Der türkische Bericht.
Konstantinopel, 22. San. (WTB. Nichtamtlich.) Amtlicher Heeresbericht. Gestern überflog eines unserer Wasserflugzeuge Tenedos und warf erfolgreich Bomben auf die Flugzeugschuppen und Lager des Feindes ab. Gestern morgen beschoß ein feindliches Kriegsschiff eine Weile die Umgebung von Sedd-ül-Bahr. — Von den anderen Fronten nichts neues.
Russisch-türkische Kämpfe.
Konstantinopel, 23. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Nach Meldungen von der persischen Grenze haben Abteilungen türkischer Truppen und eingeborener Krieger am 16. Januar die Stadt Ken g w ar zwischen Kermanschah und Ham ad an besetzt und sie aus den Händen der Russen befreit. Die türkischen Truppen und eingeborenen Krieger setzten ihren Vormarsch fort und haben die Städte Assababad, Chaj und Parkam wieder in Besitz genommen. Sie schlugen ein russisches Reiter-Regiment zurück, welches von Maraga aus einen Angriff in der Richtung gegen Mian- doab unternahm; es verlor hierbei etwa 100 Tote. Ein anderes russisches Regiment wurde südlich Urmia geschlagen.
Ern deutsches Flugzeug au der englischen Oftküste?
London, 22. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Reuter-Meldung. Das Pressebureau teilt mit: Unter Benutzung des Hellen Mondlichtes kam heute nacht 1 Uhr ein feindliches Flugzeug an Unsere Ostküste und warf schnell hintereinander neun Bomben ab und kehrte seewärts zurück. Kein militärischer oder maritimer Schaber: wurde angerichtet, aber Privateigentum erlitt einigen Schaden. Eine Brandbombe verursachte ein Feuer, das um 2 Uhr gelöscht war. Zwei Zivilisten sind getötet, zwei Männer, eine Frau und drei Kinder leicht verletzt worben.
Die Kosten der englischen Kriegspensionen.
Berlin, 24. Jan. Die Kosten der englischen Kriegspensionen betragen, wie nach verschiedenen Morgenblättern der Finanzsekretär des Kriegsamtes im Unterhause bekanntgab, wöchentlich 45 000 Pfund und zwar für Kriegsbeschädigte 20 000Pfd., für Kriegswitwen 15 000, für kriegsbeschädigte Offiziere 450, für Ofsizierswitwen 4000 und für Marinepensionäre 5580 Pfund.
Die englische Seekriegsührung.
Berlin, 22. Jan. (Priv.-Tel.) Die „B. Z. a. M." meldet aus New Jork: Seit mehr als einem Monat sind hier Postsendungen aus Deutschland nicht mehr eingetrofsen, so daß man annehmen kann, daß die deutsche Post vom Anfang Dezember den amerikanischen Adressaten nicht mehr in die Hände gelangt. Wahrscheinlich haben englische Schiffe die Postbeutel für Amerika geräubert.
Die englische Dienstpflicht.
London, 23. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Die Wochenschrift „Statesman" erfährt, Asquith habe sich einer Arb eiterdeputa tion, die er in der letzten Woche empfing, ausdrücklich in bestimmtester Weise verpflichtet, die in der Dienstpflichtbill enthaltenen Maßregeln künftig nicht zu erweitern, weder den Dienstzwang während des Krieges auf die Verheirateten anzuwenüen, noch nach dem Kriege fortzusetzen. Er könne natürlich nicht sagen, was etwa die künftige Regierung Vorschläge, aber er nehme an derartigen Plänen keinen Anteil. Wer später eine erweiterte Dienstpflicht wolle, müsse seine Stelle einnehmen.
Parlamentarismus und Kriegführung in Frankreich.
