Ausgabe 
1.3.1916 Erstes Blatt
Seite
2
 
Einzelbild herunterladen

fdEjiebenen Vorkommnissen, insbesondere infolge des Auftrag's, fünf sogenannte nordische Depeschen 5 U entziffern, deren Inhalt in keiner Beziehung zur Schweiz- stand, Verdacht, daß er nicht allein für den ^»ckyoeizer Generalstab arbeite. Weiter tvnrde sein Ver­dacht erweckt bei der Entzifferung von Depeschen, in denen Dinge standen, die seiner Meinung nach nur aus Dokumenten stammen konnten, die er selber vorher für den Generalstab entziffert hätte. Der Grvhrichter teilte dein Zeugen zur Aufklärung mit, daß diese Tinge aus einem Bulletin stammten, das den Attaches zur Ver­fügung gestanden hätte. Langie sagte aus, daß er an den Militär­attache der russischen Gesandtschaft Mitteilung von der Ent­zifferung ihrer Schlüssel gemacht habe, ohne aber den Generalstab zu denunzieren. Später machte er auf Anraten welscher Ver­trauensleute, des Obersten Secretan-Lausanne und des Chefredak­teurs Bonnard-Genf, dem Bundesrat von seinem Verdacht Mit­teilung. Langie erklärte am Schlüsse seiner Vernehmung, er sei überzeugt von der neutralitätswidrigen Verwendung der von chm dechiffrierten Depeschen. Daraus folgten weitere Zeugen­aussagen von Offizieren des Generalstabes, aus denen hervor­ging, daß die Uebermittelung der Bulletins an die Militärattachss der Mittelmächte noch weitereit ^vei oder drei Offizieren des Generalstabes, wenn auch nicht offiziell, bekannt war. Tie Ver­handlungen wurden abends um 7 Uhr abgebrochen. Fortsetzung Dienstag früh.

Bern, 29. Febr. Im Oberstenprozeß wurde heute früh Generalstabschef Sprecher verhört. Er erklärte, er billige die Aushändigung der Bulletins an die Attaches nicht, sähe aber darin eine bei weitem nicht so schwere Nentralitätsverletzuug. wie sie die Einschränkung der Rechte der Neutralen durch die kriegführenden Mächte bedeutet. Ter Nachrichtendienst könne in seinen Mitteln nicht wählerisch sein und darum wohl in Konflikt mit der Neutrali­tät kommen. Den Nachrichtendienst hätten die Angeklagten vor­züglich und uneigennützig, einzig zum Wöhle des Landes ausge­übt. Der Auditor stellte nach seiner Anklagerede folgender!

Strafantrag: Wenn das Gericht die Schuldfrage ivegen Dechiffrierung getoisser fremdländischer Dokumente zum Nutzen einer anderen fremden Macht bejahe, beide Angeklagte zu einem Jahr Gefängnis, zur Aberkennung ihres Grades mtd zu 1000 Franken Buße zu verurteilen; wenn auf sckmldig nur wegen Mit­teilung der Bulletins erkannt würde, Cgli zu 3, Wattcnwyl zu 1 Monat Gefängnis und beide zu je 500 Franken Buse zu ver­urteilen. Die Verteidigung beantragte Freispre­chung. Die ganze Angelegenheit bedeute eine krankhafte'Erre­gung des Volkskörpers. Die Denunziation des Dr. Langie bei der russischen Gesandtschast ist eine Verirrung. Der Jul-alt des Bulle­tins ist durchaus harnrlos, es ist kein Geheimdokument. Auch dje Attaches anderer Mächtegruppen erhielten es. Fahrlässige Neutra- litätsverletzung ist begrifflich ausgeschlossen. Von Absicht und Bös­willigkeit kann keine Rede sein.

von einem Unterseeboot torpediert und versenkt w-orden. Die Besatzung wurde gerettet.

Lloyds Register führt einen DampferAu revoir" mit 1085 Tonnen auf, der in Boulogne beheimatet ist.

L a n d s k r o n a, 29. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Der Kapitän des schwedischen DampfersT e r a b o r g", der im Mittelmeer versenkt wurde, berichtet: Der Dampfer wurde von einem österreichisch-ungarischen Unterseeboot vierzig eng­lische Meilen von Marseille versenkt. Die Besatzung ist von einem spanischen Dampfer gerettet und nach Livorno gebracht worden.

