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22.1.1916 Zweites Blatt
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»r. >8 Zweites Statt

Erschekut si-llch mit ÄnSnahme des Sonntag-.

Die«ehener LamMevtzlStter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Xrelrblatl sLr den Xreir Sietzen" zweimal wöchentlich. Die ^Landwirtschastlichen Seit- kt-gen erscheinen monatlich zweimal.

M. Zahrgang

iehener

General-Anzeiger für Gberhesfen

Samstag, 22. Zanuar *9*6

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchea Universitäts - Blich- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schriftleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul« straße?. Geschäftsstelle u.Perlag:e^K51, Schrift­leitung: 112. dldresse für Drahtnachrichten:

Anzeiger Gießen.

Aus fjcffeit.

Die hessischen Finanzen im Kriege.

'(Fortsetzung.) >

Die Aufstellung des Hauptvorauschlags für das Rechnungsjahr 19 16 war besonders schwierig. Zunächst war und ist )<r auch heute noch nicht abzu sehen, ob man für ferne mrm Dauer otorr für lvÄchen Teil des Jahres man mit der! Fortdauer des Kriegszustandes zu rechnen hat. Ader auch bei Ännahnw der Wiederkehr friedlicher Verhältnisse ist es außer - ordentlich schtoer, die Nachwirkungen des Krieges auf Volkswirt- ichaft und Staatsfinanzen zahlenmäßig einigermaßen zuverlässig emzn schätzen. Der vorliegende Entwurf nimmt nun an, daß im Jahre 1916 das wirtschaftliche Leben und die Staatsverwaltung wredettrm uitter geregelten, d. h. unter Friedensverhältnissen oder diesen Verhältnissen einigermaßen ähnlickten Bedingungen arbeiten, imd arsiccht dieser Annahme auch zahlenmäßig imter sorgfältiger Rücksichtnahme ans die Erfahrungen der abgelaufenen Knegszeit Und unter gewissenhafter Einschätzung der Möglichkeiten nach siegreichem Abschluß des Krieges solveit als tunlich: gerecht zu werden, Lerne Ansätze sind d-mnoch! immerhin noch stark Pom Krieg beeinflußt. Tenn sicherlich werden auch nach Friedensschluß noat viele durch deii Krieg bedingte AuSgabeii, insbesondere solche der Krrcgsfürsorge, werter lausen, noch gewisser aber ist, daß sich eine Reihe von Einnahnreu nur sehr langsam erholen wird. In letzterer Hinsicht ist vor allein zu nennen die Einnahme aus Stempel. Hier war zunächst dir Ausgleichzahlung des Reichs mit 480 51b Mk. abzusetzen, die uns als Entschädigung für iveg- genonnnene Stempel (Gesellschafts-, Fe nervers i chcrun g s stemp el usw.) bis 31. März 1915 gewährt wurde. Einschließlich dieses Be­trags mußte die Stempeleinnahme im ganzen von 4 300 000 Mk im Hauptvoranschlag 1914 aus 1600 000 Mk., also um 2 700 000 Mk. heruntergesetzt werden. Ganz ausfallen mußte der seit 1913 mif 200000 Mk. jährlich erhöhte Zuschuß aus der Badeanstalt Bad-Nauheim, da der Betriebsüberschuß des Bades noch nicht hinreicht, den Zins- und Tilgungsdienst wegen der Bau- schuld des Bades zu leisten. Nur mit erheblichen Äinderbeträgen konnten eingestellt werden die Einnahinen aus der Lotterie ( 230450 Mk.), aus Gerichtsgebühren, Strafen und U ntersuchu ngs kosten (zusammen 724000 Mk.) und aus verzinslich angelegten Mitteln der Hauptstaatskasse ( 218 000 Mk.), da solche Mittel naturgemäß auch für 1916 nur in gerungen Beträgen und für kurze Zeit verfügbar sein werden. In manchen Fällen, so bei der 1e chn i schen H och schule, fehlte jede einiger­maßen zuverlässige Unterlage zu einer Schätzung der Einnahmen; man war hier genötigt, die Einnahmen des Hauptvoranschlags 1914 wieder vorzusehen. Die Einnahme aus Nutz- und Brenn­holz ist ebenfalls mit dem gleichen Anschlag eingestellt wie 1914 Der Anteil am Ueberschuß der Eisenbahngemeinschaft mußte übereinstimmend mit dem preußischen Staatsvoranscblag mit nur rund 739 000 Mk. geringer als für 1914 eingestellt lver- dcn: er berührt allerdings wegen seiner Verbindung mit dem Ausgleillts- und Tilgungsfonds den Llbschluß gmseres Hauptvor- anschlags nicht weiter. Einkommen- und Vermögens­steuer zeigen ein etwas erfreulicheres Bild. Bei Weitergeltung der bisherigen Steuersätze kann ihr Ertrag um 610 000 Mk. hö­her angesetzt werden. Es stellt dieses Mehr aber das Anwachsen des Ertragsanschlags von 1914 auf 1916, also innerhalb eines Zeitraums von zwei Jahren dar, wogegen in den Voranschlägen der letzten Jahre mit einem Mehr von jährlich etwa rund 400 000 Mk., von 1913 auf 1914 gar mit einem Mehr von 900 000 Mk. gerechnet werden konnte. Daß UnterResten aus früheren Jahren" diesmal rund 712 300 Mk. zur Verfügung stehen gegen rund 58 200 Mk. im Hauptvvranschlag 1914, ist lediglich auf die durch den Krieg veranlaßten größeren Eiunahmerückstüude des Jahres