Paris, 23. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Die Geeinigten Sozialisten haben der Kammer folgenden Beschluß- antrag. unterbreitet: Die Kammer wolle beschließen, daß eine ständige Abordnung von 44 Mitgliedern, die monatlich wechseln soll, unter den kämpfenden Truppen weilen soll; ohne in die müitärischen Anordnungen einzugreifen, sollten. sie das Recht haben, auf ihre Gefahr die ganze Front, auch die Feuerlinie, zu bereisen. Wenn während ihrer Anwesenheit militärische Operationen im Gange sind, sollen sie bei den kämpfenden Truppen oder den Stäben der beteiligten Armeen den Operationen folgen dürfen. Das militärische Kommando muß den Abgeordneten alle Mittel zur Erfüllung ihrer Aufgabe bereitstellen. Auf Antrag Renaudel hielt die Partei einen früheren Antrag, auf Bildung eines gemeinsamen Organismus, der die Tätigkeit der Kammer und des Senats in Verbindung bringt, aufreclü- Der Kammer wird vvrgelegt: Ein Gesetz betreffend die Nachuntersuchung Zurückgestellter der Jahrgänge 1913 bis 1917. der Befreiten der Jahrgänge 1915 bis 1917. Angenommen wurde die Vorlage auf Nachmusterung Befreiter und Zurückgestellter der einberufenen Jahrgänge in den Kolonien.
Paris, 23. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Aus Anlaß von Maßregelungen einiger großer Pariser Blätter entspann sich in der Kammer eine Zensurdebatte. Pau-l Meunier begründete eine Vorlage, die der Ausschuß für die Strafgesetzgebung eingereicht hat und die verlangt, daß einzig das Gesetz von 1881 für die Presse in Kriegs- wie in Friedenszeiten angewandt werde. Der Ausschuß spricht sich für die Zensur aus. Diese müsse aber auf militärische und diplomatische Artikel beschränkt bleiben. Der Ausschuß weist mit aller Kraft die ungesetzmäßige politische Zensur zurück und schlagt vor, die Beschlagnahme von Zeitungen und die administrative Verurteilung der Presse zu unterlassen. Die Regierung habe sich an die Abmachungen mit der Presse vom Ar^ust 1914 ihrerseits nicht gehalten.
Die Freilassung der nicht wehrfähigen Zivilgesangenen in Deutschland und Frankreich.
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt: Nach langen Verhandlungen ist soeben zwischen der deutschen und der französischen Regierung eine Vereinbarung wegen Freilassung der beiderseitigen, nicht wehrfähigen Zivilaesangenen zustande 'gekommen, welche die bisher getroffen: Verabredungen erheblich erweitert. Auf Grund der neuen Vereinbarung sollen nämlich unverzüglich folgende drei Klassen Zivilgcfangener in Freiheit gesetzt und in die Heimat entlassen werden: 1. Frauen und Mädchen; 2. männliche Personen unter siebzehn und über 55 Jahren: 3. Männer zwischen 17 und 55 Jahren, die wegen ihres körperlichen Zustandes zur Erfüllung militärischer Pflichten völlig untauglich sind. Ausgenommen von der Freilassung sind nur Personen, die sich wegen gemeiner Verbrechen oder Vergehen mit Einschluß derer, gegen die Sicherheit des Staates in Untersuchungsoder Strafhaft befinden, ferner die Geiseln im eigentlichem Sinne, das heißt solche Personm, die nach dem Völkerrecht zur Sicherste! lurp: des WvWverhaltms der Bevölkerung oder zur Erfüllung gewisser, ihr auser legier Verbindlichkeiten festgehaltm werdm können. Die Vereinbarung findet Anwendung sowohl auf die im eiaenen StaatsgeLiet mit Einschluß der Kolvnim und Protektorate festgeirommenen feindlichen Zivilpersonen, als auch auf solche Zivilgefangene, die aus von den beiderseitigen Streitkraften be setzten feindlichen Gebieten, oder v»n eigmen, neutralen oder feindlichen Schiffm fortgesührt wurden.
Wie sich aus diesen Wreden ergibt, gelang es leider nicht, das Abkommen den ^deutschen Vorschlägen gemäß auch auf die beiderseitigen wehrfähigen Zivilgefangenen zu erstrecken. Immerhin ist die Vereinbarung als wesentlicher Fortschritt im Sinne der Menschlichkeit Ku begrüßen, da hiernach auf beiden
Zeiten viele tausende Zivilgesangener, die au der Kriegführung oollrg unbeteiligt sind, die Freiheit zurückerlangm: insbesondere können auch die aus dem Elsaß und den dmtschen Schutzgebietm fortgeführten Personen, soweit es sich nicht um Wehrfähige hair- mt, nach langer Leidenszeit in die Heimat zurückkehren. Die
für die Durchführung der Vereinbarung werden nach Möglichkeit beschleunigt, so daß mit einem baldigm Eintreffe:: >er beteiligten Deutschen gerechnet iverdcn kann.
