Ausgabe 
23.3.1916 Zweites Blatt
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hessische Zweite Kammer.

rb. Tarmftadt, 22. März.

Um Reg-ierungstisch: Staats,ninister Dr. v. Ewald, Minister des Innern v. Hombergk, Präsident Dr. Becker, Staats- r&te Süffert lmb H ölzinger, Ministerialräte Dr. Kratz, Schl te&katfc und Tr. Weber, Geh. Oberfinanzrat Dr. Ro yve.

Nräsitzent Köhber eröffnet die Sitzung Um 9^ Uhr.

Zur Beratung kommt zuerst die Regierungsvorlage, betr. die Lieferung von Futterschrot und sonstigen Futtermitteln AUM M<chtustl von Schweineniastverträgen.

Mg. Tr. Weber (Bbd.) erstattet mündlichen Bericht darüber und benrerkt, das; die verschiedenen Bundesstaaten von der Reichs- getveideftekkc zwecks Abschlusses von Schweinemastverträgen Futter­schrot, Zucker, Mais und Fischmehl erhalten hätten. Darnach habe auch .Hessen ein Anrecht auf ca. 2250 Tonnen Futterschrot usw. Die hessische Landwirtschaftskammer hat sich in Gemeinschaft mit der Landesverteilungsstelle für Futtermittel bereit erklärt, den Abschluß von Verträgen mit den Viehmästern und den Viehab­nehmern zu vermitteln. Ter Gesamtzuschuß des Staates für diesen Zweck würde 186 000 Mk. betrage,:. Der Ausschuß beantragt die Genehmigung dieser Summe und die Kammer stimmt dem Antrag einstimmig ohne Debatte zu.

Die

Beratung des Hauptvoranschlags

wird darauf beim Etat des Ministeriums des Innern fvrtgss-etzt. Mg. Ulrich (Sozd.) bespricht zunächst die Lebens­mittelversorgung. Hier seien viele schwere Fehler gemacht worden Und zwar besonders vom Reichskanzler und dem Bundesrat, vor­zugsweise in der Kartofsekfrage. Die Fehler wären noch schlimmer fühlbar geworden, wenn sich nicht die meisten Städte, auch Offen- bach, bei Zeiten reichlich mit Kartoffeln versorgt hätten. Die enorm hohen Preise für Fett und Fleisch müßten unter allen Umständen orufs schärffte bekämpft werden, nicht nur nmt kleinen Mitteln. Me Behörden müßten ihren Einsiuß auf dem Viehmarkt viel stärker zjur Geltung bringen; auch gegen die Milchnot müssen entschiedene Schritte geschehen. Ganz überraschend seien am 15. März große Preissteigerungen erfolgt und ebenso überraschend habe sich ein großer Kartoffekvorrat an verschiedenen Punkten er­geben. Ein wirklicher Mangel sei weder an Kartoffttn, noch an Fleisch oder Getreide vorhanden, die Hauptschuld cm der gegen-< wärtigen Not trage die mangelhafte Art der Verteilung. Ein großer MWrrrnd sei, daß die Militärverwaltung aus den Märkten als Großkäufer erscheine und damit die Preise außerordentlich in die Höhe treibe. Sie sollte sich doch vorher mit der Zivilbehördel in Verbrndamg setzen und gemvcnsam mit ihr als Käuferin aus­treten. Redner würde es für richtig halten, wenn die Regierung in dieser Richtung Schritte in Berlin unternähme. Die gestrige Erklärung des Ministers v. Hombergk über die Bestätigung sozial­demokratischer Vertreter als Bürgermeister und Beigeordnete be­deute wohl, daß die bisherigen Ungleichheiten bei der Bestätigung beseitigt werden sollten. Aber alle derartige Erklärungeil hätten doch zunächst nur einen theoretischen Wert und er könne sich des­halb von der Versicherung des Münsters nicht für befriedigt er­klären; er wolle ruhig abwar ten, wie sich die Tatzachen gestalten wertem auch bcMgsich d»r gestcigeu Erkämn, de^ 7wg Dr. sa n. aus der man wohl zunächst nur entnehmen könne, daß die Natio­nal liberalen ebenfalls umgelernt hätten. Jedenfalls Kssse er, daß auch nach dem Kriege das persönliche HLrunterveißen der Parteien und die Gehässigkeiten gegen des Redners Partei nicht wiederkehren werden.

