Nr. 2 Zweites Blatt
ErfthemütSMHnnit'AuSnrchnre Les Sonntags.
Die Eichener Ka«ilr«chKttek" werden dem ^Anzeigee" viarnml wöchentlich beiqelegt, das .FreLr-Ktt firr den Ureis Sichen" zweimal wöchentlich. Die .Landwirtschaftlichen Seitsragen" erscheinen monatlich zwennal.
Hessen in Paris.
Mian schreibt uns:
Kein Mißverständnis! Es handelt sich nicht um die Gegen- Ivart sondern um die Zeit vor dem Weltkrieg insonderheit um das Jahrhundert. Daß sich in den dreißiger Jahren des
^^rhunderts mit der beginnenden größeren Freizügigkeit in * tm * ) * ne . llroß.e Answanderungslust geltend machte, ist wohlbekannt Par:s. die vielgerühmte, lockende Hauptstadt Frank- E-s, war das beionders bevorzugte Ziel vieler Tausende deutscher Volksgenossen, die sich von dem heimatlichen Boden trennten, um ihre wirtschaftliche Bedrängung und ihren ärmlichen Erwerb durch reichere Emnahmen in gepriesener „Lichtstadt" zu vertauschen und
um vielfach gewaltige — Enttäuschungen zu erfahren. Heute, wo wiederum eine gewaltige „Wanderung" deutscher Volksgenossen nach Frankreich — wenn auch noch nicht bis Paris — stattgefunden 1 ) 01 , wo Millionen der Besten des deutschen Volkes eine furchtbar ernste blutige Arbeit drüben zu vollziehen haben, ist ein Rückblick in jene Zeiten des vorigen Jahrhunderts volksgeschichtlich wohl Nicht ohne Interesse. Man darf ihn umso unbedenklicher unternehmen als die Zeiten, da deutsche Landsleute gezwungen waren, iin Ausland ihren Verdienst zu suchen, wohl ein für allemal vorüber smd.
Die Monatsblättcr für Innere Mission bringen sehr interessante Mitteilungen über jene Auswanderer und ihre Geschicke in der französischen Hauptstadt. Nach amtlichen Angabeu betrug die deutsche Bevölkerung in Paris in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts etwa 100 000 Personen, darunter auch eine recht erhebli'chfe Zahl hessischer Landsleute, die einen besonderen ge- ineinsamen Arbeitszweig, den der „h e s s i s ch e n Straße n - kehr e r". bildeten. Da ist es denn für uns von besoiiderenr Interesse, zu erfahren, daß dliese an sich gewiß recht ehrenwerte und nützliche Zunft sich fast ausschließlich ans unserer lieben Provinz Oberhessen. und zwar aus den Kreisen Gießen, Grünberg. Alsfeld und Nidda (damals noch Kreishau vtstadt) rekrutierten, Gegenden, die sich in jenen Tagen ebenso sehr durch großen .'idindersegen als durch mangelhafte Erwerbsverhältnisse auszeich- ncten. — Daß für viele, ja wohl für die meisten dieser bedrängten Leute auch in Paris nicht gerade der wolkenlose Himmel des Glückes l-achte, ist wohl begreiflich. Sehr anschaulich wird die Lage und zugleich die charakteristische Auswanderungsgeschichte dieser „Hessen in Paris" durch einen deutschen Pfarrer dortselbst geschildert. Gr berichtet darüber u. a. folgendes: „Wenn die Leute nicht wissen, wie sie in der Heimat aus den Schulden berauskommen sollen, greifen sie zum Wanderstab, um in der Fremde sich ettvas zu ersparen und mit dem Ersparten ihr kleines Eigentum von Schulden zu befreien. Die guten Leute lassen es sich sauer genug werden; gewöhnlich bricht der Hausvater zuerst auf, macht mit entlehntem Gelde die Reise nach Paris, logier; sich dort gar eng und cklein bei einem Landsmann ein und läßt sich nun anwerben unter die Gassenkehrer. Der Verdienst ist nicht groß. Geht alles nach