Ausgabe 
12.1.1916 Drittes Blatt
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Abg. Dr. Matzlnger (Zenkr.)':'

Die Verhandlungen unseres Hauptausschusses waren getragen bon dem Bestreben nach Besserungen und Abhilfe der bestehenden Mitzstände. So schwere Eingriffe in das wirtschaftliche Leben * des einzelnen sind in einem so ungeheuren Ringen unvermeidlich. Der neugeschaffene Beirat soll das Vertrauen des Volkes zu den Maßnahmen der Regierung stärken: möge ihm das in vollem Maße gelingen! Auch heute gilt noch die alte Fabel des Menenius Agrippa für das wirtschaftliche Wohlergehen eines ganzen Volkes. In diesem Geiste werden wir auch den Sieg über eine Welt haß­erfüllter Feinde davontragen. Die Forderungen der Sozialdemo, kraten gehen viel zu weit und würden die Landwirtschaft schwer schädigen.

Abg. Dr. Böhme (nl.):

Wohl mancher war von banger Sorge erfüllt, ob es möglich sein würde, bei all dem Ungemach und all den Schwierigkeiten, die der Nahrungsmittelversorgung unseres Volkes schon an sich durch den Krieg bereitet worden sind, die nötigen Nahrungsmittel auch ^aufzubringen, nachdem sozusagen sogar das Wetter gegen uns Stellung genommen bat. Eine Fülle von Schwierigkeiten wäre für unsere Volkscrnährung bei einigermaßen günstiger Witterung nrcht vorhanden gewesen. Aber mancherlei Sorgen für Erzeuger und Verbraucher wären fortgefallen, wenn d i e Neichsregierung mit ihren Maßnahmen rascher and entschiedener gewesen wäre. Wir haben bei den letzten Tagungen des Reichstages auf allen Seiten den kLunsch ausgesprochen, die Reichsregicrung möchte enger als bisher mit den einzelnen Berufen und namentlich dem für Volks- ernähcungssragen verantwortlichen Parlament, dem Reichstag, Fühlung nehmen. Die Reichsregicru.ig hat dem durch die Einrich­tung der Preisprüfungsstellcn Rechnung getragen. Die Hoff­nungen, die an diese Einrichtungen geknüpft worden sind, haben sich nicht erfüllt: die Fraktionen des Reichstages waren nur durch zwei Abgeordnete hierbei vertreten.

Die Regieruna konnte sich bei wichtigen Entscheidungen kein Bild von der Stellungnahme des Reichstages machen. Die Preis- prüfungskommistionen haben durch die zahlreichen Sachverständi­gen aus den verschiedensten Berufskreisen manche wertvolle An­regung erfahren, aber das Bestreben des Reichstags kann nicht und wird niemals sein, im einzelnen Ratschläge zu erteilen. Unser Wunsch mußte sein, der Regierung ein Bild davon zu geben, w r e derReichstag wichtigeFragen geregelt sehen will. Die Regierung darf nicht, wie bei der Kartoffelsrage, auf Grund ein­seitiger Darstellungen Beschlüsse fassen. Daher ist zu begrüßen, daß Oer 15er Ausschuß setzt ein getreues Spiegelbild der Wünsche des Reichstages gibt. Hoffentlich schenkt die Reichsregierung dieser Vertretung des Reichstages die verdiente Beachtung. Gegenüber anderen Einflüssen, die sich geltend machen, muß immer wieder betont werden, daß für wirtschaftliche Fragender Reichstag entscheidend ist. (Sehr richtigI) An keinem Gebiet ist soviel herunigcdoktet.t worden wie an der Kartoffel- Versorgung. Nirgends hat eine Verordnung so bald eine andere abgelöst.

