Ausgabe 
18.5.1916 Zweites Blatt
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Htcolfon und hardinge.

London, 17. Mai. -WTB.) Meldung des Reuterschen Bu vsarrs. DieMvrning Post" erfährt, baß sich Sir Arthur Nicolson, Mntnger Untersekretär des Auswärtigen Amtes, wegen Kränklich- rert -aus dem öffentlichen Dienst zuräckzieht. Sein Nachfolger ist LordHardinge.

England, das sein Ansehen, mit jedem Tage deutlicher fdßhwnbeii sieht, sucht neuerdings, da sachliche Erfolge fichken, durch persönliche Aktionen Eindruck zu machen. Eine solche Aktion waren die in alle Welt posaunten Friedens- jKiele Greys, eine solche ist der Wechsel im ständigen Unter- stacrtssekretariat des Auswärtigen Amts. Sir Arthur Ni­colson, dem während des Weltkrieges so ziemlich alles, 4vas er einfädelte, mißglückt ist, der die Brüder Buxton mach dem Balkan schickte, Bulgarien nicht auf die Seite des Wierverbands ziehen konnte, falsche Hoffnungen auf Ru­mänien gesetzt und mit Herrn Eleirtherios Venizelos Ver­spielt hat, Sir Arthur muß gehen. Um die trüben Gründe ldieses Rücktritts zu überstrahlen, wird der durch Lord E^elmsford abgelöste Vizckönig von Indien, Lord H ar- dinge an den stillen Schreibtisch Nieolsons gesetzt. Zufall rft es, daß Nicolson und Hardinge sich nun jeoer schon Meimal ans einem der wichtigsten Posten des diplomatischen .Dienstes folgten. Absicht, volle Absicht ist es, daß gerade im jetzigen Angenblick Hardinge in den Souffleurkasten der

S c schlupft, auf der Grey im Schweiße der Angst seine zu einem guten Ende ztt spielen sucht. Denn erstens Kilt dieser Souffleur, der unabhängig von den Wechsel- f äXlen des parlamentarischen Lebens bleibt und herkom- iniensgemäß ein ständiger Reisebegleiter des Königs ist, als Mertraueusinann der Krone. Was er flüstert, gilt als Ein- stgxbung einer unantastbaren Stelle, nach der man sich in bet Stunde der Gefahr allein noch zu richten habe. Und lKv>eitens ist eben .Hardinge der Mann, der die Tradition Der Eduardschen Politik verkörpert. Hardinge im Auswär­tigen Amt soll bedeuten: Georg V. krönt und vollendet das Wert, das Eduard VII. begonnen. Ein Ring soll sich schlie­ßen von den Uranfängen der Einkreisungsidee zu dem Ab­schluß des Weltkrieges. Hardinge bestätigt nicht nur die 'Arbeit Nieolsons, er soll sie vielmehr heiligen und bengalisch Deleuchten. Derrn so verschieden im Wesen auch Hardinge, DerHalbgott von Simla" und Nicolson, der weltscheue ^Stubenhocker, sein mögen, in einem Punkte gleichen sie sich .wie ein Ei Hem andern : im Haß gegen alles Deutsche, in der Feindschaft gegen die gefürchtete deutsche Weltmacht, in der Schulung der Mittel, die der Niederringung Deutschlands Dienen sollen. Beide kennen Berlin und denFeind", was man ja von Grey nicht behaupten kann. Nicolson hat 1873 -eine Geschichte der deutschen Verfassung geschrieben und war Hann (bezeicchmndertveise nicht etlufd vorher) wiederholt in Deutschland tätig, und zwar 187475 als dritter Sekretär 'Des damaligen britischen Botschafters Lord Odo Rüssel, l sodann 187879 als zweiter Bo ts chafts se fr et a r.

