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6.4.1916 Zweites Blatt
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nrffc: ©dpnerfjf 5en ÄerT fhweST Große Heiterkeit.) Wir jisd m der lsngeu KriLgsgemeinschast mit unseren Bundes- gcmoftem im «u fester verwochfen. (Beifall.) Der treuen Kriegs- Maneradschast maß und wird eine Arbeitsgemeinschaft des Frie­dens folgen im Dienste der wirtschaftlichen und kulturellen Wohl­fahrt der immer enger verbündeten Reiche. (Lebhafter Beifall.) Mr gehen «rch auf diesem Gebiete einen anderen Weg als un­sere Gegner. Ich streifte das schon vorhin. England will auch nach dem Fri^enSschöuß den Krieg nicht aufhören lassen, sondern dmrn den Handelskrieg gegen uns mit doppelter Schärfe ein sehen lasten. Erft sollen wir militärisch, dann wirtschaftlich vernichtet werden. Usberaü eine brutale Zerstörungs- und Vernrchtungs- wnt, und der vermessene Wille, ein Volk von 70 Millionen zum Krüppel zu schlagen. Auch diese Drohung wird zerschellen, aber die Staatsmänner, die solche Worte brauchen, mögen eingedenk feint je heftiger zfjtc Worte find, desto stärker sind unsere Schläge. (Lebhafter Beifall.) Und wenn wir über Europa hinaussehen: von jeder Verbindung mit der Heimat abgeschnitten, haben unsere Schutztruppen und unsere Landsleute unsere Kolonien zäh verteidigt, machen sie noch jetzt in Ostafrika heldenmütig dem Feinde jeden Fuß breit Boden streitig. (Beifall.) Aber das end­gültige Schicksal der Kolonien wird nich dort, sondern, wie BiSmarck sagte, hier ans dem Kontinent entschi^)en, nnd unsere Siege aus dem Kontinent werden uns einen Kolonialbesitz sichern und der unverwüstlichen deutschen Unternehmungslust eine neue fruchtbringende Tätigkeit eröffnen. (Lebhafter Beifall.) So gehen wir frei und offen, aber mit wächserner Zudersich der Zukunft entgegen, nicht in Nebechekmng und Selbsttäuschung, aber voller Dank gegen u-nsere Krieger und in dem heiligen Glauben an uns urrd unsere Zukunft. Groß und breit wie Berge liegen bei 'unseren Feinden Selbsttäuschung, i n g r i m-m iger Haß und BolkSbetrug auf den Geistern. Die feindlichen Staatsmänner setzen sich zusammen und erfinden immer neue Formeln zu den alten, damit nur dieser Wahn nicht gebrochen werde. Wir haben keine Zeit zur Rhetorik. (Lebhafter Beifall.) Stärker sind die Tatsachen, die wir für uns reden lasten. (Erneuter stürmischer Beifall.) Von allen krieg­führenden Mächten ist Deutschland der einzige, der von seinen Feinden au§ dem Munde ihrer Staatsmänner die Vernichtung, die Zerstückelung des Reiches, die Zerstörung seiner militärischen und wirtschaftlichen Macht angedroht wird. Die treibenden Kräfte, die vor dem Kriege die Koalition gegen uns zusammengesührt haben: Eroberungssucht, Revanchelust, Eifersucht gegen den