Wir dürfen nicht wieder zu Zuständen gelangen wie im vorigen Jahr, wo der Anfang zu der Eiitfremdung von Produzenten uiid Konsumenten gemacht wurde. Nichts ist jetzt so wichtig, als ein friedliches harmonisches Zu­sammengehen der einzelnen Stände herbeizuführen. Aber auch die Konsumenten müssen eingedenk bleiben, daß sie nicht die gleichen Ansprüche auf Qualität und Sorten erheben können wie früher. Vielfach sind Kartoffellieferungen ganz unbesichtigt zu- rückgcw-esen worden. ^Wenn es vorgekommen sein sollte, dw Kartoffeln zurückgehalten worden sind, so hat auch die Regierung die Mitschuld daran, da sie die Preise durch die Reports gewaltig anschwellen ließ. Da niußte ja der Glaube erweckt werden, es werde auch in diesem Jahre so werden, und töricht wäre der. der verkaufte, wofür er später den dreifachen Preis erhalten könne.

Die ReichSregierung muß die Verteilung von Butter und F et i regeln, mindestens in Form von Verteilungskarten. Nichts gefährdet den inneren Frieden so. als wenn die minderbemittelten Bevölkcrungsschichten mit ansehen müssen, wie die Leute, die in­folge ihres Geldbeutels alles bezahlen können, sich Butter und Fett reichlich beschaffen können. Die Bevölkerungsschichten. die schwere Arbeit leisten, muffen in erster Linie bei Kraft und Ge­sundheit erhalten werden. Dazu muß den wohlhabenden Schich­ten Beschränkung auferlegt werden. Die Einführung von Butter­und Fettkarten kann nicht von den Städten gemacht werden, sondern sie mutz v o m Reich erfolgen.

Die Wünsche des Mühlengewerbes sind auch heute von der Reichsgetreidestelle und den Kommunalverbänden noch

nicht genügend berücksichtigt. Die kleinen und mittleren Mühlen wollen gegenüber den Großmühlen nicht benachteiligt werden. Einzelne Ausnahmen im militärischen Jntereffe kann man wobl dulden, sie dürfen aber nicht zur Regel werden. Warum erhalten wir keine Statistik über die Beschäftigung der verschiedene» jMühlcnbctrnbe? Dann würde man den Klagen des Müller- Mktelstcmdes wenigstens im einzelnen nachgehen.

. Die Schweinemast bietet bte einzige Möglichkeit, die Fettversorgung der schwerarbeitenden Bevölkerung zu regeln. Die Höchstpreispolnik der Negierung hat hier falsche Wege einge­ichlagen. Allerdings konnte sie sich hierbei auf die Landwirtschafts, kümmern stützen. Die Schweine sind jetzt vielfach vollkommen vom Markt verschwunden, sie kommen in die Wurstfabriken und gehen dem Massenverbrauch verloren.

Die Futtermittelpreise machen eine rentable Viehzucht fast un­möglich. Der kleine Mann mutz vielfach seine Schweine geradezu d u r ch l ü g e n ! (Sehr richtig.) Die kleinen Leute müssen sich die Futtermittel vielfach geradezu vom Munde absparen. Bei der Schweineproduktion muß gerade das Jntereffe dieser bedrohten Existenzen Berücksichtigung finden. Die Professoren haben in geradezu fahrlässiger Weise eine zuweit gehende Ab­schlachtung der Schweine empfohlen, weil sie einen falschen Zusam­menhang zwischen Schweinemast und Kartoffeln konstruierten. Man darf aber diesen Vorwurf nicht auf alle Professoren verallge­meinern. Die Konserven, namentlich die aus dem Auslande stammenden, müssen scharf kontrolliert werden, sie sind vielfach völlig ungenießbar.

Die Schweinemastverträge der Kommunen sind durchaus zu begrüßen. Die Reichscegierung muß durch eine feste Organisation der Versorgung mit Arbeitskräften der Landwirtschaft entgegen- kommen. Sind Kriegsgefangene erst einmal eingearbeitet, soll man sie den Landwirten nicht wieder wegnehmen. Der Gedanke, uns auszuhungern, ist falsch, weil wir in bezug auf das, was wir selber erzeugen, günstiger dastehen als das uns feindliche Aus­land. Schon unsere Kartoffelerzeugung würde uns im schlimm­sten Falle sichern. Kartoffeln und Schweine allein gewährleisten unser Durchhalten auf dem Gebiet der Nahrunasmittelversorguna. (Lebhafter Beifall.)

