Nr. 82
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntage.
Die „Gietzener LanriNenblötter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Xreirblatt fiir den Lreir Gießen" zweim«U wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
16 ®. Jahrgang
General-Anzeiger für Oberhessen
Donnerstag, 6. Apr il SV16
er
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität? - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
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M). Deutscher Reichstag.
3 9. Sitzung, Mittwoch, 5. April.
DaS Haus und die Tribünen sind überfüllt. Am Tische des Bundesrats: von Bethmann Hollweg, Helfferich, von Jagow. von Capelle, von Loebell, von Wandel, Lisco, Kraetke, von Schorlemer, von Trott zu Solz, Beseler. Hadenstein, Wahnschaffe.
In der Diplomatenloge wohnen der amerikanische Botschafter Gerard und der griechische Gesandte den Verhandlungen bei.
Präsident Dr. Kacmpf eröffnet die Sitznug um 3% Uhr mit bo: Mitteilung von dem Hin scheiden der Abgeordneten Birken- meher (Ztr.) und Obkivcher (Natl.).
Der Haushallsplan für den Reichskanzler und die Reichskanzlei sowie für das Auswärtige Ami.
Die Beratung über diese Haushaltspläne wird verbunden. Zur Verhandlung steht auch der U - B o o t s - A n t r a g . auf den sich alle Reichstagsparteien mit Ausnahme der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft geeinigt haben. Dieser Antrag aus dem Hauptausschusse lautet: Nachdem sich das Unterseeboot als eine wirksame Waffe gegen die englische, auf die Aushungerung Deutschlands berechnete Kriegsführung erwiesen hat. gibt der Reichstag seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß es geboten ist, wie von allen unseren militärischen Machtmitteln, so au<b von den Unterseebooten denjenigen Gebrauch zu machen, der die Erringung eines die Zukunft Deutschlands sichernden Friedens verbürgt, und bei Verhandlungen mit auswärtigen Staaten die für die Seegeltung Deutschlands erforderliche Freiheit im Gebrauch dieser Waffe unter Beachtuna der berechtigten Interessen der neutralen Staaten zu wahren. Der Ausschuß beantragt ferner, die Eingabe des Professors Schäfer in Berlin zur U-Boot- Frage für erledigt zu erklären.
Die Rede des Reichskanzlers.
Der Präsident erteilte sofort dem Reichsbrnzler das Wort.
Reichskanzler Dr. v. Bethmann Hollweg:
Meine Herren! Als ich vor einem Vierteljahre vor Ihnen sprach, habe ich mich bestrebt. Ihnen auf Grund nüchterner Tatsachen ein Bild der militärischen Lage zu geben. Die Ereignisse haben die Zuversicbt, mit der ich damals sprechen konnte, gerechtfertigt. (Beifall.) Das Dardanellenunternehmen der Feinde ist mit einem Fiasko ohnegleichen zu Ende gegangen. Nach dem siegreichen serbischen Feldzuge, in dem neben unseren und den österreichisch-ungarischen Truppen das bulgarische Heer Seite an Seite mit uns unvergänglichen Ruhm erlangt hat, ist Montenegro und Nordalbanien in die Hände unserer Bundesgenossen gekommen.
