Nr. 80
Zweites Blatt
*66. Jahrgang
Erschein! lS-llch mit A»snabme des Sonntags.
Die ^Aleheaer LamillevHMKe" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigetegl, das ..Lretedlatt für dev «reis Gießen" -rvenna! wöchentlich. Die „ravöwirftchafMchev Zeit- f ragen- erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
Senerck-Anzriger für Gberhchen
Dienstag, 4. April Mb
Rotationsdruck und Verlag der Drülftlchen Universitäts-Buch- und Steindruckerel«
R. L an ge, G ießen.
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Rnegsbrrese aus dem Osten.
Don unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter
(Unberechtigter NacAruck. auch auszugsweise, verboten.)
Hindenburgs Mauer.
Bei Wileity, den 28. März-.
Nian wußte, daß die Russen augreifeu würden, der Heeresbericht hat es gesagt. Man traf seine Maßnahmen. Der Eisenbahnbetrieb wurde etwas lebhafter. Erhöhte Bereitschaft. Man war sehr ruhig. Der Kommandierende der einen Hindenburgschm Armee, die den ersten russischen Ansturm fühlte, sprach mit einer Sicherheit und Kühle mit dem Chef über die Dinge, die da kommen sollten, <Üs gälte es wirklich die berühmte Partie Schach, unter! der sich der Generalfeldmnrschall die Schlachthandlnngen am liebsten vorstellt. Der Oberst, der Chef, hatte eine Art von den schönen vergangenen Erfolgen, von der Winterschlacht und von der schwarten „spartanischen" Suppe damals, so vor einein Jahre, in Goldap zu sprechen, als gehöre der neue russische Ansturm, »dessen vermutliche Ausmaße doch bekannt waren, zu den Dingen, die eben -erledigt werden. Ruhe. Abschätzung der eigenen Kräfte, wissen, wie die Truppe ist, wie großartig die Truppe ist, wissen, daß alles klappen muß, eben muß. Kenntnis der russischen Methode. Es gibt, nreine ich, keinen Menschen, der nicht an Hinden- Lurgs Mauer glaubte! Sie sollen nur kommen!
Sie kamen, suhlten vor. Am 17. begann ihre Artillerie das Abtasten, das Vorspiel. Am 18. begann die Infanterie anzurennen. Die Truppe freute sich. Es ist ja nun nicht so, als ob alles begeistert wäre, in Dreck und Raffe zu stehen und den Unaufhörlichen Einschlag russischer Granaten zu hören. Das hat jeder über. Man soll sich> vor Wortschwall hüten. Aber, da es nun einmal im zweiten Jahre Krieg ist, da nian nun einmal monatelang in saurer Arbeit cm der Stellung gefxuit hat, freut sich jeder Mann, daß seine Arbeit sich bewährt. Es ist eine ingrimmige Freude, wenn L>ie braune Welle näher kommt, die Granaten hineinhauen und das Gewehr im Anschlag liegt. Es ist dieser Humor dickst beim Tode, wenn einer der Maschinengewehrschützen beim Angriff aus die Gräben nördliche von Postawy, dem Kameraden zürnst: „Lat man Wilhelm, die vierzehn da sind ans mein Konto." Das Gewehr sichelte das Konto stimmte.
Das Wetter trieb ein merkwürdiges Wesen in den zehn Tagen, da der Angriff dauerte. Tauweiter. Frost. Ein Frühlingstag. Starker Nachtfrost. Schnee und Regen. Endlich Regenduschen: das Land scheint sich in Wasser und Erde zu lösen. Seit gestern steigt das Wasser, steigt, daß die Wasserbäche durch die Gräben lausen. Es wird an diesem Teile der Front jede kriegerische Tätigkeit sottschwemmen. Es ist nicht vorstellbar, wie schnell sich das Land in 24 Stunden verändern kann. Wasser rinnen schwellen an, daß Pferde rettungslos beiln Ueberschrttteu ertrinken. Tie Felder gleichen Seen, tiefen Seen, die Täler sind von plötzlichen reißenden Strömen erfüllt. Ms ich- gestern zu einem Regiment fuhr, war es »ein Zufall, daß meine Pferde nicht ertranken!.
