Kr. 54 ^o-^tes lliatt
Erfchernl kTgllch mit AnSnahme des Sonntags.
Die „Sltheuer FcEevkEer" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „kreisdiott für den Kreis Eiehen" zwenna! wöchentlich. Die .Fandwittschaftlichen Zeitsragen" erscheinen monatlich zweimal.
M. Jahrgang
General-Anzeiger für Gberhejje»
Zamstag, 4. Marz tel6
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universitäts - Buch- und Steiiteruckerei,
R. Lange, Gießen.
Schri'tleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul» straße 7. Geschäftsstelle u.Berlag:^«51,Schriftleitung: 112. Adresse für Drahtnachrtchtenr
Anzeiger Gießen.
Nriegsbriefe aus dem Osten.
Bon unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Die Front in den Rotitno-^Sümpfen.
III.
AmOginski-Kanal.
. Pinsk, den 21. Februar.
Ter leichte Fro,t, der seit zehn Tagen in: Sumpfgebict herrscht, verändert in manchem die Bedingungen, unter denen man sich gegenüberlag: unpassierbare Wege werden selbst für Autokolonnen fahrbar, Sumpfstrecken, die sich „so selbst verteidigten", erfordern Aufmerksamkeit, der Pionier, der vorher das Problem der Sumpf- drücken täglich neu 'lösen tonnte, erprobt die verschiedenen Methoden der Eissprengung, nächtliche Unternehmungen werden häufiger.
Ter Waldweg, cher von Porjetsche über Ozawicze den Oginski- Känal schneidet und schließlich im scharfen Bogen nach Logiszyte (in russischen Händen) .führt, ist ftir Automobile fahrbar. Tie schönen Kirchen, die Erlcnschläge und Birken sind beschneit, Sumpf- und Waldboden bilden eine weiß leuchtende Fläche. Kolonnen fahren' häufig den hartgefrorenen Weg, es gilt, die Zeit zu nutzen. Am ^Waldrand sieht man links am Horizont fast über den: Sninpf die schwarten Umrisse hoher Bäume. Ta sind die Russen. „Zwar ist Iwan friedlich hier," sagt der Hanptmann, „aber Auto bleibt Auto, Reizmittel für ihre Artillerie." Wir steigen aus. Eine flache Landstraße, die geradenwegs in die weiße Unendlichkeit des ,winterlichen Rußland M führen scheint. An einer Stelle ist ein Graben zur Rechten. Man springt hinein und ist nach ein paar hundert Metern Laufgrabe:: in den Stellungen am Oginski-Kaual. Mit einer monatelangen Mache, mit unendlicher Arbeit ist hier längs der Kanalböschung die fortlaufende Linie geschaffen worden. Auf kleinen Tragbahren hat man Stück für Stück die Sumpferde her antragen müssen, um die rückwärtigen Brüstungen aufzubauen. Jedes Fleckchen des Grabenbodeus hat man mit schmalen Knüppel- 'dämmen belegen müssen. Jedes Steigen des Wassers macht neue Arbeit nötig. „Eben noch Unterstand, morgen schon Badebude." Jetzt ist es leichter zu schaffen, der Sumpf hinter der Linie trägt, und man kann mit kleinen Schlitten Holz, Nägel, Draht bis zur Stellung schleifen. Es ist vorzustellen, wie man die gute Zeit ausnützt. Zuweilen streicht ein einzelner Lchuß durch die Luft, aber niemand läßt sich in der Arbeit stören. Der Posten schießt eben wieder, fertig.
Ein Stückchen loeiter hinauf hat man den Kanal nach der russischen Seite durchstochen, so daß die Wassermassen in die russischen Stellungen hinübersacken. Warum soll man ihnen das Wasser nicht gönnen? Im Frühling werden sie noch mehr schwimmen, der Tamm des Oginski-Kanals wird für uns einigermaßen fest bleiben. Die schwere Kunst, bei dem Uebergang aus dem Bewegungskrieg zum Stellungskamps eben die günstigste Linie zu finden, ist hier am Oginski-Kanal gut geübt worden.
