Ausgabe 
19.1.1916 Zweites Blatt
Seite
2
 
Einzelbild herunterladen

TTe ZensitrbetDoke füllen schon efn Mr?e§ Heft, man ftnie! nicht d«rch. J«h Nvrde den %a% fernen, ws man sagen ftraa: fort mit der geafni. .Honte mutz ich so selbstlos sein, zu sagen, daß es noch nieht ge^S. DerDentscüen Tageszeitung" ist ja übel mit- gespiett worden Beinah hätte man den Hauptschriftleiter vor ein S-t andg <rricht gestellt. Mehr können Sie doch nicht ver­langen. (Heiterreit.) Auch das neue Kriegspressecnnt hat noch nicht die erstrebte Einheitlichkeit gebracht, aber sie mutz unbedingt kommen. Den Berichten unserer Obersten Heeresleitung können wir vollen Glauben schenken. Die seindlichen Berichte werden dom Loser nach Gebühr eingeschäht. Reuter ist der unge­krönte König der Lüge Wenn unsere Negierung gewisse Dinge nicht behandelt wissen will, bringt sie sie in einen losen Zusammenhang mit militärischen Dingen und gibtWünsche^ durch den Ferndrucker, außerdem stellen die Weisungen _ eines Merkblattes der geistigen Arbeit Futzangeln. Der Burgfrieden darf keine Kirchhossruhe sein. Die Ueberzeugungen sollen nicht Geopfert werden. Heute ist es nicht möglich, den Burgfrieden zu wahren. Der erste Störer hat stets das letzte Wort. Die Presse muß im allgemeinen freien Spielraum haben.

Was das deutsche Volk am 'tiefsten bewegt, darf nicht be­handelt werden. Als der Treubruch Italiens drohte, wurde ein liberales Blatt, das darauf hinwies, beschlagnahmt. Dia heutigen Rücksichten auf Amerika nützen bei der ethischen Veranlagung der Amerikaner nichts. Man hätte auch sagen müssen, datz die Einstellung des U-Boot-Krieges nicht begriffen wurde. Im Interesse des Vaterlandes müssen wir hier Freiheit haben, sonst werden wir drautzen und drinnen miAtersi-anden. Warten wir noch länge: dann wird uns diegegebene" Zeit ge­nommen und ist fortgeschwommen. Die Anhänger des Erobe- rnngSgedankenS geniesten keinerlei Bevorzugung. Das Wort von denrealen Garantien" ist keine Redensart. Sonst wären die schweren Opfer vergebens gebracht. Ist das gefährlich, wenn wir offen erklären, wo unsere Grenzen anders gezogen werden müssen, um uns einen dauernden Frieden zu sichern. Das gilt für den Westen wie den Osten. (Sehr richtig! rechts.) Die Heraus­gabe von Kurland wäre für das deutsche Empfinden voll­kommen unverständlich. (Bravo! rechts.) Das Kampfziel dürfen wir nicht verrücken. Wir dürfen nicht gehindert werden, zu sagen, was das Volk durchdrrngt. Wir haben es nicht nötig, die Hand zur Versöhnung hinzuhalten, der Versöhnungstraum ist Senti­mentalität, die wir doch verlernt haben. Die Verständigung wird um so schneller kommen, je weniger wir sie suchen und je rück­sichtsloser wir den Kampf führen. Aber wir können nur im Gcrft neben den Truppen kämpfen, wenn uns das Ziel klar vorschwebt und wir darüber reden dürfen: Es ist das grosse weltgeschichtliche Ziel des Durchsetzens des Deutschtums. Wenn unser Volk seine weltgeschichtliche Aufgabe nicht sieht, ist cs unbedingt der Ver­nichtung preisgegeben. (Lebh. Beifall.)

Abg. Mertiu (Reichsp.);

AuS den Pretzerlassen der Regierung scheint herdorzugehen, datz die Regierung eineAuffassung" hat. Wir möchten gerne er­fahren, wie die Regierung zu den Strömungen und Stimmungen der Zeit denkt. Das geistige Leben soll bei uns nicht zentrali­siert werden. Der Belagerungszustand hat auch sein Gutes. Die Beschränkung der Polizeistunde ist für die Berliner sehr gut und auch für die Provinzler in Berlin. Bliebe sie doch in den Frieden hinein! Gerechtigkeit ist auch die Grundlage für die Zensur.

