/16 uird der Ent­wurf einer Verordnung zur Vereinfachung der Be­köstig u n g.

Berlin, 31. Mai. (WTB.) Dem Reichstage ging eine Ergänzung zum Entwürfe des Reichs'ha'us- haltsetats zu. Darin werden u. a. 500 000 Mk. als erste Rate zum Bau eines Gesandtschaftshauses in Sofia, and 60000 Mk. znm Erwerb eines an die Botschaft in Konstantinopel angrenzenden Ge­bäudes und Grundstückes gefordert.

Berlin, 31. Mai. (WTB.) Der vierzehnte Aus- schmß des Reichst« ges beendete gestern abend die

erste Lesung des Entwurfs über die Feststellung der Kriegsschäden im Reichsgebiete. Der Entwurf wurde mit unwesentlichen Aendernngen angenommen.

Berlin, 31. Mai. (Priv.-Tel.) Nach einer Meldung derB. Z." wird Staatssekretär Delbrück am Samstag Berlin verlassen und sich zu einem sechswöchentlichen Kur­gebrauch nach Neuenahr begeben, um alsdann nach Jena zu übers iedeln.

Berlin, 31. Mai. (WTB.) Der konservative Land- tagsabgeordnete für den Wahlkreis O h l a u - Stadt und dem Landkreis Brieg, Robert K a ch e, ist heute vormittag, als er im Bahnhof Friedrichstraße den Zug besteigen wollte, im Alter von 67 Jahren infolge eines Herzschlages plötz­lich gestorben.

Aus Hessen.

Tarmstadt, 3k. Mai. Der Fina n zaus s chu ß der Zwen ten Kammer setzt heilte seine Beratung gemeinsam mit der Negie­rung fort, die wieder durch die Staatsminister Dir. v Ewald, Finanzminister Tr. Becker, Geh. Legationsrat Dr. N e i d b a r t und Oberjustiz-rat Dr. Schwarz vertreten war. Tie Behandlung drehte sich hauptsächlich um die Frage derTcuerungs Zulagen für die Unterbeam t e u. Ein endgültiger Beschluß wurde noch nicht gefaßt: es wurden vielmehr die Abgeordneten Dr. Osann und Henrich beauftragt, nach den Ergebnissen der heutigen Be­sprechung eine Resolution für den Ausschuß vorzubereiten, in welchen den Wünschen der Beamtenschaft nach Möglichkeit Rechnung getragen werden soll. In der Sitzung des erweiterten (Wirt- schafts-^ . Ausschusses wird in erster Linie -die jüngst in ei nein Artikel unseres Blattes eingehend erörterte Frage, ob es nicht im Interesse des Landes empfehlenswert sei, in den z. Zt. unbesetzten fünf Landtagswahlkreisen möglichst bald Ersatzwahlen anzu­ordnen, zur Erörterung gelangen.

Zum ttriegsgewi'nnsteuergesetz.

Die Deutsche Fraktion des Reichstags hat auf Vorschlag des Abg. Dr. Werner zur zweiteil Beratung des Ent­wurfs eines Kriegs «gewinn st euer gesetzes folgende Entschließung eingebracht:

Der Reichstag wolle beschließen: die verbündeten Regierungen zu ersuchen, bei Ausführung des Kriegsgewinnsteuergesetzes folgende Anordnungen ver­anlassen zu wollen:

1. Die Heereslieferer siltd durch die in Betracht kom­menden amtlichen Stellen den Steuerbehörden un­verzüglich bekanllt zu geben.

2. Die Ausstellung von lAuslundsPässen ist bis auf wei­teres, falls nicht der Zweck der Reise zweifelsfrei fest- gestellt ist, irur noch dann .gestattet, wenn der An­tragsteller entweder nachweist, daß er bereits die voll ihm zu entrichtende Kriegssteuer bezahlt oder Sicherheit für sie geleistet hat, oder daß er überhaupt nicht zur Kriegssteuer heran gezogen werden kann.

Der neugebildete 16. Ausschuß des Reichstags hat aus Antrag des 2$% Dr. Werner den NamenKvinmission für B e v ö l k e r u n g s po l i t i f " angenommen.

