heutigen Zustandes des wirtschaftlich isolierten Staates in dem freien Wettbewerb. Das darf nicht ausschließliche Angelegenheit der Regierung sein. Die Mitarbeit von Handel und Industrie darf nicht gering eingeschätzt werden (lebhafte Zustimmung), damit sich nicht manche Erscheinungen, die wir heute schon beklagen. später um so stärker wiederholen. Die Textilarbeiter sollten die grundsätzliche Bedeutung einer Kontingentierung der ausländischen Einfuhr nach dem Frieden einsehen. Das ist keine Schutzzöllnerei, sondern eine Sicherung zugunsten unserer In- dustrie. Ein Volk von 70 Millionen hat eine Kaufkraft, die man nicht vom Weltmärkte ausschalten kann. Ein solches Volk kann man nicht ohne eigenen schweren Schaden mit einem Zollkrieg überziehen.
Dann die zollpolitische Verständigung mit unseren Verbündeten. Man blutet nicht auf den Schlachtfeldern miteinander und bekämpft sich danach wirtschaftlich. Wenn die Feinde einen Wirt- schcrftsblock gegen uns gründen wollen, dann kann ein solches An-, rennen besser zurülkgeschlagen werden, wenn ihm ein Gebiet von 120 Millionen Menschen gegenübersteht. Den Weltmarkt geben wir nicht auf, sonst würde ja Englands Kriegsziel erreicht werden. (Lebhafte Zustimmung.) Mit dem ersten Schiffe, das von Bremerhaven oder Cuxhaven ausfährt, beginnt dieser Weltkampf von neuem, und er wird mit der alten deutschen Schaffensfreudigkeit geführt werden. (Beifall.) Was wir dem Os^en geben können, ist deutsches Kapital zur besseren Erschließung seiner Hilfsquellen. Mitteleuropa soll aber nicht so aufgefaßt werden, als wäre es hie künftige Grundlage unserer Wirtschaftspolitik. Es ist ein politisches Problem. In ihm spricht sich aus das tiefe Verstehen zwischen Deutschland und seinen Verbündeten, der Gedanke, das jetzige Bündnis zu einem Bündnis für alle Zeiten zu machen. Wann war wohl Bismarck am größten und genialsten? In der Stunde schweren Kampfes mit seinem König, als er durch den Frieden von Nikolsöurg die Grundlage dafür legte, daß der damalige Feind der Verbündete der Zukunft wurde. (Lebhafter Beifall.) Was aber damals richtig war gegenüber dem stamm- und blutsverwandten Oesterreich-Ungarn, das gilt nicht etwa infolge einer schiefen Gedcrnkenzusammenstellung auch für Franzosen, Engländer und Rüsten. (Zustimmung.) Viele Fäden führen jetzt von uns nach Oesterreich-Ungarn, Bulgarien und der Türkei. Wir tvollen ein politisches Mitteleuropa begründen.
Im Innern gab es in der Kriegszeit fast keine Streiks, keine Kraftproben zwischen Unterneymern und Arbeitern. Bei uns brauchten keine Minister bei den Arbeitern um Ueberstunden für Kriegslieferungen zu betteln wie in England. Die Arbeiterschaft hat aus eigenem vaterländischen Willen dos Notwendige getan. Sie hat sich an Patriotismus von keinem anderen Beruf übertreffen lasten. (Beifall.) Auch wir wünschen, daß die Berufs- Vereine bald von der politischen Einengung befreit werden. Das wird ein erster Schritt zu der politischen Neuentwicklung sein, die wir in freiheitlichem Sinne in Reich und Bundesstaaten ertvarten. Auch die Frage des Wa h l r e ch t 8 der Bundesstaaten ist eine deutsche Frage. (Beifall links.) Wir streben ein größeres Deutschland an, als liberale Partei aber auch ein freies Deutschland. (Beifall links.) Da? deutsche Kaisertum kann nie fester verankert werden, als wenn es sich aufbaut auf der vertrauensvollen Hinneigung eines freien und selbstbewußten Volkes. (Lebhafter Beifall links.) Wenn je ein Volk Vertrauen verdient, dann ist es das deutsche Volk der Gegenwart. Es hat Gut und Blut hingegeben für das deutsche Vaterland. Seine hingebungsvolle Opferfreudigkeit sollte belohnt werden durch Freiheit noch außen und nach innen, (lebhafter Beifall.)