Wunsch, fo läßt der Mann seine Frau und Kinder nach einiger Zeit Nachkommen und nun muß die arme Frau sich in eine enge, Rumpfe Stube einzwängen, die Wohnzintmer, Schlafzimmer, Küche, kurz alles in allen: ist, ja in der sogar oft außer den zahlreichen Familiengliedern Landsleute als Kostgänger ausgenommen werden. Soll die Haushaltung durchkommen, so muß nun die Frau gleich dem Manu auch morgens hinaus mit dem Kehrbesen und muß die armen Kinder, auch den Säugling, allein zurücklassen. So geht es fort, jahraus, jahrein; ist der Mann kein Trinker und bleibt die Familie von schweren Krankheiten verschont, so kann er es wirklich dahin bringen, daß nach einer Reihe von Jahren die Heimreise angetreten und das nun schuldenfrei gewordene Häuschen im Heftnatdorse wieder bezogen wird! Aber wie wenige erreichen dieses Ziel der Sehnsucht! Wie mancher biedere treue Hausvater und Hausmutter ist nach jahrelanger schwerer Arbeit :md endlosem Kainpfe unterlegen und hat in frenrder Erde das Grab gefunden. Es ist jq wohl zu begreifen, daß in den elenden, überfüllten, schmutziges Wohnungen bei der ärmlichen, zu sparsamen Lebensweise die Krankheiten oft verheerend einbrechen und jung und alt hinwegraffen."
Aber unter den geschilderten Verhältnissen waren die hessischen Landsleute in der großen versuchungsreichen Weltstadt auch in sittlicher und seelischer Hinsicht großen Gefahren ausgesetzt. Ein anderer Geistlicher, Pfarrer Mast, der mehr denn 13 Jahre in Paris
166 . Jahrgang
tätig war, macht hierüber ebenfalls eingehende Mitteilungen, die wir zun: Teil nachfolgend wieder geben wollen:
„Weil alle aus einem Lande stammen, zieht einer dem andern nach und sie nisten sich gemeinschaftlich zu 10, 20, 30 Familien in einem und demselben Hause, in großen Höfen (cites genannt) ein. Da verdirbt viele böse Gesellschaft die noch übrigen guten Sitten. Neid^ und Streit, Augenlust und Fleischeslust, Klatscherei und ^-piel, Spott und Verführung finden bei so engem Zusammenleben die unerdenklichste Nahrung und Gelegenheit. Für die von 10 Uhr an den ganzen Tag über freien jungen Leute liegt die Versuchung nahe, die freie Zeit in schnöder Wüiie zu verbringen. . . Zu allem Elend kommt hinzu, daß die armen Kehrer keinen Sonntag, keinen Festtag haben usw." Besonders lehrreich über das Leben der hessischen Straßenkehrer in Paris berichtet der weithin bekannte, nach einen: ganz und gar der Nächstenliebe gewidmeten, überaus segenvollen Leben vor einigen Jahren in Bielefeld verstorbene Pastor Bodelschwingh, der damals Missionsprediger in Paris war. Neben den großen Gefahren für die Deutschen in der Weltstadt, die er vor allem in der Sonntagsarbeit, der Geldgier und dem durch die Arbeitsverhältnisse bedingten Müßiggang erblickt, weiß Bodelschwingh auch von erfreulichen Lichtseiten gerade der hessischen Einwanderung zu berichten. Er «erwähnt an Leu Hessen die Tatsache, daß sie fast allein unter allen deutschen Ansiedlern nicht in die überall beklagte Untugend der Deutschen im Auslande verfielen, ihre deutsche Art sobald als möglich abzustreifen. Während mau. sonst ganz allgemein die betrübend? Erfahrung gemacht habe, daß bereits die Kinder der nach Paris Eingewandcrten die deutsche Sprache und Sitte vollständig einbüßten und Franzosen wurden, hielten die Hessen zäh am deutschen Wesen fest.
