Druckschrift 
Anleitung zum Getreidebau auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage / von Anton Nowacki
Entstehung
Seite
230
Einzelbild herunterladen

— 230—

bei ausgedehntem Anbau einer und derſelben Frucht reichen die Arbeits⸗ kräfte meiſt nicht hin, die Ernte in ſo kurzer Zeit zu bewältigen. Unter ſolchen Umſtänden bleibt nichts übrig, als ein paar Tage vor dem natur⸗ gemäß zweckmäßigſten Zeitpunkt mit dem Mähen zu beginnen, und die Ernte zu beendigen, nachdem der günſtigſte Moment vorüber iſt.

Früher wird der Einſchnitt indeſſen niemals erfolgen dürfen, als bis die Körner in den kräftigeren Ahren in dem übergang aus der Milchreife in die Gelbreife ſich befinden, und kann die Ernte von da an bis zu der Zeit beſchafft werden, wenn die Körner in den Mittel⸗ ähren vollreif, aber noch nicht totreif ſind, ſo kommt man dem Zweck⸗ mäßigſten ſchon ſehr nahe.

Deſſen aber muß ſich der Landwirt klar bewußt ſein, daß er die angemeſſenſte Mähereife nicht wahrgenommen hat, wenn er ſchon in der Milchreife mit der Ernte beginnt oder das Getreide zum Teil bis zur Totreife ſtehen läßt, denn der zweckmäßigſte Zeitpunkt zur Ernte wird beſtimmt durch einen gewiſſen Grad der Reife, welcher eben zwiſchen der Milch⸗ und Totreife liegt.

Es kann nur ein Zeitpunkt der zweckmäßigſte ſein, jeder andere iſt weniger zweckmäßig oder unzweckmäßig, und es iſt die Aufgabe des aus⸗ übenden Landwirts, die Vorbereitungen und Dispoſitionen ſo zu treffen, daß dieſer naturgemäß zweckmäßigſte Zeitpunkt möglichſt wahr⸗ genommen wird. 8

Je mehr die Senſe die normale Mähereife trifft, deſto größer iſt der Gewinn, je weiter vorher oder nachher der Einſchnitt erfolgt, deſto größer iſt der Verluſt. Darum mit aller Kraft ans Werk, wenn die geeignete Zeit da iſt, nicht zu früh, aber noch weniger einen Tag zu ſpät; denn wie bei jedem Geſchäft in der Landwirtſchaft, ſo gilt namentlich hier das Wort: Zeit iſt Geld).

2. Der Schnitt.

Im alten Gallien war eine zweirädrige Erntemaſchine im Gebrauch, welche die Ähren mit einem ſcharfen Kamme abriß und in einem Kaſten ſammelte, während die Halme zum Abweiden oder zum Abbrennen ſtehen blieben. Anderwärts wurden und werden die Halme in halber Höhe mit der Sichel abgeſchnitten und die hohe Stoppel ſpäter gelegentlich nachgemäht. Es iſt alſo keineswegs nötig, Ähren und Halme gleich⸗ zeitig zu ernten. Die Technik der alten und der neuen Zeit hat ſich

*) A. Nowacki, Unterſuchungen über das Reifen des Getreides nebſt Bemerkungen über den zweckmäßigſten Zeitpunkt zur Ernte. 1870.