Abg. Gras Westarp (Kons.):
Wir meinen, alles was von dem einen Ziel der Gewinnung dieses Krieges abweicht, alles was die Einigkeit, den einheitlichen Kampfeswillen stören kann, sollte heute zurücktreten. (Beifall rechts .) Ganz abgesehen davon, daß nach unserer Austastung die Gestaltung des Wahlrechts nicht Sache des Reichstags, sondern der Einzelstaaten ist. Deshalb verlasse ich die grage des Vcreins- rechts und deS Wahlrechts, ohne sachlich darauf einzugehen. (Beifall rechts.)
Unter den Aufgaben, die unß im Kriege im Innern beschäf. tigen, steht im Vordergründe der Kampf gegen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Wir verkennen die schwe- ren Schädigungen nicht, die für die breiten Masten unserer Verbraucher erwachsen sind. Wir treten der Not mit dem ernsten Willen entgegen, Abhilfe zu schaffen. Aber cs ist wohl nicht richtig, die Dinge einseitig so darzustellen, als ob Einschränkungen und Schädigungen nur auf seiten der Verbraucher sind. Auch die erzeugenden Stände leiden schwer unter dem Kriege. (Sehr richtig! rechts.) Man darf es nicht so darstellen, als wenn Landwirtschaft, Handel und Industrie nur Vorteile hätten. Auch die L a n d w i r t sch a f t leidet schwer. (Sehr richtig! rechts.) ES fehlt ihr an Betriebsmitteln, an Pferden, der Viehstand ist zurückgegangen, die besten Arbeitskräfte sind eingezogen, der Leiter der Wirtschaft ist draußen im Felde. (Sehr richtig! rechts, Zuruf links: Wie in allen anderen Berufen!)
Trotz aller Schwierigkeiten können wir der weiteren Entwicklung mit aller Zuversicht entgegensehen. Groß sind die Verdienste der Industrie, die sich rückhaltlos in den Dienst des Vaterlandes gestellt hat. Auch hie Haltung unserer Arbeiterschaft verdient die größte Anerkennung. Groß find auch unsere finanziellen Leistungen. Wir müssen unsere Organisation immer mehr und mehr cmsbauen, uns dabei aber vor allen: stets auf das Einigende besinnen. Zorn, Erbitterung und Empörung dürfen nicht gegenüber anderen Volkskreisen zum Ausdruck kommen, sie gebühren dem Feinde, der die Schuld an allem trägt.
Mit Recht hat der Kanzler gesagt, derStandderDinge vor dem Kriege besteht nicht mehr. Das gilt ganz besonders in unserem Verhältnis zu England. Daß wir uns auf dem Festlande gegen zwei Fronten zu verteidigen hätten, wußten wir, wir Hostien aber, mit England doch zu einem erträglichen Verhältnis zu gelangen. Der Krieg hat diese Meinung beseitigt. England hat während der letzten Jahrzehnte rücksichtslos das Ziel der Niederwerfung Deutschlands verfolgt. Jedes Mittel war ihm. recht. Wir weüen aber auch nach dem Kriege den Kampf um die Weltherrschaft nicht auf geben, wir müssen ihn mit aller Energie weiterführen. England ist ohne Rücksicht brutal über die Interessen der Neutralen zur Tagesordnung übergegangen. Wir sind bei dem Kampfe um die Freiheit der Meere vor allem auf Hemmungen gestoßen, die uns aus Amerika gemacht wurden. Ueber die Politik des Präsidenten der amerikanischen Republik viel Worte zu verlieren ist überflüssig.