Mg. Wolf- S'ta d e ck e n (Vbd.) bespricht wirtschaftliche Ver­hältnisse in Rheinhessen und weist darauf hin, daß dort im vorigen Jahr die Kartoffelernte sich fast verdoppelt habe. Wenn trotzdem hier und da eine Kartoffelnot herrsche, so sei daran in erster Linie die verkehrte Verteilung schuld.

Abg. Eißner (Soz.) ist überzeugt, daß die Regierung be­strebt ist, die wichtige Frage der Volksernä'hrung: in bester Weise zu regttn. Die gewaltige Preissteigerung habe sie jedoch auch nicht verhindern können. Es sei sehr zu beklagen, daß sich jetzt Infolge der unerschwinglichen Preise die große Masse der Be­völkerung fast jeden Fleischgenuß versagen müsse. Die Schild daran trügen dichemgen Leute, die sich durch den Aufkauf der Vorräte bereichert und Spekulationen getrieben haben, auch hätten dre lmßerott>entlich übertriebenen Hausschlachtungen zur Preis­steigerung beigetragen. Damit erwuchs den größeren Städten die schwierige Aufgabe, selber die Ernährung ihrer Bewohner sicher zu stellen, wozu sie Millionen aufwenden mußten. So wie man in der Mehl- und Brotversorgung richtigere Maßnahmen ge­troffen -habe, so hätte man auch hinsichtlich der übrigen Lebens­mittel verfahren sollen. Er hoffe, daß es gelingen tverde, in der Frage der iFleischversorgung ebenfalls einen gangbaren Weg zu finden, durch den es ermöglicht wird, daß auch der Minderbemittelte sich öfter einmal einen Fleischgenuß leisten kann. Der Redner beklagt ,wch die geringe Abgabe von Vollmilch durch die Mol- kerecen, durch welche die Kinderernährung sehr beeinträchtigt werde, und erörtert schließlich die mißliche Lage der Käseindustrie. m Heftet (Zentr.) meint, es sei feststehend, daß wir bei

Ausbruch des .Krieges wohl militärisch, aber nicht wirtschaftlich gerüstet waren. Daher komme auch das vielfach nervöse Hin- und

Hertasten mit Verordnungen, bei denen manche Mißgriffe mit unterliefen. Man müsse jedoch anerkennen, daß die behördlichen Maßnahmen im allgemeinen richttg waren und ihre Ausgabe er­füllten; der Traum unserer Feinde von einer Aushungerung der Teuffchen sei zerstört. Der Rttmer dankt der Regierung und Ministerialrat Schlckphake für ihre unernrüdliche Arbeit auf die­sem Gebiete. Die Hüchstpreise-Politik sei am wenigsten glücklich gewesen. Der Minister habe gestern eine Begründung für die Maß­nahme in Betreff der neuesten Preissteigerung für Kartoffeln nicht gegeben. Man könne doch seinen Wählern nicht einfach damit kommen, daß man sagt, die Gründe des Reichskanzlers waren gerechtfertigt. Mit, dem Verkauf von Saatkattoffeln seien große Mißbräuche getrieben worden, der hohe Preis dafür sei ganz un­gerechtfertigt gewesen.