Ein norwegische- Ausfuhrverbot für Butter.
Kristiania, 22. Ja::. (WTB. Nichtamtlich.) Die norwegische Regierung hat ein Ausfuhrverbot für Butter erlassen, das am 25. Januar in Kraft tritt.
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Die Kämpfe in Kamerun.
London, 22. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Amtliche Meldung des Reuterschen Bureaus. Nach, der Besetzung von Jaunde in Kamerun wurden am 1. Januar nach verschiedenen Richtungen Kolonnen ausgeschickt, um den Feind nach der Küste zu drängen und ihm den Rückzug nach spanischem Gebiet abzuschueiden. Eine dieser Kolonnen befreite siebzehn Engländer, sieben bürgerliche französische Gegangene und drei französische Offiziere und Unterossizicre. Bis zum 18. Januar liefen Berichte ein, daß die Deutschen Ebol>owa und Aknolinga geräumt hätten. Der deutsche Gouverneur Ebermeyer und der deutsche Kommandant Oberst Zimmermann erreichten spanisches Gebiet. Weiter südlich an der spanischen Grenze wird gekämpft; dort trachten zwei kleine französische Kolonnen von der Küste und Französtsch-Kongo den Feind zu verhindern, nach spanischem Gebiet auszuweichen. (Anmerkung der Redaktion: Falls tatsächlich der Gouverneur und Kommandant der Schuchtruppe spanisches Gebiet erreicht haben, so ist voraussichtlich in allernächster Zeit eine amtliche deutsche oder spanische Meldung über den Gang der Ereignisse seit dem Fall Jaundös zu erwarten. Bis dahin erscheint der ziemlich unklaren Reutermeldung gegenüber Mißtrauen geboten. Nach dem Inhalte der englischen Meldung ist jedeusalls anzunehmen, daß der Versuch, die deutschen Streitkräfte in der Richtung auf die Küste abzw- drängen und den Uebertritt auf spanisches Gebiet zu hindern, bisher nicht gelungen ist.)
Die Munitionserzeugung in Amerika.
Washington, 22. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Im Senat beantragte der Repnblikager Cummings, daß die Regierung die Herstellung aller Kriegsmunition selber übernehme und deir Verdienst, der den Privatunternehmern aus den Kriegsgelvinnen zufneße auf diele Weise ausschalte, da die Möglichkeit eines lolchen Privatgewinnes Einfluß auf den Krieg habe. Cummings trat für eine schnelle Annahme einer Tagesordnimg ein, der- ziifolge.ein Sonderausschuß eingesetzt werden solle, der sowohl einen. Plan zum Erwerb von Betriebe:: ausarbeiten solle, um das Heer und die Marine mit allen nötigen Waffen, Munition und Ausrüstungsgegenständen, Schiffe eingeschlossen, zu versehen, als die notwendige Gesetzgebung einleiten wolle, um die Herstellung solcher Erzeugnisse durch Privatunternehmer zu verhindern. Cummings zahlte eine Liste von 20 Unternehmungen auf, deren Aktienwert stch von 4 auf 32 Millionen erhöht habe. Der Redner sagre: „Ich behanphe nicht, daß jede Person oder Korporation, die aus den: Kriege Nutzen zieht, den Krieg fordert, aber ich behaupte, daß alle solche Persone:: und Personengesamtheiten nicht zuständig sind, um über Streitfragen zu urteilen, die zu einem Konflikt siihren könnten. Da sie aber nicht von dem großen Betätigungsfeld dieser Republik entfernt werden können, sollten sie doch von einen: Geschäftswert entfernt werden, aus dem ihnen lvachsender Vorteil entsteht. Es sollte jedem einzelnen und jeder Korporation, soweit es in der Regierungsmacht steht, unmöglich gemacht wer den aus denn Kriege Geld zu ziehen und die Wirkung des europäischen Krieges zu erhöhen/ Ueber die privaten Munitions- unternehmer sagte der Redner: „Seit der Krieg begonnen hat, haben sich 174 neue Korporationen in diesem Lande zur Herstellung von Munition gebildet. Der Wert der in den 14 Monaten ausgeführten Waffen und Munition belief sich auf 161964 000 Dollars. Cummings unterbreitete den: Hause eine Tabelle der Schätzungen des Wertes der Kriegslieferungen. Sie enthält folgende Zahlen für einige der größeren Gesellschaften: Baldwin Loeomotive Company 100 Millionen General Electric 68 Millionen; American Loeomotive 66 Millionen, Wesünghouse 100 Millionen Dollars.