Kleine Brückenköpfe, sauber und sestgebaute kleine Forts halten alle Möglichkeiten offen und gestatteu es, den Kanal in seiner ganzen schnurgraden Linie mit Maschinenge:oehren zu bestreuckwn. Aus dem Brückensteg zu einer solchen Brückenkopsstellung kann man das braune Kanalbett entlängblicken: saubere Böschungen, die durch Weidengeflecht geschützt find, Erlen, die kahle Aeste in dem langsam fließenden Wasser spiegeln, Stacheldraht. Der Steg schwankt leicht von den kleinen Eisschollen, die gegen die Stützen treiben.
Eine Viertelstunde weiter hinauf an der Schleuse strömt das Wasser stärker. Tie Erlen wechseln mit Eichen, dre im Sandboden starken Stainm erreicht haben. Im Frühling muß hier viel Schönheit unter den alten Bäumen am stillen Kanal sein.
Ob man sie sehen wird? „Sicher," sagt der Hauptmann, „im Frühling wird hier noch mehr Ruhe herrschen . . Und er zeigt ans den weilen Sumpf. „Krebsen wer'n wer!" meint der Mann am Ausguck-
Ter Krieg hat hier absonderliche Formen angenommen, man achtet fast mehr auf Barometer und Wasser, als aus den Russen. Trotzdem, Man darf der Stille nicht trauen. Patrouillen fühlen vor. Jedes Stückchen Stellung wird täglich besehen und verbessert. Arbeit, Dienst, Arbeit,. Wachsamkeit, Warten. Aus den Frühling, aus die -Zeit, da einmal die schnurgerade Kanallinie, die sich dem Auge wie ein unverlöschliches Bild eingeprägt hat, merkwürdige und ferne Erinnerung ist.
IV.
Tie Stadt in der Front.
Pinsk, den 23. Febr.
Heber viele polnische Städtchen und Städte ist die eiserne Welle gegangen, einmal für Stunden, für Tage waren sie fast alle inmitten der Linie, die lirld schneller, bald zögernder über sie hinwegging. Für zwei Tage war ja auch Warschau eine Stadt in der Fvont; unvergeßlich bleibt der Eindruck, wie in das helle, aufgepeitfchte Leben der Weltstadt das ununterbrochene Gewehr
knattern von Praga her hinüberklang, wie die Straßen nach den: Fluß das russische Jnfanteriefeuer fingen und das Lächeln und Wiegen und Trippeln der Frauen in den Hauptstraßen davon kaum berührt schien, wie.die Zeitungsjungen am Einzugsabend mit ihren grellen KinderstimMen die neuesten polnischen Zeitungen ausschrien, während Schrapncllwölkchen am Himmel zerslatterten. Tas waren zwei Tage. Die )^§<tet Pinsk liegt nun seit dem 16. September in der Front, die Drahthindernisse fangen bei beit letzten Häusern an, die Artillerie lastet in langen Pausen nach ihr herüber.
Nack schweren Märschen und Gefechten nahm ein Reservekorps die Halbinsel Pinsk, damals konnte der Sumpf noch von der kämpfenden Truppe bewältigt werden. Nachdem die Brodniza- Stellung genommen, nachdem im heftigen Bajonettkampfe Do- maschizy gestürmt war, gaben die Russen Pinsk auf. Die Rad- fahrkompaguic, die als erste Truppe in die Stadt eindrang, wechselst noch ein paar Schüsse mit russischen Kosaken-Nachhuten, die sich in der Stadt Herumtrieben. Das russische Gros war über den Bahndamm, den man schon vorher sorgfältig verbreitert hatte, nach Osten marschiert, das breite. Snmpsgebiet trat zwischen hie Eroberer und die abziehenden Russen.
