Ausgabe 
15.1.1916 Drittes Blatt
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Nr. 12

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGletzeaer LamtltendlStter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich be,gelegt, das Ureirblatt für den «reis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

166. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oderhessen

Samstag, 13. Januar 1916

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schriitleitung, Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul- straße 7. Geschäftsstelle u.Berlag:^^51,Schrift­leitung: SE112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Mb. Deutscher Reichstag.

29. Sitzung, Freitag, den 14. Januar, 11 Nhr.

Am Bundesratstisch: Regierungskommissare.

Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung pünktlich und Macht dem Hause folgende Mitteilung:

Reichstag ist die Nachricht zugegangen, daß der frühere Vizepräsident dieses Hauses, der Abg. Dr. Büsing, am 12. Januar verschieden ist. Dr. Büsing hat seit 1871 mit Unterbrechungen dem^ Reichstage angehört. Er hat sich stets in hervorragender Werse an den Arbeiten des Reichstags beteiligt. Wir werden chm ein warmes und treues Andenken bewahren. Sie haben sich zu Ehren und in Anerkennung des Verstorbenen von den Platzen erhoben. Ich stelle das fest.

Auf der Tagesordnung stehen zunächst zwei kleine Anfragen.

Die Verhaftung der Konsuln in Saloniki.

Abg. Dr. Baffermann (Natl.) fragt:

Ist der Herr Reichskanzler in der Lege und bereit, über me widerrechtliche, völkerrechtswidrige Verhaftung des deutschen Konsuls in Saloniki durch den französischen Oberkomman- Merenden nähere Mitteilungen zu machen?

. Dirigent der politischen Abteilung im Auswärtigen Amt Gesandter v. ^Stumm: Am 30. Dezember wurden das deutsche, oas österreichisch-ungarische, das türkische und das bulgarische Kon­sulat rn Salonikis von Truppen der Entente umstellt und die Personal verhaftet und aus ein französisches Kriegs- gebracht; sie sind dann anscheinend nach Frankreich über- ^suhrt worden. Dieser unerhörte Völkerrechtsbruch ist ein neues Glied rn der endlosen Kette ähnlicher Völkerrechtsbrüche, deren frch gerade diejenigen Möchte im Verlaufe dieses Krieges schuldig gemacht h<rben. die sich stets als Beschützer der Neutralität und der Unabhängigkeit der kleineren Staaten aufspielten. (Sehr richtigI) Die kaiserliche Regierung hat bei der griechischen Ne­gierung Protest erhoben und sie für die Sicherheit der verhafteten Konsuln verantwortlich gemacht. (Beifall.) Die griechische Re­gierung hat ihrer'eits bei der englischen und französischen Ne­gierung gegen die Verletzung der Neutralität in schärfster Weise pwte tiert und die Auslieferung der verhafteten Konsuln verlangt. Es ist dem Herrn Reichskanzler nicht bekannt, ob eine Antwort auf diesen Protest erfolgt ist. (Zuruf des Abg. Liebknecht: Bestellte Anfrage! Großes Gelächter.)

Die Postsendungen an die in Frankreich inter­nierten deutschen Kriegsgefangenen.

Abg. Dr. Müller (Meiningen) fragt:

Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß die Postsendun- gen (Briefe, Postanweisungen, Geldsendungen, Postpakete), die für die in Frankreich internierten deutschen Kriegsgefangenen bestimmt sind, diesen erst nach mehr als einmonatiger Frist zu- gestellt werden? °

Was gedenkt die Reichsregierung zu tun. um eine Dev. befferung dieser Verhältniffe seitens der französischen Dehör- den herbeizusühren?