Abg. Dr. Spahn (Ztr.):

Es ist nicht richtig, daß die Entschließung über den Be- lagerungszuftarü) jetzt eingebracht wurde, ohne daß sie im Aus­schuß besprochen ist. Die Abänderungsfähigkeit erkennen wir cm. Aber während des Krieges können wir keine Aenderung schaffen. ES liegt darin ein Vorwurf gegen die Militärbehörden, den wir nicht unterschreiben können.

Abg. Heine (Soz.):'

Es hat sich heute ziemliche Einigkeit in der Bemängelung des Belagerungszustandes gezeigt. Als Jurist möchte ich noch unterstreichen: nur extensive Auslegung des § 68 der Verfassung kann die jetzige Ausdehnung des Belagerungszustandes recht- fertigen. Jedenfalls müsste man die Maßregeln auf das Not­wendigste beschränken. Das System ist verfehlt, eine falsche Maßregel wird daher aus der arweren geboren. Die Aufhebung der Versa mm lungs- und Vereinsfreiheit ist erst von den General­kommandos über den Kopf des Kaisers hinweg erfolgt. Das kann man nur mit juristischen Kunststücken recht- fertigen. Der Diktator ist ein Fremdling, unorganisch in unserem Volke. Wo sein Schatten hinsällt, richtet er beim besten Willen Unheil an, weil er nicht durch Sachkenntnis gezügelt wird. Guten Willen haben wir alle, mit Unfähigkeit richtet er alles Unheil an, böser Wille kommt ja nur nn Märchen vor. In Berlin mußte es schief gehen, wo man sich als Zensor den Chef der poli­tischen Polizei verschrieb, der in seinen Berichten sich als völlig unfähig erwiesen hatte. Selbst geschlossene Versammlun­gen sind unter Zensur. Die Sprachreinigungen des Polizeiprä­sidiums sind doch Kindereien. Es ist erne Dreistig-

Bergenser vilder.

Tiefste Teilnahme erweckt überall das furchtbare Schicksal, ! das Bergen betroffen hat, diese schönste Stadt Norwegens, die ; an charaktervollem Gepräge, an künstlerischem und geschichl- !lichem Reize alle anderen des Landes übertrifft und an Schönheit 1 der Lage sich mit Salzburg und Innsbruck messen kann. Reich hat die Natur diesen Fleck Erde beacht. Sie hat ihn durch einen < Gürtel kraftvoller Berge gegen das Binnenland geschützt, sie spendet ihm den feuchten, milden Seewind, der die Bäume voll und stark werdän läßt, und im Sommer einen üppigen köstlichen Blumenflor erweckt; vor allem aber hat sie jene fischförmige Halb- ! insel ins Meer vorgeschoben, durch die hier ein trefflicher Doppel- Phasen geschaffen wird, und diese beiden Häfen hat sie durch den. großen Riegel der vorgelagerten Insel Äskö vor dem Andrange der Meeresbrandung gesichert. Auf dieser Halbinsel hat sich das alte Bergen angebaut. Ihr Rückgrat ist die Straudgade die­selbe, wo die furchtbare Feuersbrunst jetzt entstanden ist, diese alte Hauptstraße des alten Bergen, eine prächtige, launenhafte, lebensvolle Straße mit tiefen alten Häusern, Hohlweg artigen Gän­gen, originellen Seitengassen, entzückenden Durchblicken auf den Hafen und sein buntes Leben. Drüben aber, an des Hafens anderer .Seite, da, wo die Handelsschiffe einfatzren, haben die Könige des Landes ihren Hochsitz und ihre Burgen errichtet, und dort haben sich auch die Hanseaten angesiedelt, als sie Bergen zum Stützpunkt ihres Nordlandshandels machten. Sie bauten sich da ihr eigenes, von einem Walle geschütztes Quartier, errichteten sich ihre eigene Kirche und führten, ein Volk im Volke, eine Stadt in der Stadt, mit mancherlei erlaubten und unerlaubten Unterhaltungen ein keckes Herrenleben. Die alten Hanseaten Höfe an Tyskebryggen sind ja wenigstens KüM Teil noch bis heut erhalten o diese Höfe! Hier spricht, man kann nicht sagen: jeder Stein, denn sie sind in Holz jgebaut, wohl aber jeder Balken, jede dieser gewundenen, abgetretenen Treppen, die verräucherten niedrigen Zimmer, die langen, in rembrandtartigem Helldunkel dämmernden Gänge, die Galerien mit ihren bis zum Schwarz verbräunten Balustraden, die schachtähnlichen Höfe mit ihren schiefen Dächern, ihren vid- geprüffen Warenaufzügen, ihren vor Alter gebeugten Giebeln. Ein jeder^ dieser Höfe ist, ein ganzes eigenes Viertel für sich, mit Straßen, Gassen, Höfen, Plätzen und überall riecht es nach Stockfisch und nach Teer und ,nach See . . . Die Hanseateu- höfe von der Deutschen Brücke sind ja wohl jedem Touristen wenigstens insofern bekannt, daß er in den einen davon, den jetzt als Museum erhaltenen Finnegaard, einen Blick getan hat aber was bei weitem den meisten nicht bekannt ist, das ist, daß Alt-Bergen an malerischen Bauten und Winkeln dieser Art über­reich ist. Und doch liegt nur wenige Schritte von dem großen Markte, dabei freilich doch ganz versteckt, Holländergaden, einst ein seines Wohnviertel, jetzt ein kleinbürgerliches Quartier, und eia so köstliches, verwettertes schnörkelhaftes Stück städtebaulicher Romantik, wie man es nur irgendwo in der Welt treffen kann. Slc qt man aber aus dem Innern der Stadt ein wenig zu den