Ein anderer Geistlicher gibt unseren hessischen Landsleuten in Paris das rühmliche Zeugnis: „An ihrer kernigen deutschen Natur prallt das französische Wesen ab, sie bleiben Deutsche in Sprache^und Sitte." — Nicht ohne Humor schildert ein anderer, Pastor Schäfer, ein Hesse vor: Geburt, die oft komische Art, wie sich seine Stammesgenossen mit der französischen Sprache abzusinden wußten. Der Boulevard war für sie der „Bullcwagen", der Champ de Mars nn:rde zum „Schandmars", Champ Elysees zur „Schand- elise", der Place Maubert pm „Platz Momberg" usw.
Sv wurde das sprödeste Französische germanisiert und das seiner Wortbedeutung nackt völlig Dunkele und deshalb schwer Behältliche wurde lichtvoll und verständlich.
Zu einer gemeindlichen und kirchlichen Orgamsation der hessischen bezw. aller deutschen Elemente kam es Mitte des vornan Jahrhunderts. Besondere Verdienste um die deutschen Ansiedler, namentlich auch in Ansehung des Unterrichtswesens, erwarben sich schon um 1840 zwei französische treffliche lutherische Geistliche, Meyer Und Schelte, in Gemeinschaft mit mehreren von ihnen hevcmgezvgen.en. jungen deutschen Geistlichen. Das Zusammenwirken der französischen und deutschen Pfarrer in Paris zu jener Zeit wird als geradezu ideal geschildert. Die französischen Pastoren hielten sogar für die Deutschen Gottesdienste in deutscher Sprache.
Von wesentlicher Bedeutung war aber besonders Bodelschwings Tätigkeit als Mitarbeiter des „Komitees der 'evangelischen Mission" in Paris um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Seinem rastlose:: Eifer, verbunden mit einem überaus praktischer: Blick für die Wirklichkeit, gelang es nicht nur, geeignete Lehrkräfte für die deutsche Schule zu gewinnen, sondern er verstand es auch, ihr eine Heimstätte zu verschaffen. Auf einem kleinen Akazienbügel der damaligen Vorstadt La Vilette hatte Bodelschw-ng , der Schuumister der armen Gassenkehrerkinder" wie er sich selbst betitelte, znm Bauplatz für einen von ihm mit seinem treuen Lehrer Will im Grundriß entworfenen Schulhausban ausersehen, der zugleich auch Kirche, Lehrerwohnung und Pastorat werden sollte. Dem Plane folgte sehr bald die Tat und am 7. Dezember >1858 konnte das bescheidene Häuschen bezogen werden. Nach nicht allzulanger Zeit konnte das Missionskomitee den Hügel käuflich erwerben und schon Weihnachten 1859 thronte auf seiner Höhe ein zweites Haus „Das Hügelpfarrhaus". Immer eifriger entfaltete sich die Tätigkeit für die deutschen Auswanderer in der Lichtstadt. Rings um die Abhänge des Hügels her bildete sich eine deutsche Kolonie mit freundlichen gesunden Wohnungen zunächst für zwölf deutliche Familie::, die dort eine stille Heimat fanden. Im Jahr 1861 kam zum Schülhcms und Pfarrhaus das lange ersehnte Gotteslzcrus, „Die Hügelkirche", die am 4. Advent 1861 in Gebrauch genommen werden konnte.
wie Heinrich von Meist zum preustendichter wurde.