Schluß: 7 Uhr. _ ^

Nächste Sitzung: Mittwoch, 2 Uhr.

Uriegsbetrachtungen.

Bon Sigurd Ibsen.*)

I.

Es gibt Leute, die der Geschichtsschreibung den Rang einer Wissenschaft aberkennen wollen, weil sie eine Forderung nicht er- üllt, die inan sonst an Wissenschaften stellt, die nämlich: vorher entstellen %u können, was unter gewissen gegebenen Bedingungen «eschehen -wird. Die Historiker, so wendet unter anderem Max Vorbau ein, können ja überhaupt nichts Voraussagen. Ich ür meinen Teil unterschreibe diese Behauptung nicht. Tie Hi- toriker können in der Tat Voraussagen, aber allerdings nur Dinge, die bereits geschehen sind.

Stellen, wir uns einen Historiker im Jahre 1950 vor. Wenn der sich int Geiste in den schicksalsschwangeren Sormner 1914 zn--

*) Ter Verfasser, der Sohn des bekannten Dichters Henrik Ibsen, war früher norwegischer Minister, lebt aber jetzt im Ruhestande. Er ist vor kurzem nach Dänemark übergesiedelt Ter vorliegende Artikel ist am 3. Januar 1916 in Nr. 1 der Zeitung Tidens Tegn" in Kristiania erschienen und das Wolfs,che Bureau bat am 4. Januar einen kurzen Auszug verbreitet, der gewiss bei manchem den Wunsch erweckt hat, den ganzen Artikel kennen zu lernen. Wir geben deshalb eine vollständige Uebersetznng.

rückversetzt, so wird er sich ohne Zweifel im Besitze einer durch­dringenden Voraussicht erweisen. Aus den Verhältnissen heraus, die beim Ausbruch des Weltkrieges vorhanden waren, aus den materiellen und moralischen Faktoren wird er sich Verlauf und Ausgang des Konfliktes konstruieren können. Er wird bis auf den letzten Punkt, darüber Bescheid geben, dass und warum dieser gerade auf diese Weise enden musste, gerade so, und nicht an­ders; und seine Prognose wird sich unfehlbar in der schönsten U eher einstimm urm mit den tatsächlichen Ergebnissen erweisen.

Wir jetzt Lebenden können uns ja nicht dieser zurückschauenden Voraussicht erfreuen. Wir stehen noch mitten drin in der Ent­wicklung der ^.Begebenheiten, eine Unzahl von Nachrichten und Eindrücken strömt fortwährend auf uns ein. Höch/ens können wir daher versuchen, uns in diesen: Wirrwarr zu orientieren, indem wir unZ von Zeit zu Zeit einen Gesamtüberblick über die Lage der Dinge bilden.

Bei dem gegenwärtigen Jahreswechsel ist das Bild der Lage noch mehr als bei dem vorhergehenden eirtschieden zugunsten der Zentralmächte. Dank den meiste haften Operationen ih er Heeres­leitung auf den inneren Linien sind sie trotz za Plenen ästiger Unterlegenheit immer die stärkeren gewesen, wo es eine Offensive galt, und doch haben zugleich ihre Truppenverschiebungcn nie­mals eine ihrer Fronten entblößt, dass die Gefahr eines Durch­bruchs entstand. Auf diese Weise haben sie ihre Westfront be­haupten können, während sie auf dem östlichen Kriegs schau vlaße die Russen aus Galizien vertrieben und sie ein weites Stück in ihr eigenes^Land zurückgedrängt habe.:. Polen ist erobert, jetzt zuletzt auch Serbien, und zusammen mit dem früher besetzten Belgien und der: nordfranzösischen Landesteilen machen diese okku­pierten Gebiete einen Flächenraum aus, der größer ist als das Königreich Preußen.