In den letzten Wochen, bevor die Räumung erfolgte, schwoll die Volkszahl der Stadt bis auf nahezu 100 00Q Seelen an, dte Flüchtlingswoge polnisäfen und jüdischen Elends ging auch übe. Pinsk. Ein großer Teil der Flüchtlinge wurde von den Russen abgeschoben, den gebliebenen wurde deutscherseits erlaubt, in die Heimat, wenn sie im besetzten Gebiete lag, zurückzukehren, so sind von den 35 000 Einwohnern, die Pins? im Frieden hatte, noch vielleicht 23 000 geblieben. Si-e^ führen ein Leben, dem die unmittelbare Front die Gesetze vorschreiben muß. Man sucht Härten zu vermeiden, daß aber gegen mögliche Gefährdung der Sicherheit der Truppen jede Vorsicht geübt werden muß, ist selbstverständlich. Bei zunehmender Dunkelheit sind die Straßen für .jeden Einwohner gesperrt. Es ist unheimlich still in den breiten Wegen, ans denen der.gefrorene Schnee matt leuchtet. ^ Losung: Feldgeschrei! Kaum irgendwo im Kriege habe ich so oft Losung geben müssen, wie in Pinsk, und die Posten haben das Gewehr sehr schnell bei der Hand.
Leuchtraketen gehen im Vorgelände hoch, der Wind singt im Stacheldraht. Man merkt auf solchen nächtlichen Wegen bei jedem Schritt, daß diese Stadl, deren Leben man nicht verlöscht hat, in der Front liegt.
Tie „Nase von Pinsk" bezeichnet die Linienführung unserer Front. Jasiolda, Strumen, Pina fließen vor den Stellungen, vor denen im Süden namentlich ein weites Stützpunktsystem aus- gebant ist. Diese Feldwachen im Sunrpf gleichen kleinen Festungen, die sich wie Igel nach allen Seiten verteidigen können. Lange Laufstege führen nach diesen Blockhäusern, die man oft auf Roste setzen mußte, um den Mannschaften überhaupt das Leben in ihnen zu ermöglichen. Jetzt, nach längerem Frost, ist der Sumpf so stark übersroren, daß man ihn fast überall überschreiten kann. Nur Strumen, Pina, Jasiolda werden, durch Sprengungen offen gehalten, kleine Eisbrecher befahren die Flüsse, die ziemliche Tiefe, leichte Strömung haben.
Dieses Flußsystem, wertvoll für die Verteidigung, machte auch im Frieden den roertvollsten Teil der Lage von Pinsk aus. Bis nach Kiew führen die Raddamvfer uiid vermittelten wegen Personen- und Handelsverkehr, bis nach Danzig kamen die schmalen Holzstöße, die das weitverzweigte Kanalnetz zwischen Pina und Bug benutzten. Von den weißrussischen Bauern, die um Pinsk herum wohnen, haben viele als Flößer Deutschland gesehen, wie im Frühling, wenn die Holzhändler kamen. Deutsch auf den häßlichen Straßen der reiche,: .Holzhandelsstadt keine seltene Sprache war. Die Stadtbevölkerung ist jüdisch und polnisch. Handel und Handwerk beherrschen die Juden, das Land die polnischen Grundherren, deren Verwandte in Pinsk Häuser haben. Wie überall hat in der polnisch-jüdischen Stadt aber das orthodoxe Russen- tum sein beherrschendes Wahrzeichen ausgericktet. Die mächtige weiße Kulisse des orthodoxen Klosters und der Kirche überragt weithin das Bild der Stadt, überrag? auch den schlanken hellen Bau des katholischen Gotteshauses. Freilich kann man in dem machtvollen Gebäude des Klosters, das die Herrschaft des Russen- tums über Pinsk symbolisieren soll, leicht noch ein anderes Symbol finden: die starken Mauern sind, wie eine Untersuchung zeigte, hohl. Dünne Ziegelsteinwände umschließen die Hohlränme, die Platz für allerlei Gänge und Schlupfwinkel bieten. Die ragenden Seitenflügel, die dem Ganzen eine so starke Betonung geben, sind Kulissen, sinnlose Scheinflügel, die nur den Zweck haben, zu blenden. Bei Dämmerung erfüllen sie den Zweck denn auch trefflich genug, über den armseligen, einstöckigen Häusern glänzen die weißen, mächtigen Umrisse der Kirche und scheinen das sinkende Abendlicht allein auf Türmen und Mauern zu sangen.