1914 zurückzu führen.

Bei den Ausgaben kommt hauptsächlich in Betracht, daß Nun die neuen Gehalte und Vergütungen der Beamten, Lehrer, Staatsdienstanwärter Usw. in den Voranschlag eingearbeitet sind, also bei jedem einzelnen Kapitel erscheinen, bei dem sie verausgabt werden. Das hierdurch veranlaßte Anwachsen aller persönlichen Ausgaben wird noch gesteigert durch das stetige Ausrücken der Beamten usw. in den Gehalts- und Vergütungsstufen. Ta für

1915 ein besonderer Hauptvoranschlag nicht ausgestellt wurde, wirkt diese weitere Steigerung in den Zahlen des neuen Haupt­voranschlags sogar für 2 Jahre. Erheblich höhere Beträge waren sodann mit Rücksicht aus den Krieg und feine Nachwir­kungen vorzusehen für Ausfälle, Abgänge und Nachlässe an den Einnahmen aus direkten Steuern. Insbesondere aber steigen

dre Schuldzrnsen. Da die Mittel, aus denen die Hauptftaatskasse noch! ZU Beginn des Rechnungsjahres 1914 ihre außerordentlichen Egaben bestveiten oder vielmehr vorlegen konnte, (Restesonds Usw ) schon bald nach Kriegsausbruck), verbraucht waren, »rußte Wfur, weiter aber auch für das sich infolge des Krieges er­gebende Weniger ber den lausenden Einnahmen und: das Mehr bei den laufenden Ausgaben durch Jnanstnuchnahme des Staats- Ppcm beschafft werden. Das Ddehr an Schuldzinsen und

das Weniger an Aktivzinsen im neuen Harrptvoranschlag gegenüber dem älten berechnet sich auf rrmd 1420 000 Mk. Trotz größter Zurückhaltung rn der Uebernahme neuer Lasten auf die Staats­tasse und peinlichster Sparsamkeit auf allen Gebieten ergab unter solchen Verhältnissen der Abschluß des Hauptvoranschlags den sehr erheblichen Fehlbetrag von 45 73669 Mk. Dabei ist für das Verhältnis zum Reick)!, wie bisher, nur mit einem bmr Satz üo» 80 Pfg. aus den Kopf der Bevölkerung entsprechenden Betrag au Ungedeckten Matrikularbeiträgen gerechnet, da zurzeit keiner- lei Anzeichen dafür vorliegen, daß die Anfott-erungen des Reiches an Matrikularbeiträgen sich erhöhen werden.

