Ausgabe 
15.1.1916 Zweites Blatt
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Nr. \2

Zwettes Blatt

Erscheint SgNch mit Ausnahme deS Sonntags.

Die ^le^ener ZavrMe«v!Stt«r" werden dem viermal wöchentlich beigelegt, das .HreLsblatt für »eu Ureis Sietzen" zweimal wöchentlich. DierandwlrtschaftNchen Sett. frege«^' erscheinen monatlich zweimal.

166. Jahrgang

ietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Samstag. 15. Januar 1916

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

SchrMeitung, Geschäftsstelle »».Druckerei: Schul­straße?. Geschäitsstelle u.Verlag:^^51,Schrift­leitung: «^K112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Die große Aufgabe der hessischen Zweiten Uammer.

Aus parlamentarischen Kreisen in Da. r m st ad t schreibt man uns:

Die Zeit der Etatsberatung naht heran. Während diese in den Jahren des Friedens in eingehender, monatelang Finanz­ausschuß und Kammer beschäftigenden Prüfung erfolgte, wird sie diesmal voraussichtlich »nieder, wie die vorjährige Pausch- bewilligung, von denr erweiterten Finanzausschuß in streng ver­traulichen Beratungen erfolgen und voraussichtlich auch in den Sitzungen des KaurmerplenumK mit möglichster Kürze und Ge­messenheit erledigt werden.

Die Aufstellung des Staatsvoranschlags für 1916 hat aber diesmal eine ganz besondere Bedeutung, da sie einmal in der schwierigsten Zeit erfolgt, die Deutschland je erlebte, und an­dererseits auch ganz besondere Ansprüche an das Land stellen wird. Da verfassungsgemäß der Zweiten Kammer die Prärogative in allen Finanzangelegenheiteü Übertrager ist, so fällt dem Finanz­ausschuß der Kammer, der die Vorlagen der Regierung in sorg­samer Weise vorzubereiten verpflichtet ist, diesmal eine ganz be­sonders große Aufgabe und eine hohe Verantwortung zu.

Bei der Beratung des Staatsooranschlags muß unseres Er­achtens nicht nur der finanzielle Stand der Dinge im Lande, son­dern -auch die gcurz-e soziale Lage im Reiche mit berücksichtigt Wer­der:. Die finanzieller: Anforderungen, die das Reich infolge der jetzt vorhandene»: Kriegsschuld an jeden Einzelnen zur Deckurrg der Verzinsu»^ und ever:t. Tilgung stellen wird und stellen muß, sind ( ichon zurzeit ganz erheblich und sie werden noch mehr sich stei­gern, länger der Krieg andauert. Diese Reichskriegslast er­fordert jetzt zu ihrer Deckung bereits ein Kapital von jährlich mehrerer: Milliarden, und was das zu bedeuten hat, wird mar: aus dem Umstand ermessen, daß z. Z. die Gesamtsumme der in aUen 25 deutschen Bundesstaaterl auszubringenden direkten Steuern rnrr etwa 800 Millionen Mark beträgt, also nur den kleinen Bruch­teil der für die Verzinsung der Reichs kriegsschuld erforderlichen Summen. Dazu kommen weiter noch natürlich die Leistungen des Reiches für die Kriegsbeschädigten und die Hinterbliebenen der Kriegsgefallenen, deren angemessene Versorgung eine Ehrenschuld des Reiches ist Und ebenfalls große Mittel erfordern wird.

Man kann _ sich bis jetzt wohl noch kaum eine Vorstellung davor: machen, in 'welcher Weise alle diese Anforderungen an das Reich aufgebracht werden sollen. Das Reich hat ja bisher schon rocht empfindlich in die Steuerverhältnisse der Bundesstaate»: durch die Vernkogcns- und die Kriegsgewinusteuer eingegrifsen und die Stimmung im Reichstag scheint ja leider trotz aller erhobenen Bedenken ans einen iveiteren Llusbau der direkten Reichssteuern gerichtet zu sein. Und jeder:falls muß sehr bezweifelt werden, ob der -Bundesrat das erforderliche Maß von Festigkeit besitzen wird, um etwaigen neuen Zumutungen in dieser Richtung zu wider­stehen.