Dem Reichskanzler skimnien wir zu, daß kein Neutraler verlangen kann, daß wir uns nicht gegen den Völkerrechts- widrigen Aushungerungskrieg der Engländer mit allen Kräften wehren oder daß wir uns die Abwehrmittel dagegen verkümmern lasten. (Sehr richtig!) Die Notwendigkeit, diesen Krieg so bald wie möglich durch kraftvolle Einsetzung oller Machte mittel zu beendigen, stiird durch kein noch so berechtigtes Interesse eines neutralen Staates an Bedeutung überragt. Wir haben unsere Meinung nicht geändert, stimmen aber dem Beschluß des Haushaltsausschusses zu, da wir in seiner fast einmütigen Am. nähme einen hohen Wert erblicken. Auch bezüglich der F r i e - d e n s z i e l e hoffen und glauben wir. daß schließlich eine größere Einmütigkeit als gegenwärtig sich Herausstellen wird. Der Reichs- kanzler sagte, Deutschland müsse nach dem Kriege so festgefügt und stark beschirmt sein, daß niemand mehr in Versuchung gerate, uns vernichten zu wollen. Ich möchte hinzufügen, sollte dies aber doch ein Feind versuchen, dann müssen seine Angriffe schneller als bisher und weiter von unfern jetzigen Grenzen entfernt zerschellen. (Beifall.) Weiter führte der Reichskanzler mit Recht aus, niemals wieder dürfe ein Feind seine Heere an den Grenzen Ost- und Westpreußens aufmarschieren lasten können. Das gleiche gilt auch für unsere Westgrenze. (Sehr richtig!)
Auch unsere überseeischen Besitzungen müssen besser geschützt werden. In Belgien muß der vlämische Volksteil bester in seiner Eigenart bewahrt bleiben, als das unter den bisherigen verwelschenden Einflüssen möglich war. Belgien darf nicht wieder ein Bollwerk und Vasallenstaat unserer Feinde werben. Das können wir aber nicht durch Verträge erreichen, sondern nur dadurch, daß wir das Land fest in unserer Hand behalten. Gewiß besteht in dieser Frage ein Unterschied zwischen den Freunden des Abgeordneten Ebert und uns. Diese Meinungsverschiedenheiten müssen wir offen und ehrlich unter einander austragen. Ich hoffe, daß der Krieg mit seiner Wahrhaftigkeit und dem Zwange seiner unerbittlichen Tatsachen dazu beitragen wird, auch hier die Meinungen immer mehr zu nähern. Die polnische Frage ist ganz gewiß eine der schwierigsten Fragen, die eine Lösung finden muß, bei der die deutschen Interessen ebenso wie die österreichischen Interessen zur Geltung kommen und gegen einander abgewogen werden müssen. Unsere treue Waffenbrüderschaft bürgt dafür, daß wir auch in Zukunft mit unseren Verbündeten in gemeinsamer und gleichberechtigter, politischer und wirtschaftlicher Betätigung zusammenstehen.
Abg. Dr. Werner-Gießen (Deutsche Fraktion):
Dem Dank des Reichskanzlers für die tapferen Truppen schließen wir uns durchaus an Die Opfer des Krieges dürfen nicht vergeblich gebracht sein. Ein Frieden, der weder Sieger noch Besiegte kennt, genügt uns nicht. Die Allerweltspresse, wie daS „Berliner Tageblatt", diese Flaumacher, können alles schreiben, den Blättern, die eine andere Meinung haben, aber wird das Wort verboten. Das geht nicht weiter so Landwirtschaft und Mittelstand müssen gegen ungerechtfertigte Angriffe geschützt werden. Gleichmäßigkeit und Gerechtigkeit verlangen wir von der Zensur. Es fehlt an einer geeigneten Verteilung der Lebensmittel. Daran muß unbedingt etwas geändert werden. Berücksichtigt muß auch der Kleinhandel werden, nicht immer nur der Großhandel.