Nach Artikel 3 des sogenannten Mäntelgesetzes vom 21. März 1914 wäre dieser Fehlbetrag durch Entnahme von 500 000 Mk.

dem Restesonds II und durch weitere Entnahme des danach nock> verbleibenden Restes von 4 073 669 Mk. aus dem Restefonds I zir ^cken. An und für sich wäre diese Deckung auch finanzpolitisch durchaus einwandfrei, da beide Fonds angesammelt sind aus dem Ueberschuß an laufenden Einnahmen der Eisenbahnen und der sonstigen Verwaltung, also auch verwendet werden können zur Deckung laufender Verwaltungsfehlbeträge. Bei Erlaß des Ge­setzes vom 31. März 1915, die Erstreckung des Finanzgesetzes be­treffend, waren indes Regierung und Landstände darüber einig, daß es nicht zweckmäßig sei, die vvrl)andenen Fonds allzu sehr in Anspruch zu nehmen oder gar ganz aiifzubrauchen. Die Sorge für die Zukunft und insbesondere für die ersten Jahre nach dem Krieg gebot vielmehr nach Auffassung aller gesetzgebenden Faktoren, die Fonds möglichst schonend behandeln und sie in ihrem Bestand so zu einem beträchtlichen Teil für jene Zeit, die der Staatsverwaltung auch noch schwere finanzielle Lasten ohne ent­sprechend steigende Einnahmen bringen wird, zu erhalten. In­wieweit die gleiche Rücksicht auch zu besonderen Maßnahmen für die Deckung des im Jahre 1916 zu crivartendeu Fehlbetrages führen muß, ergibt sick) aus der Entwickelung der beiden Fonds bis zum Ende des Rechnungsjahres 1915, über die das Folgende zu sagen ist:

R e st e f o n d s II:

Stand Ende 1913 619 483.67 Mk., 1914 Zuführung. Mk., Abgang Anteil am Fehlbetrag der Rechnung 1914 300 000. Mk.

Stand Ende 1914 319 483.67 Mk., 1915 ZuführungMk., Abgang Anteil am Fehlbetrag der Rechnung 1915 319 483.67 Mk.

Stand Ende 1915Mk.

Restefonds I:

Stand- Ende 1913 9 774 657.05 Mk., 1914 Zuführung Ueber- schluß des Hauptvoranschlags 1914 (Kapitel 116b) -f- 2 614 347. Mk. Entnahme Anteil am Fehlbetrag der Rechnung 1914 vorläufig Und vorbehaltlich des sich aus Art. 6 des Gesetzes vorn 31. März 1915 ergebenden Rück­ersatzes des Teiles des Fehlbetrags, der auf den Krieg zu­rückzuführen ist4 441 584.68 Mk. ( 1 827 237.68 Mk.) Stand Ende 1914 7 947 419.37 Mk., 1915 Zuführung Er­satz des Fehlbetragsanteils 1914, der aus den Krieg zurück­zuführen ist (Art. 6 des Gesetzes vom 31. März 1915), an­genommen zu -ß 1350 484. Mk., Entnahme Anteil am Fehlbetrag der Rechnung 1915 (unter dem gleichen Vorbehalt wie oben)3 680 516 Mk. (2 330 032 Mk.) Vorläufiger Stand Ende 1915 5 617 387.37 Mk.

Nach Art. 6 des Gesetzes vom 31. März 1915, betr. die Er­streckung des Finanzgesetzes, ist dem Fonds auch von der Ent­nahme 1915 wieder der Betrag zu ersetzen, der aus den Krieg zurückzuführen ist. Er stellt sich schätzungsweise ans 2 527 000 Mk. Voraussichtlicher Stand Ende 1915 rund 8 144 000. Mk.

