Ausgabe 
7.4.1916 Zweites Blatt
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Nr. 83

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«.

Die ..«letz-ner LamlllenblStter- werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Xrelrblatt für den Lreir Stehen" zweimal wöchentlich. Die ^Landwirtschaftlichen Sett- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

16 l'. Jahrgang

General-Anzeiger für Oberheffen

Freitag, 7 . Npr r? 1916

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Sleindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schriitleitung, Geschäftsstelle wDruckerei: Schul- straße7.Geschäitsstelle u. Berlag:^UK51, Schrift- leitung: «^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Deutscher Reichstag.

40. Sitzung, Donnerstag, den 6. April 1916.

Am Tische der DundesratS: d. Iagow , Capelle,

Dr. H-lfferich.

Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 16 Mi­nuten und teilt mit, daß die Stimmen auf die einzelnen Aus­schüße neu verteilt werden, da fick zwei neue Fraktionen gebildet haben, die Deutsche Fraktion und die Sozialdemokratische Arbeits. gemeinschaft.

Der HMshalkspdnr für den Reichskanzler and das Auswärtige Amt.

(Zweiter Tag.)

Abg. v. Paher (F. Dp.)':'

Auf die 17-Boot-Frage brauche ich nicht einzugchen, nachdem im Ausschüße eine Einigung erzielt worden ist. (Zustimmung.) Die Rede deS Reichskanzlers wird im Auslande beträchtliches Aufsehen erregen. Im Jnlande hat sie, soweit man bis jetzt übersehen kann, Befriedigung hervorgerufen, auch bei denen, die sachM nicht mit allen Einzelheiten einverstanden sind. Schon die Tatsache, daß die verbündeten Regierungen über daS, was sie wollen und bei den Friedensverhandlungen wollen werden, den Schleier ein wenig weg. gezogen haben, ist nicht ganz unerheblich. Die Herren, die hier in Berlin alles wißen, ahnen gar rncht, wie wissensdurstig diejenigen draußen ünd, die nichts wißen und die infolgedeßen das ganze Jahr hinourch wie ein Spielball zwischen Hoffnung und Furcht, zwischen Jrrtümern und Mißverständnissen hin- und hergeworfen werden. (Sehr gut!) Das ist nicht armselige Neugierde, sondern man will draußen die Sorgen mittragen helfen, man will Mit­arbeiten. mit cingreifen. Wir find ja vom Regierungstische durch Mitteilungen über die Friedensziele nicht verwöhnt. (Heiterkeit.) Das mag schließlich auch berechtigt sein, denn unsere Regierung hat eine viel verantwortungsvollere Stellung als die Regierungen der feindlichen Länder, die sich jedenfalls über das Schicksal besetzter Gebiete den Kops nicht zu zerbrechen brauchen. (Gr. Heiterkeit.)

Diese Kanzlerrede wird auch ein Echo bei denen finden, die im einzelnen nicht mit allem einverstanden sind, die aber aus der Tatsache der endlichen Erwähnung der Kriegsziele einen Schluß auf die Hoffnung der Verbündeten Regierung ziehen werden, daß der Friede sich nähert. (Hört, hört!) Aber man wird auch aus dem, was die Regierung als den Inhalt ihrer Ziele mitgeteilt hat, herauslesen können, daß niemand imstande sein wird, uns das zu entreißen, was wir be. sitzen. (Lebhafter Beifall.) Der Statusqno soll nicht wieder hergeftellt werden. Die befreiten Völker sollen nicht mehr unter die Herrschaft des reaktionären Rußlands zurückkommen, die Grenzen Preußens und Oesterreichs sollen nicht mehr ein Ein­sallstor für unsere Feinde bleiben. Im Westen wollen wir reale Garantien dafür haben, daß Belgien nicht mehr ein englisch- französischer Vasallenstaat bleibt und als Vorwerk gegen Deutsch- Ianb ausgebaut werden kann. Die begonnenen und kraftvollen Forderungen des Reichskanzler» zeigen, wie wenig die Angriffe gegen die Reichsleitung wegen der angeblichen Kraftlosigkeit berechtig waren. (Sehr richtig!) Viel­leicht hätte die Reichsleitnng uns diese Mitteilungen schon eisvaS früher machen sollen. (Sehr richtig!)