Im Gegensätze dazu sind die Ententemächte durchgehends unglücklich gewesen: die Karpathen, der Jsonzo, die Dardanellen, Mazedonien und Mesopotamien: so viele Namen, so viele Ent­täuschungen! Stillstand im Westen, Niederla'-ei: im Osten, Fehl­griffe im Süden, das ist das Fazit ihrer Anstrengungen im ver­laufenen Jahre. Peripherisch, wie die Kriegssührung der Alli- ierten infolge der geographischen Verhältnisse hat sein müssen, hat sie ausserdem noch bei ihren Plänen und in der Leitung unter einem offenbaren Mangel an Einheit gelitten. Statt alle verfügbaren Kräfte auf den entscheidenden Schlachtfeldern zu sam- .meln, haben die Alliierten sie zum Teil auf sekundären .Kriegs­theatern angewendet und sie an Unternehmungen verschwendet, die entweder ungenügend vorbereitet oder zu spät ins Werk gesetzt waren. Die Versuchung lag nahe wegen der Leichtigkeit der Truppentransporte mit Hilfe einer überlegenen Flotten­macht. Aber, wie ein Militärschriftsteller bemerkt. die Eisen­bahnen der Zentralm ächte, Bulgariens und der Türkei, werden doch beim Umkehren beständig schneller sein als Englands Dampfer.

Wohl hat die britische Flotte die Kauffahrteischiffabrt des Feindes zum Stocken gebracht und des'en answärsigen Handel ge­lähmt: aber der wesentliche Zweck der Absperrung, die einfache Aushungerung, muss setzt als undurchführbar anerkannt werden. Deutschland und Oesterreich-Ungarn haben Lebensmittel genug mehr als vor 1914 jemand ahnen konnte, und dem Mangel an ge­wissen Rohstoffen kann jetzt, wo der Weg über .Konstantinopel nach dem näheren Orient eröffnet ist, zum Teil abgeholfen werden.

Ebensowenig wie auf die Aushungerung dürfen sich die Ententemächte auf die finanzielle Ermattung ihrer Gegner ver­lassen. Ein englischer Staatsmann hat gesagt, es sei die letzte Milliarde, die den Ausgang des Kampfes entscheiden werde. Aber diese Aeusserung siel im Anfang des Krieges; gegenwärtig dürfte er darüber heheshrt sein, daß der Zufluß von Milliarden, wenn auch nicht unbegrenzt, so doch weit grösser ist, als jemand vor 1914 ahnen konnte, und daß er das, wohl zu merken, auf beiden Seiten ist. Die Zentralmächte haben hier sogar den Vorteil, dass sie beinahe ausschließlich ihren Bedarf durch Aus­nahme vor: Anleihen im Jnlande selber haben befriedigen können.

Ucberhanpt ist das reichliche Vorhandensein von Geld eine der auffallendster: Erscheinungen dieses Krieges. Es ist wahr, dass das bis zu einem gewissen Grade auf einem Kreisläufe' be­ruht: die Anleihemittel werden zu ungeheuren Kriegsbcstellungen verwendet und die dadurch sreigewordenen Gelder suchen wieder Unterbringung in späteren Anleihen; cs sind also mit anderen Worten zu einem grossen Teile dieselben Milliarden, die be­ständig von neuem ausinarschieren. Auf diese Weise kann man es augenscheinlich sehr lange im Gange halten. Ganz gewiss in der Staatsschuld summieren sie sich, diese Milliarden. Mer, wie die Schuldenlast getilgt werden soll, das wird Sache der Zukunft. Vorläufig müssen chie Mittel beschafft werden, sie bieten sich auch willig dar, und auf welche Weise auch der Krieg enden möge, so viel scheint sicher: infolge von Geldmangel endet er nicht.

Auch mit der militärischen Ermattung der Zentralmäch^e kann nicht gerechnet werden. Ihre Verluste an Menschen und Material sind ohne Vergleich geringer gewesen als die ihrer Gegner, und sie verfügen noch über grosse Reserven. Dazu kommt, daß sie nach dein Durchbruch auf dem Bcllkan einen bedeutenden Kraftzuwachs erhalten haben in dein türkischen Millionenheer, das jetzt durch Lieferungen der 'deutschen Kriegsindustrie vollständig effektiv ge­macht werden kann.