Danach bietet also der Restesonds II zur Deckung des Fehl­betrags für 1916 überhaupt keine Mittel mehr: es wäre forrrit dieser gmrze Fehlbetrag von 4 573 669. Mk. aus dem Restesonds I zu entnehmen, und es würde dieser Restefonds Ende 1916 bis ans rund 3 570 000. Mk. zusammengeschrnmpst sein. Nach den bei Beratung des neuen Besoldungsgesetzes ausgemachten Finanzplänen mußte indes 'und muß auch heute noch viel mehr erwartet werden, daß auch in Friedenszellen und unter völlig normalen Verhältnissen die laufenden Einnahmen der Staatsverwaltung nicht ausreichen

iverden, um die insbesondere durch die neue Regelung der Be- sotduugsverhältnisse gesteigerten Ausgaben des Staates zu decken. Es sollte ideshalb nach den damaligen übereinstimmenden. Annah­men von Regierung und Landständen ein Teil dieser Ausgaben, und zwar für die Jahre 1915 u. f. in Höhe von rund 1200 000 Mark aus Restesonds entnommen werden. Auch wenn .sich die wirtschaftlichen Verhältnisse im allgemeinen und die Staatsein­nahmen und -Ausgaben insbesondere nach dem Krieg rasch wieder noch so günstig entwickeln sollten, so roird doch kaum erhofft werden dürfen, daß von der Notwendigkeit einer solchen Inanspruchnahme der Restesonds für die nächsten Jahre nach dem Krieg Abstand ge- nommen werden könnte. Wäre dann aber der Restesonds I nach völliger Ausleerung des Restesonds II ebenfalls bis aus die er­wähnten 3 570 000 Mk. ausgeschöpft, so würde er nicht einmal mehr für drei Jahre imstande sein, der lausenden Verwaltung, wie früher rn Aussicht genommen, zu Hilfe zu kommen. Es müßte dann welmehr zur Deckung der unausbleiblichen Fehlbeträge aus der Besoldun^ordnung zu einer Steuererhöhung geschritten werden. Wie für die Jahre 1914 und 1915, empfiehlt es sich des­halb auch für 1916, den Restefonds I zu schonen und ihn nur für einen nicht wesentlich höheren Betrag als den Teil des Fehlbetrags in Anspruch zu nehmen, d-er auch in Friedenszeiten entstanden wäre. Für die Jahre 1914 und 1915 bestimmt nun! Artikel 6 des mehrerwähnten Gesetzes vom 31. März 1915, daß derjenige Teil des Fehlbetrages in den genannten Jahren, der auf den Krieg zurückzuführen ist, aus dem Wege des Staatskredits aufgebracht werden soll. Es bedarf keiner Ausführung, daß eine jolche Maßnahme, die laufende VerlvaltungsauSgaben der verschie­densten Art als^ Kapitalausnahme endgültig deckt, zu den schwersterr Bedenken Anlaß gibt. Sie läßt sich für kurze Zeit wohl ertragen, kann aber für mehrere Jahre nicht vorgeschlagen und ebensowenig gebrlligt werden. Der Krieg übt seine Wirkungen nunmehr auf das dritte Staatsrechnungsjahr. Was für das bei Erlaß jener Be­stimmung bereits abgelauseue Rechnungsjahr 1914 unvermeidlich und was für das Jahr 1915, dessen Fehlbetrag man zahlenmäßig damals noch nicht übersehen oder auch nur schätzen konnte, noch erträglich war, kann für das Jahr 1916 nicht mehr in Betracht! kommen. Heute übersieht man den Fehlbetrag des Jahres 1914 genau, den des Jahres 1915 kann man einigermaßen schätzen. Es läßt sich auch heute schon wenigstens ungefähr angeben, welcher Teil der Fehlbeträge dieser Jahre endgültig auf Anleihe zu nehmen ist. Zu den in dieser Richtung oben bei Darlegung der Verhältnisse des Restesonds I angegebenen Beträgen kommt das hinzu, was dem Ausgleichs- und Tilgungsfonds für die Jahre 1914 und 19i5 entnommen werden mußte und muß, um die Mittel zu gewinnen, die an den lausenden Eisen bahn einnah men dieser Jahre fehlten, bannt die auf ihnen ruhenden Zinsen und sonstigen Lasten gedeckt und der lausenden Verwaltung in jedem Jahr die ihr nach dem! Tilgungsgesetz von 1912 zukommenden 2 000 000 Mk. zugeführt werden konnten. Die Fehlbeträge, die auf diesem Gebiet im ganzen entstanden firtb, belaufen sich aus zusammen rund 8 000 000 Mk. Ter Gesamtbetrag, der somit zur Deckung des durch den Krieg entstandenen Fehlbetrags im Staatshaushalt für 1914 und 1915 im Weg der Anleihe flüssig zu machen ist, wird sich hiernach im ganzen für 1914 und 1915 allein wohl auf nicht viel weniger als 12 000000 Mk. belaufen. Schon die Höhe dieser Summe zeigt, daß auf dem für 1914 urrd 1915 eingeschlagenen! Weg nicht weilergegangen werden darf, wenn dem finanzpolitischen Ansehen des Staates nicht schwere Nachteile zu- gesügt lverden sollen. Es ist ferner zu beachten, daß der Kapital­markt nach Beendigung des Krieges durch Reich, Staat, Gemeinden und Privatindustrre usw. aller Wahrscheinlichkell nach in außer­ordentlich hohem Maße in Anspruch genommen werden muß, daß daraus sich voraussichtlich eine sehr starke Verteuerung des Geldes ergeben wird, und daß deshalb ernstlich Bedacht darauf frommen werden muß, den Kapitalbedarf des hessi­schen Staates, der ohnedies nach dem Krieg )vie der wohl aller Bundesstaaten recht erheblich sein wird, nicht ohne Not weiter in die Höhe zu treiben. Es kommt endlich hinzu, daß auch die anderen größeren mrd mittleren Bundesstaaten sich bemühen, ihre Fehlbeträge aus dem normale Weg der Ver­mehrung ihrer laufenden Einnahmen zu decken. Württemberg hat schon im Laufe des Jahres 1915 unter Ausrecht­erhaltung seiner 'Realstenern zu diesem Zweck eine Vermögenssteuer mit dem Satz von 1 Mk für 1000 Mk. und einer Einnahme von nahezu 6 000 000 Mk. eingcsührt. Baden hat einen 20- und 25 prozentigen Zuschlag zur Einkommensteuer für 1916 beschlossen. In Bayern und Sachsen sind Ein ko in men steuererhö Hungen vor- geschlagen. Gegen Erhöhimg der direkten Steuern in .Hessen ist von der Regierung selbst und auch von anderen Seiten stets hervor- gelwben worden, daß imsere direkten Steuern nicht erheblich über

