Nr. 99
Erscheint
Zweites Statt
mit AuSmchme Sonntag.
$ 6 . Jahrgang
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^SUigfigec 4 viermal wöchentlich beigelegt, das „HrdiMa« fSt den «reis fkftoi“ zwenna- wochemlich. Die „eaudVirtsch^lttchen Seit. fr«gev^^ erscheäwn msnattich zweimal.
General-Anzeiger
V
Oberhejsen
Freitag, 28 . April Mb
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäks - Buch- und Steindruckerei,
R. Lange, Gießen.
Schriitleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul» s!raße7. Geschäftsstelle u.Vertag:^H»-51,Schrift» leitung: e^ll2. Adresse für Trahtnachrichtcrr Anzeiger Gießen.
Aulturarbeitin den ottupierten südöstlichen Gebieten.
In frischer Erinnerung sind noch) bie todesmutigen Taten heKnerchaften Opfermutes unserer Truppen an der südöstlichen Front. Aber ebenso staunenswert ist die Kulturarbeit, die jetzt dach MilitLr-Genetalgouvernenrent in Serbien leistet.
Ms die Widerstandskraft des serbisch'en .Heeres zusammcnbrach und cs den Rückzug antrat, zwang es auch die meisten Zivilbc- ivohner zur Flnckft. Ihr Leidensiveg, den sie ziehen mußten, ist gezeichnet durch die Leichen der vor Frost, Hunger und Erschöpfung gestorbenen Männer, Frauen und Kcknder. Nur wenige gelangten nach Montenegro, tvo ihrer die höchste Not harrte und wo die Hungersnot bereits wütete. Tie Preise für Lebensmittel erreichten eine phantastische Höhe: manche gaben ihr Pferd, manche ihr ganzes .Hab und Gut für ein Stückchen Brot.
Selbst irr Belgrad war die Not rnrd das Elend ungeheuer groß und noch m-ehr im i'chrigen Lande. Nur militärische Energie konnte unter solckjcu Umständen Hilfe bringen. Es wurden Volk-- kücken,' Suppenan statten errichtet und Lebensmittel verteilt, um die Bevölkerung vom Hnngertode zu retten.
Dazu die vielen Krmtkl-^ten: Cholera, Flecktyphus, Ruhr, Skorbut im ganzen Lande! Es war eine harte Arbeit für die Ver walttmg und fiir unsere Militärärzte. Jetzt ist jede Gefahr geschwunden Jrlfektions'pitalxr, Quarantänen st.Uten, Marodcnhiu ser sind überaN errichtet. Wo nur irgendwelcher Verdacht einer Infektionskrankheit auftaucht, tritt sofort der Tesinsektionsavpa- rat in Tättgkert. Gogeil Verbreitung der Tuberkulose tverden iveit- gehende Maßnahmen gettoffen. Unzählige Badehäuser wurden erriclftet.
Wcchin man schaut, tverden Neubauten, Depotbaracken errichtet, Ortschaften und einzelne Häuser ftir die Zivilbevölkerung hergerichtet, Gärten angelegt, die Felder bebant. Es entstehen überall wahre Handel- und Jndustriestätten und Wirtschaftsbetriebe aller Art: Daurpswäscl-erei, Bäckerei, Molkerei, Weist- unt> Lol-gerberei, Mühlen und Werkstätten verschiedenster Art. Die besonders dem Hanpt- verkdlßr naheliegenden Berggruben wurden in Betrieb gesetzt.