Die Erklärungen des Reichskanzlers ent­sprechen im wesentlichen dem, wovon sich die Fortschrittliche BolkSpartei überzeugt hat, oaß eine andere Lösung dieser schwierigen Frage nicht möglich ist. Im einzelnen find fie noch nicht spruch. reif. Weroen die Erklärungen deS Reichskanzlers den Frieden fördern oder verzögern? Wir müssen es abwarten. Wir können angesichts unserer militärischen, politischen, wirtschaft­lichen und finanziellen Lage unendlich viel leichter zuwarten, als unsere Gegner. Unsere Feinde sind vielleicht deu sehr realpoliti­schen Ausblicken des Reichskanzlers gegenüber zugänglicher als seinen Erklärungen im Dezember vorigen JahreS. (Der Reichs­kanzler betritt den Saal.) Der Friede kann nicht auf der Grundlage zustandekommen, wie es der Antrag der ganz linw stehenden Partei, der Antrag Bernstein, nahelegt. Wer kann er- warten, daß die Reichsleitung durch Einleitung von Friedens- Verhandlungen in diesem Augenblick eine Verständigung unter den Völkern suchen kann? (Sehr richtig!) Gewiß kann der Stär­kere leichter den Frieden anbieten als sein Gegner, der Sieger leichter als der Besiegte. Aber bei dem Gegner muß eine ge­wisse Geneigtheit zu Friedensverhandlungen vorhanden sein. (Sehr richtig!)

Die Neutralen Europas sind rncht auf Rosen gebettet. Sie müßen die schweren Opfer auf sich nehmen, ohne Hoffnung aus Ersatz, ohne Aussicht auf eine schönere und glücklichere Zukunft, wie sie die Kriegsführenden haben. Diesem Martyrium der Neutralen wird die Geschichte einmal ein besonderes Blatt zu widmen haben. (Sehr richtig!) Die holländische Presse ist jetzt in einem Stadium angelangt, das nicht nur Holland angeht. Wir sehen nicht die Ursachen hierfür, wohl ober die Tatsache, daß Holland sich gezwungen sieht, seine Küste und die Scheldemünhung nicht gegen das Deutsche Reich, noch weniger gegen unsere Bundesgenossen (Sehr richtig!), sondern gegen Eng­land zu schützen. Holland ist durch Belgiens tragisches Schicksal gewarnt. Wir dürfen hieran nicht schweigend vorübergehen. Wir sollen hier zum Ausdruck bringen, daß wir uns nicht bloß stammver­wandt mit Holland fühlen, sondern daß wir auch ein außer­ordentlich lebhaftes Empfinden dafür haben, daß Holland in dieser Stunde nicht für sich allein, sondern auch wesentlich für uns zu denken hat. (Beifall.) Man will Holland die Kehle zuschnüren, damit dem deutschen Volke der Atem ausgeht. Ich empfinde tiefen Respekt vor der starken Kraft, mit der das holländische Volt durch seine ganze Gescbichte sich gegen alle seine Bedränger für seine Selbständigkeit und Freiheit gewehrt hat. (Lebhafter Beifall.)

Der politische Einfluß der Vereinigten Staaten ist heute viel größer als je zuvor und steigt, je länger der Krieg dauert. Wir verstehen es, daß die Vereinigten Staaten ein besonderes Gewicht daraus legen, ihr Wort im Rate der Völker geachtet zu sehen, aber auch wir haben ein Recht auf Leben und Geltung. Wo mangelt es denn nicht an Zwischenfällen, bald mit uns und unseren Bundesgenoßen, bald mit unseren Gegnern. Das deutsche Volk, mit den Vereinigten Staaten von jeher durch Bande des Mutes und der innigen geistigen Verwandtschaft ver­bunden, vertraut, selbst bestrebt, gerecht zu sein, aller Ver­stimmung ungeachtet dem Gerechtigkeitssinn deS amerikanischen Volkes. Die Abwicklung aller Streitig­keiten überlassen wir ruhig unseren und den amerikanischen Diplomaten. Unsere Gegner schieben uns immer wieder kriegerische Absichten gegen d'e Vereinigten Staaten unter. Wir sind berechtigt und verpflichtet, zu er­

klären, daß daS nicht wahr ist. (Sehr gut!) Die Vereinig­ten Staaten können der Menschheit jetzt vielleicht einen der wertvollsten Dien st e leisten, wenn sie sich be­mühen, ruhig und besonnen die Flammen des Weltkrieges in Schranken zu Hallen. (Sehr richtig!)