Gieszenev Stadttheatee.

Die Ehre. _

Schauspiel von HerMann SuderMann. Chrenabend für die darstellenden Mitglieder des Stadttheaters.

Ucber das SckiauspielDie Ehre" prinzipielle Erörterungen anzustellen erübrigt sich um so mehr, als das Stück gestern abend nichh zum ersten Male über das Gießener Stadttheater gegan­gen ist. Immerhin soll erwähnt werden, daß, je größer der zeitliche Abstand von diesem Erstlingswerke wird, die Schwächen seiner Theatralik umso stärker hervortreten und der scheinbare Na­turalismus sich nur als eine Fortsetzung des ihm vorhergeherlden Gesellschastsstückes von Sardous und Dumas Gnaden erweist.

Nach dieser kurzen Feststellung sollen nur mehr die künst­lerischen Leistungen der gestrigen Aufführung gewiirdiat werden, dieEhrenabend" für die darstellenden Mllglieder des Stadttheaters gedacht war.

Die mit stellenweise starker Sentimentalität bedachte Haupt­rolle des Stückes war Ferdinand S t e i n h o f e r zugefal­len. Seine Auffassung des aus der Fremde heimkehrenden Sohnes, der sich in die Denk- und Empfindungswcckt seiner Ver­wandten nicht mehr zurückfinden kann und aus ihnen fremden Ehrbegriffen moralische Forderungen an sie stellt, war nicht frei von Erinnerungen pn frühere schanspielerische Leistungen des Künstlers, stand aber sonst auf einer beachtlnisiverten Höhe, die sich nicht 'selten zu Gipselpimkten drarnatischer Gestaltung steigerte. Else Burghofs chatte wohl den richtigen Ton getroffen um die naive Verdorbenheit jdes Großstadtkindes überzeugend darzutun. Jl)r Spiel »var sehr lebendig und treffsicher. Ihre derbere Schlvester hatte Hertha Zondervan ebenfalls sicher angelegt. Die vom Autor am naturalistischsten gesehene Gestalt der Mutter lag in dnr Händen von Else Jüngling, die auch mit vollem Ver- stäiümis ihrer Aufgabe nack)ging. Als episodische weibliche Figur des Hinterhauses sei noch Toni Schön ke erwähnt. Von den lveiblichen Darstellerinnen des Vorderhauses, das überhaupt mit iveniger Sorge und mehr riach der Schablone gezeickinet ist, daher auch iveniger Möglichkeit zu individuellem Hervortreden bieten, zeichnete sich besonders Anny Rubens aus. Ihre Sonderstellung innerhalb ihrer Familie brachte sie mit ruhigen Mttteln zum Ausdruck. Auguste Frenzel verkörperte die auf ihre Ehrbarkeit pochende bürgerliche .Mutter.