Die Schulgebäude waren teilweise vernichtet und verwüstet, die Schulkinder gänzlich Verrvcchrlost und seit dem Balkankrieg ohne Unterricht. Das Schulwesen stand auch in Fr iedensz eiten auf einer sehr niedrigen Stufe. Ein Schulzwang war nicht. Deshalb ist die Zähl der Analphabeten erschreckend groß. Die verwüsteten Schulen wurden hergerichtet und die SckTuljngend itnter Aufsicht pädago zisch ! gebildeter Unteroffiziere gestellt und bald entstanden im ganzen Lande hunderte von Schulen., welche durch die Reinlichkeit, Ordnung im Schulgebäude, sowie durch die tadellose Disziplin der Kinder jeden Besucher angenehm überraschten. In Belgrad und Umgebung sind ettva 20 Schulen eingerichtet, auch eine fünfklassige katholische Volksschule mit 170 Kindern.
Die Zählung elternloser, verwaister Kinder begann bald und ergab eine ersckircckend große Zähl, bis 10 000. —
Jetzt sind schon Kinderasyle unter militärischer Aufficht in Gründung begriffen.
Verwahr loste, halbwüchsige Jugend wird in landwirtschaftlichen und EKwerbettirsen praktisch unterrichtet und an die Arbeit gewöhnt.
Mit jeder Schule ist eine Suppeuanstalt verbunden, in der die Kruder armer Eltern unentgeltlich zu essen bekommen. Schulgeld wird rrich-t bezahlt, selbst die Schulbücher werden gratis verabfolgt.
Wer heute nach Belgrad kommt, ftndet eine lebendige Stadt vor. Zerschossene Häuser an der Peripherie und namentlich in der Festung Kalimekdan erinnern an die Kämpfe der nahen Vergangenheit; überall jedoch fieberhafte Tättgkeit der Hechtgrauen: Hauser werden in Stand gesetzt, das Pflaster wird ausgebessert, ein großes Elektrizitätswerk wurde installiert und versorgt die ganze 'Stadt mit Licht; die elektrische Straßenbahn verkehrt aus allen Linien, Geschäfte, Restaurants, Kaffeehäuser sind geöffnet, es herrscht ein reges Leben in den Straßen.
lieber 60 000 Einwohner sind bereits nach Belgrad zurück- gekehrt und auch die Städte, Ortschaften im Innern des Landes bevölkern sich wieder. Disziplin, Ordnung und Reinlichkeit und
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auch die Wohlfahrtseinrichtungen müssen der Verwaltung unbedingt, meint, auch vorläufig noch nicht die Liebe, aber Achtung und Vertrauen schaffen.
Tie gleiche segensreiche Kulturarbeit ist auch in Montenegro itwbrzunehmen. Tas Milttärgeneralgouvernement in Cetiuie bat noch mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, um die Not zu lindern und Ordnung in das Land zu bringen. Es ist ihr aber schon viel fach gelungen, gewaltige Arbeit zu leisten, die schon heute, ihre reichen Früchte trägt und sich in der Anerkennung der Bevölkerung offenbart.
In Albanien ist die Verwaltungsgewalt in den Händen des höchsten militärischen Kommandos der operiereirden Armee. Kulturarbeiten gleicher Art wie in Serbien und Montenegro, besonders aber die sanitäretr Maßnahmen in diesen verseuchten Gegenden erforderten öicl Arbeit und Energie und wachen auch mit Erfolg bereits durchgeführt. An 70 Arbeiterabteilringen sind hier zum Wöhle des Landes beschäftigt.
In allen diesen okkupierten Gebieten widmen unsere Verwaltungen der Instandsetzung der Soldatengräber die größte Sorge, um den teueren Gefallenen und Verstorbenen alt das zu bieten, loas die. Liebe und Pietät den teueren .Helden zu geben vermögen.
Auch« für die religiösen Bedürfnisse ist bestens gesorgt. Bel der operierenden Armee irr Albanien ist eine entsprechende Anzahl und auch in allen Sanitätsanstalten je ein Feldgeistlicher eingekeilt.
In Serbien wurde die Pastoration der katholischen Zivilbevöl - kernug ebenfalls dem Feloklerus anvertraut. Allein in, Belgrad sind gegenwärtig über 4000 Kathvlikeit, für welche ein iffgener Fcldkurat bestellt wurde, aber auch den Religionsunterricht in der katholischen Volksschule zu erteilen hat.