In den ersten Tagen, da der russische Sturm ausetzte. )oars Noch erträglich. Als der Angriff am 20. auf einem Höhepunkt war, sprangen die Leute ans den Gräben und feuerten von der Schnlter- mchr. In zwei Gliedern. Die russischen Leichen lagen m dichten Hocken oft auf dem zergehenden L-chnee. tzftrtmütig, wie nach dem Kampf unsere Leute sind, ließen sie die Schwerverwundeten und später die Toten von russischen Soldaten, die ohne Waffen kamen, sortbrrngen. Im Gegensatz zu dieser deutschen Gutmütigkeit steht der Fall eines Musketieös, der am' 21. nachts eine Meldung mit drei Kameraden nach vorne bringen sollte. Die Russen nxrren in das Grabenstück eingedrnngen. Im Gänsenrarsch durch ein Stück des zerstörten Hindernisses. Der Mann stmßte das natürlich nicht. Er sieht Gestalten im Graben, schreit: „Meldirng!" Da kommen Schüsse. Die vier laufen zurück. Drei fallen. Der Musketier fühlt einen Schmerz an der Schläfe und stolpert. Er verbindet sich selbst, ist noch ganz taumelig, da kominen Russen, reißen ihn hoch. Er 'hat keine Waffe. Sie fragen: „Wieviel rechts?" Der Mann sattelt den Kops, taumelt wieder zu Boden. Dann neh>lNen die Russen das Bajonett und stechen ans den waffenlosen Verwundeten ein. Ein paar Stiche gegen den Fuß, Wade, ein tiefer Stich ut den Bauch. Er verliert das Bewußtsein. Die deutschen Reserven stoßen vor. Er wird zurückgeholt._
Es ist der 21. März, an dem das Trommelfeuer sich zu ungeheurer Wucht steigerte. Die Russen werden herausgeworfen. Am Spätnachmittag zählt das eine lothringische Regiment Verwundete und Gefangene von 18 verschiedenen russischen Regimentern.
Das war der Höhepunkt wohl. Das russische Regiment Vyborg, dessen Chef unser Kaiser war, Niird an diesem Tage im Hindenburg- Wald völlig zusammenkartätscht. Es verschwindet von der Front. Bis zum Leib oft im Eisrvasser stehen Unsere in den nun folgenden Rächten^ die Angriff um Angriff bringen. Keinen Meter behalten die Ruffen hier. Immer schwerer wird ihre Lage. Das Wasstw steigt noch toller als ihre Verluste. In dem Hämmern der Artillerie wird ein .Hochstand bei Wileity getroffen. Das Rest mit den fünf Mann Beobachtern hängt zwischen Himmel und Erde, da ein Tragbaum glatt durchschlagen ist. Sie kommen heil herunter. Dicht beim Brigade unterstand saust eine „sckpvere Sau" in den Wald, der zerbissen und zerschlagen wird, daß kaum ein Stamm heil bleibt. Die Telephonisten stellen ihre zerschossenen Leitungen iin gröbsten Feuer wieder her. Einmal trifft ein Schrapnellaufschlag den Treffpunkt des Leitungsnetzes dicht anr Fenster. Rach einer halben Stunde sind die Perbindungen, wieder in Ordnung. Kavallerie tut Wunder iin Halten von Feldwachen, die Pioniere bessern das Hindernis mitten im Feuer aus, die Infanterie steht unerschütterlich in ihrer Linie, kein Faden ist mehr trocken. Run ist es der zehnte Tag für alle. Augenblicklich ebbt die Welle ab, weil die Natur so dazwischen spricht in ihrer Frühliugsstärke und andere Hindernisse legt und Röte schafft als es selbst die Kriegsmaschine kann. Ob aber die braune Welke der russischen Infanterie ebbt, ob sie steigt? .Hindenburgs Heldenmauer tut ihre. Schuldigkeit. Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Ariegsbriefe aus dem Osten.
Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatters.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Generaloberst von Eichhorns goldenes Militärjubiläum.
Aus dem Felde, 2 - April.