Walter Strom fand sich mit seiner Rolle als etwas de­kadenter Lebejüngling mit laxer Moral, aber um so festerem Ehrenkodcx gut ab und hatte m Ernst Theiling und Arthur Eugens würdige Sekndantcu. Dem mit Bourgeois-Moral ge- polnerten Kommerzienrat Mühliugk gewann Wilhelm Hell mu t h

gewimrendere Seiten ab. Rechtsckiafsen verttat Rudolf Goll den alten Henrike und wußte dem seltsamen Biederiuarme persönliche Lichter >aufzusetzen. Auch Walter Dwvrkowski verdiente sich in der Gestalt des bewußten Proletariers Anerkennung. Die Rolle des Grasen von Traft-Saarberg, der- als ständiger Deus ex machina den Kommentar zu allen Bühnenvmgängen geben muß und die WeltansckMNmg des Verfassers umständlich auseinanderlegt, hatte Direktor Hermann Steingoettev übernommen. Er tat sein Bestes, um dem theoretrsierenden Phantom lvirkliches Leben cinzuflößen, und erreichte es ini Rahmen des Möglichen. Um untergeordnete Rollen waren noch Hermann Stichel und Carl D c l i o it bemüht. Die Spielleitung lag bei Otto C o n r a d i in bewährt guter Hand.

Alles in allem genonrmen war der Wend ein voller Erfolg der Kräfte unseres Stadttheaters, was auchl von dem vollbesetzten Hause beifallsfreudig anerkannt wurde. zz.

*

Ausstellung der Berliner Aüiistler-Gilde.

Im Ausstcllllngsgebände gm Brand ist augenblicklich eine Künstlerverciniguirg vertreten, deren Zusammenschluß nickst in einer gemeinsamen künstlerisck)en Richtung, sondern nur in lvirtsckiakt' licher Zweckmäßigkeit begründet ist. Hieraus resultiert ein ziemlich ungünstiges Gesanitbild, loenn auch Einzelwerkc von bedeutender künstlerischer Qualität vertreten sind. Es ist keine Kleinigkeit, sich in einer Ausstellung von etwa 130 Bildern über das Schaffen von rund 40 Künstlern zu orieutteren, deren ilkmuen nicht einural zu den Geläufigeren gehören. Die Ausstellungsleitung würde sich ein Verdienst erwerben, wenn sie sich in der Zahl der jeweils zu einer Ausstelluirg zu vereinigenden Künstler eine Beschränkung auf­erlegen möchte.

Zum ersten Male such in dieser Ausstellung Bildwerke ver­einigt, die 'unter dem Einfluß und aus denr Erleben desj Weltkrieges heraus entstandet! sind. Die unmittelbare Beeinflussung der Kunst durck) den Krieg war bisher fast nie in einer Weise her vor getreten, die der Bedeutung eines solch elementaren Umschwlmges der ge­samten Lebensbedingungen mch Lebensanschauungeil eines Volkes entsprochen hätte. Im Gegenteil, der Krieg führte stets einen Stillstand bis Rückschritt der Kunst in seinem Gefolge. Ob sich diese Erfalxru.ngstatsache auch diesmal bestättgen lvird, erscheint selw zweiselli-ast, da dieser Volkskrieg nicht weirige Maler an die Front gestellt hat. Unter den Eindrückerr, die sie mtt wackren und 'geschärften Sinnen da draußen gesammelt l>aben, wird noch manches Kunstiverk reifen, lvemr ihnen die mrbeschränkte Freiheit ihres Sck>assens zuriickgcgeben ist.