Als der eigentliche „Preußendichter", als der größte Genius und Verherrlicher des Hohenzollernstaates ist Heinrich von Kleist erst in diesem Kriege entdeckt worden, und unter diesem Gesichtspunkt erscheint uns so manches in seiner Entwicklung und seinen' Beziehungen in ganz andere::: Licht. In einer schwungvoll geschriebenen, interessanten kleinen Schrift „Heinrich von Kleist, der Dichter des Preußentums", die deinnächst bei Cotta erscheint und znm erstenmal Leben und Schaffen des großen Dramatikers mit diesen neugewonnenen Anschauungen und Gefühlen betrachtet, verleiht so der Verfasser M a x F: s ch e r der Freundschaft Kleists zu Adam M ü ll c r eine bisher nicht genügend betonte Bedeutung. Nach Fischers eingehenden Studien, die für ein Merk über Müller gemacht wurden, ist Adam Müller Kleists Erzieher zum Preuße nt - tum geworden. Er war „der einzige unter seinen Freunden, die selbst eine eigenwüchsige Persönlichkeit gewesen ist, der einzige, dem es vergönnt war, ans .Kleist einen bemerkenswerten Einfluß auszUüben". Seine Persönlichkeit und sein Verhältnis zu dem Dichter waren bisher völlig verkannt worden; man hat ihn einen Wirrkopf und Scharlatan, ja „den bösen . Dämon Kleists" gescholten. In Wirklichkeit war er einer der tiefsinnigsten und fruchtbarsten Denker seiner an großen Menschen so reichen Zeit. Er erkannte d ie lieber legen heit der schöpferischen Kraft und genialen Leidenschaft an seinem um weniges älteren Freunde rückhaltlos an; er wußte aber auch ans der Fülle seiner Weltanschauung Kleist entscheidend zu befruchten. „Er ivar es, der des Dichters Interesse und Verständnis für das staatliche Leben erweitert und vertieft hat; er, selber ein preußischer Becuntensohn, hat den entwurzelten märkischen Offizier >nieder Hur Einfühlung in den wundervollen Organismus des preußischen Staates und in die vaterländische Geschichte hingeführt." Dieser Prophet eines romantisch mittelalterlichen Staatsideals lenkte den Dichter hin auf die Märchenpfade bunter Phantastik, aus denen die urdeutsche Hulbaestatt des Käthchens von Heilbronn erblüht ist. Er stärkte ihn in seinem nationalen Empfinden, und was Müller in seiner konservattv patriotischen Gesiimung wider den weltbürgerlichen und revolutionären Zeitgeist schrieb und predigte, das gewann dichterische Gestalt in dem vaterländischen Erlebnis des märkischen Edelmannes, in dem unbewußten Empfinden d:eses Sprößl:ngs aus uraltem Solöatengefchlecht, dem die St:mme des Blutes den gleichen l-eiligen Haß, de:: gleichen Kämpf für die höchsten Guter der Nation befahl. Das rechte Berstäudn:? für den überpersönlichen Ewigkeitswert des Staates erwuchs Kleist aus der Philosophie Müllers, der am eindringlichsten und tiessftrnigsten die gewaltige Bedeutung des Staates verfochten hat und durch e:ne Neubeseelung des völlig zurückgedrängten polnischen Lebens d:e nationale Wiedererweckung Deutschlands heraufführen wollte. Klcrst befreite sich nun von dev Rousseanschen Staatsauflasiung i eurer,>zu- gend, die in dem Staate nur einen nüchternen Vertrag, ein Mittel Lur größtmöglichen Wohlfahrt der Bürger sehen wollte und
„rang sich empor zlu der Höhe der Adam Müllerschen Staats- Philosophie, die in dem Staat einen höheren, eigenlebigen Organismus erkannt hatte, der nicht dem Individuum dienstbar sei, sondern dem dieses sich unterzuordne:: habe. 11n!d indem Kleist sich die Philosophie seines Freundes zu innerem Erlebnis erarbeitete, wurde ihm bewußt, wie gerade in der Geschichte seines preußischen Vaterlandes sich die Majestät nnb das organische Leben des Staates offenbarten." Aus diesen heiß erlebte:: Gedanken ist sein „Hohes Lied des Preußentums", ist der „Prinz vm: Homburg" entstanden, in dem ans dem Gegensatz zwischen Einzelpersönlich- kcit und Staat eine so wundervolle höhere Harmonie der staatlich-bindenden und der individuell befreienden Kräfte hervorwächst. Es war ganz im Sinne Adam Müllers, wenn Kleist die letzten reifsten Werke seines Geistes in den Dienst der Vaterlandsidee und des Nationalstaates stellte, ganz nach dun Wort dieses Philosophen: „Die Poesie ist eine kriegführende Ndacht, be: allen großen Wellhändeln zugegen."
