Nr. 62
Drittes Blatt
Erjchemt täglich mit Ausnahme des Ssnnt»gS.
Die ..«ebener ZamiNeudlSiter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt. daZ „Nreirdlalt für dev Nreir Sietzen^' zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit- ttagen" erscheinen monatlich zweimal.
j66. Jahrgang
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhesfen
Dienstag, l4. März M6
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universitäts - Bllch- und Steindruckerei.
R. L an g k, Gießen.
Schrtstleitung, Geschäftsstelle «.Druckerei: Schul» straße?. Geschältsstelle u.Verlag:«E51, Schrift« leitung: d-^112. Adresse fyr Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
portogeduhren in alter Zeit.
DLe ^iegserhöhnng der Portogebührcn, die in unserer tn x ' U *?J n ^Brresverkkhrs^ so verwöhnten Zeit gar
nurnrnent besclpverUch. ^Nen mag, bringt uns doch letzten Endes ium SKUtaftfeat, hne brNrg das Porto geworden ist. Wirft man crn«r Bluk zuruck ur die nächste Vergangenheit von nur einem DE'En Johrknrndert, danii erscheinen icns auch die verteuerte^ noch gerrng; .von den unerträglichen Schwierigkeiter; und venmunssM, denen der Briesverkehr noch um die Mitte des »angtrrt Jahrhunderts begegnete, haben heute nur noch die Ur- gwtzvater und Großväter eine Vorstellung, für die ein Brief ein besonderes Erergws bedeutete, erzählen nur noch die Großmütter, dre Kur Frankierung eines wvck-enlang ersehnten Briefes tief, tief rn dre nasche greifen mußten. Welche Seltenheit das Eintreffen erue^ Briefes m>ch um 1850 war, dafür gibt Otto B ä h r m lerner trefflichen kulturgesclzichtlicknm Schilderung des deutschen ^tadtlebens aus dieser Zeit ein charakteristisches Beispiel: „Saß man abends im häusUck>en Kreise um das brennende Talglicht, so bildete sich mitunter an dem Tvcküe desselben eine rotglühende Schnuppe, einen, roten Siegel vergleichbar. Darm prophezeite man jcherzw^lfe demienrgen, welchem dieses Phänomen zugenial,dt war: ,,Dn bekommst -einen Brus!" Und daß ein Brief ein so großes Er ergnis war, das hatte seine guten Gründe, denii das Porto war teuer und die Beförderung schlecht. Zwar waren jene Zeiten längst vorbei, da die Metzger beim Vie!>einkaus zugleich die Briesbe- fördermrg als Gewerbe betrieben, aber ihr Zeichen, das Blasen mrt dem ö*)tn, War von der Thurn urrd Taxisschen Post über- uormncn worden, die den Briefverkehr als erbliches Reichslehen seit dem 16. Jahrhundert betrieb. In „Dichtung und Wahrheit" hebt Goethe bei der Schilderung des Briefkultus zu Ende des 18. Jahrhunderts „die durchgreifende Schnelligkeit der Taxisschen Posten ,md das leidliche Porto" hervor. Dein Kenner der damaligen Verhältnisse erscheint dies Lob als Gipßü der Genügsamkeit. Ein Brief bon Frankfurt nach Berlin brauchte neun Tage, einer von München nml) Augsburg zwei Tage. Das „Postgeld" war so teuer, daß man feine Briese möglichst „durch Einschluß" beförderte, b. h. ste in andere Briese einlegte, oder man beimtzte den Gelegenheitsverkehr: FuhrleiUe, Buchhälüüer, Reisende ivaren stets mit Briefen überladerr, die sic an die verschiedenen. M ressen abgeben sollten. Nach dem Vorgänge des Großen. Kurfürsten, der die Ordnung des PostwesenI in seinein Lande kurzerhand selbst übernahm und £ic brandenburgisch^preußische Post gründete, litten auch andere Staaten und freie Reichsstädte Deutschlands eigene Postanstalten errichtet, so daß es in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nicht weniger als 30 selbständige Po hin sti tute neben der Taxisschen Rcichspost in Deutschland gab. Durch diese Zersplitterung war der Briefverkehr außerordentlich verteuert und erschwert. Bei der groß«, Eifersucht der Posten aufeinander suchte jede Post die Briese möglichst weit in ihrenr Bereich zu befördern und führte dadurch große Umwege herbei. Der M sende r wieder suchte durch Umleitung alle zu teuren Strecken zu vermeiden; da die Briese aus Morddeutschlaud nach Süddeutschland schneller über das preußische Postamt Tuderstadt als über Leipzig gingen, so Wurde der Taxissche Postmeister bestochen, die Briefe über Duder- stadt zu führen. Dazu kam ,wch die babylonische Verwirrung der verschiedenen Transitgesetze, der einzelnen Tarife mit einer unglaublichen AnzaU von Längen-- u,ü> Gewichtsstufen, die unübersehbare Vielgestaltigkeit der Münz-- urrd Gewichtssysteme. Wollte der Absender den Brief selbst frankieren, so mußte er sich an den Postschalter' begeben — Briefkästen wurden erst nach 1848 eingeführt — Um das Porto in Bar sit erlegen. Mm begannen die verwickeltstcn Berechnungen bei der Taxierung des Briefes, die nie stimmten, so daß der Empfänger des Brieses immer noch nach
zahlen nmßte, weshalb man meistens die Frankierung ihm überließ. Zirdem nxtr man bei einer Nichtfrankierung auch sicherer, daß der Brief wirklich befördert wurde, denn fehr, sehr viele Schreiben gingen verloren. Ein Brief von Frankfurt a. M. nach Danzig kostete 1840 1,50 Mk. nach unserm Gelde. Einer von Königsberg nach Berlin 90 Pfg., von Kassel nach Berlin 75 Pfg., von Kopenhagen nach Berlin 58 Schillinge — 1,37 Mk. Um das Porch zu sparen, verfiel man aus 'die seltsamsten Auswege. Der Kaufmann schrieb viele geschäftliche Mitteilm,gen an viele Personen in derselben Gegend aus er'n Blatt, das dann der erste Empfänger zerschnitt nud verteilte. Oder man verweigerte die Annahme des Briefes, nachdem man die.Nachricht von einem vereinbarten Zeichen auf dem Umschlag abgelesen hatte. Der
Wirrwarr aus postalischem Gebiet war in Deutschland so groß, daß 'der geniale Reformator dieser Zustände, Stephan, von den Tarife,: sagen konnte: „Es faßte sie niemand — ein Trost für den menschlichen Geist: die Erhebung der Taxen war nur eins Wahrscheinlichkeitsberechnnng." Und die deutsche Postkonferenz in Dresden 1818 nmßte nach einer Tagung von 31/2 Monaten gestehen, „daß man die Kenntnis aller in den deutschen Staaten zur Zeit bestehenden Postnormen und Einrichtungen nicht besitze und daß ohne diese Kenntnis eine Reform nicht möglich sei." Der deutsch- österreichische Postvertrag von 1850 war schon ein großer Fortschritt, wxnl er das Porto für den einfachen Brief bis zu 10 Meilen aus 1 Silbergroschen, bis zü 20 Meilen aus 2 Sisbergroschen und über 20 Meilen aus 3 Silbcrgwschen festsetzte. .
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