Betrachten lvir die Kriegsbilder in der Ausstellung am Brand, so fällt es gleich auß daß die eigeuttichen kriegerischen Begebnisse, wie wir sic aus den Schlachtenbildern auch von 187<V71 her kennen.

gegenüber solchen Eindrücken zurücktteten, wie sie leicht in Rnbe- stellungen festgehalteu werden können. Zu dem Anreiz landschaft­licher Vorwürfe tritt dann besonders die verlockende Wiedergabe von Kriegskameraden, nwbci oft ein gemütlicher Humor in der Schilderung zutage tritt. Bezeichnend hierfür sind die Zeich­nungen und kleinen Oelskizzen von Arnold Busch, Breslau/ denen der Charakter des ursprünglicknvl Sehens und Erlebens mi- hastet. Seine Skizzen sind äußerst sicher hingesetzt und haben oft eine Stimmung festgebaunt, die bei den einfachen Mitteln, mit 'denen der Künstler arbeitet, erstaunlich ist. Hier sei l'esonders genairntLazarett im Walde" undBugübergang". Ein besonders sein gesehener Kopf ist der desPolnischen Großbauern". In 'verhaltener Farbenfreude lvirken die beiden Oelgenialde von Meyer Waldcck: ,,Große Wäscbc im Lager Lechfeld" und Rnssenbeerdigung". Eindrucksvoll steht >derKosak ans Vorposten" von Franz Ro u band, München, ans den Schneefeldern unter kallblauenl Winterhimmel, jedock) ist die figürliche Silhouette nicht klar in Verbindung mit der nmgebendell Landsäiaft gebracht. Echte Schlachtenschilderungen versucht Prof. Georg K o ch, Berlin, in den TemperagemäldenNackstangriff bei Ppern" undAuf­fahrende Artillerie" nach Art des gewohnten Historienbildes, ohne lnn aller Wucht in der Anordnung dr'r Massen und der gutem Dln:ck)<rrbeitung der Einzelhetten den ülwrzeugenden Eindruck des Miterlebens zu wecken. Etwas abseits hiervon stehen die Scckriegs- bilder. Kurt Hassenkamp schildert sehr fein den Uebergang des graugrün wogenden Meeres zum gelblich ausftackeruden Horizonte. Das Auftauck)eu des Unterseebootes ist ein mehr zu­fälliges Gcsck-ehnis, das nebeul>ei durch die Einfügung der Besatzung ettvas spielerisch wirkt. Earl Saltzmanu gibt ohne besondere persönlick)e Note. Kampfbilder aus der Geschichte derEmden". In die Reihe der Kriegsbilder gehört noch ein etwas expressio­nistisch angehauchtes Porträt Hindenburg von Fritz Burger, ein monumeutales Gedenkblatt von H. Arnold, eine mit sclurrfer Chacaktceistik wiedergegebene Franktireurszene von Hans Best, sowie ein tief empfundenes, koloristisch irwrtvolles BildBrief aus denr Felde^' voll Paul Halte.

Von der reichen Anzahl der übrigcrl Künstler, die teilweise nur mit ein bis zwei Bildern vertreten sind, kann nicht jedep einzelne erwälmt werden. Wir beschränken uns auf die Ncinere Auslese, ohne danrit ein srrmularisches Urteil für die Nichterwähnten fällen zu wollen. iReife Technik und sichere Geslalttrugskraft sprecklen aus den BildernWeidende Kuh" undStudienköpf" von Josef Jungwirth. Mit denr Stinrnnmgszauber zarter Farlwnkon­tra ste arbettet Richmch Albitz. Auch seine farbige Zeichnung Stadtklatsch" erhöht diesen Reiz durch die lvcickw Beyalidlung der architettonischen Koittureir, Ihm nal>e stcht Paul H ö ninger. Von Darnaut interessiert die imprefftomstifcl>c Behtlndllmg des BildesErster Schnee" und das Farbellspvl in: Wasscx der