.. Leider gibt es nirgends eine Kirche oder Kapelle, und es müssen Baracken und geeignete Lokale hierzu adaptiert werden. Selbst in Belgrad stand nur die kleine Gesandtschastkapelle, die limm 150 Personen fasst, zur Verfügung. Durch die Adaptierung und Weihe des Thronsaales im Konak zu einer Kapelle, welche ich am 2. April in feierlicher Weise vor genommen l>abe, wurde vorläufig für Belgrad eine Abhilfe, geschaffen.
Möge Gottes reichster Segen die .Kulturarbeit unserer Militärverwaltungen begleitet!. Möge Gottes Schutz über unseren todesmutigen Kriegern walten!
Änmerich Bjelik, Bischof, Apostolischer Feldvikar.
Der Megskmdfaden.
Der Weltkrieg hat in fast allen Zweigen der deutschen Industrie Veränderungen grundlegender Art herbeigeführt und veranlaßt. Deutschlands Industrie hat bekanntlich mit aller Kraft den ihr aufgezwnngenen Kampf ausgenommen und den deutschen Erfindungsgeist in ihren Dienst gestellt, um neue Ersatzstoffe, deren Grundbestandteile in Deutschland vorhandeil waren, herzustellen und schon vorhandene so zu verwerten, um sie den bisher verwendeten, aus dem Auslande bezogenen zientlich gleichwertig zu machen. Dazu gehört auch ein Erzeugnis, das jetzt besonderes Interesse erregt, obwohl es schon seit einer Reihe von Jahren hergestellt wird, das ist das Papierstoffgarn und das daraus hergestellte Papier^ gewebc, unser Kricgsbindfaden. Der Vaterschaft dieser Er findung können wir uns freilich nicht rühmen, sie gehört dem klassischen Lande der Papierverwendung, Japan. Dort dient ja das Papier allen möglichen Zwecken, an die bei uns niemand denken würde, zu Tisch und Scheuertüchern, Fächern, Wandschirmen, Regen- und Sonnenschirmen, als Einschlag zu leichten und kühlenden Geweben, mit Gold und Silber überzogen zur Herstellung prächtiger Verzierungen bei den kostbarsten Geweben, ja sogar zu wasserdichten Mänteln und Kappen wito es verwendet. Selbstverständlich ist auch die .Herstellung von Fäden und Geweben dort schon lange im Gange, dieses heimische Gewebe wurde erst durch die billigeren und haltbareren Banmwollgewebe, die alis Indien eingeführt wurden, zerstört. Es ist ein Treppenwitz
der Weltgeschichte, daß das den Japanern von ihren Bundes-» genossen zerstörte Gewerbe uns nun gegen eben diese Bundesgenossen zu Hilfe kommt. Dem westeuropäischen .Kulturkreise blieb es Vorbehalten, andere Verwendungsmöglichkeiten für das Papier zu finden, die den Japanern nicht zugänglich waren, wobei namentlich die hohe Festigkeit des unter gewaltigem Druck zusammcngepreßten Papiers auSgenntzt wurde. M a s ch i n e n t e i l e aller Art, Eisenbahnräder, Te le g r a p henp f ä h le wurden so hergestellt. Ja, unsere Heeresleitung hat in diesen! Kriege auch Papiertornister aus- probiert, die sich recht gut bewährt haben sollen. Das Papierstoffgarn wird aus Papierbändern durch Drehen gewonnen. Solche Papierbänder werden seit langem für die Telegra- phenverwaltnna in großen Mengen hergestellt. Soll daraus Garn hergestellt