Nr. U
Sweites Blatt
LrscheirU täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gletzener Lamilleublatler" werden dem
^An^eiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „KretstzlEtl ffcr den Kreis (Sieben 44 zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seilsragen" erscheinen monatlich zweimal.
(66. Jahrgang
General-Anzeiger für Gderhessen
§reitag, Januar (9(6
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläls - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriitleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schulstraße?. Geschäftsstelle u.Berlaq:^^51, Schriftleitung: ^^»112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Mb. Deutscher Reichstag.
28 Sitzung. Donnerstag, den 13. Januar.
Am Tische des Bundesrats: Delbrück. Frhr. v. Stein.
Präsident Dr. Kacmpf eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 15 Minuten.
Ernähnmgssrage«.
(Dritter Tag.)
Abg. Simon (Soz.):
Die Maßnahmen der Regierung kamen meist zu spät und waren unzureichend. Der schamlose Lebensmittel- Wucher ist von der Regierung geduldet worden. Die Preissteigerung ist nicht verursacht worden durch das Fehlen von Lebensmitteln, sondern durch die falschen Maßnahmen der Regierung. Auch die Landwirte haben zum Teil die Höchstpreise ganz er- hebl'ch überschritten uns sin'- dafür auch bestraft worden. Erst gestern sind sächsische Gutsbesitzer wegen solcher Preistreibereien verurteilt worden Aber die Strafen sind viel zu gering. Ein Wucherer hatte an Wurstwaren 10 000 Mark verdient und wurde dann zu 3000 Mark verurteilt. Da lohnt sich der Wucher. Die Bewucherten aber soll man nicht bestrafen. Wir beantragen daher eine entsprechende Abänderung des Gesetzes.
Das Volk weiß, daß Lebensmittel genug vorhanden sind. Darum versteht man nicht, daß die Regierung der Spekulation die Möglichkeit gab, sich zu entwickeln. Und dann hat man die hochgeschraubten Preise als Höchstpreise festgesetzt. Die Großmühlen stecken gewaltige Gewinne in die Tasche. Die Städte können nichts ausrichten. weil sie nicht das Recht der Beschlagnahme haben. Sie sollen anscheinend nur als Puffer zwischen der Regierung und dem Volke dienen. Für die Landwirtschaft hat der Krieg nur goldene Früchte gebracht. (Widerspruch rechts.) Der Redner kritisiert dann eingehend die Tätigkeit der Reichsg-etreidestelle. Der Spirituszentrale hat man 40 000 Tonnen Roggen ausgeliefert, damit Schnaps gebrannt werden konnte. Erhebliche Mengen von Brotgetreide sind verfüttert worden. Eine Erhöhung der Kartoffelpreise müßte katastrophal wirken. Der Redner bespricht dann die Verhältnisie der Lederindustrie. Das deutsche Volk hat 860 Millionen Mark für Leder zuviel bezahlt.
Abg. Marx (Zentr.):
Deutschland hat sich jetzt im Kriege vom Auslande unabhängig gemacht. Das erkennt jetzt sogar die „Times" an. Die Regierung braucht die Kritik der Volksvertretung nicht zu scheuen. Aber viele Maßnahmen sind doch zu spät und zu zaghast ausgeführt worden Dabei hat es an sachverständigen Vorschlägen nichts gefehlt. Der Redner behandelt eingehend die Kartoffelfrage. Die Preise zogen an. die Bevölkerung wurde unruhig, aber von seiten der Regierung geschah nichts. So entstand eine Mißstimmung gegen die Landwirtschaft. obwohl sie ganz unschuldig war. Es mußte vermieden werden daß sich so ein Gegensatz zwischen Stadt und Land bildete. Die Mißstimmung griff bis in die besser gestellten Kreise hinein. Der Westen war in einer besonders schwierigen Lage. Aber in Rheinland und Westfalen ist von den beteiligten Verbänden viel geschehen. Warum hat man diese Anregungen nicht beachtet? Warum hat man nicht im September getan, was man dann im November tun mußte. Es lag ein Fehler in der Organisation vor.