Der jüdische Tempel, die „kalte Schul", ist ein alter, merkwürdiger Bau, der breit und gedrückt inmitten anderer kleiner Synagogen steht. Das Bauwerk, das unverkennbar maurischen Einfluß zeigt, soll über 800 Jahre alt sein. Der Boden hat
die Mauern nicht getragen, sie sind gesunken, so daß Stufen in die Tiefe des Raumes hinabführen. Neben der großen Schwester stehen die Holzhäuser der Zunft-Schulen. Da ist die Schneider-- Synagoge, in der die Schneiderzunft betet, da ist die „Klause", in der die vornehmen Leute beten, die keine Beschäftigung mehr nötig haben und das Bedürfnis fühlen, hämiger die Synagoge zu besuchen, denn bic_ große, ungeheizte Schule ist wochentags geschlossen. Das seltsame und enge Leben mittelalterlicher Judenschaft sieht aus jeden: Winkel dieses Viertels, und die Gestalten, die vor der Schneider-Synagoge am. Tore den Schlüssel drehen, werden vor manchem Jahrhundert auch, kaum anders ausgesehen haben. Der Gegensatz zwischen ihnen, den polnischen Herren und den russischen Bauern, hat auch die Jahrhunderte überdauert.
Unsere Feldgrauen kommen ausgezeichnet mit allen Bevölkerungsteilen aus. Es sind auch bayerische Truppen in Pinsk, und diese bayerische Mischung von Grobheit und Gemütlichkeit >cheint eben ziemlich unwiderstehlich zu sein. So ein Soldatenabend in einer jüdischen Wirtschaft verläuft durchaus harmonisch. Die Leute sitzen um den große:: Tisch. Am Klavier hämmert ein Pionier Märsche. Das Kerzenlicht flackert über die bärtigen, festgezeichneten Gesichter. An die kleine Tele im Vorraum treten ein paar Funker. „Sieg bei Verdun! 3000 Gefangene!" „Jscht's auch wahr?" „Auf zehn Kilometer Breite, drei Kilometer ttes hinein!" Der Mann am Klavier spielt die „Wacht am Rhein". Leine braunen Augen funkeln durch den Zwicker. Die ganze niedrige Stube ist voll von brausc:teem Gesang. „Deutschland, Deutschland." An der Wand nahe dem Ofen lehnen die drei Schwägerinnen der Wirtin und sehen mit großen, stillen Augen in das Aufbrausen. Die Wirtin weint: „Ob ich nun wohl bald wreder nach Frankfurt a. M. komme, gelle?" Auf der Hochzeitsreise hat der Kriegswind die junge Frau nach Pinsk, der Vaterstadt ihres Mannes, verschlagen. Sie waren unten an der Wolga, als die Sturmzeichen kämen. Von Moskau an waren die Züge gewerrt. Sie fanden sich in die Zeit, schlüpften den raubenden Kosaken^ am letzten Tage der Russenherrschaft durch die F:nger. Nun ist dies Gasthaus Gewerbe für die ganze Familie. Der Mann an: Klavier ruft einem Landstürmer etwas zu. Der stellt sich ans .Klavier und singt nun in die Sttlle, die sofort ein- setzt, die Löwesche Ballade: „Die Uhr". Die genug abgehetzte schöne Ballade wird wie neu in dem rauchigen Raum unter den vielen brennenden Soldateckaugen.
... „Sie schlägt, will's Gott, noch oft.
Wenn bessere Tage kommen.
Wie meine Scele es hofft..."
singt die weiche, beherrschte Stimme. Köpfe stützen sich in bk Vand. Wie viele Frauen- und Kindergesichter geistern jetzt durch den Raum. An unserem kleinen Tisch werden plötzlich Bilder von zu Hause herumgezeigt. Der Münchener Feldwebelleutnant spricht von seinem Landhaus an einem blauen See, unten iw Sül^n.