An dem gleichen Tage, da der deutsche Heeresbericht angab, daß sich anscheinend der russische Ansturm von dreißig Infanteriedivisionen vorläufig erschöpft habe, a m 1. A p r i l, konnte G e n e. r a l 0 b e r st v 0 n E i ch h 0 r n, der Führer der Armee, die den stärksten Stoß siegreich und unerschüttert abgewehrt hatte, sein fünfzigjähriges Militärjubiläum begehen. Im Namen der Armee, die eben wieder die stärkste Feuerprobe heldenhaft bestanden hatte, sprach General Litz- mann seine Wünsche dem tief verehrten Führer dieser Armee aus, der als Fähnrich und Leutnant im Einigungskriege, der das Reich geschmiedet, gefochten habe und nun in dem Kriege, der Deutschlands Weltmachtstellung unbedingt sichern wird, als siegreicher Heerführer eine Armee kommandiere. Darauf hielt der Oberbefehlshaber Generalfeldmarschall von Hin den bürg eine Ansprache, die schlicht und herzlich ergreifend in ihrer tiefen Kameradschaftlichkeit war. Auch der Generalfeldmarschall erinnerte an die Zeit der gemeinsamen mutwilligen Iünglingsjahre, an die Mannesarbeit und kam dann auf die Gegenwart, in der durch Gottes Fügung und die Gnade des Kaisers beide gemeinsam an des Reiches Herrlichkeit arbeiten dürften: „Die Armee Eichhorn war der entscheidende Flügel in der Winterschlacht, der Sturmbock, der die Russen über den Njemen gejagt hat, und ist jetzt der Prellstein, an dem der russische Angriff zerschellt ist und zerschellen wird." Generaloberst von Eichhorn dankte: wie ein tiefer Glockenton ginge es durch seine Seele den ganzen Tag: Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren. Er sprach von dem Glück, an der Spitze einer Armee zu stehen, deren Tapferkeit und Ausdauer das Höchste leiste. Der Einzelne vergehe, indem er das Leben einsetze, um das Leben zu gewinnen, aber der Geist dieser Armee bleibe herrlich bestehen._
l(§s war ein unvergeßliches Bild, wie die Männer, die ein Leben lang im gleichen Geist gearbeitet haben, sich nun nach der heiligen und schweren Feuerprobe ryrer Arbeit m die Augen sehen.
Der Generalseldmarschall fährt weiter an die Front, um den Truppen, die so Schweres in diesen Tagen dnrch- gekämpft haben, selbst zu danken, sie an der stelle rhr^> Heldentums zu grüßen.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Ein weg zur Besserung des deutschen Nachrichtendienstes.
Nichts hat das deutsche Volk zu Beginn des Krieges so starl. uub so peinlich, überrascht, )t?ie die Erkenntnis von der vollständigen Unzulänglichkeit des deutschen Nachrichtenwesens und der dadurch verschuldete katastrophale Zusammenbruch unseres vermeintlichen kulturellen und staatlichen, Prestiges im fnMstichen und iin neutralen Ausland. Man ist sich einig, daß das künftig anders werden inuß. Von fachkundiger Seite ist seitdem mit Nachdruck immer wieder daraus hingewiesen worden, daß zu folcher Aenderung nicht nur der Ausbau unseres Nachrichtengebens und -einpfangens nach und vom Auslande gehört, daß lfter auch me Frage der Gebühren für die telegraphische mrd telephonische Uebermittlung der Pressenachrichten eine leider bisher Nicht genügend beachtete, bedeutsame Rolle spielt. In klarer Erkennung dieser Bedeutung der Preßtelegrcrmm gebühren haben Frankreich und .England lange vor dem Kriege der Presse ermäßigte Satze für Telegramme und Ferngespräche ttngeräumt. Man hatte dort längst den Wesensunterschied erkannt, der zwisck/mpm östlichen Telegrammen, auch solckien rein geschäftlich privatwirtm-aftlichen Charakters auf der einen Seite und den der gesamten Volkswirtschlaft und dem politischen Leben der Nation dienenden, Preffe- telegrammen aus der anderen Seite besteht. Hier liegt ein nationales und staatliches Interesse offen zutage, und es ist nur recht und billig, daß deshalb auch die Gesamtheit an der Beschaffung dieser Telegramme ihren, Anteil mitträgt durch Einräumung billigerer Besörderungsbedingamgen. Wir zahlen ja heute mit Hunderten von Millionen mu> mit kostbarein Blute unseres Volkes in vielfachem Betrage nach, was an Gebühren für Preß- telegramnre bisher erspart wurde. Wie anders hat das Ausland da gedacht und gehandelt. Frankreich hat noch im Herbst 191o ein Abkommen mit Belgien getroffen, wonach Pre'ptelegramme zum halben Preise befördert werden sollten. Soweit sie es ürcht schon war, wurde die belgische Presse dadurch in erhöhtem Maße dem Pariser Einfluß erschlossen. Aehnliche Vereinbarungen waren von Frankreich- mit Großbritannien,, Oesterreich, Holland und den Vereinigten Staaten getroffen. Wir haben als Volk erfahren, was das bedeutet.
