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ZGetter Biatt
lbb. Zßhrgang
Erscheint Lägüch mit Ausnahme des Sonntags.
Die „G^tzever KamiReüblatter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt. das „UreisdlaLt für den Kreis G letzen" zweimal wöchentttch. Die „r<mdVfttschasilichen Zeft- srgge»" erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger für Gderhejjen
Mwwoch. S». Mai Wb
Notationsdruck und Verlag der Brülft'schea Universttäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schristleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle u. Verl ag:e^M51, Schrift» leitung: e^K112. Lidresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Ließen.
Der Vormarsch an der Struma.
Saloniki, 30. Mai. (WTB.^ Meldung des Reuterschen Bureaus. Tie Bulgaren haben das griechische Kort a» der Sorjemündung in die Struma sowie die Station und Brücke von Demir H i s s a besetzt. Deutsche und bulgarische Offiziere erklärten am Donnerstag dem- grieckstschen Komnrandanten von Rüpel, sie hätten den Befehl, die bulgarisch-' linke Flanke gegen- einen Angriff der Verbündeten zu decken. Sie schlugen vor, das Fort in Ucbereinstimmnng mit den Grundsätzen der Neutralität, wie -sie in Athen ausgelegt seien, zu besetzen und verlangten den Abzug der Griechen binnen 24 Stunden. Der Komnurndant telegraphierte nach Athen. In einem Protokoll verpflichteten sich die deutschen und bulgarischen Offiziere, das Fort zu räumen, sobald die Ursache dieser Okkupation aufhöre. Hieraus zogen sich die Griechen mit Ausnahme einer Kompagnie z u r ü ck, die 24 Schüsse abgab und sich dann auf einen bestimmten Befehl aus Athen ebenfalls zurückzvg. Tie Deutschen und Vulgaren sind sehr tätig bei Ta nt hi (Eskidze) und nordöstlich von Kcuvalla, wo sie Pontons zusammenbringen, um die Mo we t a überschreiten zu können.
Mi dem deutsch-bulgarischen Vormarsch an der Struma, mit der Besetzung von Serres und dem Borrücken auf Kawula sind politisch-geographische Fragen nuf- gerollt, die schon lange in diplomatischen Verhandlungen eine große Rolle spielten, ohne eine Lösung zu finden. Die Bulgaren befinden sich jetzt auf einem Gebiete, das der Vicrverband ihnen, ehe sie mit den Mittelmächten gegen Serbien loGmarfchierten, freiwillig und schenkweise geben wollte. Es ist fremdes, neutrales Gebiet. Aber was hat denn der Vierverband in seinen Kuhhandeln anders zu verschachern, als Dinge, die ihm selbst gar nicht gehören? Im Bukarester Frieden sv ertrag war der Landstrich zwischen der Mesta und der Struma den Griechen zu gesprochen worden. Als Bulgarien sich anschickte, in Mazedonien ein- Mimarschieren, versprach der Vierverband dem König Ferdinand, wenn dies nicht geschehe, als Belohnung, d. h. als Bestechung ,^awula mit Hinterland". Auf die Anfrage der bulgarischen Regierung, was unter dem Ausdruck „Hinterland" §u verstehen sei, blieb der Vierverband eine nähere Erklärung schuldig. Er beschränkte sich aus die Be- mersirng, daß der Umfang des abzutretenden Hinterlandes abhängig gemacht werden piüsse von der Größe der Entschädigungen, die Griechenland in Kleinasien erhalten werde. Diese Zweideutigkeit hatte ihre guten Gründe, die ^zurückzufuhren sind auf die Verhandlungen, die Rußland, ^.Frankreich und England seinerzeit mit dem über diese IFrage gefallenen griechischen Ministerpräsidenten Venizelos gepflogen hatten. Venizelos war bereit, Kawala mit Sary- jchaban auf der einen und Drama auf der anderen Seite den Bulgaren zu überliefern, aber sowohl er als auch oie verhandelnden Mächte wußten, von vornherein, daß sich Bulgarien damit nicht zufrieden geben würde. Als im Auchrst 1915 die Mächte dem bulgarischen Ministerpräsidenten Kawala von neuem anboten, richtete er die Frage an sie, ob er tarn Kawala auf dem Luftwege erreichen solle. Der ZuacmK Von Bulgarien nach dem hinter einem Ge- birgswall liegenden Kawala geht nämlich durch das Strumatal. Mit Kawala, Saryschaban. und Drama ist daher den Bulgaren nur dann wirklich gedient, wenn sie das Strumatal mit der Stadt Serres dazu bekämen, was die Verlegung der griechisch^ ulgarischen Grenze vom M e st a f l u ß zum G t ru m a f l u ß bedeuten würde. Kanaerr, Sarhschaban und Drama haben eine überwiegend türkische, jüdische und teilweise auch sla
wische Bevölkerung. Serres ist rein griechisch. Auf die Abtretung von Serres toimtr und wollte sich deshalb auch Venizelos nicht feftlegcn. Man ließ infolgedessen die Sache in der Schwebe, dachte sich: „Kommt Zeit, kommt Rat" und blieb bei der ungenauen und unbestimmten Bezeichnung „Hinterland von Kawala". Wenn einmal die vor den Verbandsmächten in Aussicht gestellte große Teilung der Welt losginge und den Griechen ein prächtiges Stück Klein- asiens mit Smyrna zufiele, dann, so schmeichelte man sich, werde es leichter fallen, mit der Kawalafrage sogar bis zum Strumafluß im Sinne der Verbandsmächte reinen Tisch zu machen.
