Geſchichte der Geflügelzucht. 11
der alten Welt nach den nördlicher und weſtlicher gelegenen verbreitet worden ſei, ſondern daß das umgekehrte Verhältnis ſtattgefunden habe. Von ihrem Vorkommen in den das Mittelmeer begrenzenden Ländern giebt uns zuerſt Homer Kenntnis, indem er ſowohl in der Ilias, wie in der Odyſſee der Gänſe erwähnt, beſonders in letzterer, in welcher er auf größere Gänſehaltung im Hauſe der Penelope, der Gemahlin des Odyſſeus, hinweiſt. Später iſt es der bekannte griechiſche Philoſoph Ariſtoteles geweſen, welcher von der Gans berichtet. Er und auch andere griechiſche Schriftſteller rühmen ſehr die vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften derſelben als Tafelgeflügel, und griechiſche Dichter vergleichen ſchöne Mädchen, ſelbſtverſtändlich nicht in dem bei uns gebräuchlichen Sinne, mit weiß glänzenden Gänſen. Auch bei den Römern ſtand der Gansbraten in hohem Anſehen, und es mögen die feinfühligen römiſchen Patrioten, welche nach der bekannten Rettung des Kapitols durch die Gänſe auf den Genuß von Gänſebraten verzichteten, ob ſolcher Ent⸗ haltung einen ſchweren Stand gehabt haben. Mit der Zeit ſchlief freilich dieſe dankbare Gänſeverehrung ein, ſo daß die italieniſche Gänſe⸗ zucht nicht mehr imſtande war, allein den Bedarf für die Küche zu liefern, und es ſich lohnte, große Gänſeherden aus Gallien und Ger⸗ manien bis nach Rom zu treiben, wie Plinius berichtet. Außer ihm haben nicht wenige römiſche Schriftſteller über die Züchtung dieſer nütz— lichen Vögel geſchrieben: Cato bemerkt, daß man den Gänſen behufs ihrer Mäſtung Teignudeln einſtopfe, und ſelbſt Horaz ſpricht von der Gänſemaſt und vom Hervorbringen großer Ganslebern durch Ver⸗ fütterung von Feigen und Fett: Pinguibus et ficis pastum jecur anseris albi.
Auch den Wert der Gänſefedern kannten die Römer; ſie bezogen ſie aus Germanien, um mit ihnen ihre Kiſſen zu ſtopfen, und Plinius klagt, daß man in Rom ſo weichlich geworden ſei, daß ſogar Männer ohne Federkiſſen nicht mehr ſchlafen könnten.
Im Mittelalter erfreuten ſich die Gänſe ebenfalls der begehrlichen Aufmerkſamkeit des Menſchen. Auf den Gütern Karls des Großen mußten wenigſtens je 100 Hühner und 30 Gänſe gehalten werden, auf den kleineren Höfen je 50 Hühner und 12 Gänſe.
Unter der Regierung der Hohenſtaufen(1138—1254) blühte in Deutſchland Ackerbau und Viehzucht, und Gänſe und Hühner waren allgemein verbreitet; ſie bildeten nebſt Eiern einen Teil der Abgaben (Zehnten). Dieſe pflegten im Spätherbſte, am Martinitag, erhoben zu werden. Gerad zu dieſer Zeit ſind die im Frühjahre zur Welt ge⸗ kommenen Gänſe ausgewachſen und ſchlachtreif. Da mag es an den Tiſchen in den Klöſtern und Edelhöfen recht behaglich hergegangen ſein, und ſchmunzelnd mögen die Mönche und Edelleute die dampfenden, gelbbraunen fetten Gänſebraten bewillkommnet und dem ſaftigen Biſſen manches Glas Zehntenweins nachgegoſſen haben. Aus dieſen Zeiten und von dieſem Brauche her ſtammt die heute noch erhaltene Sitte,