Hardinge hat, als er zum ersten Male Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes war, König Eduard auf allen seinen Meisen begleitet, und so war er mit dem britischen Königs- Paar auch nach Berlin gekommen, als dieses im Februar 1909 dem deutschen Kaiserhos in der Hauptstadt des Reiches einen Besuch abstattete. Auf dieser Reise, die einen durchaus politischen Charakter trug, vertrat Lord Hardinge die bri­tische Regierung. Unserem Kaiser war er bereits früher be- !gegnet. Es war dies im Sommer 1908, als .König Eduard ivad) Hombrrrg kam, um der Enthüllung des der Landgräfin Elisabeth gesetzten Denkmals beizuwohnen. Damats hatte der englische Staatsmann eine längere Unterredung mit unserem ^Kaiser, der ihn durch die Verleihung des Roten Adlerordens -erster Klasse auszeichnete. Aber diese persönlichen Erfahrun­gen haben nicht verhindert, daß Hardinge in allem, was er über Deutschland denkt und sagt, genau denselben verbohrten .Stockengländer-Standpunkt emnimmt, wie Nicolson, wie !Grey und alle diejenigen Männer, die zurzeit noch im Steuer­haus des englischen Staatsschiffes stehen und einen Kurs ein- -halten, der zur Katastrophe führen muß. Diesen Kurs als [dasheilige Vermächtnis" Eduards VII. in Erinnerung zu Dringen, die Bedenken und Vernunftgründe unbequemer Marner aus dem Felde zu schlagen, das ist der Sinn und ^Zweck des eigentümlichen Personenwechsels auf dem Posten iides permanenten Unterstaatssekretärs. Man sagt, Sir Wil­liam Tyrrell, Greys Geheimsekretär, der in nahen verwandt­schaftlichen Beziehungen zu einem ehemaligen hohen deut­schen Würdenträger steht, fließend deutsch spricht und deut­sches Wesen wenigstens begreift, sei in manchen gefährlichen Momenten noch der gute Geist gewesen, der seinen Chef an allzu großen Mißgriffen hinderte, während Nicolson, der offizielle Sekretär, wo er konnte, zum Bösen hin den Aus-

>schlag gab. Nun, da Nicolson durch Hardinge ersetzt und übertrumpft ist, wirb sich Grey ganz und endgültig dem Bösen verschreiben. Die Schlußszene des großen Dramas beginnt. __

Kriegsbriefe cu$ dem westen.

Telegramm unseres Kriegsberichterstatters.

(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten^

Feindliche Angriffstätigkcit längs der Westfront.

Großes Hauptquartier, 16. Mai 1916.

Die jüngsten Tage waren durch eine stattliche Anzahl von feindlichen Unternehmungen an verschiedenen Stellen unserer Westfront gekennzeichnet, die durchweg nur in be­schränkten Abschnitten und unabhängig voneinander unter­nommen wurden und ausnahmslos ohne jeden Erfolg blie­ben. Die Engländer haben, nachdem dort vorher ziemlich lebhafte Minenkämpfe sich abgespielt hatten, im Abschnitte von Lens einen sich kräftig gebärdenden Angrisf versucht, der sie für einen Augenbliä bis zu unseren Vorgräben brachte, aus denen sie sofort wied er h inaus geworfen wurden. Unternehmungslustiger waren die Franzosen, die in den letzten Tagen ihr Glück an verschiedenen Punkten vergebens versucht haben, so südlich der Somme, ferner irr der Cham­pagne und gestern zum ersten Male nach langer Unter­brechung in den südlichen Cokes Lorraines bei Vaux-les- Palametx. Diese Angriffe scheiterten restlos und unter zum Teil sehr bluttgeu Verlusten. Am regsten waren die Fran­zosen im Verdun-Gebiete, uird ihr beständiges opferreiches Aurerrnen gegen unsere dortigen Fortschritte sind die beste Erläuterung zu dem Verlaufe der Verdunschlacht. Die Fran­zosen scheuen kein Opfer, u.m ihren Akttonsradius um Verdun durch Zurückdrücken unserer Klammerstellungeu zu erweitern, imb da alle ihre An griffe vergeblich sind, hat ihre Tätigkeit den Anschein einer nachgerade verzweifelten und hoffnungslosen Menschen Opferung. Vor drei Tagen griffen sic unsere Stellungen bei der Südwestecke des Ma- lancourt-Waldes stark an, kamen bis zu diesen vor und mußten daun unter schweren blutigen Verlusten wieder in ihre Ausgangsstellungen zurückwerchen. Ebensowenig Er­folg hatten sie am selben Tage gegen die Südostecke des Avocourt-Waldes, am Toten Mann und gegen die Stein­bruchstellungen bei Vaux. Gestern erwies sich ein Ansturm gegen unsere neuen Stellungen am Westhange der Höhe 304 als ganz -aussichtslos. Trotzdem wurde er im Laufe des Nachmittags viermal wiederholt.