Aus dsm Reiche.

Der Verbrauch von Spiritus.

Berlin, 29. Febr. (Amtlich.) Infolge des großen Bedarfes an Spiritus zu technischen Zwecken hat sich der Reichskanzler veranlaßt gesehen, die Versteilerung von unverarbeitetem Branitt- wein zu Trinkzwecken für einige Zeit gänzlich zu verbieten, soweit es sich nicht um Lieferungen seitens der Heeresverwaltungen für Kriegsteilnehmer handelt. Für Kranken-, Entbindungs- oder ähn­liche Anstalten, Laboratorien, Arzneimittelfabriken und Apotheken kann zu denselben Zwecken wie bisher auch weiterhin die Ab­fertigung von unverarbeitetem Branntwein zugelassen werden. Das gleiche gilt für Fabriken von Parfümerien und kosmetischen Er­zeugnissen, sowie Essenzfabriken, zur Herstellung von Auszügen aus Früchten für alkoholfreie Getränke, aber mit der Maßgabe, daß sie bis auf weiteres nur die Hälfte der im Betricbsjahr 1913/14 versteuerten Menge versteuern lassen dürfen. Soweit ein Vcrsteu- erungsberechtigter sein Versteuerungsrecht bisher noch nicht voll ausgeübt hat, bleibt ihm der Rest für die Zeit der Wiedcrsreigabe der Versteuerung Vorbehalten.

Berlin, 29. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) DasBcrl. Tagebl." meldet aus Primkenau: Herzog Ernst Gün­ther von Schleswig-Holstein hat mit den Kauflenten von Primkenau über die Lebensmittelversorgung der Arbeiter­bevölkerung verhandelt. Es wurde die Gründung einer Ein­kau f s v e r e i n i g u n g beschlossen, zu der der Herzog einen namhaften Beitrag geleistet hak.

Jauer, 29. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Aus Kohlhöhe bei Striegau ist das Mitglied des Herrenhauses Freiherr von R i ch t b o f e n - T a m s d o r f g e st o r b en. Er vertrat von 1898 bis 1911 im Reichstage den Wahlkreis Schweidnitz-Striegau und machte die Feldzüge von 1666 und 1870/71 mit. Ter Verstorbene war.Ritter des Eisernen Kreuzes.

Arrr Stadt rrnd Land.

Gießen, 1. März 1916.

Tagesbericht und Telephon.

Gewiß ja, jeder Deutsche befindet sich, jetzt, wo dis Schlacht bei Verdun im vollen Gange ist, in begreiflicher Spannung und ist bestrebt, die Mitteilungen des Tages­berichtes der Obersten Heeresleitung auf dem schnellsten: Wege zu erfahren. Es ist denn tarnt die Mittcvgssttmrde vorüber, da geht es an unseren Telephonanschlüssen los. Rrrrr . . .ist der Tagesbericht schon eingelanfen?"GiLts was Neues?"Wollen Sie mir nicht Lutte den heutigen Bericht mal vorlesen?" Wollten wir alle diese Wünsche be­friedigen. so könnte im Laufe des ganzen Nachmittages ein Mann ständig am Telephon stehen und den Tages beruht vorlesen. Daß dieses bei all unserem Entgegenkommen un­serer Leserschast gegenüber ein Ding der Unmöglichkeit ist, wird jeder Vernünftige ohne weiteres einsehen. Bei dem Mangel an Arbeitskräften und der dadurch hcrvorgerufenen Arbeitsüberhäusung, Erscheinungen, die sich bei uns, wie' in jedem anderen Betriebe stark bemerkbar machen, ist jede Minute kostbar. Wir bitten also unsere Leser, von der­artigen Telephonanfragen künftig abzusehe n und machen gleichzeitig auf unseren So nder b lattv erkauf auf- merks am, dessen Ueberschuß ständig an dieNatio-nalstisticng für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen" abge- führt wird. '