Diese außerordentlich weittragende Tatsache sollte vor allem auch in unserer Zweiten Kammer die gebührende Berücksichtigung finden und die Grundlinien firr ihre richtige Stellungnahme bil­den. Sic wird zu bedenken haben, daß eist Kriegsbudget jedenfalls kein Friedensbudget ist und daß der neue Staatsvoranschlag eben ein Kriegsbudget sein muß, daß darin auch die außerordentlichen Verhältnffse des Krieges berücksichtigt werde:: müssen. In der ;etz:gen schweren Zeit darf man jedenfalls nicht fordern wollen daß der Staat in derselben freigebigen Weise MittÄ für alle möglichen Zwecke zur Verfügung stellt, »vie er das in dankens­werter Weise in den langen, segensreichen Friedcnsjahren tun konnte.

Es wird gut sein, inrmer wieder daran zu erinnern, daß uns das Jakft 1910, das in mancher Hinsicht Aehnlichkeit mit der jetzigen Lage hatte und in welchem der damalige Finanzmiuister eine Erhöhung der Einkommensteuer unt 30 Prozent und der Vermögenssteuer um 46 Prozent verlangte, auch die Einsetzung cmes Vcreinfachungsausschusses brachte, der in allen staatlichen Ressorts nach Möglichkeit Ersparnisse bewirken sollte. Run sehr erhebllche Ergebnisse hat dieser Ausschuß bisher nicht erzielt, was wohl zum Teil auch mit darauf zurückzuführen sein wird, daß dem erneu besonders ungi'instigen Finanzjahr 1908 bald wieder eine Reihe besserer Jahre folgte. Man war der Stcuererhölmng von 1910 sogar in der erfreulichen Lage, in den beiden Rest­

fonds ganz erhebliche Reserven anzusammeln. Diese sind für eventuelle Zeiten der Not und zum größten Teil mit aus den erhöhten Steuern zusammengetragen worden und cs wäre somit jetzt wohl die richtige Zeit gekommen, sie auch mit in An­spruch zu nehmen. Weiter würde auch zu überlegen sein, ob nicht event. auch über das Tilgungsgesetz hinaus eine zeitweilige Her­absetzung oder gänzlicher Ausfall der Sch uldentilgung in die Wege geleitet werden köttnte. Daneben aber müßte vor allem aufs Ernsteste auch jede Etatsforderung daraufhin geprüft wer­den. inwieweit man sie in dieser schweren Zeit vor dem Lande verantworten kann und darf. Es sind bei uns in Hessen ohne Zweifel »venigskeus vorübergehend, also »Nährend des Krieges, noch, erlMiclie Ersparnisse durchaus »nöglich und wenn inan sein Gewissen ganz erleichtert: »vill, so kann man ja dabei den Vorbehalt machen, daß nach Eintritt des Friedens und bei der Wiederkehr besserer Zeiten auch »nieder größere Mittel für den betreffenden Zweck zur Verfügung gestellt werde»: sollen. Wie jüngst in der Presse schon verlautete, wird inan wohl auch in Hessen zur Beseitigung des zu erwartenden Fehlbetrages jetzt um eine Steueverhöhung nickst he rum kommen. Man ist aber in maß­gebenden parlamentarischen Kreisen der bestimmten Airsicht, daß man mit einer Steuer er Höhung von höchstens zehn Prozent durchaus in der Lage sein wird, alle die Schwierig-, leiten, die sich> bei der Balanzierinig des Etats Herausstellen, be: einigermaßen guten: Willen beseitigen zu köirnen. Das wird die große Aufgabe der Ztveiten Kammer sein und inan darf die Erwar­tung hegen, daß sie diese Aufgabe auch ist wohlverstandenem In­teresse des Landes lösen wird!-

Aus Stadt rid Land.

Gießen, 15. Januar 1916.

Ariegsarbeit in Gießen.

VIII.

Die Kriegstätrgkeit der Landes-ttniversität Gießen.

Von Prof. Dr. Sommer. Geh. Med.-Rat.

(Fortsetzung und Schluß.)

Die Tätigkeit des hygienischen Institutes ist ans folgenden: ersichtlich :

Zur Verhütung u:td Bekämpfung von Seuchen bei Zivil und Militär im Bezirk Gießen wurde vom Direktor des Instituts, Prof. P. Schmidt, die Ausbildung von sogen.Hygiene-Helfern" durchgeführt. Es wurden zu dem Zweck während 8 Wochen im Anfang des Krieges regel­mäßig Vorträge und Hebungen veranstaltet, an denen gegen 40 Herren aus Universitäts- und Oberlehrerkreisen sich be­teiligten. Später wurden für die Arbeiten des hygierri- schen Instituts aus diesen Teilnehmern einige besonders geübte Herren mit herangezo>gen, was umso erwünschter war, als die bakteriologische Arbeit überreich und das Institut von Assistenten durch Einziehung plötzlich ent­blößt war.