Konkurrenten auf dem Weltmarkt, sie sind auch während des Krieges trotz aller Niederlagen mächtig geblieben. In diesem Kricgszrele sind sich London, Paris und Petersburg einig, und dieser Tatsache stellen wir die andere gegenüber, als die Katastrophe über Europa hereiubrach, wir anders als 1570, wo Reichslande und Kaisertum jedem Deutschen als selbstver­ständlicher SiegeSpreis vorschwebten nur daS eine Ziel hatten, uns zu wehren, uns selbst zu behaupten, den Feind von der Hei­mat fernzuhalten, und ihn' dort, wo er seine Zerstörungswut so ungeheuerlich betätigt hatte, so schnell wie möglich zu vertreiben. Wir hatten den Krieg nicht gewollt, gegen unseren Willen sind wir hineingezogen worden. Wir find es nicht gewesen, die an­deren Nationen Vernichtung ihrer Existenz, Zerstörung ihres nationalen Wesens angedroht haben. Und woher nehmen wir die Kraft, um daheim alle mit der Absperrung unseres Verkehrs verbundenen Schwierigkeiten zu tragen, um draußen die Ueber- zahl unserer Feinde zu überdauern, weiter zu schlagen und zu siegen 7 Will etwa jemand ernsthaft glauben, daß das Länder­gier sei? (Abgeordneter Dc. Liebknecht: Jawohl! Stür­mische EntrüstungSrnfe, Abgeordneter Dr. Kerschensteiner ruft: Haut ihm doch eine runter! Große Heiterkeit). Unsere Soldaten haben große Heldentaten vollbracht, unser Volk hat der Wett jo viel geistiges Gut geschenkt, 44 Jahre lang waren wir die friedliebendste aller Nationen, wir sind nicht auf einmal in Barbaren und Hunnen verwandelt. (Lebhafter Beifall.) Das sind Erfindungen des schlechten Gewissens der am Kriege Schuldi­gen. (Stürmische Zustimmung.) Die neueste Ausstreuung un­serer Gegner ist die Behauptung, daß wir uns auf den ame­rikanischen Kontinent stürzen wollten. (Heiterkeit.) DaS ist dieselbe Phantasterei wie die Behauptung daß wir brasi­lianisches oder sonstiges sudamerikanisches Gebiet an strebten. Kaltblütig legen wir diese ^richte übelwollende Anschuldigung zu den übrigen. (Zustimmung.) Meine Herren, um unser Dasein und unsere Zukunft geht dieser Krieg. Weil das ein jeder von uns werß, darum find unsere Herzen und Nerven stark. Für Deutschland, nicht für ein fremdes Stuck Land bluten und sterben Deutschlands Söhne. (Abgeordneter Dr. Liebknecht: Das ist nicht wahrt Unruhe. Glocke des Präsidenten. Ord­nungsruf.)

Ich möchte mit einer persönlichen Erinnerung schließen. Als ich das lctztemal im Hauptquartier war,

stand ich mit dem Kaiser

auf einer Stelle, wohin ich Seine Majestät schon vor einem Jahre begleitet hatte. Der Kaiser erinnerte sich des Vorganges und sprach in tief bewegten Worten über den großen Wandel, den wir in diesem Jahre erstritten haben. Damals standen die Rusien bis zu dem Karpathenkamm. Der Durchbruch bei Gorlice und die große Hindenburgische Offensive waren noch nicht im Gange. Heute stehen wir tief in Rußland. Damals berannten die Eng­länder und Franzosen Gallipoli, um den Balkan gegen uns in Brand zu setzen. Heute steht Bulgarien fest an unserer Seite. (Beifall.) Damals schlugen wir die schwere Abwehrschlacht in der Champagne. Heute klang bei den Worten des Kaisers der Ka­nonendonner von Verdun herüber. Tiefer Dank gegen Gott, gegen Heer und Volk erfüllten des Kaisers Herz. Und ich darf wohl sagen, daß mir in dieser Stunde das Ungeheure, was Heer und Flotte für uns in diesem Jahre vollbracht haben, kräftiger und bewegender vor die Seele getreten ist als je. In ernster Stunde ist Ihre und unsere gemeinsame Arbeit, meine Herren, doppelt verantwortungsvoll. Kein anderer Gedanke kann uns beseelen als der: wie helfen, wie stützen wir am besten unsere Krieger, welche draußen für die Heimat ihr Leben in die Schanze schlagen? Ein Geist, ein Wille führt uns; dieser uns alle einende Geist leite auch uns! Er ist es, der über den Kamps der Väter hinaus unsere Kinder und Enkel in eine starke und freie Zukunft führen wird. (Lebhafter, anhaltender Beifall und Händeklatschen.)