Die Erbitterung erreichte bei uns zeitweise einen geradezu bedrohlichen Stand. Dann bat man wohl Kartoffeln geliefert, aber es waren keine Speise-, sondern Futter- kartosfeln. Wir sind im Westen gewohnt, Opfer auch in der Nahrung zu bringen. Aber wenn Kartoffeln infolge Beschlagnahme geliefert werden, dann müssen sie auch für den Menschen genießbar sein. Die Oberbürgermeister von Köln, Düsseldorf, Aachen usw. haben dann auch eine Eingabe an den Reichskanzler gerichtet, well diese Kartoffelsendungen zu langsam kamen und minderwertig waren. In Düsseldorf war es an einigen Tagen so schlimm, daß die FrauenandieSchutz- Heute heran traten und sagten: Lieber Herr Schutzmann, sorgen Sie dafür, daß wir Kartoffeln kriegen! Vielleicht kann man be« jsondere Kartoffelzüge für den Westen einrichten. Sie mästen direkt von den Produktionsgebieten des Ostens nach dem Westen führen.
Die Futtermittelpreise mästen möglichst niedrig gehalten werden. Es kommen ja jetzt Zufuhren aus Rumänien. Unbegreiflich ist es mir, daß sogar einzelne Reichs stellen die Preistreibereien mitmachen. (Hört! Hört!) Hier mutz bk Regierung Wandel schassen. Besonders Fleisch-, Fett- und Butterkarten sind fürs Reich nicht gut durchführbar. -Damit mögen siL die Gemeinden befassen. Unterstützungen sollten auch in Levensmitteln gegeben werden. Bei der Lebensmittelversorgung schadet es gar nichts, wenn wir ein bischen -pessimistisch sind. Bester situierte Kreise nehmen die Sache zu leicht. Im Westen soll es Familien geben, die sich einen Buttervorrat von 80 bis 100 Pfund angelegt haben. (Hört! Hört!) Es muß hart zugegriffen werden, wenn Uebergrisfe vor- komnwn. Die kleinen und mittleren Mühlen dürfen nicht schlechter behandelt werden als die Grotzmühlen. Gerade der Mittelstand verdient weitgehende Fürsorge. Die Berichte über die Tätigkeit der Preisprüfungsstellen sollten veröffentlicht werden. Erst dann können sie wirksam sen.
Präsident Dr. Kaempf rügt die scharfen Aeutzerungen des Mg. Simon gegen die Reichsgetreidestelle.
Unterstaatssekretär Dr. Michaelis, Präsident der Reichsgetreidestelle'
weist ebenfalls die Ausfübrungen des Abg. Simon zurück. Es ist richtig, daß die Kornbrennereien 46 000 Tonnen Getreide erhalten haben. Gewiß muß die Brennerei bei der Versorgung zuletzt
kommen. Die Fabrikate sind aber nicht ganz zu entbehren. Die
Schlampe liefert zudem em gutes Futtermittel. Erstklaffiges Getreide soll natürlich nicht verschrotet werden. Bei den Zusatz- brotrarten trifft uns keine Schuld. Jugendliche Personen sollten sie nur bekommen, wenn sie ein Arbeitseinkommen von höchstens 2200 Mark haben. Ich habe noch nicht gehört, daß
Gymnasiasten solche Einkünfte haben. (Heiterkeit.) Herr v. Gamp hat einen schürfen Ton in die Aussprache hineingetragen.
Dezernent im Kriegsministerium Major Kreth antwortet Auf die Ausführungen des Abg. Simon über die
Lederpreise. Zunächst handelte es sich darum, den u n gehe u r e n Bedarf für die neuen Formationen zu decken. Die Preisfrage kam erst in zweiter Linie. Diese Periode läuft im Frühjahr 1916 ab. Am 1. Mai 1915 rührten wir Richtpreise ein. dann kam ein Aufschlag zustande, so daß ein Preis erzielt wurde, der dem Kriegsministerium genehm war. Das Zivilpublikum ist dadurch nicht besteuert worden. Am 1. Dezember wurden Höchstpreise eingeführt. In nächster Zeit sollen Höchstpreise für Gerbstoffe kommen.