Zur Weiterbildung und Vorbereitung der jungen Aerzte speziell für Seuchensraaen tvurde eine große Zahl von Vorträgen gehalten (im Reserve-Lazarett I vor Militär­ärzten, Vorträge bei den Orientierun^kursen für ärztliche Tätigkeit im Felde, Vorträge bei den kriegslvissenschaft- licheii Aberft>en der Garnison, Borträge auf Veranlassung des Ministeriums für die hessischen Kreisärzte über Fleck­fieber und Cholera). Das Institut übernahm die hygie­nische Beratung der Kriegsgefangenlager Gießen und Wetzlar in allen einschlägigen Fragen, insbesondere über die Art der Mwässerbeseitigung der Gefangenenlager; Des­infektionseinrichtung der Städtischen Isolierbaracke. Her­vorgehoben sei, daß vom Direktor des hygienischen In­stituts die direkte Einleitung der Abwässer des Lagers urtd Gefangenenlazaretts in die städtischen Kanäle anstatt der An­lage des Grubensystems gefordert tvurde. Im Institut wurden schon bald nach Kriegsbeginn vom Direktor und Pro­fessor Versluys zoologische Studien über die Bedeutturg

der Insekten, ganz besonders der Läuse, für die Verbreitung! von Seuchen im Kriege in die Wege geleitet; eine große Zahl von Länsemitteln wurde praktisch durch Versuche auf ihre Wirkung ourchprobiert. Zur Vertiefung dieser Studien über Läuse, besorftiers in ihrem Zusammenhänge »nit Fleck­typhus, besuchte der Direktor des Instituts das Kottbuser Gefangenlager, wo er unter Führung des Chefarztes, Pros. Jürgens, das Fleckfieberlazarett besichtigen konnte. Im An­schluß an diese Studien im Kottbuser Lager sowie im hygie­nischen Institut wurde der Bau einer moder»:en, für große Massen berechneten Eutla.usungscrnl-a.ge im Gefangenenlager vom Direktor dringlichst gefordert. Nach Rücksprache mit dem Referenten im Kriegsministerium in Berlin, Prof. Hetsch, »vurde der Behörde das System der Heißlustentlausung vvr- geschlagen und mit einem ausführlichen Plane vorbereitet. Bei diesen Vorarbeiten »var Gewerbeinspettor Tr. Stöckle in liebenswürdigster Weise als technischer Berater behilfliche Dieser Antrag wurde von der Militärbehörde genehmigt nnb bald zur Ausführüng gebracht. Zur Unterstützung! der hygienischen Aufklärungsarbeit, insbesondere auch der Unterweisung der Aerzte, wurde eine große Zahl von ver­schiedenen Merkblättern verfaßt u»:d unentgeltlich ver­breitet. Auch erschienen zu diesem Zwecke aus dem hygieni­schen Institut einige Publikationen im Zentralblatt für innere Medizin, nämlich: P. Schmidt: Ueber die Ver­hütung und Bekämpfung von Kriegsseuchen. I. Vers­luys: Ueber die Verbreitung von Seuchen durch Insekten im Kriege. E. Hesse: Die Hygiene im Stellungskriege. EndlichI. Versluys: Die Verbreitung von Seuchen durch Insekten und andere Gliederfüßler im Kriege, im Bericht der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde zu Gießen. P. Schmidt: Krieg-Gesundheitsbüchlein (für Laien). Der Einfluß der Abwässer des Kriegsgefangenen­lagers und der vermehrten Garnison auf die Beschaffenheit des Lahnwassers wurde einer eingehenden bakterio­logischen und chemischen Prüfung unterzogen mit dem Re­sultat, daß eine wesentliche, nachteilige Veränderung des Lahnwassers weder in Gießen noch anderswo konstatiert wurde. Die Frage der Trin kwas s e r sterilisie- rung mittelst Chlorkalk wurde auf Veranlassung des be­ratenden Hydrologen des 19. Armeekorps, Dr. ing. Thiem, einer experimentellen Prüfung unterzogen und darüber in der internationalen Zeitschrift für Wasserversorgung wissenschaftlich berichtet. Sämtliche Seuchenfälle und Seuchen verdachtfälle aus den Kliniken der Universität wurden im hygienischen Institut bakteriologisch untersucht, desgleichen auch aus besonderen Antrag eine Reihe von Fällen des Kriegsgefangenenlagers in Wetzlar und des Festnngslazaretts in Koblenz. Um die Diagnose des Typhus und Paratyphus möglichst zu beschleu­nigen, »vurde eine besondere OrgMnsatio:: der bakteriologi­schen Blutnuterfuchung in die Wege geleitet. Die dafür empfohle»:e Methode wurde in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (1915 Nr. 2) beschrieben. Aus Veranlassung des preußischen Kriegsministeriums wurde:: im Institut 250 Liter Cholera-Impfstoff hergestellt, wobei Pro­fessor Versluys wertvolle Dienste leistete.