Auch die Versorgung mit Kleie sei sehr ungleichmäßig ge­wesen. Tie Ausführungen des Mg. v. Helmolt über die Land­wirtschaft könne er ganz unterschreiben und die Ausführungei: des Abg. Korell-Jngelheim über die Schutzzölle hätten ihn erfreut. Redner schließt, daß seine Pattei stets als ihr Hauptziel die Größe des deutschen Volkes und Vaterlandes betrachten werde.

Abg. Dorsch (Bbd.) bttngt in einer längeren Rede per schli-edene Mißstände zur Sprache, so bei der Pferdeaushebung für den Kriegsbedarf; bei dieser sei von den Behörden ohne jed« Rücksicht vvrgegangen worden, besonders hätten darüber in Ober­hessen die Landwirte zu klagen Veranlassung gehabt. Ter Redner wandte sich dann scharf gegen die spekulativen Ausbeutungen und Preissteigerungen, und verteidigt dann besonders den Bauern­stand gegen die erhobenen Borwürfe der Habsucht und der Preis­steigerung.

Abg. Schönberger (natl.) beklagt, daß seitens der Re gierung keine besseren wirtschaftlichen Vorbereitungen für den Krieg gttroffen worden waren.

Nachdem Abg. Korell-Jngelheim (fr. Vp.) dann ,roch in einer längeren persönlichen Bemerkung seine gestrigen Ausfüh­rungen zur Schutzzollpolitik näher erläutert hat, schließt die all­gemeine Aussprache.

Kapitel 23, Ministerium, stimmt das Haus einstimmig dem Ausschußantrag zu, unter Abänderung der Zahl der Mini­sterialräte auf vier, und der .Hilfsärbeiter auf fünf, in Ausgabe 355 118 Mark !und in Einnahme 71101 Mark zu bewilligen.

Ohne Aussprache werde,: dann genehmigt: Kapitel 24, All­gemeiner Fonds für Bettretungs- und Aushilfekisten, Einnahme 6800 Mark, Ausgcckre 75 500 Mark. Kapitel 25, Regierungs- und Reichsgesetzblatt, sowie polizeilicher Nachrichtendienst, Ausgabe 13 685 Mark. Kapitel 26, Porto-, Telegraphen- und Fernsprech­gebühr 117 000 Mark, Kap. 27 Hausverwaltung, Ausgabe 15 820 Mark. Kapitel 28, Zenttalbauwesen, Ausgabe 212 000 Mark, Neubauten usw. 20 000 Mark, Landgestüt 10 300 Mark, Kapitel 29, Nichtstaatliche Bausachen 2000 Mark.

Bei der Abteilung Lokal- und Polizeiverwaltung, bemerkt

Abg. H a r tma n n (Sozü, nach seinen Informationen würden Kriegsteilnehmer im Kreise Erbach O., oie der Landwittschaft ange hören, viel besser UM er stützt, als Industtiearbeiter. Das komme wohl mit von der vorsiutsdtttichen Zusammensetzung des Kreis- ausschusses her.

Abg. Lang (natl.) widerspttcht dieser Auffaffung des Vor­redners.

9kbg. Ulrich unterstützt sie, will aber die schwierige Aufgabe der Kreisämter nicht verkennen.

Kapitel 30, Provinzialdirektionen und Kreisämter, Ausgabe 773 360 Mark, Kapitel 31, Gendarmerie, 677 087 Mark, Kap. 32, Polizei, 173 550 Mark, werden daraus genehmigt, letzteres gegen die Stimmen der Sozialdemokraten. Ohne Aussprache werden iveiter genehmigt: Kapitel 33, Pvlizeikassen, 217 930 Mark, Kapitel 06 , Arbeitshaus Dieburg, Einnahme 39 338 Mark, Aus­gabe 89 951 Mark, .Kapitel 35, Kirchen, Ausgabe 487 721 Mark (gegen die Stimmen der Sozialdernotraten). Auch Kapitel 36, Landesuuiversität, Einnahme 822 569 Mark, Ausgabe 1 927 197 Mark, und Kapitel 37/Technische Hochschule, Einnahme 336 915 Mark, Ausgabe 851623 Mark, gelangen ohne Erörterung zur Annahme.