werden, so muß man natürlich ein besonders festes Papier zugrunde legen; am geeignetsten hat sich die Zellulose der Nadelhölzer erwiesen, ohne daß die Wissenschaft bisher den eigentlichen Grund hätte finden können. Nun kann ja leicht ein jeder ausprobieren, wie sich aus solchem Papierband ein Garn drehen läßt, viel Glück wird er nicht haben. Das Band legt sich nämlich immer nur an einzelnen Stellen um, ohne sich aber richtig zusammenzurotten. Dem hilft nun aber ein einfaches Mittel ab, und das ist das Anfeuchten. Ein angefeuchtetes Band rollt sich tadellos zu einem schönen runden Garn zusammen. Natürlich muß damit Maß gehalten werden, denn durch Anfenchten leidet auch die Festigkeit des Papiers, und schließlich geht es ja bei allzu starker Befeuchtung wieder in den Zustand des Papierbreies über, der eben gar keine Festigkeit mehr hat. Theoretische Betrachtungen, die durch die Praxis bestätigt wurden, haben gezeigt, daß man gut tut, die Mitte des Bandes stärker zu befeuchten als die Ränder, weil beim Drehen diese am meisten beansprucht werden und leicht einreißen. Das Drehen der Bänder wird von gewöhnlichen Spinninaschinen ausgeführt, die nur' für den Sonderzweck entsprechend abgeändert werden. Der gewonnene Faden wird ansgespult, mehrere Einzelsäden können» dann wieder zu einem stärkeren Garn versponnen werden. Man kann aber auch das Band, statt es zu drehen, ganz eng Zusammenlegen und falzen; dieses flache Garn hat sogar noch etwas größere Festigkeit als das runde. Und daraus hergestellte Gewebe sind bedeutend dichter als oie aus runden Fäden hergestellten, da zwischen den einzelnen Fäden keine Lücke mehr offen bleibt. Neben diesen einfachen Papierfäden und Geweben gibt es noch verschiedene Verbindungen von Papierfäden mit Textilfasern. Man kann z. B. einen Jute-, Flachs- oder B a u m w o l l f a d e n mit Papier verspinnen, um dem- lose gesponnenen, daher gröberen und rauheren/Textilfaden, ein glatteres Aussehen zu geben oder auch, um dem Ganzen eine größere Festigkeit zu verleihen. Ebenso ist es leicht, Papier- und Textilfäden zu verzwirnen, auch Verbindungen von Papierfäden mit seinen Metalldrähten kommen vor. Eine Abart des-einfachen Papiersadens sind die von einigen Fabriken hcrgestellten Textilin und Textilosegarne. Bei diesen werden auf das umgedrchte Band auf einer oder ans beiden Seiten Banmwoll-, Jute und dergleichen Fasern ansgeklebt, wodurch die daraus hergestellten. Garne und Gewebe eine besonders große Dichte erlangen, was z. B. für Säcke, für staubförmige Waren gut ist. Es ist zu hoffen, daß diese Garne nach dem Friedensschluß nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland vielfach Verwendung finden werden. Damit wäre der englisch-indischen Juteindustrie ein schwerer Schlag versetzt, und England hätte sich auch in diesem Fall ivieder als Kraft erwiesen, die das Böse will und das Gute schasst. Das alles zeigt uns unser einfacher Kriegsbindfaden. (zens. Berl.)
Tkunst tute rvZssensehakt.