Abgeordneter Dr. Spahn (Ztr.)"

chkeibt cm vielen Stellen seiner Ausführungen auf der Tribüne vollkommen unverständlich. Dem Präsidenten gelingt es trotz mehr­fachem Eingreifen mit der Glocke nicht, die Ruhe im Hause her- zustellen.): Ich glaubt im Namen des ganzen Hauses zu sprecyen, wenn ich dem Reichskanzler für seine Ausführungen den Dank und die Anerkennung des Hauses ausspreche. Wir sind alle einig ohne Rücksicht auf die Stammeszugehörigkeit, die Religion und di« Partei. Militärisch und wirtschaftlich stehen wir glänzend da. In unserer Wirtschaft, in Handel und Wandel werden wir dank der Organisation unserer Industrie und unserer wisienschaftlichen Entwicklung England in diesem Kriege besiegen. Unsere Luft­schiffe und unsere Unterseeboote haben in den letzten Tagen Ena. lcmd gegenüber große Erfolge erzielt. Auch in Frankreich geht es voran. Wir alle pflichten der Anerkennung für unsere Truppen zu Lande, zu Wasser und in der Luft rückhaltslos bei. Wir muffen ihnen auch, wenn sie zurückkehren, unsere Dankbarkeit durch die Tat beweisen. (Beifall.)

Wirtschaftlich geht es uns in Deutschland nicht nur nicht schlechter, vielfach bester als unseren Gegnern. Unsere Gegner haben viel Geld ins Ausland geben lasten müssen, vor allem nach Amerika und Japan. Die Arbeitsverhältniffe sind bei uns günstiger als dort. Arbeitslosigkeit ist fast nicht vorhanden. Frankreich hat neben seinen zahlreichen Arbeitslosen 700 000 Flüchtlinge zu versorgen. Der Redner beschäftigt sich dann mit der wirtschaftlichen Lage in England, Italien und Rußland. Der Kampf in Rußland gegen das Deutschtum vertreibt die Deutschen aus ihren Dörfern und Gehöften auch dann, wenn Vater und Söhne für Rußland bluten. England geht wie bisher weiter rücksichtÄoS gegen die neutralen Staaten vor und vergreift sich an ihren Hoheitsrechten. Den Ausführungen des Reichskanzlers über Belgien stimme ich zu. Mit Oesterreich-Ungarn sind wir in Krieg und Frieden fest verbunden. Die Engländer wollen unsere Industrie und unseren Handel zerstören, sie täuschen sich aber über unsere Kraft. Unser Weltverkehr ist auch im wesent­lichen Festlandsverkehr. Unser Kampf wird für die vollständige Sicherung des freien Weltmarktes geführt. (Beifall.)

Abg. Ebert (Soz.):i

- Die Rede des Reichskanzlers gibt leider wenig Hoffnung auf einen baldigen Frieden. Auch die FriedensauS- spräche hier im Reichstage hat nur ein geringes Echo gefunden. Leider besteht auch bei den sozialistischen Parteien der feindlichen Länder keine Friedensneigung. DaS gilt be­sonders für Frankreich. Aber eS ist festzustellen, daß die Friedensneigung bei den Völkern immer starker wird. Der Redner verweist auf Stimmen in der Duma und im englischen Unterhause und besonders auf die Rede des Engländers Snowdou. Aber die Staatsmänner der feindlichen Mächte wollen noch keinen Frieden. Das ist heller Wahnsinn, wenn nicht mehr. Ernsthaft kann doch niemand mehr mit der Zertrümmerung Deutschlands rechnen. Wir find ebenso bereit und immer gewillt, Friede zu schließen, wie wir es wahrend des ganzen Krieges g^vesen find. Solange aber die feindlichen Mächte bei ihren Zerschmetterung-- plänen beharren und keinen Frieden schließen wollen, so lange werden wir mit unserem Volk zur Verteidigung unseres Landes zusammen stehen. (Lebhafter Beifall.)