Beim Kapitel 38, Gymnasien, Realgymnasien, Oberreal- und Realschulen, beanttagt der Finanzausschuß

a) Bewilligung der Einnahme mit 2 680 075 Mark,

b) der Ausgaben mit 3 964 722 Mark,

c) die beiden Tirektorenstellen an den Darmstädter Gymna­sien nur aus den Inhaber zu bewilligen,

ck) die Regierung zu ersuchen,, die Zusammenlegung der beiden

Darmstädter Gymnasien in die Wege zu leiten.

Abg. Molthan (Ztr.) begründet als Ausschußbericht- crstatter die vorstehenden Anträge. Der Ausschuß halte nach wie vor an der Auffassung fest, daß eine Zusammenlegung der beiden Darmstädter Gymnasien durchführbar sei, und er habe deshalb auch den Antrag gestellt, die beiden Divektorenstellen nur auf den Inhaber zu bewilligen. Me Zusammenlegung müsse erfolgen aus Sparsamkeitsgründen für den Staat uno aus Rücksicht auf die geringe Schüler zahl. Diese letztere sei bei mehreren anderen höheren Schulen Hessens größer als in den beiden Darmstädter Gymnasien zusammengenommen. Die Zusammenlage sei aber auch im Interesse der Stadt Darmstadt geboten; es könnten dabei leicht 3040 Tausend Mark erspart werden. Die von der Re­

gierung für die Beibehaltung beider Gymnasien angeführten Gründe seien lticftt stichhaltig; die Tenkschttft der Regierung über diese Frage habe den Finanzausschuß nicht überzeugen können, datz seine Ansicht falsch sei. Redner hofft, daß diesmal auch die Erste Kammer sich den Gründen des Ausschusses anschließeu werde. Im weiteren spricht sich der Redner noch für den An­trag Münch aus.

Abg. Münch (natl.) begründet darauf folgenden, von ihm und 38 Abgeordneten aller Parteien Unterzeichneten Antrag:

Wir beantragen, daß den Schülern der neunklassigen höhe­ren Schicken, die beim Kriegsausbruch durch eine Notprüsung die Reife für Oberprima erworben haben und seitdem ununter­brochen im Heere stehen, das Reifezeugnis zum Be­such d h r Hochschulen ohne weitere Prüfung ausgestellt wird, falls der Lehrerrat sich dahin airsspricht, daß sie beim Fortsetzen des Schulbesuchs dieses Ziel erreicht hätten und die Militärbehörde ihnen tadellose Führung bescheinigt.

Der Antragsteller wies in der Begründung darauf hin, daß im Preußischen Landtag ein ähnlicher Antrag erfolgt sei und auch ein Vorgehen Württembergs in diesem Sinne erfolgt sei. Sein Antrag sei im Interesse der Tausende tapferer deutschier Schüler gelegen, die ihre Liebe und Begeisterung für das Vaterland in den harten Kämpfen an der Front bewiesen hatten. Er hoffe, daß die Kriegsprimaner und das Land erfahre, daß sich, im hessische,: Landtag ein alter Schulmann ihrer Interessen angenommen habe.