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Aus Anton v. Werners Stubenmalerlehrjahren.
Bevor Anton v. Werner die Kunstakademie zu Berlin bezog, hat er vier volle Jahre, von 1857 bis 1860 als Stubenmalerlehrling in seiner Vaterstadt Frankfurt a. O. gearbeitet, lieber diese seine Lehrzeit haben sich in seinem Nachlasse Aufzeichnungen vorgefnnden, die nicht nur für die Lebensgeschichte des Künstlers, sondern auch für das handwerkliche Leben und Treibe:: jener Zeit von Interesse und Wert sind und jetzt durch Lilli v. Werner im neuesten Hefte der „Deutschen Revue" ^Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart) bekannt gemacht werden. Werners erste Aufgabe bei seinen: ersten Lehrherrn war, den niedrigen Staketenzaun eines kleinen Gartens, der hinter dem Frankfurter Theatergebäude gelegen war, mit grüner Oelfarbe zu bemalen und mit weißen Köpfen zu verziere::. Er führte diese Arbeit mit Ernst, Eifer und zur Zufriedenheit seines Lshrherrn aus. Uebrigens war dieser erste Teil seiner Lehrzeit, wo er mit seinem Lehrherrn Gitarre spielte und auf die Schmetterlingsjagd ging und nrit Arbeit nicht allzusehr geplagt wurde, recht angenehm. Sein Meister war ein besonderer Kenner der Schriftmalerei und nrit Arbeit für die Herstellung der Firmenschilder zu den Messen immer überhäuft, ebenso wie mit Inschriften auf Aöothekergefäßen und ähnlichem. Er führte Werner in die Schönheit und organische Konstruktion der verschiedenen Schriftarten ein: auch mit den Geheimnissen der im Üackierofen behandelten Gegenstände wurde er bekannt gemacht und hat u. a. manches Dutzend Schnapsflaschen mit ein paar Rosen und einem Sprüchlein mit Gold bemalt und dem Ofen zum feinen Schmelz anvertraut.
Von ganz anderem Kaliber war der zweite Meister, zu dem Werner ka:N. Dieser trieb nebenbei die Porträtmalerei, trug lange, gekräuselte Haare und einen breiten, umgeschlagcnen Hemdkragen, spielte auch Gitarre und sang mit einer durch einen Polypen in der Nase etwas behinderte:: Stimme dazu Lieder. Seine
Dienstag, 4 . Januar W6
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiräks - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießer:.
Schriftleitung,Geschäftsstelle u.Truckerei: Schul-
flttaße?. Geschäftsstelle u.Perlag:^^öt,Schrift-
leitung: e=f@112. Adresse für Drahtnachrichten: Artiger Gießen.
Eine Zeit der Blüte für die deutsche Hügelgemeinde war angebrochen und erfreute s:ch einer stetige:: gesegneten Weiterentfal- tung bis zum Kriegsjahr 1870. Ein herber Verlust für die Gemeinde in dieser Blütezeit :var der Fortgang ihres Begründers^ Ler nach sechsjähriger segensreichster Wirksamkeit einen Ruf in seine westsälrsche Heimat angenommen hatte. Sein Nachfolger war Pastor Berg, dem Ende 1869 Pastor Th. Schäfer ans Friedberg :n der Wetterau, Sohn des bekannten Direktors der Blindenanstalt in Friedberg. Schäfer übernahm die Leitung der Hügelgemeinde, nachdem er sich zuvor nn: die Sammlung der in südwestlicher Stadl neu angesiedelten Hessen besondere Verdienste erworben batte.
Kirchen- und Gemeindeleben war in erfreulichstem Wachstum und in innerer Vertiefung begriffen, als mitten in die hoffnungsvolle Blüte der wilde Sturm des Krieges verheerend hereinbrauste.