UnS Sozialdemokraten ist e§ nicht leicht geworden, mit der Verteidigung unseres Landes auch das herrschende System mit zu schützen. Wir waren unzufrieden mit den wirtschaftlichen Zu­ständen und mit den politischen Zuständen im Reiche. An unserer grundsätzlichen Stellung ist durch den Krieg nichts geändert wor­den. Würden aber die Zerstückelungspläne der feindlichen Mächte durchgesetzt werde.i, namentlich die der Pariser Konferenz, so würde durch die Vernichtung der deutschen Industrie und des deutschen Handels die deutsche Arbeiterschaft außerordentlich schwer getroffen werden. Der Kamps der deutschen Arbeiterschaft für ihre Befreiung würde dadurch außerordentlich geschädigt wer­den. Deshalb schützen wir mir der Landesverteidigung auch die Lebensintereffen der deutschen Arbeiter. Wir verteidigen uns selbst. (Beifall.)

Entschieden wenden wir uns aber auch gegen alle Bestrebun­gen, die von törichten unverantwortlichen Stellen ausgehen und darauf hinauslausen, fremde Völker zu vergewaltigen. Dagegen legen wir Verwahruung ein. Darum wenden wir uns auch gegen die Pläne des Abg. Dr. Spahn über Belgien. (Abg. Dr. Lieb­knecht: Und der Reichskanzler?) Der Reichskanzler hat erklärt, daß er nicht daran denkt, fremde Völker zu vergewaltigen. Daran halten wir unbedingt fest.

Unsere militärische Lage ist günstiger als je während des ganzen Krieges. Deshalb spreche ich offen den un­bedingten Fr'edenswillen unserer Partei aus. An­gesichts der ungeheuren Opfer des Krieges ist es die sittliche Pflicht aller Staatsmänner, einer Verständigung der Völker die Wege zu ebnen. Die den Gedanken abweisen, laden eine schwere Schuld auf sich. Auch nach den heutigen Ausführungen des Reichskanzlers er­warten wir von der Reichsregierung, daß sie zu der im Dezember ausgesprochenen Friedensbcreitschast steht und bereit ist, dem Blut­vergießen ein Ende zu machen, sobald ein Friede möglich i st, der dem deutschen Volke die politische Unabhängigkeit, die Un­versehrtheit des Reiches und die trirffchaftliche Entwicklungsfreiheit sichert. (Abgordneter Dr. Liebknecht: Die Eroberungspläne des Reichskanzlers! Lautes Lachen.) Weil der Krieg allen Völkern Europas unheilbare Wunden schlägt und Europas wertvollsten Kulturbesitz vernichiet, erheben wir die Stimme für den Frieden.

Gegenüber dem Absperrungskrieg Englands ist schar fe Abwehr geboten. Wir kämpfen um unsere Existenz. Darum haben wir das Recht auf unserer Seite, wenn wir die englische Hungerblockade mit dem U-Boot-Krieg beantworten. (Zustimmung.) Er ist eine Maßregel der Selbstbehauptung. Verhängnisvoll wäre es, wenn wir die Neutralen für den englischen Aushungerungs­krieg verantwortlich machen wollten. Der rücksichtslosen Torpe­dierung würden wir mit äußerster Schärfe begegnen muffen. D i e Rechte der Neutralen muffen auf das gewissenhafteste re­spektiert werden (Zustimmung), da der vorliegende Antrag diesem Standpunkt gerecht wird, und nur unter dieser Voraussetzung stimmen wir ihm zu. (Abg. Liebknecht: Hört, hört! Gelächter.) Wir handeln in Notwehr.

Die beste Waffe gegen den Aushungerungskrieg ist eine wirksame Organisation unserer Volksernährung und entschlossene Durchführung. Das Privileg des Geldbeutels muß beseitigt werden. Der Regierung hat es oft an Voraussicht gemangelt. Meist wurde zu spät erngegrifsen. Besonders zu wünschen ließ die Durchführung übrig. Was Herr von Olden- burg--Jcmu schau in der Kartoffel frage mit der ihm eigenen Offenheit gesagt hat: das Papier ist geduldig, kennzeichnet

treffend die schwache Seite unserer Lebensmittelversorgung urrd ist bezeichnend für das Verhalten weiter Jntereffentenkreise und für die Rolle, welche Preußen in der Frage der Lebensmittel­versorgung spielt. Die Versammlungsfreiheit wird immer noch ungebührlich beschränkt, die Reichsregierung hatte doch die freie Behandlung der Steuervorlagen zugesichert. Wenn baö Militär sich um solche Regierungserklärungen nicht kümmert, fo schadet daS dem Ansehen der Regierung. DaS Volk sieht in solchen Verboten nur Schikanen. Wo bleibt die ver­sprochene Vorlage über den nicht-polttischen Charak­ter der Berufsvereine (Gewerkschaften)? Die Vorlage muß auch die Landarbeiter umfassen.