Die Bulgaren haben sich an ihr schönes Sprichwort gehalten: „Die Zeit ist das schnellste Pferd: weh dem, der sich nicht an ihrer Mähne festhallen kann." Sie haben die Zeit benutzt, um dem Feinde das abzujagen, was sie als ihr gutes Recht und Eigentum betrachten. Wenn sie jetzt in das Kawalagebiet einrücken, so tun sie es gezwungen durch die Notwendigkeit des Krieges, durch die freche Völkerrechtsverletzung der Entente, die aus dem griechischen Saloniki einen englisch-französischen Stütz- und Ausgangspunkt gemacht hat. Die Bulgaren betrachten bei diesem ernsten und folgenschweren Schritt Griechenland nicht als ihren Feind. Die bulgarische Regierung hat ja verschiedentlich Beweise der freundschaftlichen und vertrauenswürdigen Haltung Griechenland gegenüber gegeben. Man denke nur an die Bereitwilligkeit außerordentlicher Getreidelieserungen, an die Ueberlassung von Wagenmaterial und Beamten usw. Man hat es ja auch in Sofia immer wieder in Briefen und Noten ausgesprochen, daß man die griechische Neutralität in jeder Weise achten und sich für die Zurückhaltung Griechenlands gern erkenntlich zeigen werde. Und darum wird Griechenland gut tun, auch diese Prüfung ruhig über sich ergehen zu lassen, nachdem es von seiten der anderen Partei viel schlimmere Einwirkungen ertrug. Wer es ehrlich meint und jedes verpfändete Wort auch wirklich einlöst, und wer es nur aus Lug und Trug und brutale Vergewaltigung abgesehen hat, das muß den Hellenen nach ihrer bisherigen Erfahrung eigentlich doch schon klar geworben sein.
Arss Hessen.
rb. Darm stabt, 30. Mai. Der Fi n a n zaus s chuß der Zweiten Kammer hält heute und morgen unter Vorsitz des Abg. Dr. O s a n n Beratungen ab. Zunächst würben die vom Abg. M o l t h a n erstatteten Berichte über die Regierungsvorlage, bie Banverwaltung betreffend, über ben Antrag KWkier und Tr. Osann, betr. Notkredite für zisrückkehrenbe Kriegsteilnehmer, und über die Vorstellung der hessischen Bauafpiranten über ihre Tienst- verhällufffe genehmigt. Dann fand über bie Regierungsvorlage, betreffend bie Befreiung vom Stempel auf Errichtung gemeinnütziger Wohnungen eine längere Aussprache statt, in der insbesondere bie Begriffsbestimmung ber „Minderbemittelten" eine Erörterung fand und bei der auch ber Uebergang von Häusern aus dem Besitz des Käufers an weitere Personen, die dem Stempel nicht unterworfen werden soll, besprochen wurde. Der letztere Gedanke wurde aber abgelehut und soll auch bezügfih anderer Punkte noch eine Erklärung der Regierung eingeholl werden. Me Vorstellung der Gerichtsvollzieher, die Sicherung ihres Diensteinkommens betreffend, wurde in einem die Wünsche der Petenten berücksichtigenden Sinne erledigt und dabei besonders Hingeiviesen aus die erheblich geschmälerten Einkommen Md die Fortdauer der Aufwendungen für Wohnung, Schreibhilfe usw. hervorgehoben. Eine Gleichstellung der Gerichtsvollzieher im Gehalt mit den Aktuariatsaffistenten der ersten Stufe (2500 Mark) wurde für nicht genügend erachtet; es