Stellvertretender Bundesratsbevollmächtigter Oberst Friedrich: Der deutschen Heeresverwaltung sind durch Klagen vielfache Be- n starke Verzögerungen der Postsendungen an die putschen Kriegsgefangenen in Frankreich bekaimt geworden. Es rst erwiesen, daß diese Verzögerungen, soweit es den Ablauf der Sendungen in der Heimat bis zur deutschen Grenze anlangt, nicht c . n ie0 *' Indern daß diese Verzögerung erst in Frankreich ewtritt. Doch trägt die französische Post nicht allein die Schuld, sondern wir haben festgestellt, daß an diesen Verzögerungen viel­fach die Willkür eines größeren Teiles der französischen Komman­danten und namentlich auch die Willkür des Unterpersonals in den französischen Kriegsgefangenenlagern schuld ist. Die deutsche Heeresverwaltung hat hiergegen nachdrücklichst wiederholt Be- schwerde erhoben. Aus eine Bestimmung der deutschen Heeresver­waltung, die aus militärischen Gründen dringend notwendig war und die dahin lautete, daß alle aus den deutschen Kriegsgefange­nenlagern nach Frankreich und auch von den Russen usw. in ihre Heimat, abgehenden Briefsendungen zehn Tage liegen müssen, ehe sie abgesandt werden, hat die französische Regierung nicht nur das gleiche angeordnet, sondern sie hat auch bestimmt, daß alle ernlaufenden Briefe an die deutschen Kriegsgefangenen einer Sperre von zehn Tagen unterliegen. Es hat auch den Anschein, Willkür ein Teil der französischen Kommandanten diese Anordnungen noch weiter verschärft hat und sie nicht bloß auf die Briese beschränkt, sondern auch auf alle Postsendungen über- b^upt ^^^edehnt hat. Die deutsche Heeresverwaltung hat da­raufhin als Gegenmaßregel verfügt, daß alle von Frankreich an ole französischen Kriegsgefangenen einlaufenden Briese nunmehr ebenfalls einer zehntägigen Sperre unterliegen. Das ist den französischen Kriegsgefangenen mit dem Hinzufügen bekannt­gegeben worden, es den Angehörigen mitzuteilen. Sollte diese Maßregel nicht wirken, und sollte weiterhin die starke Verspätung der Postsendungen an die deutschen Kriegsgefangenen in den ft:anzosischen Lagern bestehen bleiben, so beabsichtigt die deutsche Heeresverwaltung, mit Nachdruck zu weiteren Maßregeln zu greifen. (Beifall.)

Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) (zur Geschäftsordnung):

Ich mochte anfragen, warum meine beiden am Mittwoch rechtzeitig eingereichten Anftagen nicht aus die heutige Tages­ordnung gesetzt worden sind.

Präsident Dr. Kaempf:

Darauf kann ich Ihnen jetzt keine Antwort geben. (Zustim­mung.)

Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) (mit erhobener Stimme):

Sie wollen die Wahrheit ersticken. Sie wollen das Volk be­trügen! (Schallendes Gelächter.)

Präsident Dr. Kaempf:

Ihre Bemerkungen find ungehörig, ich rufe Sie deshalb zur

Ordnung. .(Beifall.)

Die ErnShrunggfrageu.

(Vierter Tag.)

Abg. Schiele (Kons.)k

Nur der Redner der Sozialdemokratie, sonst niemand aus diesem Hause, hat die Landwirtschaft in ihrer Gesamtheit ange­griffen. Daß sich sonst an diesen Angriffen niemand beteiligte, ist um so erfreulicher, als man in der Ptesse von den Landwirten a>lS Wucherern und Gaunern gesprochen hat. Bezüglich der

