c. Die Phyſiologie der Reimung.
Nunmehr haben wir die erforderliche Grundlage gewonnen, um den Keimungsvorgang mit Verſtändnis verfolgen zu können, und da wir alles mit Bedacht hierauf vorbereitet haben, ſo dürfen wir uns jetzt um ſo kürzer faſſen.
Dem dunkeln Schoß der heil'gen Erde Vertrauen wir der Hände That, Vertraut der Sämann ſeine Saat Und hofft, daß ſie entkeimen werde Zum Segen, nach des Himmels Rat.
Das geſunde und lebensfähige Samenkorn findet die Bedingungen der Keimung, wenn wir es zur geeigneten Jahreszeit flach in die ge— lockerte Erde legen. Das wiſſen oder hoffen wir, aber wir kümmern uns meiſt nicht darum, wie die Sache eigentlich zuſammenhängt und zugeht. Und doch iſt dies wiſſenſchaftlich ſehr intereſſant und praktiſch ſehr wichtig.
Die bekannten Bedingungen der Keimung ſind: Waſſer, Wärme und Sauerſtoff. Das Waſſer fällt vom Himmel. Die Wärme kommt
von der Sonne. Der Sauerſtoff iſt ein Beſtandteil der Luft. Der ge⸗ lockerte, durchlüftete Erdhoden enthält ebenfalls Sauerſtoff.“*)
Von jenen drei Bedingungen iſt die eine ſo notwendig wie die andere. Keine darf fehlen. Alle drei müſſen vereint wirken, ſonſt findet keine Keimung ſtatt. Auch müſſen die drei Bedingungen im richtigen Maß und Verhältnis gegeben ſein, ſonſt unterbleibt die Keimung eben⸗
falls, oder ſie verläuft wenigſtens nicht ſo, wie wir es wünſchen. Ein Zuviel an Waſſer, Wärme oder Sauerſtoff iſt ebenſo ſchädlich, wie ein Zu— wenig. Im beſonderen mag über dieſe Verhältniſſe folgendes bemerkt werden.
1. Waſſer. Die erſte Bedingung der Keimung iſt Waſſer. Das Samenkorn hat an jedem Punkt ſeiner Oberfläche die Fähigkeit, das Waſſer, mit dem es in Berührung kommt, langſam, aber kräftig ein⸗ zuziehen. Der Grund hierfür liegt in ſeiner Trockenheit, aber weſentlich auch in dem Bau und Stoff ſeiner Hüllen und Zellwände. Die Hüllen, d. h. die Spelzen oder die Schalen nehmen das Waſſer von außen auf, indem ſie es den Bodenteilchen entreißen; die Zellwände leiten es von Zelle zu Zelle bis tief ins Innere, indem die bereits durchtränkten
*) Eine vierte Bedingung der Keimung iſt die Gegenwart mikroſkopiſch kleiner Organismen, indem Paſteur neuerdings nachgewieſen hat, daß(bei Bohnen und Erbſen) ein Keimen durchaus nicht erfolgt, wenn Boden und Waſſer„mikrobenfrei“ gemacht und in dieſem Zuſtand erhalten werden. Durch dieſe Entdeckung wird manches erklär⸗ lich, was bisher räthſelhaft war; doch iſt es noch nicht an der Zeit, hierauf näher ein⸗ zugehen, da uns die betreffenden Organismen ihrer Form und ihrem Weſen nach noch nicht bekannt ſind.