„Der Deutsch-französische Krieg 1870/71 und in seinem Gefolge die Belagerung von Paris und die Ausweisung der Deutschen vernichteten die deutschen Gemeindenbildungen. so daß nur die französische:: Zweige übrig blieben, aber auch diese durch die Not der Zeit stark geschwächt und in ihrer ganzen Existenz bedroht^ wurden."
Schwer batte die deutsche Gemeinde unter den Schlägen des Krieges zu leiden. Je mehr sich sein Verlauf ungünstig für Frankreich gestaltete, um so gefährdeter wurde die Lage der Deutschen in Paris. In der Vorstadt Vilette brach die Revolution aus und zerstörte über die .Hälfte der Hügel gemeinde. Ihren Höhepunkt erreichte die Gefahr, als der Sturn: der Kommunen ausbrach. Bei dem Kanonenkamvf zwischen Park von Vilette und dem Montmartre schlug auch eine Bombe in das Hügelkirchlein, ohne jedoch großen Schaden anznrichten. Die Deutsche Kolonie stand mitten im Kugel- und Granatenregen, der zahlreiche Opfer an Menschenleben kostete, wunderbarer Weise aber keines der Gebäude auf dem Hügel Versehrte.
Der größte Teil der Gemeinde war geflohen und oamit das deutsche Element stark herab-gemindert, an manchen Orten sogar völlig vernichtet. Erst 1876 kehrten hessische Familien, die während des Krieges nach« der alten Heimat geflohen waren, wieder allgemach nach Paris zurück und nahmen großenteils die alte Beschäftigung wieder auf. Bon Jahr zu Jahr nahm die Zahl der Zurückkehrenden zu und 1880 zählte die Hügelgemeinde schon wieder 2000 Seelen. Tie Zahl der Schulkinder betrug 1882 sogar schon 360, mehr als die Höchstzahl vor dem Kiieg 1870/71.
Da trat ums Jahr 1884 ein starker Rückschlag ein. Der schlechte Geschäftsgang, der Rückgang von Handel und Wandel machte Tausende von Arbeitern brotlos. Franzosen wurden nun auch, den Hessen als Straßenkehrer vorgezogen, viele unserer Landsleute verlören dadurch ihren Verdienst. Manche ließen sich naturalisieren, die große Mehrzahl der hessischen Kehrerfamilien jedoch kehrten in die deutsche Heimat zurück. Aber auch die Naturalisierten hielten an der deutschen Sprache und an deutscher Art fest, blieben Glieder der deutschen Kirche und schickten ihre Kinder zur deutschen Schule.
War auch bis 1888 die gesamte reichsdeutsche Bevölkerimg in Paris von 36 000 auf 26 000 zurückgegal:gen, so batte doch die Tätigkeit des „Komitees für deullche Kirchen uud Schulen" im Laufe der Zeit rocht bedeutende Erfolge e^ielt. So wurde im Zentrum der Stadt 1894 ein größeres deutsches Gotteshaus, die „Ehristuskircbe", erbaut, als Mittelpunkt der Christusgenreftckie. Zur Fürsorge für deutsche Mädchen und deutsche Kellner in Paris wurden Vereine ins Leben gerufen, die Dauseuden junger Leute zugute kamen. Auch! ein Gemeindehaus zur Pflege der Gemeindearbeit laurde gegründet. Bedauerlicherweise :nußte 1905 infolge des sog. Trennungsgesetzes auch die deutsche Schule aus dem kirchlichen Organismus ausscheidm. Als selbständige, unabhängige Organisation bildete sich dann 1907 die „Deutsche Schulgesellschaft", während sich 5)ügel gemeinde und Christus gemeinde unter dem offiziellen Namen „T>eutsche evangelische Kirche in Paris" zusamnrenschlossen. Seft 1906 besteht noch eine dritte deutsche Gemeinde ft: Paris, „Evangelftationsgemeftrde".
Unter Vermittlung des Deutschen evangelischen Kirchenausschusses übernahm die Landeskirche der Provinz Hannover die kirchliche Aussicht und Fürsorge für das deutsck>e Kirchenwesen in Paris eine Verbftchung, die n. a. zu dem erfreulichen Ergebnis führte, daß 1912 ein deutsches Gemeinde-, Vereins- und Pfarrhaus-erbaut werden konnte.