• (93cifaIL) Die Engländer bemühen sich nach wie vor um die Befreiung ihrer in Kut-el-Amara eingeschlossenen Armee. Den Russen ist es zwar gelungen, sich mit einer vielfachen Uebermacht Erzerums zu bemächtigen, aber starke türkische Kräfte verbiete:! ihnen ein weiteres Vordringen. (Beifall.) Ebenso wie die russischen Anstürme in Ostgalizien sind auch die innner erneuten Angriffe der Italiener auf die Jsonzolinie an der zähen Tapferkeit der österreichisch-ungarischen Truppen abgeprallt. Mit unerhörter Anstrengung habe« die Russen ans langer Front ihre Sturm- kvlonnen auch gegen unsere Linien vorgeschickt. Bor Hindenburg und feinen Tapferen sind sie unter ungeheuren Verlusten zusammengebrochen. (Beifall). M. H., von den Regierungen ist den feindlichen Völkern eingeredet worden, wir gingen mit unserer militärischen Kraft zu Ende, wir hätten keine Mannschaften mehr, die Moral unserer Truppen fange au sich z« zermürben. Nun, meine Herren, ich denke, die
Schlachten vor Berdvu
belehrten sie eines besseren! (Sehr richtigI) Die mit genialer Umsicht vorbereitete Operation ist von den heldenmütigen Truppen durchgeführt, die gegen einen msi aufopferndem Mut kämpfenden Feind Borterl um Vorteil erringen. (Beifall.) So ist die militärische Lage auf allen Fronten sehr gut und durchaus unseren Erwartungen entsprechend. Meine Herren, wenn wir das hier zu Haufe cmssprechen. welchen Dank, welchen heißen Dank müssen wir an unsere Krieger und ihre Führer draußen hinaussenden, die nun schon im 20. Kriegsmonat draufgängerisch wie am ersten Tage die Heimat mit Leib und Seele beschirmen. !(Lebhafter Beifall.) Unsere Feinde glauben, das. wä"s sie nwht mit den Waffen verwirklichen können, durch unsere Absperrung und Aushungerung zu erreichen. Ich habe es verstanden, daß unsere Gegner im Jahre 1915 von dieser Hoffnung nicht lassen wollten, aber ich verstehe es nicht, wie kühle Köpfe nach den Erfahrungen des Jahres 1915 an dieser Hoffnung noch festhalten. (Sehr richtig!) Unsere Gegner vergessen, daß unser Staatswcsen dank der organisatorischen Kraft der ganzen Bevölkerung den schweren Fragen der Verteilung der Lebensmittel gewachsen ist, sie vergessen, daß das deutsche Volk über eine gewaliige moralische Reserve verfügt, die es befähigt, die in den letzten Jahrzehnten stark gestiegene Lebenshaltung einzuschränken. Meine Herren, es ist doch erträglich, wenn wir zum Beispiel in der Frage des Fleischgenusses, aber auch in anderen Lebensbedingungen vorübergehend aus den Zustand der 70er Jahre zurückkehren. Ich sollte meinen, unsere Feinde werden sich daran erinnern, daß das damalige Geschlecht doch auch kräftig genug war, um starke Schläge auszuteilen. (Sehr gut!) Meine Herren, die Monate, die wir jetzt durchleben — ich spreche das offen aus —, sind schwer. Sie bringen Beschränkungen in manchen Haushaltungen und Sorge in manche Familie. Aber um so voller und dankbarer ist unsere Bewunderung für den Opfermut, für die Hingabe an das Vaterland, mit der die
arme und die minderbemittelte Bevölkerung sich in diese schwere Zeit schickt und bereit ist, in diesem Kgmps um unser Dasein auch das Schwerste auf sich zu nehmen. (Beifall.) So, meine Herren, lauten die Berichte aus dem ganzen Lande. Aber sie besagen zugleich, daß die Arbeit der Daheimgebliebenen ihre Frucht bringen wird, wenn der Himmel unseren Feldern seinen Segen schenkt. Einstimmig wird bekundet, daß die Winter