Unseren Bundesgenossen hat der Reichskanzler einen Satz gewidmet, aber dieser war sehr bedeutungsvoll. Wie sehr auch die Meinungen über Einzelheiten auseinandergehen mögen, eine Annäherung der Bundesgenossen muß stattfindcn, sonst wäre das Kriegsergebnis lückenhaft. Unsere Feinde wollen uns nach Friedensschluß noch durch einen Wirtschaftskrieg zu Besiegten machen. Das klingt schon wie ein stiller Verzicht auf die politische und militärische Niederzwingung. (Sehr richtig!) Dagegen werden wir uns bei den Friedensverhandlungen zu schützen wißen.

Unsere Krieger müssen als vollgültige Staatsbürger heimkehren. Den Zensor muß man verdauen, wie er ist, er ist kaum genießbarer zu machen. Nachdem der Reichskanzler die Kriegsziele der Reichsleitung verkündet hatte, wird sie es dem gemeinen Mann nicht verwehren wollen, auch seine Kricgsziele auszusprechen. Die wirtschaftlichen Maßnahmen ließen es an Uebersicht und Einheitlichkeit fehlen. Erhöhungen der Höchstpreise erschienen als Prämien für den Eigennutz und Strafen für loyales Verhalten. Die Probe auf das Exempel dürfen wir nicht noch einmal machen. (Sehr richtig!) Mehr Rücksichtslosigkeit gegenüber den Interessen­ten. Unsere Ernährung ist jedenfalls gesichert. Hoffentlich wird das Erntejahr 1916 gegenüber dem ausnahmsweise schlechten Vor­jahr ausnahmsweise gut oder wenigstens normal.

Die Regierung hat ein feierliches Versprechen auf Abänderung des Vereinsgesetzes zu Gunsten der Gewerkschaften abgegeben. Die Vorlage sollte alsbald kommen. Der auf die Firma gezogene Wechsel ist akzeptiert, und muß nun auch ohne Rücksicht aus Meinungsverschiedenheiten über die Art und Zahlung innerhalb der Firma eingelüst werden, sonst verliert sie ihren Kredit. (Sehr gut!) Es wäre die erste Abschlagszahlung auf die große Neuorien­tierung, die kommen muß. Käme sie nicht, so würde man künstlich Mißtrauen züchten und Wasser auf die Mühlen der­jenigen leiten, die dem Volk einreden möchten, alle Versicherungen seien aus Täuschung berechnet, und nach dem Kriege werde es im Innern noch viel schlimmer aussehcn als vorher. Die Re­gierung darf nicht die politische Tragweite der Aenderung des Reichsvereinsgesetzes verkennen. Sonst macht sie einen großen Fehler. (Beifall)

Abg. Dr. Strcscmann (Natl.):

Der Reichskanzler hat bas richtige Wort gefunden-, als er dem Empfinden des deutschen Volkes gegenüber den Taten unserer Heere zu Wasser und zu Lande Ausdruck gab. Namentlich in unserer Kolonie Deutsch-Ostafrika halten unsere Landsleute gegen eine Ilebermacht ohnegleichen die deutsche Flagge hoch, abgeschnitten von uns. Hoffentlich gelingt es ihnen, mit Gottes Hilfe bis zum Friedensschlüsse durchzuhalten. Was in den bisherigen zwanzig Kampsmonaten von unserem Heer geleistet worden ist, stellt sich würdig den größten Taten der alten Gri e ch en und Römer zur Seite, die uns auf Grund unserer Erziehung von Augen stehen. In Zukunft möge au Deutschlands Schulen und Hochschulen in der staatsbürger­lichen Erziehung die Jugend mehr von Moltke und Hindenburg als von Caesar und Alexander hören. (Zustimmung.) Wenn morgen Generalfeldmarschall von Hindenburg sein 60jährigeS Militärjubiläum feiert, dann erscheint als Gratulant das ganze deutsche Volk. (Lebhafter Beifall.) Einmütig ist unsere Empfindung, daß ein gütiges Ge­schick uns diesen Mann in seiner ganzen Genialität und Schaffens­kraft noch recht lange erhalten uröge, der für Ostpreußen und im Osten überhaupt so Unvergängliche- für uns getan hat. (Stür­mischer Beifall.)