beit, dre Pnr<ament'sberrichte zu zensurieren, und

politisch die größte Dummheit. Ebenso ist es mit der Schutz­hast. Ein Mann sitzt seit Beginn des Krieges, ohne zu wissen, was gegen ihn vocliegt. Er halt sich für das Opfer einer falschen Anzeige. In Ruhleben find Leute interniert, bloß damit man auch Engländer internieren konnte, Leute, die seit Generationen nichts mehr mit England zu tun hatten, deren Angehörige für uns kämpfen. Man hat ja die Ausnahme in den deutschen Staats­verband erschwert.

Die Maßnahmen gegen sozialdemokratische Vereine rufen eine Massenpsychose hervor. Wie steht's mit dem versprochenen Vereinsgesetz zugunsten der Gewerkschaften? Geistige Arbeit und Schulmcisterei vertragen sich nicht. Es liegt im Wesen der banausischen Zensur, sich lächerlich zu machen, wo un-d wann immer es eine Zensur gegeben hat. Heute sind schon 1013 Beiordnungen von der Zensur erlassen, und es besteht die Gefahr, daß abermals soviel heranskommen. Die Mehrzahl der Zensoren sind ja durch Unkenntnis entschuldigt, aber a bissel Falschheit ist dabei". (Heiterkeit.) Zwischen Degen und Feder besteht von jeher eine Gereiztheit. Die Zensur über die Gchirnfatzkes" wird ausgeübt vielfach von alten oder jungen Herren, die den Degen nicht mehr führen können. Vor dem schrei­benden pensionierten Offizier hat es zu allen Zeiten den großen Feldherren und Politikern gegraut, lieber die Sicherheit des Vaterlandes dürfe nicht parteiliche Rechthaberei gestellt werden, bei allem, was man schreibt, muss man au die Wnkung nach außen denken Wer das nicht tut, von dem rücke ich ab. (Zu­ruf dc§ Abg. Liebknecht: Hört, hört!)

Jawohl. (Abg. Liebknecht: Sie sind kein Sozialdemokrakl Schämen Sie sich als Sozialdemokrat. Vizepräsident P aas che: Sie dürfen gegen einen Kollegen nicht solche Bemerkungen machen. Ich rufe Sre zur Ordnung. Abg. Liebknecht: Wie kann man als Sozialdemokrat für den Belagerungszustand sprechen.) Wir alle wollen keine Niederlage Deutschlands. Aber der Zwang stört den Mut. Mit den plumpen Eingriffen gibt man denen Waffen, die die Verteidiger des Vaterlandes verleumden. Der Ab^ Oertel hat gemeint, seine Presse stehe mit einem Fuß im Gesangyis. Das Zitat hat den Zusatz: mit dem andern nagen wir am Hungertuch!" (Stürmische Heiterkeit.) Wir Zanken uns um das Fell eines unerlegten Bären. Unsere braven Kämpfer haben noch viel zu tun. Wir lehnen alle Pläne ab, die den Krieg hinausziehen oder neue Kriegsqucllcn enthalten. Aus der inneren Starke muß die Frucht kommen. Wir führen den Krieg für unsere Heimat, unser Volk zur Verteidigung. Nehmen | Sie dem Krieg nicht die Kennzeichen der Verteidigung. Das wäre ein Pyrrhussieg. Darum müssen die Friedensziele freigegeben werden. Es wird dann mehr Vertrauen kommen.