soll eine Erhöhung je nach dem Lebensalter üesürivoriet werden. Betreff der Vorstellung des Verbandes der Gerichtsdiener wurde von der Negierung dahin Ausschluß gegeben, daß.für die Gerichts- diener ein Netto-Gebühreneinkomnien von^ 500 Mark garantiert wäre und daß hiermit deren Wünschen entsprochen sei. Mit Rücksicht hieraus wurde die Vorstellung für erledigt erklärt. — Die Vorstellung des Zahlmeisters Lösch, betreffend Jmmobilienstenrpel, wurde als in den bezüglichen Bestimmungen nicht gerechtfertigt nbgefthnt, ebenso die Vorstellung des Amtsdieners Kehr betreffs 'freier Heizung und Beleuchtung wegen der für andere Beamte eintretenden Konsequenzen. — Di' RegiecirngsVorlage, betreffend Beteiligung des hessischen Staates an der KartesülVersorgung bei der Gesellschaft mit einem Betrag bis zu. 50 000 Mark wurde genehmigt. Längere Verhandlungen, die noch nicht abgeschlossen sind, zeitigte .noch die Vorstellung der staatlichen llnterbeamten wegen Teuerungszulagen »nährend des Krieges. Die Verhandlungen werden morgen früh 10 Uhr fortgesetzt.
Aus Stßbt wttö £<md.
Gießen, 31. Mai 1916. Tüiri-Himmelfahrt.
Das Himmelfahrtftst ist ein Fest, das in den Monat zu fallen pflegte. Tie Ausnahme:! von dieser Regel, wie sie uns das lausende Jahr mit seinem am 1. Juni stattfindenden Himmel- fahrttag bringt, gehören zu den allergrößten Ausnahmen. Während das Osterfest abwechselnd in den März und den April, das Pfingstfest dagegen bald in den Mai, bald in den Juni fällt, ist das Himmelfahrtfest derartig ein dem Monat Mai eigentümliches Fest, daß im langjährige:! Durchschnitt nur alle 25 Jahre einmal eine Ausnahme zu verzeichnen ist. Ter Fall, daß der Monat Juni Himmelfahrt bringt, kommt sogar im allgemeinen nur dreimal in einem Jahrhundert vor. Ter letzte Fall dieser Art ereignete sich zwar erst vor kurzer Zeit, im Jahre 1905; der nächste aber wird erst im Jahre 1943 und der übernächste gar erst iw Jahve 2000 zu verzeichnen sein.
Noch viel seltener srellich ko mutt es vor, daß der HinttüelfayrtS- tag bereit© in den April fällt. Dieses Ereignis stellt sich nämlich n u r in dem Falle des überhaupt frühesten Möglichen Ostertermins ein, d. h. wenn bereits der 22. März der -Ostersonntag ist — dann stellt sich nämlich Himmelfahrt am 30. April ein. In den letzten 000 Jahren wiajr dieser Fall aber- n.nr ftrsg'Acnnt dkveimlal zu verzeichnen, und zwar in den Jahren 1666,176 l und 1813. Dos letzte Vorkommnis dieser Art liegt also berests volle 98 Jahre zurück, so daß ein April-Himmelsahrtssest für die heut lebende Generation als unbekannt bezeichnet werden kann. Auch die nächsten Generationen werden Himmelfahrt nienmlS iM April feiern, denn in mehreren hundert Jahren wird der früheste OsterterMin des 22. März, der die Voraussetzung der April-HimMelschrtsfeier ist, nicht wirder- kehren.
Himmelfahrt inr Juni hat dagegen ein großer Teil der hieutchen Generation verhältnismäßig so «oft gefeiert, wie es in den letzten Jfthrn Hunderten keiner anderen Generati on, beschiedeu und auch den nächste folgenden nicht beschieden sein wird. In den letzten 70 Jahren nämlich, einschl. des gegenwärtigen Jahves 1016, gab es nicht weniger als fünf derartigejFälle: 1848, 1905 und 1916 frei Himmelfrchrt auf den 1. Juni, 1859 auf den 2. Juni, 1886 auf den spättstmtt^üchen Termin, den 3. Juni. Vereinzelt wird dieses Datum auch ist Jahre 1043 noch eirrmal wieder kehren, während das Datum! des Jahres 1859. der 2. Juni, für die ganze Zeit 'von 1792 bis zum Ende drs Jahrtausends vereinzelt blieb und das heurige Datum, der 1. Juni (das vor 1848 volle 167 Jahre ganz ausgefallen war) erst im Jahre 2000 wieder Himmelfahrt sehen wird, so daß nur ein verschwindend kleiner Dell der heutigen Mndevgeneration eine Wiederholung des Ereignisses erleben kann.