Die in Preußen endlich versprochene Wahlreform ist sehr unbestimmt gehalten, gilt aber Herrn Heydebrand für ganz unver­antwortlich. Die Wahlreform ist keine Gegengabe für unsere Hal­tung im Kriege. Wer aber glaubt, die Lehren dieses Krieges über­sehen zu können, wird eine furchtbare Enttäuschung erleben. Die aus den Schützengräben heimkehrenden Masten werden von stolzem Selbstbewuhtfein erfüllt sein. Sie wird der feste Wille tragen, daß der Staat, für den sie daS Leben in die Schanze schlagen, nicht die Verwaltungsmaschine einer kleinen bevorrechtigten Klasse bleiben darf. Diese? Schützengrabengeschlecht, daS monatelang in Kampf und Gefahr gemeinsam dem Tode ins Auge geschaut hat, läßt sich nicht wieder in die Drahtver- hauedeSDreiklassenwahlsyftemshineinzwingen.

(Beifall bei den Soz.) Deshalb mutz die Friedensstunde die Sfirnde der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung sein.

Hierauf wird die Weiterberatung auf Donnerstag 1 Uhr vertagt.

Schluß 5% Uhr.

Aus neuen Briefen von ßerdmcm- Gregorovius.

Die Biographie von Ferdinand Gregorovius, dem klassischen Geschichtsschreiber des mittelalterlichen Roms, hat mit der Schwieri gleit zu 'kämpfen, daß er selbst durch die Verbrennung des größten Teiles seines Briefwechsels viele Spuren seines Lebensganges hinter sich verwischt hat. Auch hat er von seinen Freunden die Vernichtung seiner Briefe gefordert und dadurch ist zweifellos eine Menge wertvollen Materiales den Warnen -um Opfer gefallen. Dennoch ist es nach und nach der Forschung ge­lungen, von den Briefen Gregorovius eine Anzahl ans Licht zu ziehen, und ein glücklicher Fund, den der bekannte Literatur- forscher Heinrich Hubert Hauben im neuesten Hefte der Deutschen Rundschau (Verlag von Gebr. Paetel in Berlin) ver­öffentlicht, wirst nun auch auf diejenige Lebenszeit Gregorovius, die bisher am undurchsichtigsten geblieben war, Licht. Das ist seine jugendliche Entwickelung, die aus Dunkelheit, Drangsal und Not unter schweren Kämpfen zum Lichte rang. Gerade dieser Periode seines Lebens gehören die von Hauben veröffentlichten Berichte an, die an seinen vertrauten Studienfreund Ä l b r e ch t Pancritius in Königsberg gerichtet sind. Es sind echte Fremckesbriese, ganz durchtränkt von gemeinsamen Erinnerungen und von rückhaltloser Offenherzigkeit. Tie Briefe entstammen den ersten Jahren nach Gregorovius Uebersiedlung nach Italien, Und für seine geistige Entwickelung ist es interessant, darin ' zu beobachten, wie er sich unter dem Einflüsse der römischen Welt immer mehr nordischer Romantik entfremdet. So beurteilt er das ihm von dem Freunde zugesandte finnische Epos Kälojo- hannes alsmehr als absurd", wenn man es in Rom und nicht weit von den Gräbern der Scipionen liest. Die Lüfie sind hier zu klar, und sie Berge und Geister haben hier zu scharfe Konturen. Ein Volk aber, das so große Ochsen schildern kann, wie jenen, auf dessen Rücken ein Wiesel ein Jahr zu laufen hat, ist mit Recht dazu verdammt, ewig Tran zu saufen. Solche ranzige Seehunds­poeme sollte man doch füglich nicht vorzerren, um den mensch­lichen Verstand noch mehr zu belasten." Auch sonst zeigt es sich, daß Gregorovius in der römischen Luft einen neuen Blick für Menschen und Tinge oes Nordens bekommt. So kennzeichnet er einmal die literarischen Verhältnisse in seiner vstpreußischen Hei­mat mit den Worten:Es ist Doch! merkwürdig, was die K'önigs- berger für einen Trieb zu Kompendien und Bücheraufspeicherung haben. Es ist schrecklich für einen Psychologe, die Entstehung solcher Dinge in der menschlichen Phantasie zu bedenken. Ihr seid'reckte Byzantiner oder Alexandriner, gelehrte Papparbeiter und es' fehlt überall der elektrische Lebensfmikc. Mir ist wohl, daß ich- jene Luft nicht mehr atme." In einem Briefe vom 26. März 1856 macht Gregorovius den Freund mit dem Plane seines g-.osten Lebenswerkes bekannt.Ich arbeite jetzt an den: Schluß meines Lebens, dic^ ist die Geschichte der Stadt Rom int Mittel­alter, die ich Chronik von Rom nenne, sie umfaßt 1000 Jahre.