Die Errichtung einer chinesischen Monarchie ausgeschoben.
Tokio, 22. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Der japanische Gesandte in Peking telegraphierte der japanischen Negierung, daß die chinesische Regierung amtlich den Aufschub der Errichtung einer Monarchie bekannt macht, da die inneren Unruhen eine Aen- decung des ursprüngliche:: Planes notwendig machten, die Monarchie Anfang Februar zu proklamieren. Die Dauer des Aufschubs sei unbestimmt. Den Provinzbeamten ist hiervon Mitteilung gemacht worden.
Der Seekrieg.
Saloniki, 23. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung der „Agenoe Havas". Ein deutsches Unterseeboot torpedierte heute vormittag einen englischen Frachtdampfer, welcher darauf strandete; die Besatzung ist gerettet.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 24. Januar 1916.
Kriegsarbeit in Gießen.
XII.
Kriegsarbeit der Inneren Mission.
Auch die Arbeit der freien kirchlichen Vereine ist durch den Krieg kräftig beeinflußt worden. Der Ober hessische Verein für innere Mission, der sonst in jedem November eine gut besuchte Jahresversammlung hält, mußte 1914 auf eine solche ganz verzichten und sich 1915 auf eine kurze Nachmittagstagnng beschränken. Dafür griff er andere Aufgaben an. Dem namentlich im Anfang des Kriegs äußerst lebhaften Wunsch nach Behandlung religiöser Fragen im Zusammenhang mit dem Krieg kam er durch Veranstaltung von Vortragsreihen entgegen, zu denen der Gesamtkirchenvorstand freundlichst die Stadtkirche zur Verfügung stellte. Im Winter 1914/15 sprachen zwei Gießener (D. Eck und D. Schien:) und drei - auswärtige Redner (Prof. D. Schnell, Friedberg; Pfarrer Dr. Koch, Langd; Pfarrer Werner, Frankfurt a. M.); im Winter 1915/16 hielt D. Schian einen Zyklus von drei Vorträgen. Die bei diesen Vorträgen veranstaltete:: Sammlungen zu- sammen mit anderen Vereinsmitteln ermöglichten dem Verein ein tatkräftiges Eingreifen auf dem Gebiete der Verbreitung guter Lektüre. Dabei trug ernatur- emäß dem Bedürfnis nach religiösem Lesestoff Recharung; esonders Weihnachten 1914 steuerte er zu der für int Gießener Truppenteile bestimmten großen Liebesgaben- seudung Hunderte von Neuen Testamenten, Gebetbüchlein usw. bei. Aber daneben sorgte er auch für andere Schristen. Der erwähnten Weihara chtsscirdung wurden auch zahlreiche
Exemplare kleiner Lieder- und Gedichtsamiuluugen beb- gefügt; der von der Universität veranstalteten Büchersamm- lnng für die Gießener Lazarette wurde durch den Verein ein Posten guter Volksschristen übrrwiesen. Auch nach anderen oberhessischen Lazaretten wurden allerhand geeignete Schriften verscnwt: so nach Alsfeld, Friedberg, NiDda, Bad Salzhausen, Reichelsheim. Der Verein vermittelt dauernd den MasserUiezug der vortrefflichen „Deutsck-en Soldatenzeitung" (Bereinszeitschrist der „Vaterlandsspende zur Errichtung deutscher Kriegsbeschädigten-Erholungs- heime") und übermittelt sie kostenlos durch Vermittlung der Pfarrer an die Gießener und andere oberhessische Lazarette. Es sei bemerkt, daß, soviel aus diesem Gebiete geschieht, dem weitreichenden Bedürfnis nach mannigfaltigem Lesestoff (neben volkstümlichen auch tiefgreifenden Schriften) immer noch nicht nach allen Seiten hin ansreick>end genügt werden kann; hierfür könnten immer noch mehr Mittel ersprießliche Verwendung finden.