Es ziemt sich wohl, auf diese Dinge hinzuweisen, da sich die allertoenigsten dessen bewußt sind, welche sehr grosse Seltenheit ein nicht in den Monat Mai füllendes HimmelfahrtSfest darstellt.
Lin tzeldstporträt Wriheim vsn humdoiöts.
(Aus autobiographischen Fragmenten.) Den Plan zur Abfassung einer Selbstbiographie faßte Wilhelm v. Humboldt, so viel aus seinen Briefen hervorgeht, dreinml in seinem Leben. In einem aus Wien vom 10. August 1814 datierte:! Schreiben an seine Frau läßt er in einer Betrachtung über seinen Jugendfreund Gentz die Bemerkung fallen: „Ich glaube ihn sehr richtig zu kennen und auch so geschildert zu haben in meinen Schriften über Mein Leben, die Du einmal nach meinem Tode ffnden wirst." DaS hier erwcchnte Manuskript ist aber leider verschollen, und auch von einer zweiten Biographie, die Humboldt in einenv Brief an seine Frau vom 30. August 1817 in Aussicht stellte, wissen wir nichts bestimmtes. Hingegen blieb eine seit dem Jahre 1816 vorliegende Autobiographie erhalten, die das Datum Frankfurt. 29. Januar 1816 trägt und aus einer Reihe von Fragmenten besteht. Aus diesen Blättern, die Albert Leltzmann im nächsten Heft der „Deu1sck>en Rundschau" mitteilt, läßt sich selbst auszugsweise ein außerordentlich intereffautes und scharfes Selbstbildnis Wilhelm v. Humboldts gewinnen: „Die hervorstechenden Seiten an mir," schreibt er, „sind: vollkommene Herrschaft des Willens über mich selbst: vorwaltende, innerhalb gewisser Schranken, und in einer bestimmten Art sehr bedeutende, und ^nimmer ermüdende Denkkraft; bei gar keiner Neigung auf das Aeußere, als solches leidenschaftliches Verlangen nach innerer, auf ganz eigentümlich Weise idealischer Beschäftigung mit und in mir selbst. Aus diesen drei Stücken folgt unmittelbar, daß ich ein durchaus iimerlicher Mensch bin, dessen ganzes Streben nur dahin geht, die Welt in ihren mannigfalttgsten Gestalten in seine Einsamkeit zu verwandeln." Ueber eine seiner hervorragendsten Eigenschaften, die Selbstbeherrschung, erklärt Humboldt: „Me Selbstbeherrschung hat seit meinem 12. Jahre, wo ich sie, ganz aus innerem Anttieb, anfing, bis jetzt, wo ich sie noch nicht verschniahe, zu üben, nie finen mcderen Zweck gehabt, als sich selbst . . . Ich habe von jeher eine Abscheu davor gehabt, mich in die Welt zu mischen, und einen Trieb, frei von ih, als ihr Beschauer und Prüfer, zu stehen, und habe natürllch gefühll, daß nur die unbedingteste Selbstbeherrschung mir den Punkt außer der Welt schaffen kinrnte, dessen ich bÄmrfte; dann liegt auch in dieser, den reinen innern WWen ehrerchen Nüchternheit für mich das eig-Eirtlich Edle des Menschen. Meine Selbstbeherrschung und mein Zur ück tre t en auS der Welt sind aber durchaus von dem -asketischen Tote:! der Begierde, und dem einsiedlerischen Entfernen vom Weltlichen verschieden . . . Die Begierden, wie Zorn, Haß, Rachsucht, durch deren Befriedigung der Mensch bloß gewinnt, daß er sich ihrer kochenden Glut entlade, sind mir teils fremd gewesen, teils habe ich ffe von nrir wllMrlich entfernt." Auf sehr persönliche Weise schildert Humboldt die Eigenart seines starken Willens: „Das Auffassen der Welt in ihrer Individualität und Do- talftät ist gerade durchaus mein Bestreben, und liegt selbst der WllleuSherrschaft, als Zweck, zum Grunde." Nach einer philosophischen Betrachtung über die Herrschaft, des Willens, die sich in einen negattven und einen positiven Teil zerlegen lasse, fährt Humboldt fort: „Mit der Selbstbcherrschung ist Abwesenheft der Furcht, wenigstens Mut, verbunden. Dieser ist in mir nie instinktarttg gewesen, und darum kann ich gewiß sein, jede Art in jedem Augenblick zu besitzen. .Die Frage nach seinem: Charakter beant
wortet Humboldt auf folgende Weise: ,L1lS Natureigenschaft habe ich ihn garnicht,' wenn ich aber will, in höchstem Grade." Ueber seine Geisteskräfte fällt er selbst das' folgende strenge Urtell: „Wahr bleibt es gewiß, daß sowohl ehemals als jetzt, Mein Kopf ursprünglich langsam, dürftig an Mmenigfaltigkeit, und zu wenig lebendig ist . . . Ich habe sehr viel Zeit nrft Mechanischem, dem Kopf wenig fruchtbarem Studium zugebracht . . . Ich kann ftcheß nicht sagen, daß meine Geisteskraft Mit dem Zunehmen der Jahre gesunken tväre; sie ist vielmehr gewachsen und gestiegen."