— Der Untergang eines .Hvhenstausendenk- m a l s i n I t a l i e n. Tie Fenersbnmst, die, wie drahtlich gemeldet wurde, die Kathedrale v-on Andria zerstört l-at, hat einem Dandenknmle ein Errde gemacht, das mit der Erinnerung der Hahenstaufen und ganz besonders mit der des Kaisers Friedrich II. eng verknüpft ist. Andria liegt in der Gegend von Bar- letta, wenig mehr als eine Stunde vom Meere entfernt aus einer -eich bebauten Ebene, die hinterwärts von einer welligen Hügelkette abgeschlossen wird. Die Landschaft ist ein nnabsclcharcr Man- Ixlgarten, Oliven- und Weinkultur, auch Orangettpslanzen wechseln dam.it ab, doch vorherrschend ist der Mandclbau. Tie alten Mauern der S^adt sind gesalleir oder nur iwch stellenweise erhalten, und da alle Hmffer aus dem weißgelben apulischen Kalkstein gebaut oder tveiß übertüncht sind, so breitet sich die Stadt in weißen Massen in der Ebene aus. Obgleich sie etwa 50 000 Einwohner zählt, macht sie doch dnrchaics den Eindruck einer stilleit Ackerstadt. Wenn man ihre Straßen durchwandert, so wird nnrn alsbald an die .Holrenstaufen erinnert; denn Straßen rmd Plätze von Andria sind nach Friedrich II. „di Svevia", nach Konrad IV. und nach Manfred benannt. Wirklich kann sich Andria rühmen, der ganz besondere Liebling des Kaisers Friedrich II. gewesen zu sein, der überhaupt am sonnigen, blühenden Apulien hing und dort seine Residenzen und Iagdschlösser baute, von denen das prächtige Schloß k Castel del Monte auf einer Pyramide des hügeligen .Hinterlandes von Aitdria selbst zu sehen ist. Tie Mrqer von Andria haben sich ihrer Treue gegen dett Hohenstaufen kaffer immer gerühmt. Als viele Städte Apuliens während Friedrick>s Abwesenheit in Jerusalem von ihm zum Papste abgefallen waren, bli?b Andria ihm Iren und ließ ihn bei seiner ßtückkehr durch fünf edle Jünglinge, die es ihnt als Geiseln schickte, mit lateinischen Versen begrüßen. Der Hohenstaufe erwiderte! diesen Gruß artig durch andere lateinische Verse, deren erste Zeile noch heute aus dem Tore von St. Andrea, dem letzten übriggeblieben.-en der asten Stadttore Andrias, zu lesen steht. Von der Vorliebe des Kaisers stir Andria legt besonders die Tatsache beredtes Zeugnis a.b, daß er im Tome der Stadt seine beiden Frauen begruben ließ: erst Jolmttha von Jerusalem, die Mutter Konrads IV., uitb später Isabella von England. Größere und herrlichere Kathedralen standeit Friedrich in Apulien zur Verfügung, und wemt er dennoch den Andrianer Tom zur Grabstätte seiner Frauen gewählt hat, so nntß er die Stadt itnd ihre Kathedrale wohl besonders gern gehabt haben. Ti^ letzt dnrch die Feuersbrunst dahingeraffte Kirche, die durch später Umgestalwngen durchaus das Gesicht einer Bavockkirck)e erhalten hatte, war ein herrlich weiträumiges Gebäude von drei gleich breit n Schiffen: ein mäckftiger Spitzbogetl überwölbte in außerordentlich kühner Kon strnktion die Kreuzung der Längsschifse und des Ouerschiffes. Von deii Grabmälern der beideir Kaiserinnen Iolanttza und Isabella ist fteilich jede Spur untergegangen. Beid Fürstinnen ivaren nach einer Bemerkung von Gregorovius in einer unterirdischen Kapelle bestattet, die später zu einem Beichtl-ause diente und verschlossen wurde. Vielleicht würden Nachgrabungen noch manckzes wertvolle Ergebnis erzielen, und es könnte sein, daß der durch die Feuer
katastrophe notwendig gewordene Neubau vielleicht den Anlaß zu solchen Nachforschungen gäbe.