Einer Bitte unserer Geschäftsstelle entsprechend (die allein für den geschäftlichen Teil da ist, während- die Schriftleitung sich nur mit dem Dextteile des Blattes hu. befassen hat, eine Unterscheidung, die Außenstehenden immer­noch nicht klar zu sein scheint), möchten wir auch nochmals darauf aufmerksam machen, daß die telephonische 21ns gäbe von Anzeigen zu unsicher ist, als daß eine fehlerfreie Ausführung einer solchen Bestellung in jedenr Falle gewährleistet werdest kann. Es liegt daher im eigensten Interesse der Leserschaft, die telephonische Aufgabe von Anzeigen möglichst aus das Aeußerste zu be­schränken. Für Anzeigen, wie überhaupt zur Erledi­gung geschäftlicher Angelegenheiten, dient ausschließ­lich der Telephonanschluß Nr. 51, während auf dem Anschluß Nr. 112 nur rein redaktionelle Angelegenheiten erledigt werden können.

*

Das Urteil.

Zürich, 29. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Die Obersten Egli Und von Wattcnwyl sind freigesprochen worden. Si-e werden ihren Vorgesetzten zur disziplinarischen Bestrafung überwiesen. Die Kosten des Prozesses trägt der Staat.

Der türkische Bericht.

Konstantinopel, 29. Febr. WTB. Nichtamtlich.) Das Hauptguartier teilt mit: An der Iraksront wurde in der Nacht zum 22. Februar ein feindlicher Versuch, überraschend gegen unsere Stellung bei Felahie vorzurückcn, leicht zurückgcwicsen. Am 23. Fe­bruar versuchte der Feind, gegen unseren linken Flügel ungefähr ein Bataillon in Schaluppen zu landen, wurde ab?r durch unser Feuer daran gehindert.

An der Kau kasu s sro n t kein wichtiges Ereignis.

An den Dardanellen bombardierten feindliche Schisse vom 22. bis zum 24. Februar zu verschiedenen Stunden mit Zwischen­pausen Teile der Küste Anatoliens irnd Rumeliens; sie wurden jedesmal durch unsere Küstenbatterien gezwungen, ihr Feuer ein- zustellen und sich zu entfernen, ohne irgend ein Ergebnis erzielt zu haben. Einer der feindlichen Flieger, der die Meerengen überflog, wurde von einem unserer Flieger angegriffen und vertrieben.

Ein Gefecht in Aegypten.

London, 29. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. General Maxwell, der Be­fehlshaber von Aegypten, telegraphiert: Das Gefecht am Sonnabend endete mit einem erttschiedenen Erfolg. Der Feind, unter dem persönlichen Befehl N u r i B e y s, eines Bruders von Enver Pascha, hielt eine starke Stel­lung südöstlich von Baranni (?). Ein Angriff der südafrikani­schen Infanterie war erfolgreich ebenso wie ein glänzender Angriff der Dorfetshire und Deomanry, bei welchem Nuri Bey getötet, sein Stellvertreter verwundet und mit zwei anderen türkischen Offizieren gefangen genommen so­wie ein Maschinengewehr erbeutet wurde. Der Feind hinter­ließ über 200 Tote und Verwundete.

Deutschland beharrt auf seinem Standpunkt gegenüber Amerika.

Washington, 29. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Mel­dung des Reuterschen Bureaus. Graf Bern stör ff hat der Regierung mitgeteilt, daß Deutschland keinen Anlaß sehe, seine Anweisungen zur Versenkung be­waffneter Handelsschiffe ohne Warnung abzuändern oder ihr Inkrafttreten hinauszuschieben. Der Vertreter Oesterreich-Ungarns hat der Regierung eine ähnliche Mit­teilung gemacht.

Washington, 29. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Mel­dung des Reuterschen Bureaus. Deutschland hat den Bot­schafter Bernstorff beauftragt, den Vereinigten Staaten mit- zuteilen, daß die Versicherungen, die bei derL u s i t a n i a"-- undArabic"-Angelegenheit gegeben wurden, noch immer gelten, sich aber nur auf friedliche Handelsschiffe beziehen. Wie verlautet, hält Deutschland daran fest, daß die bewaffneten Handelsschiffe, wie immer die Bewaffnung sein möge, der Zerstörung ohne vorherige Warnung unterliegen.