Die Herberge zur Heimat in Gießen (Hinter der West-Anlage) hat im Kriege keinen leichten Stand. Die Ver- hältnisse'brachten es mit sich, daß die Durchschnittszahl der einkehrenden Wandernden, auf die die Herberge eingerichtet ist, stark ab genommen hat. Die Folge war ein erheblicher Rückgang der Einnahmen, der sich durch die geringere Be- messung sonst der Herberge zusließeuder Unterstützungen noch verstärkte. Dennoch hat die Gießener Herberge ihren Betrieb aufrecht erhalte,:: können, indem sie die nicht für den eigentlichen Herb erg s verkehr gebrauchten Räume und Betten zeitweis anderweit verwertete. Es steht zu hoffen, daß dieses Verfahren, obwohl die Bedingungen dafür täglich schwieriger werden, ein weiteres Durchhalten ermöglichen u:U) so eine Schließung der Herberge vermieden werden wird.
Verhältnismäßig am wenigster: vom Kriege beeinflußt ist die Arbeit der Kinderbewahranstalt (Diezstr. 15 und Wetzlarer Weg 59), unter der Leiturig evangelischer Schwestern aus dem badischen Nonnenweier. Aber gerade sie hat in dieser Zeit eine sehr große Aufgabe zu erfüllen^ Je dringender die Krast jedes Einzelnen gebraucht wird, je mehr auch die Frauen mitzuarbeiten haben, um so notwendiger ist es, daß für die Kinder von Müttern, die ihrer Arbeit nachzugehen haben, Aufenthalt und Pflege beschafft wird. Die Kinderbewahranstalt Hilst gerade den am wenigsten bemittelten Familien unserer Stadt in der Fürsorge für ihre Kleinen. Die Zahl der täglich versorgten Kinder beträgt in dieser Zeit ungefähr 300. Die Anstalt ist um so wichtiger, als sie nicht bloß die körperliche Pflege übernimmt, sondern sich auch um erziehliche Förderung im evangelischen Geist bemüht. Das Gedeihen der deutschen Jugend ist als einer der wichtigsten Gegenstände unserer Aufmerksamkeit erkannt worden; es wäre zu wünschen, daP bereits die Jüngsten dieser Fügend allgemein der rechten Fürsorge teilhaftig werden könnten.
Andere Arbeiten der Inneren Mission haben im Kriegs zurückgestellt werden müssen. Möge ihnen nach dem Kriege ein frohes Wiederaufleben beschieden sein! 8.
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** Amtliche Personalnachrichten. Der Groß- Herzog hat am 22. Januar den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Offenbach, Amtsgerichtsrat Adolf Meyer, zurzeit im Felde, zum Aintsrichter bei dem Amtsgericht Gießen, den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Wald-Michelbach Paul Schmidt zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Gießen, den Gerichtsassessor Dr. Ludwig Fuchs aus Zwingenberg, zurzeit im Felde, zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Offenbach, den Gerichtsassessor Dr. Wilhelm S t o l l in Mainz zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Alsfeld, den Gerichtsassessor Dr. Otto Hartmann aus Gießen, zurzeit im Felde, zum Staatsanwalt am Landgericht der Provinz Oberhessen, den Gerichtsassessor Dr. Heinrich Eise aus Lauterbach, zurzeit im Felde, zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Offenbach, den Gerichtsaisessor Eduard Hainer aus Hungen, zurzeit im Felde, zum Staatsanwalt am Landgericht der Provinz Rheinhessen, den Gerichtsassessor .Hermann Re hart aus Mainz, zurzeit im Felde, zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Ulrichstein und den Gerichtsassessor Adolf Jost in Wald-Michelbach zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Wald- Michelbach ernannt.— Der Groß Herzog hat am 22. Januar den Notar mit dem Ainttssitz in Groß-Umstadt, Justizrat Adam Wolfs auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner treuen Dienste in den Ruhestand versetzt.