Schweineabschlachtungen verlangte seinerzeit ein fortschrittlicher Antrag ganz allgemein, sie vorzunehmen, um der übermäßigen Kartoffelverfütterung Einhalt zu tun. Dieser allgemeine Antrag wurde schon im Ausschuß sehr gemildert und dann so im Plenum angenommen.. Es fragt sich aber, ob hier der Reichstag oder uns unverantwortliche Ratgeber den größten Einfluß gehabt haben. (Sehr richtig!) Nicht die Milliardenausfuhr ist die Grundlage unserer wirtschaftlichen Entfaltung geworden, sondern der hei­mische Boden. Heute kann dieser unser Land vollkommen er­nähren und vor der Aushungerung schützen. Die Produktions­kraft unserer Landwirtschaft darf in diesem Kriege niemals er­lahmen: das sage ich gerade als Industrieller. Wir bedauern alle die Beschränkungen der Futtermittel. Aber wichtiger als diese ist die Versorgung unseres Volkes mit Brot. Die Zusatz­karten müssen den hart arbeitenden Leuten der Landwirtschaft und Industrie Vorbehalten werden. Hoffentlich bekommen wir letzt vom Balkan hinreichend Futtermittel herein. Kartoffeln sind genügend vorhanden, nur muß die Versorgung richtig ge­regelt werden. Die nicht haltbaren Kartoffeln müssen bald­möglichst getrocknet werden, damit wir nicht durch Verfaulen wie­der große Verluste erleiden.

Unsere Viehbestände sind zurückgegangen, sind aber noch durchaus ausreichend. Vor dem Kriege verbrauchten wir jährlich 64 Kg. Fleisch auf den Kopf der Bevölkerung. 1870 waren es nur 27 Kg. Sollen wir uns da nicht auch wieder einschränken können? Haben unsere Vät-er sich Anno 1870 vielleicht schlechter geschlagen als unsere Feldgrauen? Unser Fleischverbrauch war sogar größer geworden als der Englands, namentlich wenn man in Betracht zieht, daß das bei uns vorwiegend verbrauchte Schweinefleisch einen wesentlich höheren Kalorienwert hat als das in England bevorzugte Rindfleisch. Wir kommen mit unseren Vorräten aus: das ist um so wichtiger, als wir teilweise in Deutschland eine Mißernte gehabt haben. (Zurufe links: Das sagen Sie von der Tribüne des Deutschen Reichstages aus?) Gewiß, das Ausland darf es gerne hören. Es weiß es ohnehin doch schon und sieht, daß wir trotzdem durchkommen. Wieviel leichter muß es uns da in normalen Zeiten werden! Die Kartoffel­knappheit ist auf den Mangel an Arbeitskräften zum Sortieren und auf das Fehlen von Gespannen zurückzu führen. An dem guten Willen der Landwirtschaft hat es gewiß nicht gefehlt! Auch an der Front haben wir mit großen Transportschwieriakeiten zu kämpfen. Die Landwirtschaft soll wieder, als Prügelknabe herhalten, indem man ihr die Kartoffelverfütterung vorwirft. Wo sind denn die Kartoffeln geblieben? Nicht etwa zum großen Teil im Westen? Soll die Lücke nun vom Osten ausgefullt werden? Dann müßte die Bestellungsarbeit notleiden. Die Produktionskraft muß gestützt werden. Das ist unsere Haupt­forderung; alle anderen Fragen haben sich dem unterzuordnen.

Die Frage der Preise ist nebensächlich. Da soll ein gesunder Ausgleich statt finden. Wir sind alle ganz einig darin, daß der Wohlhabendere für den Aermeren mit heranzuziehen ist. (Zu­stimmung rechts.) Aber ehe die Deckung der Versorgung zu kurz wirt^ ist es besser, höhere Preise zu ertragen. Zu starke Eingriffe können jedoch die Produktion erschweren. Der Mangel an Futtermitteln muß durch möglichst hohe Einfuhr vom Balkan beseitigt werden. Die Produktion wirck auch dadurch beein­trächtigt, daß die Verwendung des künstlichen Düngers erheblich nachgelassen und auch der Stalldünger an Stickstoff-, Phosphor- und Kaligehalt eingebüßt hat. Warum wird nicht die Torfstreu vermehrt der Landwirtschaft zugeführt, warum wird ihr nicht die neue Stickstoffquelle zugänglich gemacht? Die Landwirtschaft darf nicht durch unnötige Bezugserschwerungen die Anwendiing des Kalkstickstosss unmöglich gemacht werden. Die Bedingungen müssen darum erleichtert werden. Jeder Landwirt weiß, daß er dre Produktion erhöhen muß, er versteht den Ernst der Lage. Ungeheure Vermögen durch Konjunkturgewinne zu erwerben, ist er nicht in der Lage. Die günstigen Abschlüsse der Zuckerfabriken sind zum Teil darauf zurückzufuhren, daß sie mit erheblichen Vorräten in das neue Jahr eintraten.