Unter diesen Umständen müssen die Ententemächte alle ihre Kräfte anspannen, wenn sie auf den Sieg hoffen wollen, der ihnen bisher versagt geblieben ist. Sie entfalten denn auch eine fieber-- hafte Tätigkeit; es Werder: unerhörte Mengen von Munition an- gesertigt, und was die Alliierten in dieser Beziehung nicht selber leisten könne::. lassen sie die Amerikaner besorgen. In den De­pots in Russlands Innern sind gewaltige Neuformationen in der Ausbildung begriffen, und jetzt eben erst hat das Parla­ment beschlossen, das britische Heer aus 4 Millionen Mann zu bringen.

Bei dieser Gelegenheit versprach Mr. Asauith im Hin­blick auf die Fortsetzung des Kriegesgrössere Vereinheitlichung der Anstrengung, planmäßiges Zusamrnenarbeiten, Spar'amkeit in der Kraftverwendung und Stärke im Handesir". Das soll ver­mutlich bedeuten, dass die Entente jeM entschlossen ist, ihre Vor­bereitungen auf eine grosse und entscheidende Aktion zu konzen­trieren. Vielleicht werden wir daher zum Frühling eine Riesen­offensive erleben, die zu gleicher Zeit im Osten und im Westen ins Werk gesetzt wird.

II.

Es würde zwecklos sein, sich Vermutungen über den ferneren Verlauf des Krieges hinzugeben; schon aus dem Grunde, weil neue unerwartete Faktoren hinzukommm können, die alle Be­rechnungen zu Schanden machen. Mer das hindert selstverständ- lich nicht, daß auch unter den neutralen Zuschauern ein jeder seinen bestimmten Wunsch in bezug auf den Ausgang des Kampfes hegt. Man kann noch so sehr Neutral sein in Wort imd Handlung, die Gesinnung wird beinahe immer durch Vorliebe oder Widerwillen gegenüber der einen oder der anderen der kriegführenden Nationen gefärbt sein. Hier zu Lande sind wir alle zus-ammen neutral, aber sehr wenige dürften unparteiisch sein.

Unter Unparteilichkeit verstehe ich nicht, daß man beiden Par­teien Recht oder Unrecht geben soll. Im bürgerlicher: Leben sieht man ja täglich, daß Urteile zugunsten der einen Partei gefällt werden, ohne daß deshalb die Unparteilichkeit des Richters in Zweifel gezogen wird. Unparteilich wird dieser sein, wofern cr sich nicht von persönlichen Gefühlen leiten läßt, sondern ausschließ­lich sachlichen Gesichtspunkten folgt.

Auf ähnliche Weise sollte dör - Weltkri-g beurteilt werden, nicht ausgehend von willkürlicher Sympathie oder Antipathie, sondern von der höheren Warte des vernnnftmässigen Abwägens' Ich gestehe zu, daß die verwickelten Verhältnisse des Konfliktes ein solches Mwägen erschweren, und ich selber gedenke nicht, mich als Richter in dieser Sache aufzuwersen; aber einzelne Mo­mente des Abwägens will ich doch anzudeuten versuchen.

In der Regel betrachtet man ja die Ziele als wertvoller, die nicht bloß einieitig national sind, sondern zum Besten der Mensch­heit dienen. In Uebereinstimmung damit behaupten die Entente­mächte die Güte ihrer Sache, indem sie daraus Hinweisen, daß sie für die Verwirklichung humaner Ideen kämpfe::. Bald heißt es, der Zweck sei die Zerschmetterung des Militarismus, und bald

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wird verkündigt, es sei die Unabhängigkeit der kleinen Stauten, die es zu sichern gelte.

Auf diese letzte Behauptung braucht man keine Worte zu verschwenden. Tie Art, rvie die Mliierten gerade in diesen Tagen Griechenland behandelt haben, ist beredt genug. Solange kleine Staaten existieren, werden sie fortwährend Schachfiguren im Spiele der Mächtigen sein. Das liegt in der Natur der Sache und läßt sich nicht ändern.