V- S ch e uerman n, Kriegsberichterstatter.

tzeereszahleu in alter uni* neuer Zeit.

Gegen die Millionenheere der Gegenwart verschwinden die Heere der Vergangenheit so nimmt man allgemein an, denn viele der Angaben alter Schriftsteller über die Riesenhoere ihrer Zeit haben sich als Phantasiegebilde erwiesen. Tie Frage, welche Größe die Heere in alter und neuer Zeit hatten, behandelt in an­ziehender Weise Tr. H. M r o s o im nächsten Hefte derGrenz­boten". Der erste Militärstaat der alten Welt, das assyrische Reich, hatte ein stehendes Heer von ansehnlicher Grösse, das Friedrich Delitzsch auf etwa 150 000 Mann schätzt. Sehr interessant ist cs nun, diese Zahl mit den Angaben des alten Testaments zu ver­gleichen, wobei man immer an die geringe Große Palästinas den­ken muß. Ms König David auf der Höhe seiner Macht stand, ließ er sein, Volk zählen und ein Bericht darüber spricht von 800 000 waffenfähigen schwertgerüsteten Männern in Israel und 500 000 in Inda. Einem der Nachkommen Davids, der über die Stämme Benjamin und Juda herrschte, gibt der Chronist sogar ein Heer von 1600 000 ohne die Festungsbejatzung. Aber aucb sonst ist von Ritten Heeren die Rede; Saul zieht mit 330 000 Mann gegen die Ammoniter, Ieroboam von Israel verliert im Kampfe mit Abia von Juda von seinen 800 000 Leuten eine halbe Million. Zur Erklärung der israelitischen Massen Heere wird geltend ge­macht, daß es sich um Volksaufgebote gehandelt habe. Wenn diese Zahlen richtig wären, könnte man auch die Heereszahlen des persi­schen Weltreiches glauben, etwa die 700 000 Mann des Darius, die über den Bosporus kamen, oder die Millionen seines Sohnes Lerxes. Das Riesenheer -des lerxes berechnet Herodot auf 5 Mil­lionen Menschen: die Inschrift des The rmopylendcnk m als spricht von 3 Millionen. Die Fachgelehrten freilich veranschlagen die Zahl der persischen Streiter auf 50 bis 100 000 Mann, und die Bewegung und Verpflegung einer solchen Menschenmasse in gro­ßer Entfernung muß als hervorragende Leistung für jene Zeit Ungesehen werken.

Tic größte Hoeveszahll, die die geschichtliche Ueberlieserung überhaupt kennt, findet sich in der Lübecker Chronik der polnisch- litauischen Uebermacht, gegen die im Jahre 1410 bei Tannenberg der deutsche Orden erlag: 5 100 000 Streiter sollen es gewesen sein! Delbrück schätzt in seiner Geschichte der Kriegskunst dieses polnisch-litauische Riesenheer auf 16 500 Mann, das Ordeusheer auf 11000 Mann. Wenn von waftd-ernden Völkern die Rede ist, gibt die Ueberlieserung auch gewöhnlich Riesenzahlen an. Plutarch z. B. berichtet, der Zug der Zimbern und Teutonen hätte 300 000

streitbare Männer in Waffen gezählt, und dre^ Masse der Weiber und Kinder soll noch viel größer gewesen fern, Zahl der Floren, die im Jahre 267 Griechenland verheerten und Athen eroberten, wurde auf 320 000 Bewaffnete angegeben. Von dem Heere AttnaS, das 457 in der VöllerscÄacht ans den katalaunnchen Feldern kämpfte, gibt eine [Überlieferung die Zahl auf oOO OOO, ettt« arUvre gar auf 700 000 an. Noch in viel späterer Zeit finden M solche Angaben von Ricsenzahlen, die maßlos übertrieben sein durften. Das erste Kreuz Heer, das von Konstantinopel aus die anailiu)c Küste übersetzte, soll mit Weibern und Kindern,, Mönchen und Knechten 600 000 Menschen, darunter 300000 erlesene Streiter zu Fuß und 100 000 wohlausgerüstete Reiter gezählt haben, wahrend eine andere Quelle sogar von 600 000 streitbaren Scannern spricht. Die normannische Ueberlieserung behauptet, im Jahre lUbb seien bei Hastings 1 200 000 9Nann des Königs Harald besiegt vwrden. Noch in der Neuzeit finden sich solche Uebertteibungen, sreilicb nicht im gleichen Maße. Tie Türkenheere des 17 -Jahrhunderts werden nach 200 000 oder 300 000 Mann gezahlt Wallenstein soll 100 000 Mann vor Stralsund gel-abl haben. 1/00 sollen der Pultawa 120 000 Russen gegen die Schweden gekämpft haben. Es ist aber sicher, daß in den ersten drei Jahrhunderten der Neuzeit die Turchschnittsgröße normaler Heere zwischen ^»0 und dO 000 Mann betrug, wie vor nrehr als 2000 Jahren auch. Von den 150 000 Mann, über die Friedrich der Große zu Beginn des Sreben- jährigen Krieges verfügte, hatte er allenfalls 60 000 Mann auf einmal zur Verwendung. Die größten Heere des Altertums hat wahrscheinliecb die Doppel schlackst von Philipp! gesehen, wo an die 100000 Mann aus jeder Seite gekämpft haben mögen. Noch rn der neuesten Zeit sind die Angaben über Rkesmheere unzuverlässig; es ist nicht sicher, ob im russisch-japanischen Kriege dre ^nzaht der Teilnehmer an der Schlacht bei Mukden 300 000 oder 400 000 auf jeder Seite betrug. _