Die Schilderungen von der Not des landwirtschaftlichen Arbeiters sind viel zu düster. Wo wirkliche Not vorhanden ist, wird alles zu ihrer Linderung getan, auch durch Barzuschüsse, die Wohnungen sind den Landarbeitern, auch wenn sie im Felde stehen, sämtlich belassen. Die Naturalleistungen werden eben immer nicht nach Gebühr gewürdigt. Auch die Gefangenenarbeit ist keineswegs billig, zumal sie nur halb so hoch zu bewerten ist wie die eines eingesessenen Arbeiters, eine Stunde Leistung kommt ber Berücksichtigung aller Umstände auf etwa 70 Pfennig zu stehen. Die Berechnung, daß die Produktion eines Zentners Kartoffeln 1,20 Mk. koste, beruht auf falschen Grundlagen. Der Geldstrom aus der Landwirtschaft, von dem geredet wurde, mag m der Tat beängstigend sein, aber in ganz anderem Sinne. Wenn w viel Geld aus ihr herausgenommen wird, besteht die Gefahr, daß das auf Kosten der Bodenpflege geschieht. Auch wir erkennen am daß dem kleinen Gewerbestand geholfen werden muß, nament­lich müssen auch den kleinen Beamten Teuerungszulagen zu­kommen. Bei der Versorgung der Städte mit Lebensmitteln ist vor allem der Kleinhandel zu beteiligen, wie wir es in unserer Resolution Vorschlägen. Heute schöpft der Großhandel meist den Rahm ab. (Beifall rechts.)

. ^ Die k I e i n e n M ü h l e n könnten sehr wobl mit Arbeit be­dacht werden im Zusammenhang mit den Selbftversorgungsver- banden. Es muß ein Ausgleich geschaffen werben zu ihren Gunsten. Die Negierung hat vielfach ihre Maßnahmen über Er­zeugnisse der Landwirtschaft getroffen ohne vorherige Anhörung der Landwirte. Bei den Schtveinchochftpreisen ist der Haupt­mangel, daß nicht auch die Reichsregierung die Höchstpreise für Schweinefleischfabrikate festgesetzt hat. Wenn eine Bewucherung vorhanden wäre, würden wir sie auch bei uns verurteilen. Die landwirtschaftlichen Erzeugungsbedingungen ver­dienen jetzt und nach dem Kriege eine durchaus pflegliche Behand­lung, weil sie jetzt eine Angelegenheit des ganzen Volkes sind. (Beifall.) Wir müssen eine mittlere Linie zwischen Erzeuger und Verbraucher finden. Heute darf rrur noch Raum für gegenseitiges Verständnis sein. Es gibt nur eine Losung auch in den wirtschaftlichen Fragen: d u r ch h a l t e n , dann werden wir weiter siegen bis zu einem ehrenvollen Frieden, der uns hoffentlich recht bald beschieden sein möge. (Lebhafter Beifall.) i

Urffevftaatssekretär Michaelis, Präsident der

Reichsgetreidestelle:

Der Vorrümer hat an einer Stelle davon gesprochen, wir standen vor einer vollen Mißernte. Das könnte irre führen, namentlich wenn der Ausspruch von sachverständiger Seite kommt.