Ich habe nun den Stil und die historische Majestät für diese großen l Dm ge; sollte ich sie vollenden, so hat wohl nie ein Mensch ein. j gleiches Unternehmen in solcher ArmUt geleistet. Mer ich sage Fortia agere et pati vomanum (tapfer handeln und leiden ist römisch). Gegen 400 Autoren find hinter mir. . . Es gibt kein Elend der Welt, welches ich nicht mit stoischem Gleichmut ertragen wollte, hätte ich diese Arbeit getan." Im Jahre 1859 sprach sich Gregorovius dem Freunde gegenüber auch einmal über die po­litischen Verhältnisse diesseits und jenseits der Alpen aus, und dabei zeigte sich!, daß die dauernde Entfernung von der Heimat sein politisches Urteil doch trübte.Bon Preußen so schrieb er damals wird schwerlich die Initiative und das Glück des Vaterlandes kommen, denn dieser Äaat ist ohne Genie. Wie soll aus Nazareth was her kommen? Nur ein Erdbeben kann uns helfen, und bei uns Deutschen kommt die Reform oder das Hell nicht aus heller, sondern immer aus unheller Haut." In dieser letzteren Bemerkung liegt eine Beobachtung über die Geschichte und den Charakter unseres Volkes,. die vielleicht gegenwärfig besonderes Interesse zu erwecken geeignet ist.

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Ein Bund zur Erhaltung der amerika­nischen Vogel Welt. Der Vogeltnord ist in den Vereinigten Stauen so rücksichtslos betrieben worden, daß die amerikanische Vogelwett geradezu der Gefahr des Aussterbens ausgesetzt ist. Um dieser Gefahr zu begegnen, hat sich nun in der Union ein Bund zum Schutze und zur Erhaltung der Vögel gebildet. IM Dienste des Bundes steht Fräulein Virginia Hope, die sich durch ihre hingebungsvolle Tätigkeit zum Besten des Vogelschutzes den NamenDie Vogelfreundin" erworben hat. Der Bund beabsichtigt jetzt in den Vereinigten Staaten eine tvirksame und in ihrer Art originelle Werbetätigkeit zu entfallen, indem er in jeder Stadt der Union einenVogel tag" veranstalten wlll. An diesem Tage soll in einem Gasthofe, in der Sladthallc oder irgend einem anderen öffentlichen Gebäude eine Ausstellung in Gestalt einer Art großen Vogelnestes stattfinden, die das amerikanische Vogelleben anschaulich vor Augen führen soll. Diese Schau ist allgemein zugänglich und besonders die Kinder sollen durch den Besuch der Msstellüng zur Liebe und zum Vcrständniffe für die Vogelwelt erzogen werden. Diese Veranstaltung ist als Wander­ausstellung gedacht Und soll von einer Stadt zur anderen ziehen. Es ist aber noch, eine besondere Anziehung für sie geplant. Das ist eine Aufführung nach der Art der altenglischenMoralitäten". Der Dichter Percy Maclahe hat in formschönen Versen darin das Geschick der Vögel geschildert und versucht, Teilnahme für sie zu erregen. Tie .Hauptrolle nfird von eurer jungen Dame gegeben, die als Vogel gekleidet auftritt. DieseMoralität" wurde zum ersten Male in der im Staate New Hampshire gelegenen Stadt > Meriden in Anwesenheit des Präsidenten Wilson und» seiner ! damaligen ersten Gattin, sowie seiner Tochter Eleanor mit großem