Ministerialdirektor im Reichsamt des Innern Dr. Lewald:

Die Frage des Belagerungszustandes loird seit Kriegsaus­bruch schon zu«n dritten oder vierten Mal erörtert, und der Staats­sekretär des Innern hatte im März und August dieses Jahres und im Oktober 1014 Erklärungen dazu abgegeben. Nach dieser sechs­stündigen Debatte kann ich die vorgetragenen Einzelheiten nicht berühren. Ich bitte also, von den Don mir nicht zurückgewiesencn Behauptungen nicht anzunehmen. daß sie vom Rcgierungstisch zugestanden wären.

Der Abgeordnete Heine hat im Ausschuß und in der Voll­versammlung heute nochmals mit großer Entschiedenheit die Be­hauptung ausgestellt, daß der Kriegszustand der gesetzlichen Grund­lage entbehrt, daß er überhaupt nicht in dem Umsarige hätte ver­hängt werden können und jedenfalls in dem bestehenden Umfange nicht aufrecht erhalten werden könne. Wiederholt ist hier dcrr- gclegt worden, daß der Reichskanzler, der die Order gegengezeichnet hat, als der Kriegszustand erklärt wurde und dafür die volle Ver­antwortlichkeit trögt, sie auch dafür trägt, daß der Kriegszustand aufrecht erhalten wird und im Einklang mit der Verfassung steht.

Die Verfassung, wie sie im Jahre 1867 geschlossen worden ist, wurde dem Reichstag ohne Begründung zu den einzelnen Kapiteln vorgelegt. Die Männer, die von 67 bis 70 dem Reichstag ange­hört haben, werden also wohl die richtigen Interpreten sein. Der Abgeordnete Lasker hat im April 1870 ausdrücklich anerkannt, daß der Artikel 61 einst seine selbständige Bedeutung hatte. Es handelte sich um die Einführung der Strafprozeßordnung. «Er hatte gewisse Bedenken gegen die hohen Strafmaße, weil der Kriegszustand schon verhängt werden könnte, wenn die öffentliche Sicherheit bedroht wäre. Fürst Bismarck, der Vater der Verfassung, der sie selbst niedergeschrieben hat, hat sich schon anfangs der 70er Jahre gegen die Rechtsauffassung gewendet, als ob der Absatz 2 des Artikels eine Abschwächung des Absatzes 1 wäre. Auch von der Mehrheit des Hauses hat sich damals kein Widerspruch erhoben. Aus die lange Tradition dieser Auffassung, die Geltung der Anschauungen der Väter der Verfassung irnd des Parlaments, das sie beschlossen hat, stützt sich heute die Reichsleitung, wenn sie diese Rechtsauffassung beibe­hält und für allein richtig erklärt.

Materiell dauert die Bedrohung des Reichsgebiets fort, so­lange der Krieg wahrt. Daß wir uns im Kriegszustand befinden, wird keiner bestreiten. Auf Grund des § 10 des Spio­nagegesetzes können wir nicht die für die Sicherheit der Bewe­gungen unserer Truppen erforderlichen Maßnahmen treffen, wir

Randhöhen empor, da findet man, vornehm: versteckt und geborgen, feine alte behagliche Bürgerhöfe, Zeugen einer gediegenen Bürger­kultur, die besonders im 18. Jahrhundert sich hier entwickelt und ihre Hauptzüge von Dänemark übernommen hat. Doch prägt schon der ortsübliche Baustoff, das Holz, diesen schönen Höfen, von denen der eine, vielleicht der reizvollste, Damsgaard, noch seit dem 18. Jahrhundert her im Besitze derselben Familie Janson ist, einen besonderen Charakter auf.