Ich habe nur von Schwierigkeiten in der Beurteilung der dies­jährigen Ernte wegen ihrer großen Verschiedenheit nach den ein­zelnen Gegenden gesprochen. Oertlich kann eine Mißernte be­stehen, aber das von ganz Deutschland zu sagen, ist tatsächlich

I

s?lsch-. Das fft überhaupt nicht möglich. (Sehr richtig!) In ganz Deut,chland können wir gar keine volle Mißernte haben. Die Verhältnisse sind so verschieden, daß wir im Osten vielfach geringe, sehr geringe Ernten haben, aber vom Westen kann ich Ihnen als Beispiel anführen, daß der Landesdirektor von Westfalen nach Beendigung der Ernte voll Stolz eine ganze Sendung seiner prachtvollen Körner sandte, die von acht Gütern stammten. So ist es in weiten Kreisen des deutschen Vaterlandes (lebhafte Zu- strmmung.) und nur dadurch, daß wir in der Reifezeit vielfach sehr schwere Dürre und nachher bei der Ernte vielfach sehr schwere Feuchtigkeit gehabt haben, ist die ganze Ernte in ihrem Be- jtande ungleichmäßig, und wir müssen damit rechnen, daß wir sparen. Von einer Mißernte kann nicht die Rede sein. Der Vorredner wird es in diesem Sinne auch nicht gemeint haben. Es wäre jedoch dankenswert, wenn er nach dieser Rich­tung hin bei der Korrektur des Stenogramms eine ergänzende Erklärung hinzufügte, um alle Mißverständnisse aus- z u f ch l i e ß e n.

Abg. Werner-Gießen (Wirtsch. Vgg.)2

Wir haben ausreichend Nahrungsmittel und sollten uns löten, von Mißernten zu red^n. Sollte in einigen Bezirken Mangel geherrscht haben, so konnte er aus anderen Bezirken leicht ausgeglichen werben. Wir haben nicht nur unsere Bevölkerung, «andern auch unser starkes Heer und 2 Millionen Gefangene zu ernähren, und tun es. Teuerung haben wir, das läßt sich nicht leugnen, aber Teuerung herrscht rn allen Ländern. Der Krieg stört eben die ganze Erzeugung und erniedrigt auch sehr wesentlich den Geldwert. Die Bemühungen der Städte, Lebens- miltel für ihre Bevölkerung beranzuführen, wirken preissteigend. Einhamsterungen einzelner Personen sind unsozial. Welcher Handel mit Lebensmitteln täglich getrieben wird, lehrt ein Blick in den Anzeigenteil desBerliner Tageblatts" und der ^Frank­furter Zeitung". Geradezu fabelhafte Gewinne hat die Leder­industrie gemacht. Es entwickeln allerhand Leute ihr Talent für Heercslieftrungen, wokef sie ungehure Gewinne erzielen, die vorher keine Spur damit zu tun hatten. In Anzeigen wird schon von einer neuen Gründerzeit gesprochen. Es sind richtige Schieber- ar.zeigen genesen. Die Regierung hat die Chifferierung viel zu spät untersagt. Es ist naht nur ein Gesetz über Kriegs- gewinne notwendig, sondern vor allem ein Gesetz über Kriegs- wucker. Verhängnisvoll ist die Ueberschätzung des Großkapitals in seinen Leistungen, was sich schon bei der K. G. in der Be­vorzugung der Großmühlen erwies. Die Kleinmühle arbeitet billiger, die Großmüble hat nur mehr technische Einrichtungen, keine einzige bessere als die Kleinmüller

Dbg. Fischbeck (Fortschr. Vg.):