saaten gut stehen, und es ist viele Jahre her, daß die Saatenstandberichte zu dreier Zeit ein so hoffnungsfreudiges Bild geben konnten, wie es jetzt der Fall ist. (Beifall.) Die Getreideernte von 1915 war eine der schlechtesten seit vielen Jahrzehnten, und doch reichen wir nicht nur mit unseren Brotgetreidevorräten, sondern werden mit einer stattlichen Reserve ins neue Erntejahr hinübergehen. (Beifall.) Die landwirtschaftliche Kraft Deutschlands bewährt sich aufs neue. Wie wir bisher ausgekommen sind, so werden wir auch weiter auskommen. In dem Bestreben, uns auszuhungern und abzusperrcn. den Krieg auf das ganze deutsche Volk mit Frauen und Kindern auszudehnen, ist England mit seinen Verbündeten über alle neutralen Rechte auf Handel und Verkehr mit den mitteleuropäischen Staaten zur Tagesordnung übergegangen. Die amerikanische Note vom 5. November 1915, die eine zutreffende Darstellung der englischen Völkerrechtsverletzungen enthält, ist, soviel bekannt, bis zum heutigen Tage von der englischen Regierung nicht beantwortet worden. (Lebhaftes Hort, hört!) Wie dieser, so haben auch die übrigen Proteste der Neutralen bei unseren Feinden keinen anderen Erfolg als den weiterer Neutralitätsverletzungen. Ist doch England so weit gegangen, daß es selbst menschenfreundliche Betätigungen amerikanischer Philanthropen, wie die Zuführung von Milch an die deutschen Kinder, einfach verboten hat. (Hört, hört!) Die letzte Order.in Council bedroht den Handel nach den neutralen Häfen mit neuen, dem Völkerrecht widersprechenden Verschärfungen der Blockadecegeln, gegen deren Verletzungen die amerikanische Regierung bereits früher Einspruch erhoben hat. Meine Herren, kein ruhig urteilender Neutraler, mag er uns wohlgesinnt fein oder nicht, kann von uns verlangen, daß wir uns gegen diesen
völkerrechtswidrigen Aushungerungskrieg nicht unsererseits zur Wehr setzen (Zustimmung), kann von uns erwarten, daß wir die Mittel der Abwehr, über die wir verfügen, uns entwinden lassen. (Lebhafte Zustimmung.) Wir wenden diese Mittel an und müssen sie anwenden. (Erneute Zustimmung.) Meine Herren, wir erkennen die berechtigten Interessen der Neutralen am Welthandel und an der See an, aber wir erwarten, daß die Rücksicht, die wir nehmen, von ihnen verstanden und unser Recht, unsere Pflicht, anerkannt wird, gegen diese nicht nur dem Völkerrecht, nein,,der einfachsten Menschlichkeit hohnsprechende Aushungerungspolitik unserer Feinde mit all^n Mitteln Vergeltung zu üben. (Zustimmung und stürmischer Beifall.) Meine Herren, seit ich zuletzt hier sprach, sind wir genötigt gewesen, Portugal den Krieg zu erklären. Sie haben gehört, welche Reihe von Neutralitätsverletzungen Portugal sich hat zuschulden komnren lassen. Der unter Salutschüssen höhnisch bewerkstelligte Raub unserer Schiffe hat dem Fasse den Boden ausgeschlagen. Portugal hat rmter der Einwirkung Englands gehandelt. England hat aufs neue seine liebevolle Protektion der kleineren Staaten bewiesen. (Sehr richtig!)
Meine Herren, als ich am 9. Dez. hier unsere Bereitwilligkeit erklärte, über Frieden zu verhandeln, sagte ich. daß ich eine gleiche Bereitwilligkeit bei den Regierungen der feindlichen Länder nirgends erkennen könne. Daß ich recht hatte, hat alles gezeigt, was inzwischen geschehen ist und was wir aus dem Munde der feindlichen Staatslenker vernommen haben. Die Reden, die in London, in Paris, in Petersburg, in Rom gehalten worden sind, find so eindeutig, daß ich nicht darauf zurückzukommen brauche. Nur ein Wort an die Adresse deS englischen Ministerpräsidenten Herrn Asquith. Auf seine persönlichen Jnvektiven antworte ich nicht (Beifall), weil ich persönliche Verunglimpfungen des Gegners auch im Kriege nicht für würdig halte. (Sehr gut!) Aber sachlich will ich kurz antworten. Für Herrn ASquith ist die vollständige und endgültige Zerstörung der militärischen Macht Preußens die Vorbedingung aller FriedenSverhaudlungen. Gleichzeitig vermißt Herr Asquith in meiner Rede deutsche Friedensangebote (Lachen); über Friedensangebote zu verhandeln, die von der andern Seite gemacht werden, dazu fei jede Partei bereit. Fa, meine Herren, gesetzt nun einmal, ich schlüge Herrn ASquith vor, sich mit mir an einen Tisch zu setzen und die Möglichkeit eines Friedensschlusses zu besprechen und Herr ASquith begänne mit einer vollständigen Zerstörung der Macht Preußens, das Besprechen wäre zu Ende, ehe eS begonnen hätte. (Sehr richtig!) Auf