Der seekrieg.

Ein französischer Hilfskreuzer mit 1104 Mann gesunken.

Köln, 1. März. (WTB. Nichtamtlich.) DieKöln. Volksztg." meldet aus Amsterdam: Wie aus Paris amt­lich gemeldet wird, ist der HilfskreuzerProvence II", der mit einem Truppentransport nach Saloniki unterwegs war, am 28. Februar im Mittelländischen Meer gesunken. Von 1 800 Mann wurden 696 Mann gerettet.

*

London, 29. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Lloyds meldet: Der englische DampferS o n t h f o r d" ist versenkt worden. Zwei Mann sind umgekommen. Bei der Versenkung des rus­sischen DampfersPetshenga" sind 7 Mann umgekonrmen. (Notiz: Der DampferSouthford" findet sich nicht in Lloyds Register. Vermutlich handelt es sich um den DampferSouth- Port" 3588 Tonnen.)

Le Havre, 29. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung oer Agence Havas. Der SchlepperAu revpir" jist

Neue Briese vomMarschall vorwärts" aus öerr Aeiheitökriegen.

Eine Reihe höchst charakteristischer, bisher unveröffent­lichter Briefe Blüchers aus der Zeit der Befreiungskriege hat Geh. Rat I. von Pflugk-Harttung im Geheimen Staatsarchiv aufgefunden und macht sie im neuesten Heft derForschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte" der Allgemeinheit zugänglich. Sie sind an den General Ludwig Gustav Thiele gerichtet, der in jenen Jah­ren einer der Hauptberater und Vertrauten König Friedrich Wilhelm III. in militärischen Dingen war und als Direktor der Abteilung für persönliche Angelegenheiten im allgemei­nen Kriegsdepartement eine einflußreiche Stellung besaß. Blücher, der ungeduldig brennt, den verhaßten Napoleon an­zugreifen, schreibt an ihn aus Altenburg am 25. April 1813 in seiner wunderlichen Orthographie:

Ter unglückliche König von Schweden martert mich, es ist ein Infamer Kunst Griff der Franeosen, daß sie ihm zu uns durch- gelassen, er will absolut die Campagne mit mich machen, ich habe ihm gerade hin gesagt, daß rvehre Sohlegter Trugs unmöglig, er wollte mich einen Briefs <rm König geben, den ich besorgchr sollte, ich nahm ihm nicht an, daraus hat er ihm zum Krön Printzen getragen, derr hat ihm auch nicht an genomen, mm wollte er nach Dresden Reisen, ich Hab ihm gesagt, daß ich ietzst keinen Menschen nach Dresden reisen liße . . . Ich hoffe, daß der König mein verfahren billiget, da ich uhrtheile, daß es den künig und den Kaiser unangenehm sein würde, iven der Mensch nach Dresden kehine, liber Tihle, ich kome vor ungedullt um, solange stille zu stehn, ist högst nachtheillig vor uns. Hätte ich Freie handt, ich wollte mich die Kerdells ballde vom Halß Schaffen, wihr sind sie überlegen und können durch unsere Menge von Cavallerie den Feind so lein engen, daß er zu letzst auß nioht im Freien Fcllde Eaptouliren muß, daß bestendige hin und her Marchiren, ihr Rück und Vorwerts gehn beweist ihre unentschlüssig feit, nuhr mit der Armeh über der Ellbe, den will ich rechts Schiben, mich mit; Wittgenstein vereinigen, und wihr reiben den könig Vice von Jtah- lien uf, Ney darff hir im winckell nicht herin gehn, gott, hette ich nuhr Freie handt, unsere Husaren haben die Francoische Cavallerie Schon in solcher Flucht, daß sie ihre Patroullieir mit großen Infanterie Tetagenments machen."