NttiVersitäts-Naehrrchten.

hk. Marburg, 2. Juni. Wie wir hören, ist Exzellenz Pro­fessor vr. meä. Behring anläßlich seines Rücktrittes vom Lehr- aint der Stent zum König!. Kronenorden zweiter Klasse verliehe» worden.

Meteorologische Beobachtung«» der Station Sichen.

Juni

1916

tz '^>

2 lTg 1 *

a S

ft w s-o

w

= o

>o ^

-2*^3

ZS

3S 5 »

il

o.

a

JO

i

5

COji

£.5 *6'

^ iS.

Wetter

1.1 2»|

20,4 1

8.7

49

_

_

3

Sonnenschein

1. 9"

15,0

10,3

81

o

Klarer Hffnme.

2. 7'"

11,8

9,0

87

7

Bew. Himmel

Höchste Temperatur am 31. Mai bis 1. Juni 1916: -f- 30,4*0. Niedrigste * . 31. , , 1. 191«: + 7,8*0.

Niederschlag 0,0 mm.

vante und das val Zngana.

Genau vor 20 Y Jahren ist in Trient, der HauMadt von Melfchtirol, Tefare Zocchrs mächtiges Bconzestandblld Tante kAlrghreres, des größten italienischen Dichters, enthüllt worden.

wundervolle düstere Gestalt blickt hinüber mit ausgezackter Hand ins Val Sllgwna, das die Legende anfs innigste verknüpft Mit des großen Florentiners göttlicher Koinödie.

Tie Brenta: die zwei Sttrnden südöstlich von Trient dem Caldvriazzosee enkströmt, fließt durch das werte, reüenumrankte Tak Hirt Nußbäumen, Maulbeer- und KastnickenWäldern, das sich sumner mehr schluchdartig verengt, bis es, nach Süden umliegend, bei Basfano sich in die Ebene wendet. Das Snganatal birgt m Lernen Schluchten den Schlund, den Tantein s>eines Lebens Mitte", als er sich im wilden Wald verirrt, unter Virgils Führung betritt, um die Fahrt mrzutreten, die rhu vom Karfreitag des Jahres 1300 an dtrcch die ganze Osterwoche in alle Reiche der Tvten, von der Hölle zum Himmel führt. Dem Vük, das nicht emMdrrngen vermag in die Gehermnipe desheiligen Liedes", ist das Werk nicht die Aufrollimg aller Höhen und Tresen der Menschenseele, es bleibt bei den äußeren Tatsachen stehen und es hat wirklich daran geglaubt, daß der Weg ins Empyreum, den Fsuerhrmmel jensetts der Wokksn und der andere in die Tiefe-der Hölle existiert. Und schaudernd empfindet es die gewaltigen Morte über dem Eingang des Höllentores, die mit dem Satz be- jMrnQr ?er me 8i va neUa dttä dolente" rmd die in eurer Ueber- Letzung lauten:

Ich führe hin zu mitterirächi^gem Graufeu,

Ich führe hrn zu Qual Und ew'gem Leid,

Ich führe hin, wo die Verlognen Haufen.

Erschaffen bin ich bsrtxij Gerechtigkeit.

Unheimlich mögen im Ohr j<Les italienißchm Patrioten, das ffcch nicht^vvm Geschrei des feilen Straßenpöbels betäuben läßt, heute diese Worte klingen, da aus denr Snganatal, aus dem liganzen Trentino das heranfbeschworene Verhängnis naht, da sich Oesterreichs L>öhne ivaff-enllirrend imurier weiter carsdretteic in Kenetieu und der Lombardei. Zu spät wird dar Italienern Dantes Geist lebendig. Ter Verbcrmrte, Heimatlose, denk das ge­liebte Florenz brutal die Pforten verschloß, unr später, als er in der Fremde - rnr Elend fast starb, sich um seine Gebeine zu frtteiten, träumte von einem Groß-Jtalren. Aber er, der selbst die Waffen zu führen wußte, der mit den guelffschen Florentiner!» «gegen Arcz-zo und die Ghrbellinen focht und später vor dem Easdell 6aprona lag, sah die Rettung nur im Germanentum. Begeistert jubelte er dem schwachen Heinrich zu, als der Luxemburger 1310 Kber die Alpen südwärts zieht, um mit s-einen Söldnern das alte .Äarsertum wieder aufturichten. Denn er hielt es nie für möglich!, idaß das damals wie heute von Parieiwut zerrissene Italien ^ich aus eigener Kraft einporringen könne.