Abg. Held (Natl.):
Erzeuger und Verbraucher müssen Hand in Hand gehen. Sie sollen sich nicht gegenseitig beneiden. Es hätte sich empfohlen, die Futtermittel zu beschlagnahmen, aber die Regierung begnügte
sich mit der Festsetzung der Höchstpreise für Gerste. Unglücklicherweise oerjteifte man sich noch auf die Mindestgrenze von zehn Tonnen, so daß die kleinen Schweinezüchter das Nachsehen hatten. Die Folge des Irrtums der Professoren war die unglückselige Abschlachtung von Millionen Schweinen, die uns auch des Zuchtviehs beraubten Um das Maß voll zu machen, kamen die Höchstpreise für Schweine ohne jedes lieber- gangsstadium. Der preußische Landwirtschaftsrat soll diesen Vorschlag gemacht haben, der zu ungeheuren Verlusten der Schweinezüchter führte, ohne den Konsumenten zu nützen. Speck und Fett gibt es doch nicht. Was an Schweinen vorhanden war, kauften die Konservenfabriken, die Allgemeinheit hat gar nichts davon.
Auf dem Lande fehlen Arbeitskräfte, da alle Männer im Schützengraben liegen. Es bleiben nur die Gefangenen übrig, die man leider zu schnell wieder entzieht, wenn sie kaum eingearbeitet sind. Die Landwictschastskammer in Hannover ha: von den Landwfften außer den ihr zugewiesenen 200 000 Schweinen noch 25 000 Schweine mästen und aus den Markt werfen lassen, was bei den guten Preisen einen Millionengewinn ergab.
Die Landwirt'ckiaftskammer ist doch nicht nur für die großen Gutsbesitzer eingesetzt. (Zurufe rechts.) Auch auf den Pferdemärkten vertritt d'? Landwirt'cbaftskammer nicht die Interessen der kleinen Besitzer, die von den hoben gezahlten Preisen nicht profitieren. Die Reicbsgetreidestellc muß vor allem dafür sorgen. daß es nicht an Saatgetreide fehlt, z. B. Saathafer ist mehr als rar. Die Fürsorge für die Verteilung des künstlichen Düngers da.t nicht außer acht gelassen werden. Tie Höchstpreise 'für Gemüse führen zu sonderbarn Zuständen; zu verdienen ist dabei für die Erzeuger nichts Desto mehr geht der Verdienst auch hier in die Konserven Di? Hauptsache ist aber die Heranschaffung von Futtermitteln und Fetten. Der Wille zum Durch- halten ist vorhanden möge auch der Wille zum Verständnis der gegenseitigen Interessen vorhanden sein!
Abg. Fischbcck (Fortschr. Dolksp.):
Der Unterstaatssekretär hat die Verantwortung für die Ausgabe s o zahlreicher Zusatzvrotkarten den Gemeinden, insbesondere der Stadt Berlin zugeschoben. Die Städte sind aber zu den Maßregeln von den Behörden gedrängt worden. Ueb^rall in. Lande wurde 250 Gramm Zusatz gegeben, weshalb sollte Berlin dann zöaerr?
Es sind Fühler bei der Aufnahme der Bestände gemacht worden, die sich dann sortpflanzen. Man sollte nicht inrnrer von dem Wucher der städtischen Kartoffelhändler reden, die auch ihr Risiko haben und ohne Profit schließlich nicht verkaufen können. Wir haben es erlebt, daß trotz der reichen Kartoffelernte nicht genügend Kartoffeln in die Städte kommen. Sie wurden eben durch allerlei Machenschaften zurück- gehalten, bis dann endlich die Höchstpreise kommen. Die Landwirtschaft muß jetzt beweisen, daß sie bereit ist, die Volksernährung durchzuführen, ohne einen besonderen Konjunkturgewinn zu erzielen.