Heute haben wir nun die Möglichkeit, bei der Aenderung der Post- und Telegraphengebühren den alten Mangtt zn beseitigen. Das deutsche Volk wird nicht begreifen, wenn die erste sich bietende Gelegenheit, die bessernde Hand an unfern publizistischen Nachrichtendienst zu legen, nicht nur nicht benutzt, sondern der Preffe, die schon wirtschaftlich überaus geschwächt aus dem Krvege hervor- gehen wird, noch erhöhte Telegrammgebühren auserlest, würden. Die technische Durchführbarkeit besonderer Prefferaten ist durch deu Vorgang des Auslandes erwiesen. Eine Erhöhung der Gebühren aber müßte bei unseren schon wirtschaftlick)! nicht gerade günstig gestellten politischen Zeitungen zu einer weiteren Beschränkung des Nachrichtendienstes führen, während allgemeine nationale Interessen erheischen, den Nachrichtenstoff der deutschen Zeitungen umfangreicher und ausgiebiger zu gestatten, auch fordern, daß aus diese Weise die Beförderung von Preßtelegrammen in das Ausland erleichtert werde. Gewiß, wir brauchen Geld — nur Iwt dock) dieser Krieg den überzeugenden und schmerzhaften! Beweis erbracht, wie kurzsichtig und letzten Endes unwirtschaftlick) ein Volk handelt, das an seiner Presse sparen und sie etwa zum Steuerobi ekt urachen wlll. Aöan sollte die Gebühren für Preß- telegramme und für Ferngespräche der Presse ermäßigen statt sie zu erhöhen. _
Gieszener Stadttheater.
Frieden im Krieg.
Heiteres aus ernster Zeit. 3 Akte, von Mwin und Rolf Römer. Gastspiel von Maximus Rens, Franziska Rens-Hilpert
und Otto O t t b c r t.
Man versetzt sich unt ein Jahr zurück, als noch der Hurrcr- kitsch, ein Schlvcmklarifari, wie „Herrschaftlicher Treuer gesucht um noch eins der Besten dieser Sorte zu nennen, turne Hau)er brachte, und darrn sollte man eigentlichs so indiskret fern, zu verraten wie viel Plätze gestern abend verkauft waren, als kunstlerriche Qualitäten geboten wurhen. Drei Akte Feuilleton zivar, aber geistreich, gehaltvoll, bühnenmäßig gut zur eckst geschnitten und vor allem ohne patriotisches Phraseugedresche; dafür gesättigt mu warmströmendem Gefühl und einem überlegenen Humor. Das bisher beste Erzeugnis der Kriegsliteratur. , .
Drei Akte sind es, jeder anders getönt, reder m sich geschloffen Und zusammen eine harmonische Einheit. Rosen, eine mit zartesten Farben aufgetragene Konrödie. Rosen als herkömmliches Reguisit ausgiebig, aber nicht aufdringlich verivandt. Nett ihnen hat der brave Bursche seinem Hauptmann das Leben gevett^, als er dem Fieberkraiiken vorlog, sie kamen au.s geliebter Hamix An ihnen tastet sich die Kourödie voran, brav geschoben von der biederen Hant, dein Burschen, bis die fromme Lüge zutage tritt rmd rote Rosen wieder alles gut macheu helfeu. Das klingt stark nach Feuilleton, ist aber in eine so zarte, leis andeutende Sttnrmiing ^truckt und wird durch den prächtigen, herzensechten Humor des Bicrschen so glücklich kontrapunktiert, daß er sich nirgendswo m weichliche Sentimentalität verliert ^_ ^
Der T euselskast ' n , eine Szene ans den Bergen, macht das bekannte Gefchckhjnis des tapferen Bergführers, der ans Zugspitze den Gestellungsbefehl erhielt und nnt dem Ausrus: ,^5 kimm glei" in halber Zeit ins Tal hinimtereilte, zu einer kraftvoll dramatischen Szene. Der schlickfte Heroismus tmrd dadurch gesteigert, daß Florian Streifeneder sich von seiner Monika losrerßen muß, grad als aus dem Anbandeln eine Liebschaft geiwrden ich Der Teufelskasten ist das Telefon, das, den Ge,tellnngsbeschl rn die Gletscherstille des Wetterwatts hmeinträgt. Mit welch urge- sunder Frische, völlig ohne Pathos diese Szeiie gestakttt ist, das ist eine künstlerische Tat.