Am 30. August 1813 hat er wieder über die Schwierig­keiten zu klagen^ die ihm den Oberbefehl erschweren. Da schüttet er dem Adjutanten des Königs temperamentvoll sein Herz aus:

Wie ich ihnen Schon gefchribcn habe, wen alle meine Be­fehle genau bevollgt würden, so ntüßte wenig von der frqncvische armeeh, die 60 000 man starck wahr, Existiren, aber es sind nicht die Franeosen, mit die ich allein zu kempffen habe, se glauben es nicht, waß mich vor Schwirigkeitten gemagt werden, und von Leutten, von den sie und ich es nie vermUth hetten. es ist ein großer Theil Menschen, die immer schwartz sehen und denen alles zu Sauer wird, l-ette ich nicht mit ein Eihernen willen uf alles bestanden, ich wehre heutte nicht so weit die armeeh kann ich nicht genug loben, und besonds in Ihrer auf* dauer und unverdrossen- heit, ob gleich sie sffte recht leidet, aber inein Eolegend, die holl der Teuffell, den durch ihre Engstligkeit verstimmen se mich den Haussen, und ich habe genug zu tuhu, alles uf zu muntrn."

Noch einmal mußte der Marschall Vorwärts an die Spitze des preußischen Heeres treten, als es galt, den von Elba zurückgekehrten Napoleon endgültig niederzuwerfen. Als er bei der schon in Belgien einmarschierten Armee ein­getroffen war, berichtete er am 21. April 1815 aus Lüttich an Thile:

Ich bin hir angekomen und Finde, daß Gneisenau guht vor geahrbeittet hat. in 11 tagen sind wihr völlig Schlag Ferttg, gott gebe nuhr, daß wihr nicht lange muffig bleiben, es würde nicht guht sein, den daß hisige Volck ist nicht guht deüttsch gesint, ick> iverde alles^ an wendeic, um sie yu gewinen. auch die Sächcheic Truppen befehlt kein guther Geist, aber ich werde se Schon an niich krigen . . . Verwendest sie sich beim monarckien dahin, daß wihr keine Partisans oder Herrum sttciffer krigen, diese Merrschm taugen irns nicht. Tie Leütte, die sie unter sich haben, verwilldent und bringen die Truppen im üblen Ruff, denn Rauben und stehlen lassen se nicht, auch erschwehren sie die verflägung, da wo toaß zu leben ist, da eillen se hin . . . ,Ter König muß noch Eassa gellder zu legen, ich kan nicht fertig wetten, mein Personale ist starck. Da zu ligen mich der nahen nachtbahrschast wegen die Enge- letrder auf den Hals;, und die Saxen muß ich vihl bey mich sehn, wenn se npch nützlig sein sollen, cs kan des königs Intentton nicht sein, daß ich das, tvaß man mich gegeben, verfahren soll. Mein un- glückliger Sohn ist tvvhl verlohren, ich glaube, daß er stirbt. Tie ärtzste hoffen seine völlige Herstellung, aber sein gekrenttes Ehr­gefühl lest seine Herstellung nicht zu. Unverdindt unglücklicher ist wohl kein mensch, wie mein ahrmer sohn, zurück gesetzst gegeni Menschen, die es nicht wehrt sein, aber die Zeit ist noch nicht da, >vv ich über diesen gegen standt spreche, ich werde aber die ganze welld in den startdt setzen, über ihm und seinen unverdienten Kren- kungen uhrtheilen zu können."

InteressanteBenennungen" in alten oberhesfischen Kirchenbüchern.

Bor Jahresfrist etwa starb in eiiMN Hospital Ober­hessens ein altes Original, bekannt bei groß und klein unter dem NamenDer alte Johann", lieber ein Mcnschenalter hatte der Betreffende als Pfründner im Spital zruzebracht. Nur die tvenigsten Einlvohner des Städtchens kannten seinen eigentlichen Familiennamen; denn üvenn man vomalten Johann" redete, so wußte sofort jedermann, wer damit ge­meint war. Trotzdem durfte der Pfarrer bei der Eintragung desBerstorbenen in daski rchliche Beerdigungsregister sich nicht mit der üblichen, jedem geläufigenBenennung" begnügen, sondern er mußte selbstredend in erster Linie den Familien­namen des Betreffenden zur Aufzeichnung bringen; derut die Kirchenbücher sind nicht nur für das jetzt lebende, mit den gegenwärtigen Verhältnissen und Menschen vertraute Ge­schlecht bestimmt, sondern auch für die kommenden Zeiten, in denen man mit der ausschließlicheit Bezeichmrngder alte Johann" wenig anzufangen wüßte.