solche Frrsdensbedingungen bleibt uns doch nur eine Antwort, und diese Antwort erteilt unser Schwert. (Laute Zustimmung.) Meine Herren, wenn unsere Feinde das Blutvergießen, das Menschenmorden, die Verwüstung EurcPas weiter fortsetzen wollen, ichver ist die Schuld. Wir stehen unseren Mann, und unser Arm wind zu immer stärkeren Schlägen ausholen. (Stürmischer Beifall, Händeklatschen auf den Tribünen.) Meine Herren, beim Ausbruch des Krieges habe ich an das Wort Moltkes erinnert, daß wir noch einmal in blutigem Kampf würden verteidigen müssen, was wir im Jahre 1870 errungen haben. Für die Wahrung der Einheit und Freiheit Deutschlands sind wir, die ganze Nation, geschlossen wie ein Mann, in den Kampf gezogen, und dieses
einige und freie Deutschland
ist cs (Abg. Dr. Liebknecht: Frei?!), das unsere Feinde vernichten wollen. Ohnmächtig soll Deutschland wieder werden wie in vergangenen Jahrhunderten, den Machtgclüsten der Nachbarn ausgesetzt, der Prügeljunge Europas, auch noch nach dem Kriege in per Entfaltung seiner wirtschaftlichen Fähigkeiten ewig in Fesseln geschlagen. Das verstehen unsere Feinde unter der Vernichtung der militärischen Macht Preußens. Sie werden sich die Köpfe einrennen. (Stürmischer Beifall.) Meine Herren, was wollen wir dagegen? Sinn und Ziel jedes Krieges ist un3 ein Deutschland so festgefügt, so stark geschirmt, daß nnmand wieder in die Versuchung gerät, uns vernichten zu wollen, daß jedermann in der weiten Welt unser Recht auf Betätigung unserer friedlichen Kräfte anerkennen muß. (Starker Beifall.) Dieses Deutschland, nicht die Vernichtung fremder Nationen, ist das, was wir erreichen wollen, und es ist das zugleich die Rettu:^ des in seinen Grundfesten erschütterten europäischen Kontinents. (Lebhafte
Zustimmung.) Meine Herren, was kann eine feindliche Koalition Europa bieten? Rußland: das Schicksal Polens und Finnlands, Frankreich: die Prätention der Hegemonie,
jener Hegemonie, die unser Elend war, England: die
Zersplitterung, den Zustand dauernder Reizbarkeit, den es das Gleichgewicht auf dem europäischen Kontinent zu nennen beliebt, und der die letzte und innerste Ursache für all: das Unheil gewesen ist, das in diesem Krieg über Europa und über die Welt gekommen ist. (Lebhaftes Sehr richtig!) Wenn diese drei Mächte sich nicht gegen uns zusammengeschlossen, nicht versucht hätten, das Rad der Geschichte in ewig verflossene Zeiten zurückzudrehen, dann hätte sich der europäische Friede durch die Kräfte stiller Entwicklung allmählich gebessert. Das zu erreichen, war das Ziel der deutschen Politik vor dem Kriege. Wir konnten, was wir haben wollten, durch friedliche Arbeit haben. Die Feinde haben den Krieg gewählt. (Abg. Dr. Liebknecht: Sie'haben ihn gewählt! — Ungeheure Entrüstung, stürmische Pfui-Rufe. Rufe: Hinaus mit dem Burschen! Lumpt Lausbub! Großer Lärm. — Präsident Dr. Kaempf ruft den Abgeordneten Dr. Liebknecht zur Ordnung.) Wie soll Europa aus dieser Flut von Blut und Tränen, aus den Gräbern von Millionen erstehen? Zu unserer Verteidigung sind wir ausgezogen. Aber das, was war. ist nicht mehr. Dic Geschichte ist mit ehernen Schritten vorivärtsgegangen. Es gibt kein Zurück. Unsere und Oesterreich-Ungarns Absicht ist es nicht gewesen, die
polnische Frage
aufzurollen. Das Schicksal der Schlachten hat sie aufgerollt. Nun steht sie da und harrt der Lösung. Deutschland und Oesterreich- Ungarn müssen und werden sie lösen. (Stürmischer Beifall.) Den Status guo ante kennt nach so ungeheuren Geschehnissen dic Geschichte nicht. (Lebhafte Rufe: Sehr gut!) Das Polen nach dem Kriege wird ein neues sein. Das Polen, das der russische Tschinownik gebrandschatzt und um Gelder erpreßt hat, das der russische Kosak brennend und raubend perlassen hat, ist nicht mehr. Selbst Mitglieder der Duma haben offen anerkannt, daß sie sich die Rückkehr des Tschinownik an dem Platz, wo inzwischen ein Deutscher, ein Oesterreicher und ein Pole ehrlich für das unglückliche Land gearbeitet haben (Abg. Dr. Liebknecht, höhnisch: Hört, hört!) nicht vorstellen wollen. Herr Asquith spricht in seiner: Friedensbedingungen vom Prinzip der Nationalität. Wenn er das tut, und wenn er sich in die Lage des imbesiegten und unbesiegbaren Gegrrcrs versetzt, kann er annehmen, daß Deutschland die von ihm und seinen Bundesgenossen befreiten Völker zwischen der Baltischen See und den Wolhynischen Sümpfen freiwillig wieder dem Regiment der Reaktionäre Rußlands ausliefern wird, mögen sie Polen, Litauer, Balten oder Letten sein?! .