Tierwelt und Pflanzenreich zeigen in ihren Wechſelbeziehungen einen Kreislauf von Stoff und Kraft, welche beide, der Menge nach unvergänglich, nur fortwährend andere Formen annehmen und in neuen Erſcheinungen auftreten. Indem die mit dem Chlorophyll⸗ apparat ausgerüſtete Pflanze mit Hilfe der Sonnenſtrahlen als Kraft⸗ quelle aus wenigen, der anorganiſchen Welt angehörenden Verbin⸗ dungen das Material zum Aufbau ihrer organiſchen Subſtanz ent⸗ nimmt, wird Sauerſtoff abgeſchieden und ſomit unter Bildung von verbrennlichen Stoffen, die aufgenommene Kraft in ſog.„che⸗ miſche Spannkraft“ verwandelt, die bei Gelegenheit neuer Oxydation als Wärme, mechaniſche Bewegung oder in anderer Form wieder frei werden kann. Die Pflanze iſt daher in ſteter Produktion be⸗ griffen, ſie vermehrt während ihres Lebens die Maſſe der organiſchen Subſtanz und vermag für Tiere und Menſchen die nötigen Nähr⸗ ſtoffe zu erzeugen.
In dem tieriſchen Organismus iſt das Leben in jedem Augen⸗ blick mit Zerſtörung von organiſcher Subſtanz begleitet. Der Tier⸗
körper hat nicht die Fähigkeit, mit anorganiſchen Stoffen ſeinen
Aufbau zu bewirken und denſelben die Mittel zu ſeiner Erhaltung zu entnehmen; er bedarf zur Erfüllung ſeiner Lebensfunktionen der chemiſchen Spannkraft fertig gebildeter organiſcher Stoffe. Indem die verdauten, in den Kreislauf der tieriſchen Säfte übergegangenen oder ſchon aſſimilierten Nährſtoffe unter mehr oder weniger direkter Mitwirkung des eingeatmeten atmoſphäriſchen Sauerſtoffes in ein⸗ fache Verbindungen zerfallen, wird die Spannkraft frei und bewirkt als lebendige Kraft die mechaniſchen Leiſtungen, welche für die innere und äußere Arbeit von dem Tierkörper verlangt werden oder erzeugt Wärme, um alle Verluſte daran zu erſetzen, welche der lebende Körper fortwährend, namentlich durch Ausſtrahlung von ſeiner Ober⸗ fläche erleidet.
Das tieriſche Leben iſt ſomit einem Verbrennungsprozeß zu vergleichen und die Tierwelt dadurch charakteriſiert, daß ſie das⸗ jenige, was die Pflanze an Kraft und Stoff angeſammelt hat, zur Erfüllung ihrer Lebensfunktionen verwendet und dabei direkt oder
Wolff, Fütterungslehre. 7. Auflage. 1