In vergangenen Jahrhunderte wäre aber der Verstor­bene zweifellos unter seiner üblichen, den Zeitgenossen ge­läufigenBeneunung", auch ohne den Familiennamen ins Kirchenbuch eingetragen worden. Finden wir boch> darin namentlich im 17. Jahrhundert viele seltsam anmutende Einträge, wobei der Familienname völlig fehLt; aber an dessen Stelle sind charakteristische, bedeutungsvolle, ja oft witzige, dem Volksmund abgelauschteBenemmngeit" ge­treten, nach denetr man sich bisweileit ein hübsches Bild von den benannten Personell machen kann, ihrem Leben, ihrem Schicksal.

Wer kannte einsttnals nichtden blinden Spielmatm", der von seinem Kinde sorgsam geleitet seines Weges dahin­zog und die Bannherzigteit seiner Mitmenschen in Anspruch riahm. Allgemein war wohl die Trauer, als des Spielmanns Töchterchen starb, und es ist begreiflich, wenn der Schützer Pfarrer ins Kirchenbuch schrieb:Des blinden Spielmanns Döchderlein gestorben."

Jedermann wußte damals, wer gemeint war, als wohl nach langem, schwerem Leidender junge Mann zu Willis" (Willofs) gestorben, ,chie alte Margaretha, so 3 Jahre im Spital geweßen",das alte Tippenmännlein",Kuchelhanß im Siechenhauß",die alte Backfrau vorm Oberthor^ftdas, Bettelkätgen im Spital" unddie Syppen Barb im Siechen­hauß", die in den Häusern der Bürger zur Mittagszeit zmn Suppeholen sich einfand. Ein jed^s kannteSchön Eisgen", die 1635 starb,Anna, des Rotkopfs Döchderlein" und Margaretha die Spinnerin".

Bisweilen ist der Familienname noch obendrein durch dieortsüblicbe Benennung^' des Betreffenden in charak­teristischer Werse ergänzt. Da istPeter Heyl in der Hindd- gasse alias Ochsenkaspar genannt', der Marrn, welcher wohl das Staunen seiner Mitbürger heraussorderte, wegen seiner hervorragenden Erfolge auf dem Gebiete det Ochsenzucht. Wir 'hören vonJohann Zöller, der Weißkopf genanntt', von Peter Schilling von Sandeis (Sandlofs), sonst Schön Peter genannt", vonJohann Hohmann, sonst der lange Hanß genannt" usw.

Auch in kulturgeschichtlicher Hinsicht geben jene selt­samen Benennungen oft wertvolle Fingerzerge zur Beurtei­lung der einstigett wirtschaftlichen Betätigung.

Durchweg trieben die Bewohner Ackerbau und Viehzucht. Auch ohne Anführung des Familiennamens wußte damals jedermann, wer gemeint war, wenn der Pfarrer ürs Kirchen­buch eintrug:der Kuhhirt aus der Leimkauten", >cher opilio der Schäseickftder Sauhirt von Kralettberg".

Manche Erwerbszweige waren noch spärlich vertreten, darum begreiflich und verständlich, wenn es im Mrchettbuchl heißt:Der (bekannte) Fuhrnrann vorm Oberthor",der Schreiner^^,der (Gärtner vorm Nibderthor^ft ,cher Mhler^^, Mattstes der Maurer"',der Saltzer", d. h. der bekannte Händler, der auswärts das kostbare Satz holte und hier verkaufte.

Ml diese ,^eltennunrgen" zeigen, daß auch die damaligen Pfarrer in und mit ihrer Gemeinde lebten, und all diese Einträge zusammengenommen, geben ein interessantes Bild vom Leben und den Schicksalen einzelner Gemeindeglieder und von der kulturell-wirtschaftlichen Lage eines Gemein­wesens in längst vergangenen Zeiten. rr

*

' ** Vom Roten Kreuz. Nach der für die Zeit von .'iegsausbruch bis Dezember 1915 gefertigten Aufstellung sind im hiesigen Roten Kreuz, aussckstießlich der Spende für die ipnZru>innrtPTi('n in Rilütond. 116 813 71 Mk r'indprmnrrptt Der