Italien, Sklavin, Schlund voll Schmerz und <^aus,

Schiff ohne .Steuer auf durchstürmten Meeren,

läßt er den Dichter Sordello klagen. Wie sehr er recht hatte, zeigte ffch an dem Auffchwunge, den Italien im Bu^id mit germanischen Freunden nahm. Mutwillig hot das verblendete Volk die Freundeshand zurückgestoßeu und den Bund treulos ge­brochen. Beschwörend erhebt sich aus dem Sugcrnatal der Geist des Dichters und weist auf deir hoffunngslos-en Pfad, der sich vor Jtalieir öffnet, aber es ist zu spät, noch auf ihn zu hören, denn schon blitzen die österreichischen Bajonette über der Pvebene, und für Italien bricht die Stunde an, da

Fernher klagend ob des Tags Erbleichen T«s Trauerlied der Abendglocken klingt." O. K.

*

,,G rv ßeMänner aus gro ßer Z eit." (Die Porträt- Galerie der Großen Berliner Kunstausstellung.) Aus Berlin wird uns geick:rieben: Da di-e diesjährige Schau der Großen Ber­liner Kunstausstellung nicht nur an Umfang den früheren Ver­anstaltungen in Frredenszeiten gleich Kommt, sorchern dieselben an interessierender ALaunig faltigle.it und tätsächlichein Kunstwert ftag- los übertrifft, gebührt ihr auch bejchldere Beachttrng in gewisse Einzelgruppen. Aus diesem Grnude fei der im ersten Saale unter dem TitelGroße Männer aus grvßer Zeit" uutergebrach ten Galerie eine getrennte Besprechung gewidmet. Tie Galerie, die ins-, gesamt 32 große Werke umfaßt, stÄlt in doppeltem Sinne eine nicht oft zugängliche Schau dar. Sie wurde von zwei Gesichtspunkten aus gestaltet: erstens sollte sie die bedeutendsten 9Nänner aus emex vergangenen bedeutungsvollen und erfolgreichen Epoche Deutsch­lands den Männern der Gegenwart gageniiberstellen, sie sollte die Erinnerung lebendig machen und Vergleiche gestatten; undl zweitens sollten rreben den zahlreichen modernen Dealern, deren. Werke die übrigen Räumlichkeiten des weülauffgen Ausstellungs- Hauses am Lehrter Bahnhof füllen, auch bereits der Zeit unserer Väter angehörende Größen der bildenden Kunst uns wirken. Also ein doppelter Zweck sowohl rein historischer wie auch künstlerischer Art, der auch wirklich erreicht wurde. Tie Porträts stellen Herrscher, StaatsmänTwr, Leuchten der Philosophie und Wissenschaft, Pioniere der Industrie und Künstler dar eine Aus­lese deutscher Kraft im besten und edelsten. Sinne. Siebzehn Künstler sind an der Galerie beteiligt: die namhaftesten darunter sind Franz von Lenbach, Anton von Werner, Ludwig Knaus und Reinhold Begas. Von Lenb ach wurden neun in gleicher Weise glänzende Porträts hervorgeholt, so daß ein Leubach-Liebhaber bis zu einem gewissen Grade auf feine Kosten zu kommen vermag. Am ergreifendsten wirkt das ans zahlreickieu Reproduktion«! be­kannte Bildnis Kaiser Wilhelms I., das^ sich im Privatbesitze des Fürsten von Hatzfeld beffndet. Es vereinigt die starren Vorzüge des Po-rträtisten Lenbach scharfes Erfassen des Charakters und Größe des Stiles, sowie individuelle Wahrhaftigkeü. Aus be­greiflichen Grirnden sei gleich danach das 'Bildnis des Altreichs­kanzlers Bismarck genam-t, das eine gebändigte Kraft durch­geistigt und formsicher wiedergibt. Werter erblickt man die Bild- nisse von Theodor Momursen und Ferdinand von Helmhottz, sowie ein Porträt Rudolf von Delbrücks und ein Bildnis Werner von