Es ist sehr leicht hinterher über den Schweine- m o r d zu schimpfen. Das ist aber im Reichstag beantragt worden. Der entsprechende Antrag ist von den Abgeordneten Graf Westarp, Bassermann, Junck usw. gestellt worden. Der Antrag aus Abschlachtung der Schweine ist sogar hier im Reichstag e i n - st i m m i g angenommen worden. (Große Heiterkeit und Hört, hört!) Wir müssen diese Fragen in ruhiger, sachlicher Weise aus- kämpsen und in gemeinsamer Arbeit für das Wohl des Vater- landes sorgen. (Beifall.)
Nächste Sitzung: Freitag. 14. Januar, vormittags 11 Uhr pünktlich: Kleine Anfragen. Fortsetzung der heutigen Beratung.
Schluß 6}4 tzhr.
Die Eröffnung des preußischen Landtages.
Be rlin, 13. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Der Preußische Landtag ist heute im Weißen Saale des Schlosses von dem Ministerpräsidenten eröffnet worden. Die Thronrede hat folgenden Wortlaut:
Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtages! — Se. Mich, der Kaiser und König haben mich zu beauftragen geruht, den Landtag der Monarchie zu eröffnen und in seinem Namen willkommien zu heißen. Während Sie sich, hier zur Arbeit versammeln, geht draußen auf den weiten Schlachtfeldern das blutige Ringen fort. Wie unsere Feinde uns den Krieg aufgezwungen haben, so tragen sie die Schuld und Verantwortung, daß sich die Völker Enropas weiter zerfleischen. Vor eine eiserne Probe stellt die Vorsehung unser Volk. Großes wird gefordert^ Großes aber auch geleistet. Die Pläne unserer Fernde, unsdurchAbschnürung von der ü b e r s e e i s ch e n W e l t mürbe zu machen, sind gescheite rt. Aus eigener Kraft sichert die Landwirtschaft die Ernährung der Bevölkerung, aus eigener Kraft schasst Industrie und Handwerk, wessen wir zu unserer Verteidigung bedürfen, halten die arbeitenden Hände der Millionen, die daheim geblieben, unser wirtschaftliches Leben aufrecht, trotz Krieg und Kriegsnot. Und über dem allen stehen d r e T a t e n un seres Volkes in Waffen uuaus sprechl ich in Größe und Heldentum. In hartem Kämpf hat Deutschland, unterstützt von treuen Verbündeten, einer Welt von Feinden Stand gehalten und seine Fahnen wert in Feindesland hineingetragen. Der alte preußische Soldatengeift, auf den wir stolz finb und stolz bleiben, hat in edlem Wetteifer mit den deutschen Brüder- stämnren seine unvergängliche Lebenskraft erwiesen und neuen unsterblichen Ruhm dem Heldentum der Väter und Ahnen hinzugefügt. Mit nnserm König und Kaiser gehen wir voll Gottver- tranen 'und Sieges zu versüßt auch der Zukunft entgegen. Ern einziger und heiliger Gedanke erfüllt uns bis in die letzten Tresen der Bolkskraft, alles herzngeben für das Leben und die Sicherheit der Nation. Als Gruß an den Landtag hat Se. Moj. der K a r s e r und König nur Worte heißen Dankes cm die Kämpfer draußen und daheim.