Ganz anders gibt sich wieder der Kriegsschwank Exzellenz i in S ch l a f r 0 ck. Eine Berwechflungskoinödie,, wie ffe sich wohl da drüben m Polen abgespielt haben urag lns auf die tvemger wahrscheuiliche Mummerei der Gvafrn Äntoschka-Magotnn rnihr eigenes Sttlbenmädchen. Wie Seine Exzellenz, der preußische (tzene^ ral seine durchweichten Kleider mit einem Danrenmorgenrock ver tauscht und vor einem urfidelen Wiener Rittmeister als vermeintlicher Besitzer deiL Schlusses die Giftprobe nmchen Muß, und der Wiener die scksche Pjolrn mit einer barbarischen ^iebenswurdigreil'1 behandelt, das waren köstliche Augenblicke, die das Gießener pubttn kuni sich hat entgcheir lassen. 1
Es ist jammerschade, daß die ausgezeichneten Künstler ihre außerordentlichen Gaben vor beinahe leerem Hause entfalten mußten. Dabei lvar der Abend ein erquickender, künstlettscher Genuß von bleibendem Werte. Marimus Rene war in allen drei Rollen unübettressbar, als treuherzig pfiffiger.Hauptmannsbursche, als ur- gesunder derber Wetterwattbote (hier vielleicht der einzige AuS- stand: Tie allzureichliche Anwendung der unmartikulietten Laute) und als tapferer, fescher Rittmeister. Diese ungewöhnliche Wandlungsfähigkeit, die bis in die lleinftc Äußerlichkeit das feweils Richtige trifft, w.rr auch Franziska Rens -Hilpert eigen. Das gilt für das versonnene und doch zielbeivußte deuffche Mädchen, das derb zärtlick)>e Bauerndirndl und die rassrge, entzückend Mette polnische Gräfin, die das Deutsche so zierlich ihrer eigenen Zunge gerecht machte. Otto O t t b e r g gab in allen drei Stücken die trefflich ausgearbeitete Folie des .KünstlerPaares, am besten als Wetterwattprofessor und als Exzellenz.
Um es noch einmal zu sagen: Drei echte ebenbüttige Künstler in dreifacher VmTiante ein kraftvolles Stück Leben gestalten zu sehen, das haben sich Viele entgehen lassen, und die Wenigen, dre es sahen, konnten nicht Gelinge ffuden, den Kün)tlern für die stwhl- tätige Entspannung der von den Kviegseveignissen überstrafften Nerven zu danken. ^ zz -
— Ein neuer erfolgreicher Schwank. Man schreibt uns aus Wiesbaden: Im hiesigen Residenz-Theater erlebte das dreiaktige neueste Lustspiel von Pordes-Milv und Harry P 0 h l mann ,,De r Bursche des öerrnDbcrf die sehr erfolgreiche Erstausführung. Bor tvenigen Wochen wurde das Stück am Hanauer Stadttl-eater uraufgesühtt unter dern Titel „Das welsche Huhn". Eigentlich tväre die Umtcmfe nicht nötig geioefen, wohl aber die zu anspruchsvolle Bezeichiiung „Lustspiel". Tenii hier handelt es sich lediglich um einen überaus lustigen, geschickt gezimmerten Schwank, dem mau alles verzecht und ben man gern belacht. Die Lmndlung ist reich au lustigen Emsällen und komischen Situation, so reich, baß sparsamere Versa)ser geiviß einen Teil für ein zweites Werk auf gespeichert haben würden. Ein verlöre!ier Sohn wandert nach Amerika aus, macht fernen Doktor, spricht viele frenide Sprachen, schriftstellert mit gwßem Erfolg und kehrt nach DeutscA<md zurück, um nicht sahuenslÄchttg zu werden. Er trftt als Gemeiner ein und stürd dann Bursche bei seinem Oberst. Nach kirrzer Zeit schon sicht er sich entlarvt und zieht als halber Verlobter der Oberstenwchter in den Krieg. Frau Hausa als allerliebste Obersteiitochter und Herr Bartak als Offiziersbuijche machten ihre Sache besonders gut. Der Verfasser Harry Pohlmann mußte mehrmals erscheinen. Das zahlreich erschicneiie Piibllkuni, das seine Lachmuskeln reichlich in Bewegung gesetzt hatte, jubelte ihm dankbar zu. A- v. N.