Was die Wschaffting des Militarismus angeht, so ist das ein Programm, das ohne Zweifel aufrichtiger gemeint ist, sck>on im Hinblick auf die ungeheuren Steuerlastey der Zukunft. Eine andere Frage ist es aber, wie d.as Programm durchgesührt wer­den soll. Tie Lösung der Aufgabe setzt voraus, daß die Entente nach einem siegreichen Kriege die Mehrzahl der Nationen in einer heiligen Allianz vereinigen kann, die besser glückt als die 1815 geschlossene. Ein Verband von Staaten, so stark, daß keine Koa­lition außerhalb stehender ein ebenbürtiger Gegner werden könnte, wäre ganz gewiß imstande, den Frieden mit Hilfe einer Militär­macht zu sichern, die nicht mehr unverhültnismässige Opfer ver­gangen würde.

Mer es ist geringe Aussicht dazu, dass der Gedanke ver­wirklicht wird. Nach dem Kriege wird nämlich die Entente kaum auf die Länge bestehen können, jedenfalls nicht in ihrem jetzigen Umfange. Dazu ist diese bunte Mischung von Engländern, Fran- zosen, Italienern, Russen und Japanern allzu unnatürlich. Die Gegensätze zwischen diesen werden sich wahrscheinlich vor: neuenr melden, und zwar ohne Rücksicht auf den Ausfall des Krieges.

Was sie gegenwärtig zusammenhält, ist ja bloss ein zu­fälliges Band. Es hat sich so getroffen, dass ihre sonst sehr ver­schiedenen Bestrebungen episodisch einander in einem gemein­samen Antagonismus gegen Deutschland haben begegnen können. Auf diese Weise ist das Schicksal des deutschen Reiches das Zentrum geworden, um das sich der Weltkrieg dreht.

Nun ist das zukünftige Beschneiden der Schwingen Deutsch­lands ein Ziel, das allerdings englische Nebenbuhlerschaft, fran­zösische Revanchelust und russischer Nationalismus ansprechen kann: aber von einem allgemeinen menschlichen Standpunkte aus kann es unmöglich als wünschenswert erscheinen, dass irgend eines der führenden Völker, seien es Deutsche oder Engländer, Franzosen, oder Amerikaner, in seiner Tätigkeit gehemmt werde. Das Kultur­bewusstsein _ verlangt, dass überall, wo nützliche Kraft vorhanden ist, diese sich unbehindert entfallen könne.

England spricht jetzt von dem Rechte der kleinen Völker, aber es hätte lieber bei Zeiten das des großen anerkennen sollen. Deutschlands wachsende Volkszahl und seine industrielle Ent­wicklung verwiesen es mit Notwendigkeit auf ökonomische und koloniale Erweiterung. Sich einer solchen zu widersetzen, war ein Versuch, gejgeu die Logik der Tinge Gewalt zu üben. Eine billige Uebereinkunst war nicht unerreichbar, und vorurteilsfreie Engländer räume:: gewiss jetzt ein, daß die bedeutend billiger gekommen wäre als das Bündnis mit Frankreich und Russland. Aber die Regierenden meinten, dass die Welt keinen Platz für beide^ Konkurrenten darbiete, und die britische Regierung wurde die Seele der Einkreisungspolitik, bie schliesslich zum Kriege führte.

Inzwischen hat gerade der Krieg Deutschland eine Perspektive eröffnet, die reichere Verheißungen bietet als die Aussicht auf koloniale Erwerbungen. Deutschlands intimes Verhältnis zu Oester­reich-Ungarn und die ^Waffenbrüderschaft der beiden Zentral- mächtc mit der Türkei und Bulgarien haben den Gedanken eines dauernden Zusammenschlusses gereift, eines sogenannter: mitteleuropäischen Bundes", der überdies auch asiatische Landes­teile umfassen würde. Es ist unleugbar, dass ein solches Bundes­system alle Bedingungen für eilt ökonomisches sich selbst .Ge­nügen inffich tragen würde, während es zugleich die stärkste Mili­tärische Sicherung gewähren würde.

Wird der Plan zur Wirklichkeit, so wird das das bedeutungs­vollste Ergebnis des Krieges sein. Die Erreichung der beson­deren Ziele, für die die Ententemächte kämpfen, würde bei weiten: keinen so eingreifenden Einfluss ausübcu. Wenn Frankreich Elsaß- Lothringen bekäme, Italien Triest und Russland Konstantinopel, so würden biefe Veränderungen allerdings fühlbar genng sein. Aber im wesentlichen würden das nur territoriale Verschiebungen sein; sie würden Europas Landkarte veränderr:, aber dem inter­nationalen Zusammenleben keine neuen Werte zuftihren.