Längst hat die Stadt sich vom Hasen landeinwärts aus­gedehnt. Das Bindeglied zwischen dem älteren und dem neueren Bergen bildet die gewaltige Platzanlage von Torvet und Tor- valnrenningen, die unmittelbar an den Hafen stößt, das Herz der Stadt, wo die Börse steht und der Fischmarkt abgehalten wird, der eine wunderbare Fülle der Gesichte aus der Tiefe des Meeres und aus der Tiefe des Volkslebens bietet. Und weiter hat die Stadt die schönen Binnenseen umbaut, die das Meer hier zurück­gelassen hat, ist der Fuß der Berge hinangeklettert und den Tälern gefolgt, die in sie hineinführen. Das schmale Gebiet zwischen See und Berg, das kleine Stückchen Ebene, ist das eigentliche neuere Geschäftsviertel der Stadt geworden, wo die Feuerbrunst am schwersten gerast hat. Alt in seiner Anlage, ist dies Viertel seinen Bauwerken nach zum großen Dell bereits modern. Freilich fehlt es auch hier nicht an den herkömmlichen Holzhäusern, an engen, Halbdunkeln, krummen Winkeln und Gängen sie heißen hier zumeistSmuger", was nril dem deutschenschmiegen" Zu­sammenhängen bürfte, aber großenteils sind die .Holzbauten hier schon durch moderne Miets- und Ä'ontorhäuser ersetzt worden, die einen unerfreulichen Baugewerkschulenstil zeigen. Ja, das un­vergleichlich reizende, alte Bergen hat in netterer Zeit eine recht wenig ansprechende moderne Haut angezogen, und erst im jüngsten Jahrzehnte begann der rechte fromme Sinn für die schönen Güter der Vergangenheit sich wi-eder lebendiger zu regen. Viel­leicht wird aus dieser furchtbaren Katastrophe das zerstörte Viertel der Stadt schöner erstehen, als es zuletzt sich darstellte.

Aber mochte auch manches Alte dahinsinken; zweierlei be­wahrte der Königin des norwegischen Westlandes ihren unverwelk- licheu Reiz. Das war der Zauber der Natur und die Äbenskraft des Bergenser Bürgertums. Im Lande heißt es, die Bergenser seien gar keine Norweger. Es sind eben Bergenser, eine ^Rasse für sich. Hier hat viel Blutmischung stattgefunden: von Hollän­dern, von Dänen, ganz besonders aber von Derttschen. Neber- raschertd viele unter den alten Bergenser Patriziergeschlechtern tragen deutsche Namen; tmter den Grabsteinen des Marienkirch­hofs glaubt man sich etwa in Lübeck oder Wismar und erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts hat im Geschäftsleben die norwegische Sprache endgültig das Deutsche zu verdrängen vermocht. So ist das Stadtvolk von Bergen ganz etwas Eigenes geworden. Es ist Norwegens Künstlervölkchen. Die Bergenser lieben die Musik, die Blumen, die Sonne und eine gute Tafel nebenbei airch Bergenser war Holberg, dessen Standbild nachdenklich auf dos Leben und Treiben des Marktplatzes herabsieht, Bergenser war

können das nur auf Grtmd der außerordentlichen Vollmachten, die das VelagerungSzustandgesetz den 1851 uns gibt. Die juristischen Bedenken halten also nicht stand.

Der Krieg wird gegen uns nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und namentlich mit Verleumdungen geführt. Wer regelmäßig die feindlichen und auch die amerika­nischen Zeitungen, die man in dieser Beziehung fast zu den feind­lichen rechnen könnte, liest, muß sehen, wie an sich ganz harmlose Vorgänge in unserem Laude gegen uns ausgenutzt werden, und aus solchen Einzelheiten wird dann ein Bckd unserer Zustände gegeben, daß das deutsche Volk innerlich zerrissen sei, daß wir bei uns viele Kravalle hätten, und daß überhaupt die unerhörtesten Zustande bei uns herrschten. Da kann man es uns nicht verdenken, wenn man alle Mittel benutzt, um solche Beunruhigung der öffentlichen Meinung fernzuhalten.