Mg. Tr. Osann (natl.) bespricht die Frage der Zusammen­legung der beiden Darmstädter Gymnasien. In der vom Ausschuß an Ott und Stelle vorgenommenen Besichtigung habe dieser die Ueberzeugung gewonnen, daß eine Zusammenlegung sehr wohl möglich und auch im Interesse der Stadt Darmstadt geboten sei. Man brauche nur die Aula für Schnlzw-ecke herzuttchten. In einem Zeitungsartikel ist mit Recht darauf hingewiesen worden, daß auch die Regierung opferwillig sein möchte, auch den Wünschen Und Anforderungen der Kammer gegenüber, nament­lich, wenn es sich um einstimmig von der Kammer ausgesprochene Wünsche handelt. Zu dem Antrag Münch bemerkt der Redner, daß ihn die Haltung der Regierung den Kttegsprimanern gegenüber! befremdet habe. Wenn nuan an dem bisherigen Standpunkt fest- halte, würde das zur Folge haben, daß diejenigen Schlicker, dick ruhig auf der Schulbank sitzen blieben, ebenso gut gestellt sein würden, wie die auf dem Felde der Ehr« Kämpfenden. Man habe diesen letzteren angesonuen, daß sie sich nach ihrer Rückkehr aus dem Felde nochmals aus die Schulbank setzen und besondere Kurse duvchmachen sollten. Die darnach diesen jungen Leuten aufzu- erlegende Prüfung würde aber die reinste Farce sein. In Preußen sei man allerdings Mit diesem Plan vorangegangen, aber in Bayern und Württemberg habe man die Sache gleich richtig erfaßt und die Nachprüfung einfach fallen lassen.

Mg. C a l m a n (Natl.) empfiehlt, nicht dem Vorgehen Preußens zu folgen und am Druck der Schckprogramme zu sparen. Das sei nicht im Interesse der Buchdrucker gelegen, die unter den jetzi­gen schweren Zeiten gerade genug zu leiden hätten. Ter Redner begründet aldann die Forderung auf Erttchtung von Vollanstalten in Alzey und Bingen; es dürfe nicht alles den größeren Städten» überlassen werden. Weiter wünscht der Redner eine größere Be­rücksichtigung der neueren deutschen Geschichte im Geschichts­unterricht.

Mg. Münch erklärt noch, daß den zum Heeresdienst einbe- rufenen Lehvanttsreserendaren in Preußen das vierte Halbjahr ganz erlassen werde. Der Redner ersucht, auch iir Hessen diesen Män­nern eine gewisse Bevorzugung zuzugestehen. Von der Stellung eines Antrags wolle er absehen.

Die Aussprache wird darauf um VU Uhr abgebrochen.

Fortsetzung der Beratung heute nachmittag 3 Uhr.

Nachmittagssitzung.

In der nachmittags 3V* Uhr er öffneten Sitzung ist der Re- gierungsttsch wieder wie am Vormittag besetzt.

Ti«

Beratung des Haupworemschlags

wird Mit der Debatte über Kap. 38 fvttgesetzt.

Zunächst -nimmt der Leiter der Schulabteilung im Ministerium des Jmlern, Staatsoat ^üffert, das Wott. Er bemerkt ein­leitend, die Schulabteilung habe hei der Beratung dieses Kapitels fast allgemein nur Tadel erfahren, es sei ihr u. a. vom Abgeord­neten Brauer Halsstarrigkeit u. a. vorgeworsen worden. Er, Redner, glaube jedoch, von sich sagen zu können, daß er für dick gegenwärtige Lage volles Verständnis besitze, und dasselbe sei auch bei den Schul ko nrnnssionen der Fall. Tie bekannt gegebenen! Erlasse in Betreff der Fvttbildungsschule seien unter Mitwirkung der landwirtschaftlichen Abteilung erfolgt. Tie Kreisämter hätten Anfang Oktober in einem Schreiben sich sämtlich für den Weiter­bestand der Fvttbildmrgsschule ausgesprochen, und in dem Erlaß des kommandierenden Generals des 18. Armeekorps über die Ver­wahrlosung der Jugend sei der Negierung recht gegeben worden.. Auch die Preußische Regierung hat die Fortblldungsschule im all­gemeinen aufrecht erhalten: von einerHalsstarrigkeit" der Schul- abteilung könne also gar keine Rede sein. Wenn Abg. Brauer sich über Schwierigkeiten seitens der Schulkommission beklage, so müsse er diesen ersuchen,'ihm seine Beschwerden mitzuleilen. Tie Schul-

Runft «nd Wissenschaft.