Wie meine Seele es hofft.. .
Die (Stimmung verfliegt. „Hinter Metz, in Paris, bei Chb- lons.. sing? jetzt das zngveifende alte Soldatenlied.
Der Münchener ist Rondeoffizier, schnallt den Gurt fest. Wir treten in die Nacht. Im Nordosten zuckt Heller Schein auf Vorgestern nacht haben die Russen eine Feldwache dicht bei der zerstörten Eisenbahnbrücke über die Jasiolda aufheben wollen. Kamen von allen Seiten schon an den Igel, zerschnitten das Telephon. D:e herankommende Verstärkung fand sechs tote Russen, die Feldwache wohlauf. Immerhin, es heißt scharf sein in der dunklen Wrnternacht...
Am Tage nutzt man den Frost auch für sich. Auf dem spiemck- glatten schmalen Seitenkanal, der nach Südosten führt, ist ein Münchener Maler als Schlittschuhpatrouille vorgesaust und ha? den Russen die beste:: Beobachlungsbäume durchgesagt. Als die ersten fiele::, die andern mit ttefer Kerbe nicht meh? tragfähig waren, ging's zurück. Die Russen verfolgten auch ans Schlittschuhen. „Aber ihre Bäume waren fort, und wir auch." Ebenso vor der Nase des Feindes werden die aroßen Heuhaufen eingebracht, die vom Herbst her noch mitten im Sumpfgebiet stehen. Reben dem Hercnnbringen spielt das Anstecken der zu nahe bei den Ruffen liegenden Haufen eine besondere Rolle. Es gibt einen bayer:schen Gebirgler, der es als besondere Belohnung betrachtet, wenn er „zünden geh^n darf". Er nimmt auf die SchlerchpatrouiNe nur :em Seitengewehr und eine Schachtel Streichhölzer mit und kommt nicht eher wieder, als bis er das letzte Hölzchen nutzbringend angebracht hat.
„ An einer anderen Stelle, im Nordosten, hat ein Kavallerie- ^agdkommando vor ein paar Wochen eine starke russische Feldwache^ von 50 Mann erledigt.
., In bet Riche des (Stellungskrieges kommt so die kleine sthneteige Einzelunternehmung zu Recht und Ehren, und über tu:: geglücktes Stückchen freut sich — wie sonst über gewonnenes Gefecht — dre ganze Soldatenstadt Pinsk, die Stadt in der Front, m:t dem bunten und seltsamen, engen und heißen Leben, das kaum an rrgendemer Stelle des Krieges so wiederkehrt.
^_R olf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Aus der )ügd nach einem Zeppelin über London.
Tie folgende anschauliche Schilderung einer nächtlichen Jagd aus eine:: Zeppelin, die in ihrem ergebnislosen Verlauf für die Machtlosigkeit der englischen Flugzeuge gegen unsere Luftschiffe charakteristtsch ist, gibt ein Flieger in der „Daily Mail":
Eine Meldung vom Telephon bringt die Nachricht: Ein Zeppelin ist bei . . . gesichtet worden und fährt in nördlicher Richtung heran. Tas heißt: er kann jeden Augenblick über unseren Köpfen sein. —
Ein paar scharfe Befehle, und die vorher so ruhige Station beginnt von Leben zu zittern. Mechaniker rennen hin und her, einige zu den Schuppen, um die Flugzeuge hercmszuziehen, andere, um die Bomben und eine Very-Pistole aus der Waffenkammer zu holen; noch andere bringen die Scheinwerfer auf der andern Seite des Aerodrvms in Ordnung, damit wir bei unserer Riickkehr die richtige Landungsstelle heraussinden können.
Kompasse, elektrische Lampen und Karten werden in aller Eite von ihren verborgenen Plätzen in den Schränken gerissen. Tann stürzen wir heraus auf den Platz, wo ein Scheinwerfer schon zu arbeiten begonnen hat, lange zitternde Lichtbündel in den dunklen Nachthimmel hin ein sendend, sich hierhin und dorthin wendend, das Firmament jäh nrit Licht übergießend. Aber nirgends kann er bei: wahren Gegenstand seines Suchens auffinden.