Es ist gewiß eine sehr schwierige Aufgabe, einen idealen Zensor zu finden. Aber aus dieser Schwierigkeit kann man doch nicht folgern, daß nun die Zensur abgeschafft werden müßte. Zweifellos sind eine Menge Fehler und Jrrtümer hier vorgekom­men. Die Zensur hat nur die Ausgabe, Schädigungen der Sicher­heit des Reiches und unserer Kriegsführung abzuwehren. Die stellvvertretenden kommandierenden Generale haben die Zensur auch durchaus in dieser Richtung ausgeübt; man hat versucht, einen Gegensatz zwischen den Generalen draußen im Felde und denen daheim herzustellen. Das ist durchaus falsch. Das Ver- antwortlichkeitsgefühl ist bei ihnen ebenso groß. Ich möchte wis­sen, w'e wir den Krieg ohne unsere inaktiven Offiziere führen sollten! Die stellvertretenden kommandierenden Generale haben doch manche ganz ausgezeichneten Maßnahmen getroffen. Ihre diktatorischen Befugnisse haben uns sehr viel genützt.

Ihre Kommission wünscht, daß dem Verbot einer Zeitung eine Warnung vorausgehen mutz. Bei den Zeitungsverboten han­delt es sich doch nur um Einzelfälle, die darm so oft besprochen worden sind, daß man schließlich glaubte, diese Verbote seien wer weiß wie oft vorgekommen. Das Verbot ist über Zeitungen oller Richtungen verhängt worden. Keine Zeitung kann sich darüber beschweren, hierbei zu kurz gekommen zu sein. (Heiterkeit.) Wie mir mitgeteilt ist. geht einem solchen Verbot stets eine Warnung voraus. Wo das nicht geschehen ist, war jedenfalls psricutuw in mors.

Der Antrag, daß das Verbot einer Zeitung nur mit Zustimmung des Reichskanzlers erfolgen dürfe, ist früher vom Abg. Sckeidemann gestellt, aber vom Hause crbgelehnt worden. Der Ausschuß bat ihn jetzt ausgegriffen. Die Ausführung ist praktisch undurchführbar. Aus staatsrechtlichen Gründen läßt sich die Verantwortung des Reichskanzlers mit der auf ganz anderen Grundlagen beruhenden Verantwortlichkeit des kommandierenden Generals nicht vereinigen. Bezüglich der Erörterung der Steuergesetze kann ich die Erklärung abgeben, daß bei keiner Stelle die Absicht besteht, sie zu unterbinden. Immerhin könnte ein solches Maß von Erbitterung gegenseitiger Verunglimpfun­gen verschiedener Klassen gegeneinander sich zeigen, daß der Burgfrieden ruiniert würde und die Zensur aus diesem Grunde eingreifen müßte. Die maßgebenden Stellen wollen in­des, daß die sachliche Erörterung der Steuerpläne in keiner Weife verhindert oder beschnitten wird.

Die Unterdrückung von Tellen des ParlamenkS- b e r i ch t s des Hallenser sozialdemokratischen Organs ist nicht auf Weisung von Berlin ergangen, sondern hat der betreffende Zen­sor allein zu verantworten.

Der Reichskanzler halt es mit den bestehenden Bestimmungen nicht für vereinbar, wenn ein Zensor sich Redakteurbef.rgnrsse cn» maßt.

Wo Zeitungen statt unserer Kriegsberichte nur die der Geg­ner brachten, war es selbstverständlich, daß wir den Abdruck der feindlichen Berichte erst gestatteten, wenn sie unseren Bericht brackten. Es ist auch unzulässig, sozicckdcmokrcrtischen Vereinen das Einkassieren ihrer Mitgliedsbeiträge zu verwehren. Warum die Erörterung der Krtegszicle noch nicht freigegeben werten kamt, ist im Ausschuß eingehend vertraulich dargelegt worden. Die Behandlung der Frage in solchem Umfange in der Vollver­sammlung wäre besser unterblieben.

Ter Abgeordnete Heine hat nach der rm Vorjahre abgegebenen Zusage wegen des Vereinsrechtes geftagt. Die verbündeten Negierungen haben sie eingehend erwogen, und ich habe in ihrem Namen folgende Erklärungen abzugeben:

Im vorigen Jahre hat der Reichstag einen Gesetzentwurf be­treffend Abänderung des Reichsvereinsgesetzes vom 19. April 1908 angenommen. Die Reichsleitung hat durch Entsendung von Verttetern zu der Versammlung schon zu erkennen gegeben, daß ihr an einer Verständigung mit dem Reichstag auf diesem Gebiete lag. In der damals abgegebenen Erklärung wurde von ihr anerkannt, daß die Auslegung der Neichsvereins- gesetzbestimmuug den Gewerkschaften nicht immer die, Freiheit gelassen hat, deren sie zur Betätigung ihrer Wohlfahrtseinrich­tung c: bedurften. Abhilfe konnte nur eine gesetzliche Regelung schaffen. Es mußte gesetzlich festgelegt werden, daß die Gewerk­schaften und die ihnen gegenüberstehenden Vereine der Arbeit­geber nicht als politische Vereine betrachtet werden dürfen, wenn sie sich mit solchen sozialen und ähnlichen Ange­legenheiten befassen, die die Erlangung günstigerer Arbeitsbedin­gungen und dre Förderung der Interessen ihrer Mitglieder be-

Grieg; in Bergen hüben Björnson und Ibsen entscheidende Jahre verlebt: von Bergen ist die Erneuerung des norwegischen Theaters ausgegangen, und die besten Bühnenkünstler des Landes stammen von hier. Der Bergenser ist lebenslustig, heiter, beweglich, witzig und mokant. Er ist mit Leben geladen. Und er liebt seine Stadl über alles. Vor ein paar Jahrzehnten drohte Bergen in eineit ge­wissen Stillstand zu verfallen; man lebte in der schönen, gemüt­lichen alten Stadt gar zu behaglich, und die Verführung lag nahe, sich an ein bequemes Phäakentnm zu verlieren. Aber rechtzeitig erwachte Vergetts alter Lebensgeist, die Eisenbahn von Kristiania führte der alten Hansestadt neues Blut zu und eine Zeit blühenden neuen Aufschwunges brach an. Da trifft Bergen dies furcht­bare Unglück, diese schrecklichste aller Feuersbrünste, die sie in der langen Liste ihrer Brandkataftrophen zu verzeichrren hat. Aber die Hansestadt wird sich von diesem Schlage so wenig nieder­werfen lassen, wie einst Hamburg, und ernettert wird das un­vergängliche Bergen aus der Asche dieser Unglückstage hervorgehen.

ß

Uraufführung in Hamburg. Aus Hamburg wird uns geschrieben: Das Thalia-Theater in Hamburg setzte sich mit ziemlichem Wagemut für ein Bühnenwerk von Karin Michaelis ein, das eben neu herauskönrmt. Die Verfasserin nennt esDie heilige Lüg e". Das Hauptmotiv des Inhalts hat einen äußerst rührenden Charakter. Eine von der Blindheit geheilte Mittter macht die Reise übers Meer nach New Bork, um ihre dort ansässigen Kinder mit der wiedergewonnenen! Sehkraft zu überraschen. Zweierlei Täuschungen oder heilige'Lügen spielen gegeneinander. Einmal haben die Kinder ihre Mutter in dem Wahn erhalten, daß jie in einem großen Luxus' leben, während sie in Wirklichkeit Not leiiden. Das andere Mal verschweigt die Mutter ihren Kindern die Heilung ihrer Augen. Diese Täu­schungen dauern bis zum Ende d-ejÄ Stückes! Aber sobald die Mutter die Not ihrer Kinder mit eigenen Augen sieht, ohne daß diese es selbst wissen, schürzen sich die Umstande zu einem unglückseligen Spiel, dem die erftere zum Opfer fällt. An die Logik der Vorgänge sind starke Zweifel zu setzen. Aber schließlich ist das Stück als Ganzes so wenig bühnenmäßig gebaut, daß es sich in Bezug auf die Form und die dramatischen Zusammenhänge kaum ernstlich betrachten läßt. Die Aufführung, unter eine gute Regie gestellt, arbeitete das Wesentliche recht ansprechend heraus, das heißt, thea­tralisch genommen. Der am Schlüsse ziemlich lebhafte Beifall trug den Charakter respektvoller Anerkennung.

Ein Verlust für das Weimarer Musikleben. Aus Weimar schreibt man uns: Ein schmerzlicher Verlust steht unserem Musiklebett durch die Berufung des Stadtorganisten Hermann Keller nach Stuttgart in die dortige Marcuskirche als Nachfolger Professor Benzingers bevor. Er loird die neue Stel­lung im Avril antrelen und sich vorher durch eine Choraifffübrnng und zwei Orgelabende von Weimar, wo er seit Jahren auch als Lehrer an der Großherzogliü)en Musiffchule wirkt, verabschieden