Ein verschollener Aufsatz von Gottfried Keller. Professor Emil Ernrattnger, dom unermüdlichen Keller- Forscher, ist ein neuer hübscher Fund gelungen, den er soeben in derNeuen Zürcher Zeitung^^ bekannt macht. Es ist dies ein Aufsatz von Gottftned Keller, der, Wohl in den 50 er Jahren, in denBlättern für literarische Unterhaltung" erschienen mrd seither völlig verschollen ist. Auch Keller selbst hat auf diese kleine Arbeit nie mehr angesprelt. Dennoch hat sie für uns ein eigenes Inter­esse; denn während Keller sich sonst über Fragen der künstlerischen Theorie nur sparsam und ausnahmsweise geäußett hat, so hat er in diesem llcinen Auffatze sich über ein, man möchte sagen, Werk- Problem der Dichtung ausgesprochen, und zwar in jener saftvollen Att, die seinem ganzen Wesen entsprach. Der Aufsatz ttägt den TitelDas goldene Grün bei Goethe und Schiller" und geht davmr aus, daß etwelche Schulmeister und zuletzt damals rroch. Bcatoauek in seinenAesthetischen Studien" mit Behagen die Bildervermengung vermerkt hätten, die sich Schiller in dergol­denen Zeit der jungen Liebe, die ewig grünen Möge" und Goethe in, ftent bekanntenGrün an des Lebens goldenem Baun/' erlaubt habe. Wenn Bratranek beide Dichter wohlwollend wegen dieser Verstöße entschuldigte, wie ja solche auch von Horaz an Homer eirtschuldigt würden, so bemerkt Keller unwirsch hierzu:Horaz hat hier qat nichts zu entschuldigen, und zum Schrecken aller Trivialen fei hier noch das Trivialere getan und feierlich erklärt: jene beiden verrufenen Stellen seien nichts weniger als Verstöße, sondern ganz in der Ordnung sich befindende, ebenso ausdrucks­volle, als misprechende poetische Bilder! Als die Quelle dieser Bilder bezeichnet Keller dieuralte Volkssprache der Deutschen", dieUnsere beiden unfterbttchen Mchterlinge" berleitet habe, grün und golden zusammenzustellen, unerhörterweise in Einem Bilde!" Sie haben es getan in Erwägung, daß, wenn der loackere deutsche Spvachgeist z. B. von einem goldenen Liebchen spreche, cr damit durchaus nicht ein gelbes Liebchenandeuten" wolle, sondern ein kostbares, glänzendes, tugendsames, gediegenes, glück- . selig machendes Liebchen darunter verstanden toünsche; in Er- , mt*intg ferner, daß denn dies goldene Liebchen seinen Liebhaber v»^ 7 niicherweffe etnlade, sich y\i nähern und an seiner grünen Seite zu sitzen, um zu kosen, damit nicht im mindesten gemeint sei, die eine Seite des guten Mädchens sei grün angestrichen, sondern ihre nahe Gegenwatt sei ftühlmgsgvün, jugendfttsch, sonnnerlich freudig für den glücklichen Erwählten; in Erwägung schließlich, daß cm goldenes, d. h. köstliches Liebchen und seine frohe, gleichsam wie ein grüner Baum selig übett'ch«ttende Nähe gar Wohl ettva in <>'.*?* Hers unteVWtbringen oderanzudeuten" wäveir, wiegold'- r i ; l-tz'b, an deiner grünen ©eite". Dies der Grundgedanke K?l- l-rs, des ferneren in einläßlicher Besprechung jener beiden; Staken SchMers und GoeHes zeigtt >che fein der Dichter die Dichter d>u ganz besonderer Originalität aber erhebt sich dann der Schluß des Artikels, vcr besonders noch auf die grüne Farbe in /Men/MMevvvmüschnmgerr" eingeht. Es sei dies kein Schwciir-