— Kammermusikabend 30 Kilometer vor V e r d u n. Dumpf dröhnt der Knall der lä/oeren Geschütze hierhin, bald vereinzelt, bald in unaufhörlicher Folge'. Tag und Nacht rattertz die „Stadtbahn", die durch die .Hauptstraße des Etappenstädtchens gelegte Umgehungs- und Zufuhrbahn. Ein Antolärm wie in den ersten Tagen des Einrückens. Fortwährend ourchpassiecende Kolonnen und Truppen. Und inmitten von dem allen — Kammer nuisik. Am Vorabend vor Ostern. Wie ein deutsckics Bekenntnis, daß alle Härte des Kriegs, alle Spannung des Willens den On^ll des Gemütes nicht verscliütten kann. Mer nicht auf Seutimen talität war gezielt, sondern auf ernste Kimsthörer rechnete die Quartett-Vereinigung der .Herren Tr. Kurt Singer, Dr. .Hugo Cloß, Kürt Forberg und Heodor Diesel. Herr Leutnant L i p p e r t - S ck r o t h hatte seinen schönen Tenor im gleichen Sinne mit in Tiensi gestellt. Ter Raum des Lichtspieltheaters, genannt „Flimmerkiste", war bis a:if den letzten Platz voll; Hunderte mußten nmlehren; sv stark drängt cs den Feldgrauen nach guter Musik. Mit tvelcher Andacht wurde das Streichquartett D-moll von Mozart entgcgengenommeii; und wenn Mozarts Form stil in der kristallklaren Tuvchführung des Quartetts durch die Streicher sicher manchen! cinsackicn Landsturm mann etwas hoch war, wie andächtig beugte er sich dennoch vor der dmikcl darin gefühlten keuschen Schönheit! Ebenso vor Bachs Arie auf der G-Saite, die Tr. Singer als Solo ineisterl-aft spendete. Ganz ging dann von Herzeit mit das Publikum bei Schubert uitd R. Wagner, von denen Leutnant ^Lipper t Lieder sang Garunter Walthers Preis lied vor der Meisterzunft), währeud das Quartett mit dem letzten nack)«gelasseneit Sch:ubertschcn Streichquartett (mit den Variatiouen über das Thenta „Der Tod und das Mädckisen") den weshevollcit Schluß machte. Kein Konzertsaal in Deutschland kann die Macht edler Musik stärker verdeutlichen als so ein iffvisckienspiel int Kriege. Wie anck) der ebenfalls „klingende^ große Reütertrag bezeugte, den es fürs Rote Kreuz brachte.
— Zwei Uraufführungen in Leipzig. Aus L eip- z i g wird uns geschrieben: Im Alten Theater erlebte am Ostermontag des Dänen Edgar H o v e r s Lustspiel „D i e P r i n > zessin und die ganze Welt" die deutsche Uraufführung. Die dankbare Sphäre des Filmis ist hier auf das Theater gebracht worden. In Dänemark hat ntan noch die besonderen Freuden des Schlüsselstückes gekostet. Denn für die beiden .Hauptgestalten haben keine (Geringeren als die viel gefeierten Lieblinge des Kinos Asta Nielsen und P s i l a n d e r Modell gestanden. Die .Handlung führt in ergötzlichen Situationen vor, wie eine ganze Fancklie Vvms Filnttenfel gekapert wird. Ein unternehimungsfreudiger Abenteurer versteht das Handwerk, Kinvtalente zu entdecken, und wird zum Millionär. Daß dieser Glückskönig auch rwch die (tzrospmit besitzt, auf die Geliebte seines Herzens ztkgunften eines Rittmeistern zu zerzrckiten, macht die Freude vollkommen. Kurz, ekne liebenswürdige Hannlosigkeit, die hie und da einige bescheidene Ansätze zur Satire macht, und eine temperamentvolle Auffülirung unter Leitung Karl H u t hs half zum Erfolg. — Das Schauspielhaus brachte eine überaus originelle Uvanfß'ihruug, drei Einakter unter dent
Titbcl „Große Kinder". Verfasser ist der Schauspieler HanS Stamm, der bereits mit dem vielgespielten Schwank „Tee ungetreue Eckart" einen großen Erfolg batte. Das erste Stück „Heinz Inntct" hält sich an eine Humoreske Marl ^ -
Neberbes'irgniS einer Mutter. Sehr lustig ist das zweite, in dessen Mittelpunkt ein musikalisches Wunderkind steh:, freilich eines, das ewig Kind bleibt. Schließlich in das heimatliche Weimar zuriickge- kehrt, entpuppt sich der berühmte kleine Fridolin als OkU!' und Vater Ter dritte Streich erscheint bühnenmäßig als der originellste, als! Handlung freilich am schwächsten. Die Szenen „So war e - einmal", die. indessen viel zu sehr in die Breite gegangen sind, frischen 'l.str- innernngen ans der Kinderzeit auf: Bubenkeilereien und Liebeleien mit kleinen Mädels. Tie Kinder werden durchweg von Envachsenen gespielt, und durch übcrgrvßje Möbel und entsprechendes dekoratives ^aeiwerk wird eine ebenso erstaunliche als belustigende Iltnsivn erreicht. Die von dem Verfasser selbst geleitete Aufführung war ausgezeichnet. F. S.