Töricht wäre eS, leugnen zu wollen, daß die Blockade unserer Gegner nicht nach vielen Richtungen hin wirkte. Davon zeugt un­sere ganze Gesetzgebung. Auf der Pariser Konferenz ist beschlossen worden. diese Erdrosselung, wie sie unseren Feinden vorschwebt, noch weiter mit allen Mitteln zu verschärfen. Das zwingt uns, auch alle unsere Machtmittel in vollem Umfangean- zuwenden. Wir haben die Mittel, England in seinem Lebens­nerv zu treffen, und verlangen, daß man von ihnen Gebrauch macht. Die berechtigten Interessen der Neutralen sind bisher von unserer Reichsleitung in minutiösester Weise gewahrt worden. Unberechtigte Ansprüche neutraler Mächte müßen aber zurück­gewiesen werden. Die Ausdehnung, die die Vereinigten Staaten dem Begriff der Neutralität gegeben haben, ist unvereinbar mit der deutschen Auffassung. (Sehr richtig!) Man kann nicht verlangen, im Kriegsgebiet mit bewaffneten Schissen spazieren zu sahrey. (Sehr richtig!)^ Hoffentlich wird der 17-Boot-Krieg im Sinne des Beschlußes unseres R'eichshaushaltsausschußes geführt. (Zust.)

Offen habe ich anerkannt, daß wir wirtschaftlich durch die Blockade unserer Feinde in einer schwierigen Lage sind. Aber niemand unter uns nimmt an. daß Deutschland dadurch irgendwie jemals zum Erliegen kommen könne. Gewiß ist manche Erschei­nung wenig erfreulich. Wi^ stehen vielleicht den Tatsachen zu nahe und sehen daher die Fehler zu klar. Die Geschichte wird aber einmal das. was hier geleistet ist, als eine Großtat deutscher Organisation und deutscher Wirtschaft rühmen. (Sehr richtig!) Der Abgeordnete Ebert hat gestern dem Wunsche nach Frie­den, der in Deuffchland wie in anderen Ländern vorhanden ist, Ausdruck gegeben. Mit Recht hat er hinzugefügt, angesichts unserer militärischen und politischen Lage könne niemand darin ein Zeichen der Schwäche erblicken. In Deutschland werden seine Worte, die von einem hohen vaterländischen Sinne getragen waren, nicht-- nmgedeutet werden. Wenn das Ausland seinen Ausführungen falsche Motive unterschiebt, so können wir das nicht ändern. Die Friedenssehnsucht der ganzen Welt entspricht nur der Kulturhöhe der Völker. Ernste Stimmen weisen jetzt schön aus das Verhältnis zwischen Europa und Amerika nach dem Kriege hin. Europa ist dann ein aus tausend Wunden blutender, zuckender Körper. Niemals wird dann das Wort berechtigter gewesen sein: Amerika, du hast es besser! Im deutschen Volke herrscht exne tiefe Entrüstung über di^ amerikanische Auffassung der Neutralität, die den Charak­ter der Ausnutzung der Kriegstonjunktur in schrankenloser, man möchte fast sagen: schamloser Weise zeigt.

So ethisch begründet aber d'e Friedenssehnsucht sein mag. sie scheitert an den starken Realitäten des Völkerdaseins. Die inter­nationale Völkergemeinschaft, die vor dem Kriege bestand, kann nicht wieder aufleben. Wenn man ein Volk wie das deutsche jetzt als Hunnen und Barbaren hinstellt, ist cs nicht leicht, die Brücken wiederzugewinnen zu denen, die das jetzt tun. Deutschland kann die geistige Isolierung leichter. als irgendein a. dercs Volk er­

tragen. E§ hat der Welt wehr gegeben, als zurück' erhalten. (Zustimmung.)