suttergrün, sondern das Grün der Vegetation als Symbol des Wachsens, Werdens und Seins.Mit der Vorstellung des vegetattven Grüns ist aber unzettrennlichi diejenige der Sonne verbunden, welche als Gold zu denken ziemlich gang und gäbe ist. Pflanze Und Sonne, Grün und Gold, leben und weben durch­einander, und dieses Tiurcheinander ist es, was in den beiden ftag- licherl Stellen geradezu den sinnlichen, beabsichtigten Reiz hervor­bringt; denn man matt nicht nur direkt, sondern auch indirekt, und ist vorzüglich bei der Malerei, welche dltrch das Gehör gesehen werden muß, darauf angerviesen. Die. Sache ist nun die, daß 'merkwürdigerweise dies Zusamnrenkoppeln von zwei Farben gerade nur in diesem ^cckle, wo die eine durch! Gold ausgedrückt wird!, möglich« war, weil einerseits das Gold einer; sonstigen, allgemeinen Sinn hat und es andererseits seiner metallischen Natur nach geeignet ist, mit allen arrderen Färber:, um deren erhöhten Glanz oder ein gewisses Schimmern auszirdrücken, verbunden werden kann, rvie mm: denn auchi in Wirklichkeit über Vergoldungen, durchscheinende Farbenlagen anbrinat. Von Goethe kann man versichiert seir:, daß er sehr wohl wußte, was er tat, als er j-enrent Vers schrieb, und wenr: Bratrarrek hinzusetzt, derVerstoß" reihe sich füglich an andere, z. B. metrische Fehler, wo Goethe einen Versfuß zu viel machte, so ist dies fast hätte ich gesagt eine ungeheure Dummheit. Im Punkte der Färberei muß er Goethe nicht kommen." "

Das FlUgzeu g des Bürgers Nach den: Kriege. Wohl keine zweite technische Industrie hat durch den Krieg so sehr an Verbreitmrg, Verbilligung und Vereinfachung zugenommen wie die Flugzeugindustrie. Darum ist die Ansicht verbreitet, daß der Flugsport den: Kriege viel allgeineiner und dem Einzelne:,: leichter zugänglich sein loivd, als die§ bisher der Fall war. Bis jetzt kamen für die Flugzengfabrikanten eigmtlich nur die Heeres­verwaltungen als Abnehmer in Frage. Tie hohen Preise und die unvollkommene Sichsrheit der Apparate hinderte,: e:ne Populari­sierung des Flugsportes, wie sie in Zukunft im Frieden möglich erscheint. Von solchen Voraussetzungen ausgehend, entlpirft der Chefingenieur der amettkanischen lFlugzeuggesellschaft Scripp-Booth Company im neueste:: .Heft der New Vorker Aerinal Age Weckly ein Zukunftsbild, das trotz mancher Uebertreibungen, die ins Reich einer allzu beflügelten Phantasie gehören, leinen wahre,: Kern besitzt, der sozial wie technisch interessant ge,:ng erscheint, um als mögliche Folge des Krieges in Umrissen wiedergegeben zu werden; Nach Fttedensschluß," meint der optimistische Flugzeugmgcnieur, wird der bürgerliche Ausflügler aus dem wohlhabenden Mittel­stände sich nicht nrchr mit einem Motorrad oder Automobil begnügen, sondern die Straße verachte,ch - - lwch in den Lüften in seinem Privatflugzeug dahinsausen. Bei Kriegseitte werden etwa 50 000 dein: Militär ausgebildtte Flugzengfiih-rer frei )verden und an­nähernd eine Million Maschinen. Zahllose Flugzeugfabriken mit dem besten Material und einem Reichckm: der inodernsten masch:- netten Betriebsanlagen werden plötzliä,! mehr oder weniger be­schäftigungslos sein. Darum wird der bisherige Motorsahrer sich