- D i e a n g l i s i e r t e I u n g f r a u von O r l c a n Aus H q ni b ii t o wird uns geschrieben: Das Deutsche S ch g u - spielhaü s in Hamburg brachte zu Shakespeares 300 iübrigem! Todestage die Uraufführung eines Stückes, das gleichsam >'ine Tragödie aus der Tragödie „Heinrich VI." darstellt -in,rat
Max Grub e, der Leiter der Biihnc, hat es nämlich unternommen, die Hanptszene in „Heinrich VI.". welche die OKstalt der „Bucelle", der Janne d'Arc in den Mittelpunkt der wechselnden Vorgänge stellen, zu einer gesonderten .Handlung zusammen zu fassen und für das Theater einzurichten. Aus der Jungfrau von Orleans ist eine „Herr von Orleans" geworden. Es war eine Anneleg, a beit des Nationalhaff^ der Shakespeareschcn Zeit, daß der Engländer jenes französische Heldenmädchen als ein niedriges tenvorsenes Geschöpf verabschimte, dessen Wunderglauben nur ein Deckmantel für hinterlistigste Absichten, für gemeine betrügerische Hexenkünste sein konnte. In dieser, vom .Haß entstellten Form geben auch die englischen Ehroniken der damaligen Zeit ihr Bild wieder. Der erste Teil von „Heinrich VI." zeigt, nne Shakespeare selbst sich von den Eingebungen des ^lationalhasses gegen ein „Pueclle'" leiten lässt. Die ^Arbeit Max Grubes ist freüuf) mehr nach politischen als nach künstlerischen (Kesichtspnnktcn zu werten. Er will mit seiner Einrichtung der „Hexe von Orleans" den Engländern einen Spiegel Vorhalten, in dein sie wiederum ihr wahres Gesicht erkennen sollen. Dabei mag hinvorgehoben werden, daß man jetzt jenseits das Kanal- bemüht scheint, das Urteil über die „Purelle" ans Grund des Uiind- nisses mit Frankreich zu berichttgen. Das Stück begiimt mit den Kämpfen um Orleans, in denen fo'r Dauphin von Frankreich und Talbot sich einander gegenübcrsteh.'n. Gleich in der ersten Szene tritt die „Pncelle" auf. Die Vorgänge enden mit der Abführung der Hexe nach dem Richtplatz. In einer Schlußgruppe sieht man dann die Versöhnung zwischen Frankreick) und England Istldlich dir- gestellt. Adele Dor 6 zeichnete die Here graß uinrisseii mit m achtvoller darstellerisckwr Kunst. Das Publikum nahm ihre Leistung beifallsbegeistert auf. Der Abend wurde durch einen von Max Grube verfaßten und von Engenie Ma h sehr schön gesprochenen Borsprnch eingeleitet, der Shakespeare als den Genius tvr gan,zcn Welt feierte. 1 A. &