Die Abmilchwirtschaften der großen Städte habe» fdfr segensreich für die Säuglingsfürforge gewirkt. Man kann ihr Verdienst nicht verkleinern, indem man sie großkapitalistisch nennt. Der Futtermittelversorgung haben wir stets Aufmerksamkeit zu­gewendet. Den Schweinetod haben wir alle unter dem Eindruck der professoralen Darlegungen beschlossen. Die Sozialdemokraten waren am forschesten, das Zentrum am mildesten. Der konser­vative Antrag war nur eine Ausführung unseres Antrages! Dr. Rösicke sagte damals im Ausschuß: Handweg von den Kar­toffeln, lieber schlagen wir die Schweine tot! Wir haben damals dem konservativen Antrag zugestimmt. Nachdem das Schwein zum Tode verurteilt war, tun nun einzelne aus dem Richterkollegium so, als wenn sie nicht mitgerichtet hätten und bedauern das arme Schwein. (Heiterkeit.)

Abg. Böhme (Natl.):

Es sind doch auch sehr warme Stimmen im Ausschuß gegen die ziellose Abschlachtung der Schweine laut getpovden. Fn der Vollversammlung wurde davon nicht gesprochen, weil nach dem Berichterstatter keine Partei das Wort ergriff. Eine mäßige Schweineabschlachtung zur Abstellung der Gefahr, daß menschliche Nahrungsmittel aufgezehrt würden, ist allgemein als erwünscht bezeichnet worden, aber ziemlich ausnahmslos ist von allen Par­teien in sehr scharfer Weife der Abschlachtung an sich wider- sprachen worden.

Abg. Schiele (Cons.):

Von einer vollständigen Mißernte im deutschen Vaterlands habe ich nicht gesprochen, sondern mich auf gewisse geringe Er­trägnisse in einzelnen Teilen von mir genannter Provinzen be­zogen. Ich weiß, daß wir im Westen und namentlich im Süden sehr gute Ergebnisse gehabt haben, die den Ausfall ausgleichen. (Zurufe links.) Ein Mißverständnis über die Schweine abfchlach- tung besteht nicht mehr. Eine gewisse Mitschuld des Reichstags ist nicht auszulöschen, aber die starke Abschlachtung, wie sie nach- her vorgenommen wurde, hat nicht im Sinn des Reichstags ge­legen. Hier hat sich gezeigt, welcher Einfluß stärker gewesen ist, der des Reichstags oder der anderer Ratgeber.

Abg. Held (Natl.):

Wogen des Burgfriedens kann ich dem Abgeordneten Fisch­beck keine Antwort geben.

Di« Aussprache schließt. ' y

Die Abstimmung.

Die sämtlichen 44 Entschließungen des Hauptausschusses wer­den angenommen. Unter anderem wird die Regierung aufgefor­dert, dafür zu sorgen, daß Unterstützungen auch in Lebensmitteln gegeben werden, daß Höchstpreise möglichst für sämtliche Dedürf- msse des täglichen Lebens eingeführt werden, besonders Mehl-, Brot- und Buttorhöchstpreife für größere Bezirke. Die Klein- Handelsvereinigungen sollen bei der Versorgung Mitwirken. Dem Reichsamt des Innern soll ein Beirat von 15 Abgeordneten bei- gegeben Iverden (der Beirat hat bereits seine Tätigkeit ausge­nommen). Für die Landwirffchaft sollen Gefangene be. reitgestellt werden. Empfohlen wird verstärkter Anbau von Zuckerrüben, Maßnahmen gegen den Wildschaden, Einführung von Richtpreisen für Leder.

_ Ein sozialdemokrati scher Antrag, der verlangt, daß die Höchstpreise für Kartoffeln nicht weiter erhöht herben sollen, wird abgelehnt, Ä^enso ein weiterer sozial­demokratischer Antrag, wonach bei der Ueberschreitung von Höchst­preisen der Käufer nicht bestraft werden soll. Auch die von den Sozialdemokraten beantragte Einführung von Flcischkarten wird abgelehnt.

Damit find die Ernährungsfragen erledigt.'