Kircfrc Mitö Scbufe.

4- Büdingen, 18. Mai Am Montag den 29. Mai veran-» staltetdie hessische Land es gruppe der Konferenz für evangelische Gerne indearbeir' ihren diesjährigen oberhessischen Kirchengemeindetag in Büdingen. Die Stadt­verwaltung stellte den Rathaussaal für die Verhandlung zür Ver­fügung.Lebendige evangelische Gemeinden", diese Forderung des bekannten Vorarbeiters aus diesem nächtigen Gebiete, des bekann­ten Pastors v. Sülze, hat sich ja in diesem Kttege erst recht als die Grundbedingung für eine gedeihlicl-e Weiterentwicklung der evang. Kirche herausgestellt. Die Arbeit der Konferenz ist des­halb mit Freuden zu begrüßen und es ist rmt zu wünschen, daß sie auch von seiten der Laien eine recht lebhafte Unterstützung vor allen Dingen durch recht zahlreichen Besuch der diesjährigen Tagung erfährt, wobei gewiß das herrlich gelegene Büdingen im Früh­jahrsschmuck seiner Wälder scl>on rein äußerlich seine altbekannte Anziehungskraft ausüben wird. Im Mittelpunkt der diesjährigen Verhandlungen stehen zwei sehr zeitgemäße Vorttäge bekannter Redner. Ter Direktor des Hessischen Predigerseminars, Professor I). Schöll und Pfarrer G ö b e l - Büdingen werden sprechen über Deine Kirche und du" undDu und deine Kirche". Anfang der Beratungen pünktlich 3^4 Uhr, Ende 6 Uhr. Abends findet dann noch ein Familienabend im Rathaus um 8 1 f 2 Uhr statt, auf dem voraussichtlich Professor v. Sch ia n- Gießen über ein zeitge­mäßes Thema sprechen wird. Eine Anzahl Freiquartiere für aus­wärtig' Besucher stehen in den gastlichen Häusern Büdingens zur Verfügung. Nähere 9luskunft erteilt Dekan Schäfer-Büdingen.

Briefkasten der Redaktion.

Muorrtzme Anfragen bleiben unberücksichtigt^

$. B. Es handelt sich im vorliegenden Falle um eure vor­geschlagene Maßnahme, die nicht vorn Hessischen Landtag, sondern, vom Reichstag beschlossen werden muß. Der vom Abgeordneten Hauck gestellte Antrag konnte deshalb auch nur dahin gehen, beim Reichstag daraus hinzuwtrken, daß auch den Angehörigen derjenigeir gefallenen Kriegsteilnehmer, die vor dem Eintritt in den Kriegs­dienst weniger als 1500 Mk. Einkommen hatten, eine Zuwendung gewährt wird. Ein .Beschluß ist in dieser Angelegenheit vom Reichstag noch nicht gefaßt rvordeir.

Märkte.

fc. Frankfurt a. M. , 17. Mai. Kartosselmarkt. Kartoffeln per 100 Kilogramm in loser Ladung ab Versandstation 10,60 Mk. bei Abnahme von mindestens 500 Kilogramm.

Meteorologische veobachtungen der Station Gietzen.

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