Das Friedcnsbegehren muß begrenzt sein durch den Gesichts­punkt der Freiheit des deutschen Landes und der Sicherung seiner Grenzen im Westen und im Osten. Ein unangreifbares Tentsch- land ist die stärkste Friedensbürgschast für Europa. Ein Stand­punkt, den Frieden durch Verzicht auf weltpolitische Expansionen, durch Verständigung und Entgegenkommen gegen andere Völker zu sichern, wäre für mich diskutierbar, wenn wir nicht die Erfahrun­gen des Weltkrieges hinter uns hätten. Jahrzehntelang haben wir diese Politik geführt, haben die Verlegenheiten anderer Völker nicht zu unseren Gunsten ausgenutzt. Das zeigen der russisch- japanische Krieg, der Durenkrieg und die Marokrokrise. Ein großes französisches Kolonialreich ist entstanden: Italien bat Tripolis ge- nonimen, Rußland und England teilten sich Persien. Als Dank für unsere Haltung haben wir eine Welt von Feinden, Haß und leidenschaftliche Abneigung zum Teil selbst bei den Neutralen ge­erntet. Propter invidiam ist dieser Krieg, Sympathien hatten wir nur solange in der Welt, wie wir ohnmächtig waren, als noch nicht aus Michel dem Träumer Michel der Seefahrer geworden war. Die ganze neuere englische Geschichte zeigt das. Nur um das blaue Band des Ozeans wieder zu gewinnen, hat England nicht notleidende englische Schiffahrtsgesellschaften mit großen Summen unterstützt.

Nur ein starkes unangreifbares Deutschland sichert einen dau­ernden Frieden. Deshalb danken wir dem Reichskanzler für seine gestrigen Ausführungen. Wir wollen keine Völker unterdrücken, aber auch nicht dulden, daß andere das tun. Er hat dabei aus die deutschen Balten hingewiesen. Zahlenmäßig stehen die Bal­ten hinter den Esten und Letten zurück, aber sie haben dem gan­zen Lande ihre Kultur und ihr geistiges Leben ausgeprägt. Dem deutschen Volke ist gar nicht genügend bekannt, welche Fülle deut­schen geistigen Lebens in Dorpat ihren Ausgang genommen hat Stützen wir das Deutschtum jetzt nicht, dann ist cs rettungslos der Russisizierung verfallen.

Mit dem Programm des Reichskanzlers bezüglich der Flamen sind wir einverstanden. Sie dürfen nicht der Ver- welschung anheimfallen. Das entspricht auch den Empfindungen der Flamländer. Neben den kulturellen Interessen birgt die bel­gische Frage auch große politische Pryblemc in sich. Wenn wir wünschen, daß Belgien nicht wieder ein Glacis für unsere Feinde wird, dann muß nicht nur der Status quo ante ausgeschlossen, son­dern die politische, militärische und wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands gesichert sein. (Zustimmung.) Dies um so mehr, als der Reichskanzler die Erringung der Freiheit der Meere in früheren Reden als Kriegsziel hingestellt hat. Tie Tatsachen des Krieges reden da eine harte Sprache. Alle Völkerrechtsgrundsätze sind wie Zwirnsfäden zerrissen. Im Frieden haben wir eine Freiheit der Meere. Die wirkliche Freiheit zeigt sich aber erst, wenn die Völker aufeinanderschlagen. Internationale Verträge gewährleisten sie nicht. War denn Griechenland durch da^ Völkerrecht vor den schamlosen Zumutungen der Entente gesichert? Wir müßen aus dem nassen Dreieck her­auskommen an das Meer. Aus entfernten Meeren dürfen unsere Kreuzer nicht mehr in so unglücklicher Lage sein wie zu Anfang des Krieges. Unsere Ziele nehmen Rücksicht aus das Eigenleben anderer Völker, als Grundlage muffen sie jedoch das Interesse deS deutschen Volkes haben, das sich nach den unendlichen Opfern, die gebracht worden fiftb, seine Zukunft sichern will.