in vielen Fällen den: Luftspott zuwenden. Tie durch die genannten Umstände gewährleistete große Verbilligungen derFlngzengrndusttie und das daraa:s sich ergebende starke Sinken der Verkaufspreise von Flugzeugen werden eine solche Umwandlung auch wirtschaft­lich in hohem Maße fördern. Außerdem wird man neue, sehr kleine und einfache Maschinen bai:en, die man Bergn.ügungs- aeroplane nennen kann. Me Vergnügungsreisen im Auto­mobil haben allmählich ein wenig an Interesse und Beliebtheit eingebüßt. Tie Bevölkerung der Sttaßen, der Staitt und noch nranches a,tbm machen sich nach und nach störend ftlhlftar. Und wie soll es erst werden, wenn in einigen Jahren, wie man ver- nünftigettveise cu:nehme,: kann, die ZaU der Automybüe sich ver­doppelt haben sollte? Es bedarf also keineswegs einer krankhaften Phantasie, wenn man der Meinung ist, daß die Menschheit sich bald nach einem neuen Verkehrsmittel wird umsehen müssen, wenigstens soweit es sich um Bergmigungsfahrten Wohlhabender handelt. Und dies loieder roäre der erste Schtttt zur endgültigen wirtschaftlichen Volkstümlichkeit des Fliegens. Zwar baut man. überall jaus dem freien.Lande neue Und modern konstruiette Straßen, um der Zunahme des Automobilverkehrs zu genügen. Die ideale Lösung aber besteht in der Herstellung billiger, leicht zu hand­habender und sicherer Pr:vatflugze::ge. Das Flugzeug von heute ist den: vor dem Kriege üblichen Flugzeug in jeder Beziehung nicht weniger überlegen, als das nwderne, schnÄe und billige Gebrauchs­automobil dem Motorwagen zur Zeit seiner pttmitiven Anfangs- entwicktnng. Ter Krieg hat das Flugzeug in der kurzen Zeit von 18 Monaten höher entwickelt, als die zehnjährige Entwicklungs^ Periode deS dlutonmbils die Fähigkeiten des Kraftwagens zu stei­gern vermochte. Bei Einfü^hrung des Automobils verhielt das Publikum sich zumnrdest ebenso zöger:d, wie in den ersten Jahre,: des Flugzeugbaues. Nun aber wurde der Flugapparat durch den Krieg sozusagen mit einem Schlage in fast jeder Beziehuna auf verblüfseirde Weise vervollkommnet. Tie himdett oder mehr Flug- zeugfabttken, die jetzt mit Anspannung aller Kräfte für die Armeen der Kriegführenden tätig sind, werden sich im Ftteden nach einem neue,: Absatzgebiet umsehen müssen. Sie ,verden sich bemühen, das Publikun: von den Vorteilen, der Sicherheit und Billigkeit des Fliegens zu überzeugen. Höchstwahrscheinlich werden Fabri­kationskongresse gebildet werden, die es sich zum Ziele setzen, das Flugzeug mit allen Mitteln ebenso volkstümlich zu machen, wie es' heute das Autonrobil ist. Sie werden Ausslütze und Vergnügungs­fahrten in der Luft veranstalten und sich!um die Einführung von Flugzeug-Reirnen bemüchen. All dies erscheint jetzt noch zum großen Teil als übertriebene Phantasie, aber vielleicht ist die Zeit nicht allzu fern, in der es Luftdroschken zun: Erreichen ent­fernterer Ausflugsorte geben wird. Die Millionen, die jetzt in die Flugzer^gfabrikatioi: gesteckt rvurden, müssen nmgcsetzt und aus breiter, volksttmckicher Basis verzinst werden. Das Flugzeug der Zukunft wird die Lösung bringen; es ,vird das Flugzeug deS Bürgers sein . .