Abgesehen von diesen besonderen Veranstaltungen usw. hat sich die Dr^entenschaft der Universität in mannig- saltiger Weife durch Vertretung eingezogener Kollegen be­tätigt, um Lücken des Unterrichts zu vermeiden und den Universitätsbet rieb in den wesentlichen Punkten möglichst unverändert zu lasse::. Auch bei der Abhaltung der Kollegien waren infolge verminderter Zahl der Hörer manche Ver­änderungen notwendig, die im allgemeinen zu einer Ver­stärkung des praktischen Unterrichts geführt haben.

Eine lediglich durch den Krieg bedingte Einrichtung war die vom Rektorat veranlaßte und mit Hilfe der hie-

Deutschland.

Bon Anton Fendrich.

Es war Sonntag. Der Schnee auf der breiten Landstraße, die tom Dorf in die Stadt führt, lag im hellen Abendgold der unkenden Sonne. Die Welt »oar in eine überllare Durchsichtigkeit getaucht,, und die Menschen, die Bäume, die Häuser, alles stand do »nie scharf ausgeschnittene Schattenbilder vor den: Licht. Vor mir ging eine kleine Schar Verwundeter, die von ihrem Sonn­tagsspaziergang ins Lazarett zurückkehrten. Ta sah es nun sehr merkwürdig aus, »vie manche tarn ihnen auf einem Bein zu gehen schienen. Denn das andere Bein fehlte, und die dünnen Krücken hüben und drüben sah ich auf die große Entfernung nicht. Auf der Unteren Plattform der Elektrischen ttaf ich zehr: Minuten später mit :hnen zusammen.Es friett mich an die Füße," sagte emcr von Upen, Und humpelte an seinen zwei Stöcken in den Wagen hinem.Das ist der Votteil, wenn man nur noch ein Bern hat, daß es einen an das a»:dere nicht friere»: kann," sagte ein ZWetter, der gegen die geschlossene Tür gelehnt zwischei: seine»: seinen zive: Krücken hing. Alle lächelten.An den friert's »nich auch nimmer," sagte ein Dritter, der fest mit beiden Füßen da­stand und leicht mtt einem Stock spielte. Ich sah mir den Fuß, an den er nicht fror, genauer an. Die andern lachten. Da nahm der Sprecher fernen Stock und klopfte damit an den Fuß. Es klang hatt. Es war ein künstlicher. Alle lachte»: laut auf. Da meinte ein Vierter schmunzelnd:Und mich fiiert's an kerns von beide»: Beinen mehr, obwohl sie alle zwei noch. echt sind." Ich sah ihn fragend an. Da lüftete er seine Mütze und zeigte mir den Platz, »vo ihn ein Granafiplitter in den Hinterkopf getroffen. Seither .kg-nn er zwar noch- gehen mit Hilfe von zwei Stöcken, aber ers hat keinerlei Gefühl. Er wollte »nir gerade erzählen, daß dem­nächst ein letz^r Splitixrrest aus dem Kopf operiert würde, da stieß mich einer an. Ganz ernst. Tie Elektrische hielt gerade, und er breitete hinaus auf ein seltsames Bild. Ganz umflutet von der Goldluft der sinkenden "Sönne, stiefelten vier Soldaten in einer breiten Reihe daher und nahmen den ganzen großen Bürgersteig für sich ein. Eigentlich waren sie zu fünft. Tie fünfte Person schic»: aber ein junges Mädchen zu sein und ging in ilwer Mitte. Lrpv am Arm hatte sie eine»: Soldaten, der ihr einhäugte, und rechts ebenso. Und die zwei Soldaten links und rechts hatten den Kameraden mich eingehängt. Sie gingen manchmal mit langen, manchmal mit kurzeit, aber- rmNwr ettvas unsicheren Schritten. Dann u»:d wann kam die Reihe auch etwas ins Wackeln, und da das Mädchen gerade etwas Lustiges erzählte, worüber alle Viere lachten, lag nichts näher als der G^evanke, daß das Quintett sich draußen auf dem Dorf leicht angeheitert hatte. Ms sie näher kamen, begriff ich, »varum der Soldat mich so er»:st angestoßen hatte. Sie »raren alle blind, und das Mädchen in der Mitte »var eine RoteKreuz-Schtvcster. Lautlose Sttlle stand zwischen den Sol­daten 'und »nir auf der Plattform, Dia,:»: hörte man plötzlich, »vie der Tritte noch, einmal mit dem Stock an sein Künstbein klopfte und sagte:Ein Bein ist nichts, ein An»: ist auch nichts, aber ein 2hug' oder gar alle zwei! U»w dazu noch lachen können!!"