Ihre bevorstehenden Arbeiten, meine Herren, werden vor allem den Notwendigkeiten des Krieges gehören. Der allgemeine wirtschaftliche Trrrck des Krieges l-at zwar die gesunde Kraft der preußischen Finanzen nicht erschüttern können, doch erfordert ihre Erhaltung eine Steigerung der Einnahnren. Es wird Ihnen daher eine Vorlage zngehen, die eine Erhöhung der Zuschläge zur. Einkommen- und Ergänzungssteuer vorsieht. Für die Wiederaufrich.tnng Ostpreußens werden weitere staatliche Geldmittel verwendet werden. Tie nach den verwüstenden Einfällen des Feindes, durch die wuchtigen Schiläge des Osthoeves befreite Provinz erwacht mrter der tatkräftigen Arbeit aller dazu berufenen Männer zu neuem Leben. Weit über die Grenzen der Monarchie, ja über die Grenzen Deutschlands hinaus, sind Helfer und Spender erstanden. Ihnen allen sagt der König Tank in der frohen Erwartung, daß es in nicht ferner Zeit gelingen werde, die schöne Ostprovinz der Monarchie in alter Blüte wieder herznstellen. Die besondere Fürsorge für unsere im Kisiege so glänzend bewährte Staatseismbahnoerwal- tnng wird auä? jetzt nicht ruhen dürfen. Zum weiteren Ausbau des Eisenbahnnetzes, sowie zur Beschaffung von Fahr- zerigen werden deshalb wiederum erhebliche Mittel angefordert. Meine Herren! Se. Maj. der Kaiser und König weiß, daß Ihr Wirken und Schaffen, wie bisher, so auch in dem neuen Abschnitt der parlamentarischen Arbeiten von dem Geist der Opferwilligkeit
und Entschlossenheit getragen sein wird, von dem tapferen Geist, der allein unserem Volke die Kraft gibt, diesen gewaltigen Krieg siegreich zu bestehen. In dem ungeheuren Erleben dieses Krieges wird ein neues Geschlecht groß. Die ganze waffenfähige Mann- Kfjiaft, geeint durch kameradschaftliche Treue bis in den Tod, schirmt Staat und Volk. Der Gei st gegenseitigen Verst e h e n s und Vertrauens wird auch, im Frieden fortwirken in der gemeinsamen Arbeit des ganzen Volkes am Staate. Er wird unsere öffentlichen Einrichtungen dnrchdringen und lebendigen Ausdruck finden in unserer Verwaltung, unserer Gesetzgebung und in der Gestaltung der Grundlagen! für die Vertretung des Volkes in den gesetzgebend den Körperschaften. Die geschlagenen Wunden heilen und neues Leben hervorwachsen lassen ans den gewaltigen Taten und Opfern unseres Volkes, wird unser aller größte Aufgabe sein, sobald der Friede siegreich, erstritten ist. In Stürmen ist der preußische Staat groß geworden, in Stürmen steht er auch heute unerschütterlich da. Was Feindschaft als Zwang ausgibt, ist Freiheit, ans Ordnung gebaut. Das Band, das die Preußen an ihren Körrig bindet, haben diese Zeiten des Kampfes und Sieges, wenn es möglich war, nur noch fester geschmiedet. Gott schütze Preußen auch in Zukunft und bewahre es als starken Träger des Reiches. Darauf bauen wir rmd führen unseren Kampf zum guten Ende. Auf Befehl Sr. Maj. des Kaisers und Königs erkläre ich den Landtag der Monarchie für eröffnet.
Berlin, 13. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Der Aeltestenrat des Abgeordnetenhauses trat heute vor und nach der Plenarsitzung zusammen. Er einigte sich dahin, die Generaldebatten über den Etat und das Stenergesetz zu vereinigen. Nach der ersten Lesung soll eine längere Pause in den Plenacberatnngen eintreten, damit der Haushaltsansschuß Zeit für seine Beratungen erhält. __
Der Dierverband aus Korfu.