— Die Entleerung eines Alpensees. Aus Zürich wird uns geschri-ebeii: Wegen Undichtigkeit des Bodens und wcgeii eines Wirbels -in der Mitte muß der der Gemeinde Bergün i,n Kanton Graubüudeii zugchvvonde, ziemlich umswngr eiche Mreiv-
see Palpuogna citffieert werden. Mit dem Alpensee Hebt das Elektrizitätswerk Bergün im Zusammenhang. Die llndichtigkeit des Bodens und der Wirbel in der Mitte entziehen dem Werke das Wasser. Nun findet eine Entleerung des Sees statt, hierunter Anweridung -eines Werkstollens vor sich gelft und zu deren Durchführung man 11 Tage benötigen wird. Der Palpuogna ist allerdings sehr fischreich Aber auch in dieser Hinsicht bat man Vorbereitungen getroffen, um den wertvollen Fischbestand zu schonen Sobald der Seegrund die nottvendigen Verbefferungen erfahrer haben wird, )vird mit seiner Ausfüllung tvieder begonnen werden und man beabsichtigt dann, zehntausend neue Fische einzusetzen
I.
Port Ehalmers (Neu-Seelmid), 3. April. (WTB.) Ta- Polar schiff Shackletons, die „Aurora", ist hier ein getroffen. Alle Mitglieder der Expedition sind gesund.
*
Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.
— Ein Wort Jakob Grimms über unsere Muttersprache. „In unseren Tagen — und wer frohlockt nicht darüber? — wiro lebhaft gefühlt, daß alle übrigen Güter schal seien, wenn ihnen nich>t die Freiheit und Größe des Vater- l-cmds im Hintergruno liegen. Was aber helfen die ebelsten Rechte dem, der sie nicht handhaben kann? Kaum ein anderes höheres Reck)t geben mag es als das, kraft welches wir T-eutschev sind, als die uns angeerbte Sprache, in deren volle G-ewälw und reichen! Schmuck wir erst eingesetft werden, soliald wir sie erforschen, rein- halten und ausbilden. Zur schmählichm Fessel gereicht es ihr, ivenn sie ihre eigensten und besten Wörter bintansetzt und nicht wieder abzustreifen sucht, !vas ihr pedantische Barbarei ausbürdete. Man klagt über die ftemd-en Ausdrücke, bereu EinMengen unsere Sprache schändet. Dann werben sie wie Flocken z-erstieben. wenn Deutschland sich selbst erkeuneno stolz alles großen Heils bewußt sein wird, das ihm aus seiner Sprache hervor geht. Wie es sich mit dieser Sprache im guten, und schlimmen bisher angelassen» habe: ihr wohnt noch frisck-e und frohe Aussicht bei, daß ihre letzten Geschicke lauge noch irickft erfüllt sind und unter den übrigen Mttbaverbern wir auch eine Braut davontragen sollen. Tann werben neue Wellen über alten Schaben strömen." — Klingt das nicht wie in den Tagen des großen Krieges geschrieben? Und doch ist Wmisch und Hoffnung, wie sie aus diesen Wotten klingen, schon vor 70 Jahren aLrsgespvockien worden in einem Vottrage von Jcckob Grimm, dem wffsenschs^tlichen Begründer der Deutschkunde. Wer dessen Ansichten lkber Sprwchvinigimg im besonderen und über die Beziehungen zwisck»n Sprache, Vollstum und stattlicher Aöacht überltaupt in sck)önem Strauße beffammeu haben wlll, der nehme die schöne Schrift von Thcwdor Matthias zur >?and: Ter deutsche Gedanke btt J^ikob Gttmm (Lttpzig, R. Voigtlanrer 1915, 134 S. M. 2.—). DratthiaS (Plaueir r. B.)