Siemens. Erfreulicherroeise ist auch der Meister persönlich durch sein im Besitze der Frau Lolo von Lenbach befindliches Selbst­porträt vertteten. Auch Ltuton von Werner ist in einem Selbst- bildrüs zu sehen, mrd seine Darstellung Victor von Scheffels atmet technisch spielend belvaltigte Wärme. Kaiser Friedrich III. ist durch H. v. Angeli dargeftellt. Auch dieses Bild geht in seiner Wirkungskraft malerischer Ausdrucksstarke ivesentlich über das rein Historische hinaus. R^fflhold Begas ist durch ein Selbstpvrträt vertreten, starkes Interesse nimmt in dieser Zusammenstellung guch Oskar Begas, Bildnisse von Lllbert Borsig und Rudolf v. Gneist, in Anspruch. Eines der interessantesten Selbstbildnisse ist das von Ludtvig von Knaus. Weiterlchr sieht mau Karl Heinrich Marx (von W. Müllew-Schö ne selb), Johannes von MiguÄ (von Max Krön er), Adolf von Menzel (von R. Schulte im Hofe, Treitschke, Birchow, Simson^ Richard Wagner, Wnrdthorst (ein ausgezeichnetes Stück von Siegnruud l' Allemand) und rftu äußerst prägnante Darstellung des Grafen Hellmuch von Moltke von der sicher gestaltenden Hand Lenbachs. Kaiser Wilhürn II. ist durch eine Gipsbüste von Max Be zu er gestaltet, die aber ber aller technischen Durchbildung -leider nicht über gelungene Aehnlich- keit und eilte gewisse Rühe des Zlusdrucks hinausLonnnt. Eine aus unbegreiflichen Gründen noch nie in größerem Rahmen gesehene Porträtdarstellung Metzsch^ durch den Berliner Kurt S t o e v i n g bringt uns deu Philosophen menschlich näher als alle Abtzand- lungen: dies Bild ist zwar zuletzt, aber nicht als Letztes genannt.

M. B.

Die U r a u f f üh r u ng eines vergessenen Luft- s p i e ls. Ans Hamburg wird uus geschrieben: Das Thalia- Theater überraschte noch am Ende der Spielzeit nftt einem aus den. verstaubten Literaturfächern der Nacbcomautik aufgestöberten dramatischen Werk, das bisher irock) niemals aufgeführt worden ist. Der Spürsinn der Theaterdirektoren qelst in der Tat bisweilen seltsanre Wege. Also das Ereignis brachte uns als abschließendes Stück des Uraufführungszvllus an zwölfter Stelle jenes Lustspiel Verbot und Befehl!" von Fried-rick) Halm, das fünfzig Jahre zwischen den Buchdeckeln verborgen blirK und nun noch die Probe im Darstellungsapparat bestehen Mußte. Der Schauplatz der Handlung ist Venedig um die Zeit der Renaissance. Das Tribmrat faßt zwei Beschlüsse, ein .Verbot, wonach ein junges Ehepaar seine allzufreien und ausgiebigen Zärtlichkeiten-ans öffentlichen Plätzen künftig zu unterlassen hat. daun einen Befehl, ivonach ein anderes Paar sich nkehr in Liebe füreinander zu erwärmten und seine Ver- nkählung zu beschleunigen ljcrt. Em angetrunkener unzurechnungs­fähiger Sekretär bringt aber die beiden Beschlüsse gmgekehrt zu Protokoll und veranlaßt denrentsprechend die Ausffilkrung. In der Folge sieht man nun die Mißverständnisse zwischen den Parteien in allerhand drastischen Situationen ihr Wesen treiben. Die dichte­rischen Werte des Lustspiels sind gering. Wie bei den Schauspielen von Friedrich Halm, so treten auch hier die ttzeatermäßigen Effekte in geschickter Verteilung hervor. Die Aufführung arbeitete diese Effekte in einer günstigen Form heraus, in der rüchts übertriÄEni nmrde. Das Publikum ualnn das Lustspiel sehr vergnügt auf und spendete ihm lebhaften Beifall. A. L.