lieber die Geschichte der Insel Korfu sendet uns efit Mitarbeiter folgenden interessanten Rückblick:
Auf Korfu Hausen die Ionier, ein sehr eigenwilliiaer und streng national fühlender Griechenstamm, dem es in der Geschichte schon einmal gelungen ist, das Joch sowohl der Franzosen als auch der Engländer abzuschütteln? 120 Jahre sind es her, daß sich die Franzosen zum ersten Male auf Korfu häuslich niederzulassen suchten. Mr- poleon erschien Ende des 18. Jahrhunderts, nach seinem ägyptischen Feldzüge, mit seiner Flotte in den jonischadriatischen Gewässern: Venedig, das so lange glanzvoll geherrscht, mußte sein Zepter fallen lassen, und im Jahre 1797 bemächtigte sich Napoleon Korfus und der übrigen jonischen Inseln, und er hielt sie fest bis 1814. Der große Kasernenbau und ein schiffbarer Kanal waren seine Hinterlassenschaft. Aber bezeichnend für die Auffassung der Insulaner über -Wert und Wichtigkeit ihrer Stellung war das Verhalten derselben wahirend des französisch-russischen Fekdl- zuges. Die 7 jonischen Inseln bildeten, auch unter französischer Herrschaft, einen Staat für sich, und als Napoleon, vor seinem Zuge nach. Moskau, Rußland den Kri^ erklärte, da hat auch diese kleine Insel-Republik, als selbständiger Teil der ganzen französischeu Macht, dem russischen Weltreich den Mieg erklärt. Der vernichteten französischen Flotte folgte 1814 die englische Seemacht. Den Englländern war es natürlich nur um das Geschäft zu tun. Schon seit Anfang des 17. Jahrhunderts hatten ihre Schmugglerschiffe in dunklen Winternächten zahllose Ladungen der so beliebten Korinthen für den heimischer: Plum-Pudding zollfrei ausgeführt. Auch während der nun folgenden englischen Gewaltherrschaft war die Ausfuhr von Korinthen und Oel die Hauptaufgabe der britischen Verwaltung. Um die Korsioten politisch niederzuhalten, zwang ihnen der brutale Lord Maitland eine engherzige „Verfassung" auf, und seine Nachfolger, Adams, Nngent, Douglas, Mackenzie, Seaton, Ward und Doung hielten jede Regung jeden Aufstand auf der Insel mit eiserner Faust nieder, um nach außen hin mit der üblichen englischen Scheinheiligkeit zu erklären, die Ionier hätten sich seit Homer nicht so wohl gefühlt auf Korfu, wie unter dem englischen „Protektorat". Aehnliches wird ja die Entente vielleicht auch heute im Weltkriege behaupten. Doch Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher. Während hinter den roten Mbanerbergen das neue Griechenland sich in blutigen Kämpfen zur Freiheit emporrang, wußten die Ionier das anßerenglische Europa davon zu verständigen, daß sie lieber sterben als Briten werden wollten. Alljährlich trat der jonische Senat zusammen und alljährlich farrd der Lordoberkommissar an der Spitze des zu beratenden Budgets den einen Punkt: „Wir wollen die Freiheit, wir wollen Griechen sein." Endlich, im Jahre 1859, als der Losbruch der Revolution drohte, schickte England einen besonderen Abgesarrdten. Es war William Gladstone. Dieser sah, daß hier alles gegen England war, und da marr in London politische Verwicklungen fürchtete, wurden die jonischen Jn- eln angeblich aus englischer Großmut gleichsam als Morgengabe bei der Thronbesteigung Georgs I. im Jahre 1864 an Griechenland, abgetreten. Albion vergaß aber dabei nicht, die mit jonischem Gelde gebauten Festungen zu „neutralisieren", d. h. zu zerstören und dem armen Hellas die Pensionen für die englischen Faulenzer aufzubürden, die sich als die B'eamten des Protektorats auf Korsu gemästet hatten. „War das nötig," sraate der englische Schriftsteller Kirkwall seine Landsleute, „oaß der englische Millionär die armen Griechen zahlen läßt?" Nötig war es nicht, aber echt englisch. Hoffentlich lernen die heutigen Ionier aus der damaligen Geschichte nrrd weigern sich ganz entschieden, die Zeche der französisch-englischen Invasion zu zahlen.
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Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen.
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Höchste Temperatur am 12. bis 13. Jan. 1916 — 5,9 8 C. Niedrigste * .. 12. „ 13. , 1916 -- -ff 1,3° C.
Niederschlag: 3,6 mm.