Das würde dagegen der mitteleuropäische Bund tun. Seine Idee ist einer Zeitströmung gemäss, die sich in der Richtung bestän­dig weitergehender Zusammenschlüsse bewegt. Im vorigen Jabr- hundert war es genug, eine Grossmacht zu sein, in der Rangord^- nung des gegenwärtigen steht die Welttnacht zu oberst. An Welt­mächten gibt es zurzeit drei: das britische Reich, Rußland und die Vereinigten Staaten. Das Hinzukommen des mitteleuropäischen Bundes als der vierten würde euren weitere,: Schritt zu der Drgani- sation der Menschheit bezeichnen, für die die Weltmächte vielleicht das notwendige Durchgangsglied sind.

Selbstverständlich wird England ans allen Kräften versuchen, die Aufrichtung einer Macht !zu verhindern, die es als eine Drohung! gegen seine Herrschaft in Indien betrachtet Für den Mgenblick scheint es zu vergessen, daß diese Herrschaft schon längst von russi­scher Seite bedroht gewesen ist.

In Wirklichkeit ist es Rußland, das der natürliche Gegner des britischen Reiches in Asier: gcivesen ist und bleiben wird. Tie Er­kenntnis dessen wird schon einmal vor: neuem durchbrechen, und wer weiß, ob nicht England dann eine r:ähere Verständigung mit den: Deutschland sucht, von dem es einsehen gelernt hat, daß es nickst gebrochen werden kann. Deutschlands Glsick dürfte die englische Gesir:nur:g eher mildern als erbittern. Man denke daran, wie es mit der: Vereinigten Staaten ergangen ist. Nachdem diese^ gross und mächtig herangewachsen sind ur:d nahezu unangreifbar geworden, ist Englands kühle Gesinnrmg Arnerika gegenüber durch geradezu herzliche Geftihle abgelöst worden, trotz aller industriellen Kon­kurrenz.

Ein Einverständnis zwischerr der britischen und der gerrnar:i- schen Weltmacht man wird sagen, das ist eist Hirngespenst. Aber gleichviel. In der Politik muss man schliesslich mit a l l e n Möglich- teiteu rechnen, sogar mit der, dass die Vernrmst siegt.

Amtlicher Teil.

XVIII. Armeekorps.

Stellvertretendes Generalkommando.^

Mt. III b. Tgb.-Nr. 48/15.

Frank für t a. M., den 3.1.1916. Betr.: Verbot von Ausverkäufen für Web- und Wirkwaren.

Ans Grund des § 9 b des preußischen Gesetzes über den lagerungszustand von: 4. Jrm: 1851 werden hiermit für den Monat Januar jede Art von Sondcraiisvcrkäufen, wie Jnvertur- oder Saison-Ausverkäufe, sog. Weiße Wochen oder Tage, Pro­paganda- und Reklame-Wochen oder Tage, sowie Verkäufe urtter Ankündigung von herabgesetzten Preisen für Web - und Wirk­stoffe und hieraus k o r: f e k t i o r: i &x t e Gegen­

stände und für alle Strickwaren verboten.

Ter Kommaubierende General:

Freiherr von Galt, General der Infanterie.

Betr.: Brotkarten-Nachweisung für vorübergebend anwesende Personen.

An den Oberbürgermeister zu giessen und die Grossh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Wir erinnern daran, dass die Brotkarten-Nachiveis:,ng für die Zeit vom 16. Dezember 1915 bis zum 15. Januar 1910 läng­stens b i s zum 16. Januar l. I s. an den.\1 ommunal- v erb and, M ehlv erteilungsstelle Giessen, cinzuseuden sind . Die erttsprechenden Vordrucke sind Jhner: bereits zugegangen. Giessen, den 10. Januar 1916.

. Großherzogliches Kreisamt Gießerr.

I. V. L a n g e r m a n m