Beisalle aufgeführt. Meriden ist überhaupt ein Mittelpunkt der Vogelschutzbewegung. Dort werden regelmäßige öffenlliche Vor­lesungen über Vogelschutz und Vogelmord gehalten und eine Bürgerfit der Stadt, Fräulein Helen Woodruff Smith hat dem Vogelklub von Meriden 1000 Dollars gespendet, um auf einem mit dieser Summe erstaudenen Gelände ein Bogelschutzgebiet zu errichtet. Der Leiter der ganzen Bewegung, Ernest Harold Baynes, hofft dmch sie entweder das Eingreifen der Gesetzgebung über­flüssig zu machen oder aber, wenn es sich doch als nötig en«»'en sollte, es wesenllich zu erleichtern nnd zu beschleunigen.

Giordano Bruno das Urb^ld Haml ets? Zu unendlich vielen Deutungen der Hamlet-Gestalt gesellt jetzt der italienische'Shakespeareforscher Paolo O ranv eine neue, die des Interesses nicht entbehrt. Orano versucht in einer kürzlich imGiornale d'Jtalia" erschienenen Auffatzreihe nacktznweisen, daß diese subjektivste aller dramatischen Figuren Shakespeares aus ein geschichtliches Modell zurückgehe, und daß das Urbüd Hamlets kein anderer sei, als der römische Freidenker Giordano Bruno. Wie Orano meint, lassen sich im Hamlet zahlreiche An-, klänge und Zitate aus BrunosCandelajo", aus seinerCena delle Ceneri", ans demSpaccio della Bestia Trionfante" feft-- stellen, auch dieEroici Fnrvri" scheinen bei der Mfassung des Dramas Pate oeftcntden zu haben. Die Worte z. B., die Hamlet liest, als Polomus ihn fiagt, nwrin er blättere, stammelt aus dem Spaccio della Bestia Trionfante". Shakespeares Kenntnis von Brunos Werken erklärt Orano durch die Tatsache, daß Bruno, als Shakespeare zwanzig Jahre alt war, in England landete, durch London reiste, in Oxford wirkte und durch den französischen Bot­schafter Castelnau de Mauvissiere der Königin Elisabeth vorgestellt wurde; daHamlet" erst 1603 abgeschlossen worden ist, so ist es sehr »vohl Möglich, daß Shakespeare die Schriften des italienischen Philosophen längst kennen gelernt hatte, zumal da der gegen Bruno angestrengte Prozeß in England das lebhafteste Interesse für sein Schaffen erregt hatte. Ter Name Polonius dürfte nach Oranos Meinung aus Brunos Polyhymnius Shakespeares Coram- bis aus Brunos Coribante zurückgehen. Was den Zusammenhang noch interessanter gestattet, ist der Umstand, daß im 17. und 18. Jahrhundert eine später von Leopold Schefer, dem Freunde des Fürsten Pückler-Muskau, dichterisch verwertete. Brunolegntde lebte, die über eine Art Fernwirkung von Brunos Tode in Eng-, land berichtete. Am selben Tage und in derselben Stunde, er« zählte sie, in der Bruno aus Dem Campe de'Fiori den letzten Seufzer aushauchte, empfanden 'Elisabeth und Shakespeare »nie durch einen magnetischen Schlag den Tod des Philosophen. Ter ^u« sammenhang, den die Legende andcntel, sch."int durch die Aehnltch- feit der Charaktere des Dänenprinzen nnd des Denkers bestätigt zn ^werden, zumal da die Worte, die Hanrlet sterbend dem Horatio zuruft, dieselbeir find, die Brtmo fit seinem letzten Augenblicks sprach.