(Lebhafter Beifall.) Nein, meine Herren, Rußland darf nicht zum zweiten Mal seine Heere an der ungeschützten Grenze Ost- und W e st - Preußens ausmarschieren lassend- (Stürmischer, langanhaltender Beifall, Bravorufe und Händeklatschen im Hause und auf den Tribünen.) Nicht noch einmal auch sich mit französischem Gelde das Wcichselland als Einfallstor in das ungeschützte Deutschland einrichtcn lassem Meine Herren, kann jemand glauben, daß wir die im Westen besetzten Länder, auf denen das Blut des Volkes geflossen ist, ohne völlige Sicherung für unsere Zukunft preis- geben werden?! Wir werden uns reale Garantien dafür schaffen, daß
Belgien nicht englisch-französischer Vasallenstaat,
nicht militärisch und wirtschaftlich als Bollwerk gegen Deutschland ausgebaut wird. (Lebh. Beifall.) Auch hier gibt es keinen Status qao ante. Auch hier kann Deutschland den lange medergehalienen vlämischen VolkSftamm nicht wieder der Vevwelschung preisgeben. (Stürmischer Beifall, Zurufe des Abg. Liebknecht. Unruhe. Glvck: des Präsidenten.) Es muß ihm eine gesunde, breite, seicker Anlage entsprechende Entwicklung auf der Grundlage seiner niederländischen Sprache und Eigenheit sichern. (Beifall.) Meine Herren, wir wollen keine Nachbarn, die sich aufs neue gegen uns zusammen- schließen, um uns zu erdrosseln. Wir wollen NaA>arn, die mit unS und mit denen wir zusammenarbeiten zu unserm gegenseitigen Nutzen. (Stürm, anhalt. Beifall. Abg. Dr. Liebkecht ruft: Die Sie dann überfallen! Große Entrüstung und Lärm. Abg. Liebknecht ruft erneut: Ueberfall! Große Unvuhe. Entrüstungsrufe.) Wissen Sie denn, meine Herren, wie vor dem Kriege das Verhältnis gewesen ist? Da hat die ftiedliche deutsche Arbeit, friedlicher deutscher Fleiß in Antwerpen weithin sichtbar mitgearbeitet an der Wohlfahrt des Landes. Sind wir nicht auch jetzt während des Krieges bestrebt, das Leben des Landes wieder aufzurichten, soweit das nötig ist? (Beifall.) Die Erinnerung an diesen Krieg wird in dem schwer heimgesnchten Lande lange nachzittern. Aber wir können es nicht zulassen, im beiderseitigen Interesse nicht, daß daraus wieder neue Kriege hervorwachsen können. (Beifall.) Ich möchte hierbei noch eine andere Frage berühren. Die russische Regierung ist seit Beginn des Krieges mit allen Kräften bestrebt gewesen, die Deutschen Rußlands und die deutschen Staatsangc- hörigen in Rußland zu berauben und zu verjagen. Es ist unser Recht und unsere Pflicht, von der russischen Regierung zu der- langen, daß sie das gegen alles Menschenrecht begangene Unrecht wieder gut macht und den verjagten und gefangenen Landsleuten die Türen aus der russischen Knechtschaft wieder öffnet. (Beifall.)
Das Europa, das aus diesem ungeheuerlichsten aller Krisen erstehen wird, wird in vielen Punkten dem alten nicht gleichen. Das vergossene Blut kommt nicht, das vergangene Gut nur lang- sam zurück. Aber wie es auch sein wird, es muß für alle Völker nt Zukunft
ein Europa der friedlichen Arbeit
werden. Der Fricdensschluß, der diesen Krieg beendet, muß ein dauernder sein. Ec darf rricht den Keim zn neuen Kriegen legen, sondern muß eine neue endgültige friedliche Ordnung der europäischen Verhältnisse sein. (Abgeordneter Dr. Liebknecht: Geben Sie dem deutschen Volke erst die Freiheit! — Große allgemeine Unruhe und lebhafte Zurufe, Abgeordneter Dr. Kcrschcnsteiner