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— Neue Fvrschung«m über frühgefchichbliche deutsche F-eftung-s bunten. Die Entwicklung d^ frühge- sckichtlichen deutschen BurgenbaneS tritt auf Grund eifriger Forschungen der jüngsten Zeft ip immer klareren Linien hervor. All- germanische Burgen sind sehr spärlich aufgefunden worden: doch können wir aus den Giräbtmrgen erkennen, wie etwa die Teutoburg ausgesehen hat. In größerer Anzahl sind heute die umfangreichen Volksburgen aufgedeckt, in denen die Sachsen der fränkischen Eroberung Widerstand leisteten. Diese BefesftgungSaulagen werden daun in der Zeit Karls des Großen verdrängt durch die fränkischen Königshöft, die Karl der Große als Etappen im Sachsenlaud vor- schob und durch die reicher ausgestalleten Dynastmrbnrgen der Frankenkönige. Interessante neue Mitteftnngen über diesen früh- geschichtlichen deutschen Burgenbau und über den Wandel in den Formen der Befestigungsanlagen macht der PrähistoriAer der Berliner Universftät Geh. Rat lL.chAlchchardt in dem soeben ersc^enenen letzten Heft der Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften. Er knüpft an seine Ausgrabungen auf der „Rö merschau ze" bei Potsd-am an, wo er eigenartige Bafttorren ftst- stellen konnte, die er vorher bei frShgeschichttichen Beftstigimgen noch nie gc-funden hatte. Diese breiten Vorsprünge der Mauer haben die Form eines flachen Trapezes und verfolgen den Zweck, den zwischen ihnen liegenden Teil des Mschungsabhanges zu beobachten und zu verhnrdern, daß der Feind sich darauf festsetze. Ob ihre Anlage aus allgermonffcher oder flavischer Zeft herrühre, ließ sich nach den Funden der Ausgrabung nicht nrft Süherheft feststellen, und so mußte Umschau gehalten weüren, wo etwa sonst Aehnliches an frübgeschichtlichen Festungsbcmten vorkomme. Durch verschiedene neue Grabungen in Nordweitdeutschland hat Schuchhardt nun dreft Frage gelüst. In der Enttmcklung des deutschen Bnrgeubaues wurden die Absätze au der Erdböschcng, die sog. Berme, immer mehr verbreitert und erhöht, und danrft ging eine bedeutende Verstärkung des Walles überhaupt Hand in Haach. Diese Wandlung in der Anlage der deutschen Beftsirgungeu erkkärt sich aus den neuen Formen des Angriffes, die mx Zeft der fränkischen Eroberung im Sachsenlaud angewandt nmrden. Lange war die Kriegführung der Sachsen, an denen die Stürme der Völkerwanderung spurlos vorübergegangeu waren, auf einer urtÄurLhen Stuft geblieben. Gegen Karl d. Gr. suchten fft ftch 7«ch rrB^- Art in hochgelegenen, großen BolkSbuvgkn M verteidig«!. Die fränkischen Eroberer aber hatten bereits in der Schule der Römer eine fortgeschrittene Beftstrgungskunst kennen gelernt. Sft führten nrft Belagerungsmaschinen Krieg, mit Geschützen, die etimi Regen von Pfeilen und Sternen schleuderten, mit Sturmböckeu Min Einreuuen der dLaimru, Tie byzantinischen BeftsticMngs- ftrmen verwendeten zuerst gegen dieft Art der Belagerung pft