Ta klingelte schrill die .Wagenglocke, und die Elektrische fuhr weiter.

*

Da§ Schillerftagmentwarbeck".

Ein Trauerspiel in 5 Akten von Viktor Hahn.

Im Darnrstädter Hofthcater fand heute (Donnerstag) abend eine Uraufführung des TrauerspielsWarbeck" statt, das der Berliner Schriftsteller und ZeitungsHerausgeber Viktor Hahn frei nach Schillers Fragment bearbeitet hat. Wie das Schiller­fragmentDemetrius", so behandelt auch die andere der beiden unfertig hinterlassenen Arbeiten des Dichters eiir ganz ähnliches geschichttiches Thema, nämlich das Schicksal eines Betrügers, der sich einen Königsthron eriverben will, aber dabei zugnnchie geht. Ueber den Stoff hat Schiller selber in einem an Goethe gerichteten Brief aus Jena, 20. Aug. 1799, näheres berichtet: Unter der Regierung König Heinrich VII. von England sei ein Betrüger namens Warbeck aufgestanden, der sich für eine»» der­jenigen Prinzen Eduard IV. ausgab, die Richard III. im Tower hatte ernwrden lassen. Der vermeintlick)e Prinz wußte sck»einbare Gründe für seine Rettung anzugeben unb sa»tt> eine Partei, die ihn anerkannte und auf den Thron setzen wollte. Eine Prinzefsin desselben Hauses Pork, aus dem König Eduard sta»»nnte (Prin- zessir» Margarete von Burgu»ü>) und die gegen Heinrich VII. Händel erregen wollte, mtterftützte den Betrug und brachte Warbeck als Fürsten (Mchard von Bork) an den Burgunder Hof. Nach­dem er aber dott eine Zeitlang eine Rolle gespielt hatte, mankierte" das Unternehmen und der Betrüger »virrde ent­larvt und hingerichtet. Goethe »var von diesem dramatischen Vorwurf sofort begeistett »md antwortete Schiller, daß der tra-> gische Gegenstandauf den ersten Anblick viel Gutes" habe, und er darüber Nachdenken wolle. Das von Schiller sehr frei behan­delte Sujet hat ihn lange beschäftigt. Der Bttrüger hieß eigent­lich Peter Osbeck und war in Tvur»:ay geboren und in Antwerpen erzogen worden. Er soll auch mit Eduard IV. große Aehnlichkeit gehabt und von Margareta als Mchard von Pork eingefühtt worden fein. In Irland und Schottland sammelte er ein Heer, mit dem er 1497 in Cornwall erschien und den Königstttel Mchard IV. annahm. Er unterAg aber in dem Kampf mit Heinrich VII.. wurde gefangen genommen und hingerichlet. Schiller hat nun diesen Stoff zu inem Schauspiel gestalten wollen, wie aus seinem Briefrvechsel mit Oioethe l-ervorgeht, indem er Warbeck auf den Thron verzichten ließ; er ist aber später »weder davon abgekommen, weil der Stoff zu unwahrscheinlich und keine rechte Haichlung darin war, auch dem Helden jede Möglichkeit ei»:er selbständigen Handlung fehlte und er ganz in der Gewalt der Margareta stand. Der neue Bearbeiter hat nnn auf Schillers ursprünglichen Plan zurückgegriffen und das Ganze wieder zu einem Trauerspiel mit einem Vorspiel gestaltet, wobei er sich im allgemeinen streng an dessen vollständig ai^gearbeitetes Sze- narimn hielt. Auf die Einzelhefte»: der Darstellung und der Bearbeitung des Fragmentes »verden wir nach der z»veiten Auf­führung näher cingehen. Für heute die Aufführung dehnte sich

