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Die Standesherrn des Grossherzogtums Hessen und ihre Rechtsverhältnisse in Geschichte und Gegenwart / vorgelegt von Gustav Heyer, Gerichtsaccessist in Darmstadt
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falls der gleiche geblieben, ja sogar noch vermehrt worden. Denn der Fürst zu Leiningen ist nicht nur auch jetzt noch laut amtlichem Kataster der Eigen- tümer des sog. Hesselbacher Hauses, das allerdings dem katholischen Pfarrer unentgeltlich als Wohnung überlassen ist, er hat dazu verschiedene altstandes- herrliche Walddistrikte und Wiesenflächen auf Hesselbacher und Vielbrunner Flur von den Grafen von Erbach gegen Abtretung der Jagdrechte zu Unter- sensbach, Hebstahl und Rothenberg erworben, und nach Ansicht bedeutender Schriftsteller haben die genannten Distrikte als standesherrlicher Grundbesitz zu gelten ⁰¹).

Im Vorstehenden ist geschildert worden, welche Fürsten auf Grund der Rheinbundsakte Standesherrn des Grossherzogtums Hessen wurden, bezw. welche standesherrlichen Gebiete unter die hessische Souveränität kamen.

Eine Vermehrung dieser Gebiete brachte der Staatsvertrag mit Baden vom 8. September 1810, worin Baden untengenannte Territorien an Hessen abtrat. Am Tage vor diesem Vertragsabschluss war zwischen Frankreich und Baden ein Vertrag zustande gekommen, in welchem Baden die erwähnten Gebiets- theile zu Gunsten von Hessen zur Verfügung Napoleons gestellt hatte.

Die Ausführung dieser Verträge erfolgte in einem weiteren, zwischen Frank- reich und Baden abgeschlossenen Vertrag vom 11. November 1810, der zu Mannheim unterzeichnet wurde ⁶⁵).

Das Grossherzoglich Hessische Besitzergreifungspatent datiert vom 13. No- vember 1810 und hat folgenden Wortlaut:)

»Durch einen zwischen des Kaisers von Frankreich, Königs von Italien Majestät und Uns abgeschlossenen Vertrag ist die von des Gross- herzogs von Baden, Königliche Hoheit, bisher besessene und vermöge vorausgegangener Uebereinkunft zur Disposition Sr. Kaiserlich König- lichen Majestät cedirte Souveränität über nachfolgende Territorien, Distrikte und Orte an Uns überwiesen und mit Unserem Grossherzog- tum vereinigt worden:

1) Das Fürstl. Löwensteinische Amt Amorbach, enthaltend die Stadt Amorbach mit dem Hofe Amorsbrunn und dem Amorshof oder Schafhof. Die Dörfer: Beuchen, Boxbrunn mit dem Neidhof, Breiten- bach, Buch, Breitenbuch, Dörnbach, Gönz mit dem Sansenhof, Hamm- brunn oder Haimbrunn; Flecken Kirchzell; Dörfer Neudorf, Otterbach, Preunschen, Grenbach, Ottorfszell, Reichertshausen mit dem von Reibelt- schen Anteil, Rauenthal; Flecken Schneeberg; Dörfer Watterbach, Weckbach; Flecken Weilbach(Weilthal); Dörfer Wiesenthal, Zütter- felden.

2) Das am Main gelegene Fürstl. Löwensteinische Amt Miltenberg, enthaltend Dorf Breitendiel, Flecken Burgstedt, Dörfer Eichenbühl mit dem Ebenheider Hof und dem Ort Pfollbach, Guggenberg und Riedern mit dem Scholhaiter Hof, Heppdiehl mit dem Berndieler Hof, Main- brunn oder Monnbrunn, Mainbullau, die Stadt Miltenberg mit der Gai- mühle, Ottenmühle und dem Mangelhof, die Dörfer Neukirchen, Richel- bach, Rüdenau, Schippach mit dem Gaisenhof, Wenschdorf und Windisch-

64) Vergl. Hammann,»die deutschen Standesherrn und ihre Sonderrechte«, 1888, pag. 54 ff. Zachariae,»Denkschrift über den territorialen Umfang der standesherrlichen Vor- rechte in Deutschland«, 1867, pag. 46 fl. Mit dem oben Ausgeführten dürfte auch die Aunsicht von Cosack, wonach die standesherrlichen Rechte, die der Fürst von Leiningen über Hesselbach u. s. f. ausübt, Zubehör von Gütern seien, die in Bayern lägen, seine Standesherrlichkeit also gar nicht auf hessischem Grundbesitz, sondern auf anderweiten Gerechtsamen beruhe, von denen nur ein kleiner Rest, z. B. das Patronat, noch fortbestehe, widerlegt sein. Cosack,»das Staatsrecht des Grossherzogtums Hessen,« pag. 15, Anm. 1. Siehe A. B. Schmidt,»die geschichtlichen Grundlagen des bürgerlichen Rechts im Grossherzogtum Hessen«, Giessen 1893, pag. 34 ff. Dort findet sich auch ein Abdruck des bisher noch ungedruckt gewesenen Vertrags vom 11. November 1810.

36) S. Archiv a. a. O., Bd. 1 pag. 512.

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