Abg. Haase (Soz. Arbeitsgemeinschaft) spricht zunächst über die lll-Bootfrage. Die Konservativen haben einen Mitztrauensantrag gegen die Regierung vorgelegt. Der Einigungsantrag nachher war kein Vertrauensantrag. Den Konservativen warf man vor, sie hatten die Einheit gestört, sie hätten Landesverrat geübt. Dr. M ü l l e r. M einin g e n sprach von einem unerhörten politischen Spektakekstück. Die bürgerliche Presse hat mit überlautem Geschrei die Angriffe gegen die Konservativen und Nationalliberalen zu übertönen versucht. (Lacken.) Man hat mich in der unanständigsten Weise angegriffen. Man hat die blöde Behauptung ausgestellt, ich vertrete die Interessen des Auslandes! Weite Kreide darben. Durch scharfes Zugreifen könnte die Regierung manches bessern. Noch nie wurde der Ta nz um das goldene Kalb so schamlos aufgeführt wie jetzt. Sogar ein Konsistorialrat mußte in der .Kreuzzeitung" denjenigen ins Gewissen reden,-die vom Kriege nicht persönlich berührt werden.
Was soll aus Polen werden? Wir sind nach- drücklichst gegen eine Teilung Polens! Das polnische Volk muß selbst entscheiden. Was soll mit den Balten, Letten und Lita.'.ern geschehen? Die dortigen Sozialdemokraten waren stets gegen eine Trennung von Rußland. (Hört! Hört!) Auch sie müssen selbst entscheiden. Wir sind immer gegen Annexionen. Die Spuren Elsaß-Lothringens schrecken. Frankreich ist dadurch in die Arme Rußlands getrieben worden. Wollen Sie jetzt Rußland in die Arme Englands treiben? (Große Heiterkeit.) Wenn wir das Belgien, z u g e f ü g t e Unrecht gut machen (Große Unruhe und Erregung, Rufe: Unerhört!), dann haben wir bald den Frieden. (Lebhafte Unruhe.) Man kann* doch die Worte wiederholen, die der Reichskanzler am 4. August gesprochen hat. (Unruhe.) War die Erklärung des Reichskanzlers über Bclgiem unklar, so har Dr. Spahn klar ausgesprochen, daß Belgien wirtschaftlich, politisch und militärisch in unsere Hand kommen soll. Diese Form der Annexion ist schlimmer als die Wegnahme eines Teils des Landes. Der Alldeutsche Verband. Ortsgruppe Köln, verschickt jetzt ein Schriftstück. daS Siedlungsland verlangt und das mit dem Rufe schließt: .Land, Land. Landl" (Heiterkeit.)
Staatssekretär de§ Auswärtigen Amtes von Jagow:
Als ich die Erklärung über Belgiens Neutralität abgab, wußte ich nicht, daß Belgien nicht neutral war. Ich mußte es für ein neutrales Land halten. Als der Reichskanzler seine Erklärung vom 4 August 1914 abgab, konnte er nicht wissen, daß Belgien bereits innerlich Stellung genommen hatte. ES ist nack. her gründlich erwiesen worden, daß die Schuld auf Belgiens Seite lag. Wie solche Aeuherunaen, die der Abgeordnete Haase eben getan hat, im AuSlanoe wirken, zeigt eine Äeußerung der Zeitung „Oeuvre". „Die letzte Reichstagsrede Haafes kommt einem Siege gleick. Wenn in Frankreich ein Abgeordneter nur ein Wörtchen van dem gesagt hätte, was Haase gesagt hat, so hätten ihn seine Kollegen unfehlbar gesteinigt." (Stürmisches Hört, hört!)