Die Verständigung über ein wirtschaftliches Kriegsziel fordert die Sicherstellung der Freiheit der Betätigung deutscher Schaffens­kraft. Wir sind Vorkämpfer dieser Freiheit, die von unfern Gegnern schamlos unterdrückt worden ist. Englands planmäßige Unterdrückung deutschen Eigentums wird ewig ein Schandfleck in der Geschichte der englischen Kaufmannschaft sein. Nicht nur wurden die deutschen Unternehmungen liquidiert, sondern auch die Geschäftsbücher verbrannt. Die Zivilbevölkerung wurde in Sammellägern untergebracht. In Rußland wurde der Kampf gegen das gesamte Deutschtum geführt. Der portugiesische Schisfs- diebstahl ist auf daS Londoner Konto zu verbuchen. Wir sind dem feindlichen Vorgehen nur Schritt für Schritt gefolgt. Die ausländischen Unternehmungen werden von Deutschen wie deut­sches Eigentum verwaltet. Einstmals war der Begriff von Treu und Glauben im internationalen Verkehr wichtiger als alle ge­schriebenen Gesetze. Nach der Zerstörung dieses Begriffes durch England muß das Deutsche Reich sich anders verhalten. Wie der Reichskanzler sich des zerstörten deutschen Eigentums in Rußland annehmen will, muß sich das Reich aller deutschen Forderungen im Ausland annehmen Mit der Wiederherstellung der Rechtsver­hältnisse wäre der deutschen Kaufmannschaft nicht gedient. Vor ausländischen Gerichten hat der deutsche Kaufmann schon im Frieden sein Recht nicht gefunden.

Dankbar sind wir den Deutschen im Ausland, die unter den schwierigsten Verhältnissen fast ausnahmslos ihrer alten Heimat die Treue bewahrt haben. Gegenüber einer Welle von Haß haben sie in der Not dem Vaterland ihr Herz zugeneigt. Damit i)f die Grundlage für ein großes geistiges Hundertmillionenvolk der Zu­kunft gegeben. Sie haben auch ihre politische Macht zu unfern Gunsten ausgenutzt selbst wo sie in der Minderheit sind, um Ge­rechtigkeit für uns zu erlangen. Den deutschen und englischen Außenhandel darf man nicht nach den Ziffern allein beurteilen, sondern man muß die Quellen beachten, aus denen der Ausfuhr­handel entspringt. Von der englischen Gesamtausftchr von über nerrn Milliarden gingen mehr als drei Milliarden, also mehr als ein Drittel, nach den Kolonien und Protektoraten. Dieses Drittel beruhte also lediglich auf der politischen Machtquelle Englands. Wenn lrnr bei uns und England den Teil von dcr Gesamtausfuhr abziehen, dann bleiben für das letzte Jahr vor­dem Krieg für das Gebiet des fteien Wettbewerbs neun Dtilliar- den für Deutschland gegenüber sechs Milliarden Ausfuhr bei England. Deshalb ist uns mit dem Grundsatz der offenen Tür rncht allem' genutzt.

Die Erhaltung des deutschen Kolonialbesitzes ist nicht nur vom Standpunkt des Prestiges und der kolonialen Interessen, son­dern auch vom Standpunkt der wirtschaftlichen Interessen eine Notwendigkeit. Ob der Wirtscba fish lock der Errtente kommt, iil mir zweifelhaft. Dazu gehört geographische Zusammengehörigkeit. Zwischen Rußland und Frankreich liegt aber geographisch das Deutsche Reich. Ter Gedanke eines greatcr Britain, eines Groß- england, das politisch und wirtschaftlich und durch gemeinschaft­liche Zölle, die sich gegen uns richten, zusammenhängt, wird je­doch nach dem Kriege wahrscheinlich Wahrheit werden. Auch mit starker Bvckottterung in Frankreich müssen wir rechnen, mit ver­stärkten handelspolittfchen Maßnahmen in Rußland und mit einer Präponderanz der durch den Krieg gestärkten Vereinigten Staaten im Kampf um den Weltmarkt.

All dem gegenüber brauclxm wir einen Schrrtz der deutschen Forderungen im Ausland. Besondere Wichtigkeit bat die Regelung der UebergangSzeit vom Krieg zum Frieden, die Neberführung des