Ta plötzlich — ein Ausruf von einem der Männer bei dem Scheinwerfer! Er hat die Umrisse eines Zeppelins entdeckt. Ja, da ist er! Ein langer, grauer, zigarrensörmiger Gegenstand hoch oben in den Wolken.
Wir springen auf das Flugzeug hinauf, und während ich nachsehe, ob die Bomben in dem Bombenkaste:: sind und vb das Maschinengewehr in Ordnung ist. Untersucht der Fahrer die Maschine. Noch keine fünf Minuten sind seit dem ersten Mann vergangen, als wir uns vom Boden erheben.
Wer kann wohl getreulich die ersten Eindrücke eines Nachtfluges schildern? Plötzlich ist n:an vom Erdboden in einen mr- lwgrenzten Raum. voller Dunkelheit empor gestoßen. Es ist, als spränge man in einer stockfinsteren Nacht von einem hohen Felsen n::d stürzte immer weiter und weiter, man weiß nicht wohin. Es Nt unmöglrch, auch nur die Hand vor den Augen zu erkennen^ und das Emzige, was noch wirklich und natürlich erscheint ini wesem. gähnenden Nichts, .ist das unaufhörliche laute Surren der Maschme. Es rst wahrlich leine cnrgenehme Sache, solch ein Nachtflug!
1 Kaum sind lvir vom Boden aufgesttegen, so fahren wir auch Mvn haarscharf an einem Dachgiebel vorbei und schrauben uns
eilig auswärts, um unangenehme Zusammenstöße zu vermeiden. Tie Nacht ist schwarz, pechrabenschtoarz. Wir sehen nichts; wir wisse:: nicht, wo wir sind. Endlich bricht durch die weiten dunklen Schatten unter uns ein langes, eng sich windendes Band von! schimmerndem Grau. Der Neumorid lugt hinter den Wolken hervor, und der Reflex seines schloachen Lichts auf dem Wasser zeitzt uns die Lage des Flusses an. Zu beiden Seiten schwimmen kleine Stecknadelköpfe farbigen Lichts. Ich drehe das elektrische Licht über dem Beobachtersitz an, blicke auf den Höhenmesser und stelle fest, daß 'wir schon 500 Meter hoch sind.
Ter grelle Glanz dieses Lichtes, so schwach es auch ist im Vergleich zu dem tiefen Dunkel der Atmosphäre rings herum, hat mir die Augen geblendet, und für einen Augenblick kann> :ch absolut nichts rmterscheiden. Tann werden mir die Lichter unter mir klarer. Tie Straßenlampen kann man leicht heraus^ kennen. Ta das Licht von oben äbgeblendet ist, konzentriert es sich in einen: Kreis nach unten aus den: Pflaster und :mrd von dort nach oben reflektiert. Die Hauptstraßen sind de:ttlich festzustellen durch die zwei parallele:: Reihen farbiger Lichter. Tie Lichter in den Ladenfenster:: schalen in roten und grünen Farbentönen.
Ein neuer Blick auf den Höhenmesser. Erst tausend Fuß. Aber wir klettern beständig höher. In einen dimklen Teeren Land tief unter uns stößt plötzlich ein flirrender glänzender L:chtschimmer, von einer Kette kleinerer Lichter gefolgt. Was mag das bloß für eine .seltsame Erscheinung sein? Es ein Eisenbahnzug!
Wie wir rwch höher hinaittkommen, beginnen wir allmählich alle Einzelheiten der Erde aus der: ^Cngen zu verlieren. Was da nutet uns liegt, ist ein viel schönerer, von dem rvmanttschest Geheimnis der Dunkelheit umhüllter Erdball, als die prosaische Oberfläche, auf der wir uns alltäglich bewegen. Es ist schwer, sich vorzustellen, daß diese nächtige Insel, aus der nur iwch Myriaden vielfarbiger Lichtpuntte anstauchen, die Wohnstätte ist von^ 7 Millionen Seelen. Ta fern unter uns* lregt in einem schläfrigen Blinzeln die größte <Äadt der Welt.