Porträts, so bemerkt Werner, hielten sich weit über dem Niveau, das man heute als modern bezeichnet; da aber dieser Kunstjünger sich als ein Leuteschinder erwies und sich überdies um die Ausbildung des Lehrlings nicht im geringsten kümmerte, so mußte Werner noch einmal wechseln und kan: nun zu de:n trefflichen E. Atzenroth in die Lehre, der ein großes Stubenmalergc'schäft leitete und für Werners ganze Zukunft mit entscheidend wurde. Atzenroth war zwar eine knorrige Natur von etwas mürrischem Wesen, kurz angebunden und unfreundlich von Manieren, sang auch nicht und spielte nicht Gitarre, war aber von glühender Liebe für die Kunst beseelt und einem jeden Freund, bei dem er dafür der gleichen Neigung begegnete. Er nahm sich denn auch Werners nachdrücklich und hilfreich an. Während der Arbeit in Liebenfelde bei Soldin, wo ein neu gebautes Gutshaus schnell gebrauchsferttg gemacht werden mußte, führte Meister Atzenroth den Novizen selbst in alle Arten der stu^enmaL'-'s^e-: M.in' und Technik ein, soweit sie ihm noch nicht b könnt waren, wie Striche ziehen „wie aus der Pistole geschossen". Mannor und Hol; malen mit Essig- und Wachsfarben, Ornamentzeichnen, Schablonrn'chnci- den und Pausenstechen, Breiten oder Zusammensetzen aller Art Firnisse usw. Als ttm: nach den angespannte.: Liebenfelber Tagen die winterliche, alljährliche Mbeitslosigkeik für die Stubenmaler ein trat und Meister Atzenroth von seinen hundert Leuten nur noch vier oder fünf mit halbem Lvhrr in Arbeit behielt, da begann für ihn die Zeitz, in der er sich ans sein' An bers höheren Kunst widmen konnte. La:ü)schaften wurd.n kopiert. Orna- inente nach Vorschriften ober Gips geuralt n:ü> der Lehrling Wernen durfte auch mitnmlen. Nach Wenrers Ueberzeugung waren die Blnmenstückc, die Atzenroth in Leim- oder Temperafarbe so „aus den: Handgelenk" malte, wie sie für das Geschäft gebraucht wurde::, den >Arbeiten eines Cezan:w nnb van Gogh reichlich überlegen. Da Werner aus Atzenroths Samullnng von Ornamentivcrlen auch seine erste Kenntnis der Mchitektur und Ornamente schöpfte unb zugleich nach einigen Büchern Anatomie und Perspektive treiben konnte, so wurde diese stille Borbereitungszeit für seine ganze weitere Zukunft sehr wichtig.
Ter Sonuner war wiebergckomMen und die Werkstatt Atze::^ roths hatte wieder reichlich zu tun. Mit ihr arbeitete Werner an der Ausmalung eines Tanzsaales in einem Oderbrucher Tors« und später in einer Kirche derselben Gegend, auf einem dem Grafen Finkenstein gehörigen Gute. In Kalau aber hatte er den alten . Hochaltar und die Kapzel, beide in: Zopfstile, mit fielen geschnitzten Figuren und Reliefs, neu aufzunmlen; denn der künstlerische Teil der Ausgabe wurde ihm zugerviesen, und er setzte die Hinimel- fahrt Christi auf dem Hochaltar und die Erschgssuvo de: Wett, den Sündenfall und andere Darstellungen der Pjbe,. die als Reliefs die Füllungen der Kanzel schmückten, frisch in Farl«. Besonders zauberte er ein höchst wirkungsvolles Paradies hervor. wobei er sich der Hilfe eftws gemalten Hintergrundes von unbekannten Pflanzen bediente. So begann der Stnbenmalerlebr- ling ins Fach de: höheren Knnstleistnngen *u steuern.