vrette und erhöhte Berme, und dre Rorinanncn taten das Gleichc be: ihren Burgenbauten. Die Sachsen, die in der karolingischev Zeft bei ihren Rundwällen dann ebenfalls solche Bastionen an- wandden,^ mochten dies hauptsächlich gegen die Normannen tun deren Einfälle sie zu fürchten hatten. Die Normannen waren namlrch rm Festungskriege fthr bewandert und bauten z. B. bei ber Belagerung von Paris .885 die ei:staun1ichsten Maschinen. Err^er ihrer Jngeureuve hatte einen dreifachen Widder erfundene an der Vollendung dieses Wunderwerkes wurde er ftellick durck emen wohlgezretten Schuß von der Stadtmauer aus verhindert^ Durch dre Verbreiterung der Berme und Verstärkung des Walle- wollte man also die BelagerungSnraschftren vom Walle mvglrchsi fernhalten. Tieft Neuerung tritt in Norddeutschland im 9 Jahrhundert auf, und man erhält durch diese Feststellung einen vv-rtveff- Men Anhalt zur ZeiLestimmung der srühgefchichtlich«! Burgen Dre Basttonen der Potsdamer Römerschanze können daher erst der slamachen Periode dieftr Burg im 9. Jahrhundert entstammen
. —„Pt*® Müller. Der hundertjährige Geburtstag des ft vieler Hinsicht rnteresfanten Romanschriftstellers Otto Müller wel^ c^er am 1. Juni 1816 das Licht der Wett erblickte, rechtfertitt wohl «ne Erinnerung an den Befiaffer vieler einst allgeniein ge- leseuer bu>graphinher Romane, einer lfterarischen Gattung di( ra auch jetzt wieder sehr beliebt ist. Der erste dieser Romam „Börgetttz der den Dichter der „Leorwre" zum Mfttelpuntt hatte erregte geradezu Aufsehen und hatte für Müller noch eine «m? besondere Folge: ex verschaffte ihm eine Frau. Wre dem Dichte: Burger sich einst das ,,Schwabenmcö>chen" zur Gattin anbvt sc nä herte sich dem Verfasser des Romans „Bürger" eine jungc Bremerin auS sehr angesehener Familie. G U sta va F r i tze, die be- geistert von dem Werke chm ihre Verehrung in Briefen zollte unk bald darauf Küre Gattin rmrcbc. Die Ehe war ungemein glücklich aber,o« Gatttn starb bereits nach ein paar Jahren, nachdem sic Müller einen Lohn geschenkt. Otto Müller, der zu S cho t t e au Vogel sb e r g m Hessen geboren war, hatte lange als Liofüiblft- thekar in ^ armstadt gelebt und war dann in Frankfurt am Main und in Mannheim als Zeitungshcrausgeber tättg gewesen Nach dem Tode femer Gattin lebte er ein paar Jahre im Hause ftmer Lchwregevellern in Bremen^ Im' Jahre 1854 kchrte er nach Frankfurt zurück, um bcct die „Deutsche Bibliothek", eme Sammlung deutscher Originalnomane herausMgebcn und mit Th. Crechenack und Ludwig Braunftls die ästhetische Wc'chcmschrift „Frankfurter Museum" zu begründen. In der „Deutschen Bibtio- thell' e rschien sein Roman „Charlotte Ackerinaun", per die jung verstorbene Hamburger Schauspieftrin Heldin hat, und in den: „Frankfurter Musennft' sein Romnn „Der Stadlscknfttheiß von Frankfurt". Müller hat an hundert Romane und Erzählungen geschrieben, dvch sind die genanatten wohl die bekanntesten. Danebeic find noch „Eckhof und seine Schüler", „Ans Pttrarkas allen! Tagen", „Der Professor von Heidelberg" :rsw. zu nennen. Bemerkenswert ist vielleicht, daß Mittler in jungen Jahren ein Drama „Rienzi" schrieb, von dem er behauptete, daß es stttchard Wagner für seinen Overntext benutzt habe. Seine beste Arbeft ist eine kleine hulnoristische Erzählung „Münchhausen im Vogel bet<r". die vielülcki nui^eseitt und auch in. Mtte rhor
isfuiiuniiuiu^ Vi-Ljiuvinjty »hu/i/uu| ui l ML ^
b e rch', die vielfach aufgelegt und auch in gürte Vvlksbüchersamp hingen ausgenommen wurde. Müller starb am 6. August 1894.
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