^'Militärische Ausbildung der Jugend. Am Mittwoch abend fanden turnerische und Bajonettierübungen statt. Am Samstag abend hielt Stadtbaumeister B r a u b a ch einen sehr interessanten Lichtbilderbortrag über seine Reise in „Deutsch-Südwestafrika". In dankenswerter Weise hatte Prof. Dr. König seinen großen Hörsaal hierfür zur Verfüung gestellt. Die prächtigen Lichtbilder wurden mit den packenden, mehr als IV,ständigen Ausführungen des- Redners von den mehr als 100 jugendlichen Zuhörern von Anfang bis zu Schluß mit spannender Aufmerksamkeit verfolgt und mit stürmischem Beifall ausgenommen. Der Sonntag war für Führer und Jugendliche vollständig frei.
** Erziehungsaufgaben der Generalkommandos. Was man vor den: Krieg für ganz Undenkbar gehalten, das ist durch die Macht der Verhältnisse zur Tatsache geworden: im deutschen Versasstnrgsstaate diktieren Generalkommandos wichtige Grundsätze der Bolkserziehung, und sie machten z. B. in Cassel, Posen und Hannover ihre Sache ganz vortrefflich. Wie dankbar die Lehrerschaft und die Geistlichkeit, ja selbst die städtischen und staatlichen Zivilbehördeu für dieses feste Zugreisen sind, das zeigt sich mit jedem Tag mehr. Ja, es war vor dem Krieg ein itwßer Fehler, daß man die Erzi-ehcmg fast ausschließlich als Sache der Schule betrachtete und die Forderungen der Volkserziehung im wetteren Sinne zu wenig beachtete. Während des Krieges traten diese Lücken nur noch mehr zutage. Wenn die verschiedenen Generalkommandos hier entschieden durchgreifen, so ist dafür niemand dankbarer als die Lehrerschaft. Mit der Wahrung der Freiheit des einzel:wn kommen :vir in diesen erirsten Tagen nicht aus; >oir brauchen wie im Heer- so auch im Erziehungswesen eine feste Hand, die >di:rchgreift. Die vielgerühmte deutsche Zucht kommt nicht von selbst. Wer draußen seinen Mann stehen soll, muß durch die nötige Schule gegangen sein; aber noch viel wichtiger ist gerade eben die Gewöhnung, der Gehorsam daheim in der Gemeinde. Mit der Erziehung in Familie und Schule allein ist cs nicht getan. Es gibt auch eine Erziehung auf der Straße, in der Oefsent- lichkeit, und mit ihr liegt es vielfach in: arlym. In einer außergewöhnlich stark besuchten Versammlung des Verbandes für Inge ndwohlfahrl und Jugendfürsorge zu Darm- sta dt am 7. Januar ds. Js. hielt der dortige Bürgernreister Müller einen Bortrag über die wichtigsten Aufgaben der öffentlichen Erziehung, und die Versammlung forderte mit ihm einmütig eine Eing^abe an das Generalkommando zu Frankfurt a. M., tu der diese Behörde ersucht wird, Maßnahmen zu treffen gegen das abendliche Herumtreiben jugendlicher Personen, gegen das Rauchen und Trinken, den Kinobesilch vor dem 16. Lebensjahre, gegen die Lohnauszahlung an Jugendliche, die SHundschristen, den Verkauf von Naschwerk u. dergl. mehr. Seit langen Jghren tagte in Hessen kaum eine ähnliche Versammlung, in der man die tatsächlichen Mißstände in der Jugenderziehung so entschieden be- kämpfte wie hier, und wie in Hessen, so ist man überall dabei, die öffentliche Erziehung, auf die so lange verzichtet worden ist, wieder zur Geltung zu bringen,