Abg. Scheidemann (Soz.):
Der Reichskanzler hat gestern ausgesprochen: «Für Deutschland, nicht für ein fremdes Stück Land bluten und sterben Deutschlands Söhne." (Beifall.) Das war die Unterstreichung und Bekräftigun' ^
des Satzes vom Beginne des Krieges her: „Uns
treibt nicht Eroberungssucht!" DaS war auch eine Unterstreichung des Satzes, den er gestern aussprach: .Nicht Ländergier ist es, was uns treibt!" Das war eine für mick neue und klare deutliche Absage an allerlei Phantasten. (Sehr richtig!) Nicht alle haben aus der Kanzlerrede das gleiche gehört. Man deutelt hier und da. Die Herren Stresemann, Spahn und Graf Westarp haben daraus mancherlei gemacht, wag meines Erachtens nickt in Einklana mit dem, was der Reichskanzler gesagt hat, steht. Wenn sich oer Reichskanzler nachträglich zu den Zielen des Grafen Westarp bekennen wollte — zu Zielen, deren Verwirklichung einen möglichen Frieden hinausschieben müßte —, dann, so kann ich mit Bestimmtheit sagen, würde der Herr Reichskanzler mit den Abgeordneten Svahn und Graf Westarp den Krieg allein fortsetzen. (Sehr gut!)
Wenn aut Flugschriften hingewiesen wird, in denen alle möglichen Forderungen aufgestellt werden, dann erinnere ich daran, daß derartige Flugschriften auch im Frieden wenig Wert haben. Auch ich hätte gewünscht, daß der Reichskanzler sich an manchen Stellen so klar und deutlich ausgedrückt hätte, daß jede Dentelung unmöglich wäre. Aber man muß seinen Ausführungen schon Gewalt antun., um daraus Eroberungen und Vergewaltigungsabsichten herauszulesen. Wenn es gelingt, die vom Zarismus unterdrückten Polen ftei zu machen, würde sich die ganze Kulturmenschheit darüber freuen. Wenn es gelingt, den Flamen im Friedens- vertrag auf Grundlage ihrer Sprache die Möglichkeit zu sichern, ihre reiche Kultur zu pflegen, so frage ich, ist das Vergewaltigung? (Lebhaftes Sehr gut!) Gegen jede Vergewaltigung, dre dabei in Betracht käme, müßten wir uns selbstverständlich auf das entschiedenste wehren.
Der Reichskanzler hat gesagt: das Europa, das aus dieser ungeheuerlichsten aller Krisen entstehen wird, wird in vielen Stücken dem alten nicht mehr gleichen. An anderer Stelle: den Status quo ante kennt nach so ungeheuren Geschehnissen die Geschichte nicht. (Sehr richtig!) Mau muß ein politischer Kindskopf sein, wenn man sich einbildet, daß ein ganzer Weltteil in Flammen steht, daß Millionen und Millionen getötet werden, daß unermeßliche Kulturgüter vernichtet werden — man muß, so wiederhole ich, ein Ki n d s k o p f sein, wenn man sich einbildet, daß das alles zerstört und vernichtet werden kann, ohne daß auch nur ein einziger Grenz st ein dabei verrückt wird (stürmische Zustimmung), den irgendein langst vermoderter Diplomat vielleicht besetzt hat. Wenn man nicht in Ehrfurcht erstirbt für die lebenden Diplomaten, dann soll keiner verlangen, daß ich in
Ehrfurcht ersterbe vor den Leuten au§ der Zeit der heiligen Alliance. (Lebhafte Zustimmung und Heiterkeit.)
Wir müssen uns wehren auch mit dem U- Boot, damit unsere Frauen und Kinder nicht dem Hunger tode überliefert werden. (Stürmischer Beifall.) Wir würden der Resolution nicht zustimmen können, wenn sie nicht ausdrücklich sagte, daß die berechtigten Interessen der neutralen Staaten berücksichtigt werden sollten. Die Resolution Bernstein müssen wir ablehnen. (Beifall.) .
In Kriegsfragen muß man Vertrauen zu den verantwortlichen Stellen haben Bei dem Kampf um die Erweiterung der Volks- rechte wird Herr von Hehdebrand uns jederzeit an seiner Seite finden. Als erstes Ziel möchte ich ihm das zweite HauS in der Pr inz-Albrecht-Straße Vorschlägen. (Heiterkeit.) Und da müßten wir die erste Bresche legen, um einmal tüchtig hin- einleuchicn zu können.