^ f - ein Zeichen von dem feindlichen Lnstschiff! Ich lade
das Maschinengewehr inte mache es zum Mseuern bereit. Der Höhenmesser registriert 5000 Fuß. Nun sind wir der Zeppelinhohe näher und näher, und noch kein Zeichen von ihm! Die angstvolle Unruhe des Wartens wird unerträglich. Nichts als das unaufhörliche Zittern der Maschine. Mer da! — Aus dem Dunkel stößt etwas hervor mit der Geschwindigkeit eines Expreß- znges, ein dunkler, unheimlicher Gegenstand. Ich hatte vor Ent
setzen, den Atem an; jetzt ist er ganz nahe, und ich entdecke, dc es e:n anderes Flugzeug ist, das augenschemlich ebenfalls au: den Zeppelm Jagd macht und das um ein Haar mit uns zusammengestoßen wäre. Es ist kein angenehmer Gedanke, wem: man ,:te innen solchen Zusammenstoß zweier Flugzeuge hoch oben ::: der Lust in tiefster Dunkelheit vorstellt. Der sichere Tod wäre d:e Folge.
Plötzlich setzt das wildeste .Artilleriefeuer ein. Ein sicheres Zeichen, daß die Luftabwehrkanonen ihr Ziel gefunden haben LcherNwerfer bohren von allen Seiten her ihr Licht in den Himmel, und schön haben sie uns in ein blendendes Meer von Helligkeit getaucht. Ter Steuermann ist von diesem jähen Glanz so geblendet, daß er beinahe die .Herrschaft über seine MasKne verliert, und wir wünschen alle Scheinwerfer und Luftabwehr- faitonen dahin, wo der Pfeffer wächst mte wo sie uns nichts schaden können. In dem dlugenblick, :vv sie ans den Zeppelin zu feuern beginnen, beginnt auch für uns die Otefahr Wie leicht können sie :ms treffen, während das feindliche Luftschiss ruhig! weiter fahrt. Wir kommen mit dem bloßen Schjrecken davon, d:e Schernwerfer beruhigen sich wieder und lassen von uns ab Alkes wird ruhig und dunkel, wir kreuzen etwa 10 Minute:: noch rund umher; dann .steige:: wir vorsichtig und langsam herab. Das eine Auge ans den Hölwnmesset gerichtet, um die .Höhe fest- zustellen, :n der wir Intel befinden, luge ich mit dem andern herunter, um das erste Lichtzeicb-m. das erste Landungszeichen zu er- kennen. 8000 Fuß, , 7000 Fuß! Es ist schrecklich kalt. 6000, 5000. , ES dauert eine Ewigkeit, bis :vir ttefer kommen. Nun sind nur 1000 Fuß tief. Jetzt heißt es' Vorsicht, oder wir brechen uns das Gemck.
Nirgends ein Licht oder ein Zeichen. Man kam: in her Dunkelheit nicht das Geringste erkennen, alle Feuer sind gelöscht: kein Scheinwerfer! Mir ist gar nicht gut zu Mute. Ich schieße eine rote Leuchtkugel herab. Zischend zieht sie ihre Feuerbalw zur Erde. Wir warten ängstlich auf den Erfolg, noch immer kein Licht! Ter Höhenmesser zeistt 500 Fuß. Jetzt :vird die Sache höchst bedeullich, und wenn wir den Landimgsplatz nicht finden, können wir bald zerschmettert an: Boden liegen. Ich versuche es mit einer grünen Leuchtkugel. Nun habe): wir mehr Glück. In; der Tiefe entdecke ich eine lange, unregelmäßige Linie von Lim- tern. Ich zeige sie dem Steuermann, der sie auch schon gesehen hat. Mit knapper Not landen wir schließlich glücklich mte sind froh, wieder die Mutter Erde mit den Füßen zu ber,ihren.