bis nach 11 Uhr aus sei »:ur bemerkt, daß die Aufnahme im allgemeinen sehr beifällig »var uiib das stark besetzte Haus (auch das Großherzoggpaar war zugegen) Hauptdarsteller und Verfasser mit zahlreichen Hervorrufen auszeichnete. Fr. H.

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Swerdrups Forschungsreise. Ueber einige Er- gebniffe seiner Expedition längs der Nordküste Asiens machte Otto Swerdrup nach seiner kürzlich erfolgte»: Rückkehr »wch Christtania einige Mftteilungen. Die Expedition überwinterte, »oie die Geo­graphische Zeitschrift in ihrer neuesten Nummer berichtet, an der Ostseite von Kap Wftd, vo»: »vo m»s eine Schlittenfahrt n:it 30 Hunde»: zur Aufsuchung ztveier an der Ostseite der Taimpr- Halbinsel eingefrorener russischer Schiffe uitteniommei: trmrde. Um zu den Sckftffen zu gelangen, mußten 330 K'ftometer Weges zurück­gelegt tverden. Da dott l>erefts der Proviant zu fehle»: begarm^ »vurden 30 Ma»u: der Besatzung mitgenommen, die de»: Rückweg zu Swerdrups ExpeditionsschiffEclipse" zu Fuß zurücklegen in»ißtcn, »veil nicht genügend Platz für sie auf den Schlitten »var. Swerdrup gibt de»: Hunden als Zugtreren den Vorzug vor de»: Renntieren, da diese zu schwer abzurichten sind. Die Einsamkeitsinfel, die seit ihrer E»:tdecku»u» d»:rch Edward Johannsen im Jahre 16/8 von niemaird »nieder^ betreten »vorder: ist, »vurde ei»:gehend durchforscht; die Insel ist völlig flach, es wurden daselbst reiche Steinkohlen­lager^ entdeckt. Der Haripterfolg der Expedition bestand in der Richltigstellrurg der Karte zwischen Kap Tscheljuskin und Jenissei- Mündung. Am 16. September 1915 befmid sich Siverdrup »nieder in Archangelsk, wo ein sehr lebhafter Hafenverkehr zu beobachten war.

Auffindung des^Skelettes eines Riesen­elefanten in England. Ein vorgeschichtlicher Fuift) von Bedeutung ist bei Upton in der Nähe von Chatham in England unlängst gemacht worden. Dort lvurden bein: Ausheben einer Grube Knochen eines ungeh>euer großen Elefanten erttdeckt, der an Größe bei weitem das Manrrnut übertroffen haben muß. Dieser Rieserrelcfant muß eine Höhe von mindestens 4,55 Metern erreicht haben: und das ist eine Größe, die »nan bisher an keinem anderen lebenden Wesen kennen gelernt hat. Die Zähne dieses vorgeschichtlichen Mesenelcfanten scheinen ungefähr ebenso gestaltet gewesen zu sein, wie bei denr jetzt lebe»ft)en Elefanten: sie müssen eine Länge bis zu 4,85 Metern und noch darüber erreicht habe,:. Kops, Schultern und Vorderbeine »varen ungehe»»er entloickelt. Die ^größte bekamtte Man:m»»tart, der amerikanische Elephas Im­perator. hat eine Höhe von 4,10 Metern erreicht. Das ge»vöhn- liehe Mamnrut (Elephas primigc»ri»:s) umr kaum über 2,90 Meter hoch. Der jetzt lebende afrikanische Elefant kann eine Größe von etwa 3,50 Mttern erreichen. Es erhellt aus diesen Zahlenangaben, daß sowohl der jetzige Ncfant, »vie auch das Man:mut in ihren Größcnverhälttiissen »veil hinter den: neuaufgefuift>e»:cn Mese»:- elefante»: zurückbleiben. Von seinen Zähnen »vurde ein Stück m Länge voir über 1,80 Meter gesunden, woraus die GcsaiMäng« der Zähne berechnet lvorden ist.