Das Deutsche Reich opfert nicht seine Söhne wie ein vormärzliches Preußen. Es kämpft nicht nur für die Unabhängigkeit nach außen, sondern der Kampf geht auch um Freiheit und Unabhängigkeit im Innern. (Zustimmung bei den Soz.) Fremde Völker unterjochen wollen, ist ein Verbrechen, dauernde Rechte nach dem Inhalt des Geldbeutels abstufen wollen, ist eine Dummheit, die sich rächen muß. Gegen die Art, wie gewisse militärische Befehlshaber ; n den Reichslanden ihre Stellung auf- zufassen belieben, erhebe ick Einspruch. Der Reichskanzler sollte dort einmal nach dem Rechten sehen. Dank gebührt unseren tapferen Frauen, die daheim tun, was in ihren Kräften steht. (Beifall.) Unser tägliches Brot ist noch notwendiger als die Munition. (Zustimmung.) Deutschland soll nach den englischen Wünschen zum Bettelvolk Europas gemacht werden. Wir ringen wirklich um unsere Existenz, um die Zukunft unserer Kinder! (Lebhafte Zustimmung.) Die Abrechnung, mit denen, die unfern Kriegerfamilien das Leben verteuern, wird nach dem Kriege kommen, aber gründlich. (Beifall.) Was Hunderte von Zensoren, Bürgermei st ern undLandrätenan Stimmung im Lande verderben, das kann auch die stärkste Zentralbehörde nicht wieder gut machen. Darum, fort mit der Zensur und dem Belagerungszustand! Die schlimmste Zensur hat dre Bourgeois-Republik Frankreich (Liebknecht: Darauf dürfen Sie sich nicht berufen. — Große Heiterkeit.)
Auf gOgnerischer Seite ist die erste Voraussetzung für FriedenSverhandlungen, daß Frankreich und Belgien freigegeben werden sollen. Das ist ein ganz unmöglicher Standpunkt. (Lebhafte Zustimmung.) Bei unserer Situation würde das die Forderung rechtfertigen: erst alle Kolonien heraus, erst alle Seewege wieder für Deutschland frei — und dann., - (Lebhafter Beifall.) So können wir den Krieg noch jahrhundertelang fortsetzen. Das geht nicht. Man muh sobald als möglich verhandeln. Der Anfang der Verhandlungen ist auch daS Ende des Krieges. Hat einer von Ihnen in Deutschland bis heute auch nur ein einziges Wort gegen Frankreich gehört? (Lebhafte Zurufe von allen Seiten des Hauses: Nein, keiner!) Keiner hat es gehört, keiner! Mit Frankreich wünschte ganz Deutschland in Mieden und Freundschaft zu leben und wünscht es auch noch. In Frankreich wird immer noch der Wahn verbreitet, daß wir Boches aus reinem Barbarismus Frankreich vernichten woIten.
Das Handwerk würde jenen Leuten bald gelegt sein, wenn in Frankreich bekannt würde, was Jaures zwei Tage vor seinem Tode an Vandervelde nach Belgien geschrieben hat: «Die Lage würde eine Entspannung erfahren, sobald die französische Regierung erklärt, daß sic nickt gern die serbische Sache als eine russische sehe. In der Macht der französischen Regierung läge es, Rußland am Krieg zu verhindern. (Hört, hört!) Aber man sucht den Krieg, den man schon lange schürte. Unsere Sache darf nicht die russische sein. Wir dürfen unser Land nicht für die Knutenherrschaft des weißen Zaren bluten lassen. Europa wird von Asien verschlungen. Suchen Sie in Ihrem Wirkungskreise jede Steigerung des Kriegswahnsinns zu dämmen. Welche Interessen für Belgien auf dem Spiele stehen, wissen Sic. Aber diese Interessen können nur durch den Frieden gewabrt werden, aus dem sich kein Land, auch nicht durch die glänzendsten Versprechungen herauS- reißen lasten soll. Hier treiben alle schädlichen Kräfte gum Krieg, den man zur Erfüllung einer krankhaften Ehrgeize- fuhren will, und weil die Börsen in London und Paris auf Petersburg spekulieren." (Abg. Liebknecht: Berlin und Men?) — DaS ist ganz der Geist Jaures'. Ich zweifle nicht, daß das Schriftstück echt rst. Es ist Jaures, wie wir ihn geachtet und geliebt haben. Der Reichskanzler sprach gestern von dem aufopfernden Mute, mit dem die französischen Truppen kämpfen. Das war ein schönes Wort, für das wir ihm danken können und klang anders als die Reden der Asquith, Briand und Ssasonow.
Unsere Regierung hat am 6. Dezember ausdrücklich ihre grundsätzliche Bereitwilligkeit erklärt, Friedensvorschläge zu besprechen. Das Verhalten der feindlichen Staats- männer hat dem Reichskanzler nicht Unrecht gegeben. Unsere Interpellation hat nur ein törichtes Echo gefunden. Der Reichskanzler ist weitergegangen als irgendein anderer Staatsmann. Das ist ihm von vielen böse angekreidet worden. Wenn wir an seiner Seite gegen die unverantwortliche Politik auft treten, die von ihm Konzessionen gegenüber ihren Plänen der- langt, so deshalb, weil wir jederzeit gegen die Unvernunft an- kämpfen, nicht etwa, weil Herr von Bethmann Hollweg ein Reichskanzler nach unserem Wunsch ist. Wir haben grundsätzlich gar nichts aufgegeben. Wir sind, was wir waren, und wir bleiben auch, was wir sind: Sozialisten und Demokraten. Das deutsche Volk wünscht ein baldiges Ende des Krieges, wie alle Völker, die am Kriege beteiligt sind. Dem Kriege muß ein Ende gemacht werden, sobald die Gegner zum Frieden geneigt sind. Wir wären dem Frieden nahergekommen. wenn die feindlichen Sozialisten ebenso ihren Regierungen gegenüber aufgetreten wären wie wir. Leider ist das nicht geschehen. Ich muh das mit Bedauern feststellen. Wir kennen unsere Pflicht als Deutsche und als Sozial i st e n. Wir werden als Sozialisten und als Deutsche unsere Pflicht erfüllen. (Lebhafter Beifall.)
Gin Schlußantrag wird angenommen.
Abg. Ledebour (Soz. Arb.) (zur Geschäftsordnung):
Wir sind sehr erstaunt über den Schlußantrag. Die auswärtige Politik sollte doch ausgiebig besprochen werden. (Zuruf: Ist ja auch geschehen!)
Abg. Liebknecht:
Bei der ersten Lesung wurde mir daS Wort abgeschnitten, jetzt wieder. DaS ist eine gewalttätige Mu n d t o t - machung. (Großer Lärm und lebhafter Widerspruch, der Redner wird zur Ordnung gerufen.)
Die Resolution Dr. Schäfer.
Abg. Bassermann (Natl.) teilte als Berichterstatter mck. daß nach dem Anträge des Ausschusses die Resolution Schäfer für erledigt erklärt werden soll.
Dabei meldet sich der Abg. Ledebour (Soz. Arb.) zum Wort und beginnt über den TI-Boot-Kricg zu sprechen. Der Einigung», antrag zur l_l-Boot-Frage begünstige eine rücksichtslose Torpedie- rung. (Lebhafter Widerspruch.)
Abg. Dr. David (Soz.):
Diese Auslegung des Kollegen Ledebour ist eine rücksichtslose und lvarnungslose Torpedierung jeder verständigen Auslegung. (Lebhafte Zustimmung.) Man müßte eigentlich an Ledebours gutem Glauben zweifeln, aber weck er es ist, will ich ihm den guten Glauben zubilligen. (Große Heiterkeit.)
Ein Schlußantrag wird angenommen. Die Eingabe wird für erledigt erklärt. Der Etat de i Reichskanzlers und des Auswärtigen Amts wiri erledigt.
Ein Vertagungsantrag wird angenommen.
Freitag, 2 Uhr: Kleine Anfragen, Marineetat, kleine Etats.


