Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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Limburg, Dom. 157

zum Dom aufwärts steigt. Derselbe ist vormittags meist offen; sonst meldet man sich bei dem gegenüber wohnenden Küster.

Ein Stein über dem Portal weist die Inschrift: Basilica St. Georgii martyris erecta 909. Dieselbe bezieht sich aber auf den älteren Bau, welchen Konrad Kurzbold, Vetter König Kon- rad I., Herr des westlichen Niederlahngaus, in seinem Burggebiet aufführen liess. Die jetzige Anlage fällt in die Jahre 1213 bis 1243 und gehört dem Uebergangsstil an. Während in der etwas mehr denn 20 Jahre jüngeren Elisabethenkirche in Marburg der neue Konstruktionsgedanke des gotischen Systems, der von Frank- reich aus, wo er schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahr- hunderts zur Entwickelung gelangt war, nach Deutschland vor- dringt, voll zur Herrschaft durchgedrungen ist, finden wir ihn hier noch im Kampf mit der alten Bauweise, die im Grundriss, wie in den äusseren Formen abgesehen von den Strebepfeilern noch streng das gebundene romanische System aufweist. Namentlich wahren die Türme, welche sich mit Ausnahme des achteckigen Kuppel- turms auf quadratischer Grundfläche in fünf Etagen unverjüngt erheben, während die kräftigen Friese zwischen den Etagen die aufstrebenden Linien wirksam durchbrechen, durchaus den roma- nischen Charakter. Im Innern tritt der gotische Gedanke in den schlanken Halbsäulen, die das spitzbogige, im Verhältnis zur Breite des Hauptschiffes sehr hohe Gewölbe tragen, in ausgesprochener Weise hervor. Bewunderungswürdig ist die perspektivische Kunst, welche der beschränkten Grundfläche den Schein der Grossräumig- keit abzugewinnen vermag. Man hat den Eindruck, in einer weit angelegten Kirche zu stehen, obgleich das Langhaus nur aus zwei Jochen besteht. Erreicht wird dies durch das Verhältnis der Breite zur Höhe, sowie durch die feingegliederten Säulenstellungen, welche sich über den Nebenschiffsarkaden erheben und sich von den Em- poren und dem oberen Rundgang, dem Triforium, aus sowohl gegen das Hauptschiff wie gegen die Querschiffe öffnen. Reichlich ergiesst sich das Licht durch die gewaltige achtseitige Vierungs- kuppel und die Fenster in das Innere des Baues und belebt die Mannigfaltigkeit der Formen, belebt auch die Farben der Malereien, der Decken- und Wandornamente, welche während der letzten Restauration in den Jahren 1872 bis 77 auf Grund der unter der überdeckenden Tünche vorgefundenen Reste von dem Maler Witt- kopf und dessen Sohn mit meisterhaftem Kunstverständnis und seltener Diskretion ausgeführt worden sind. So bildet das Innere der Kirche eine der edelsten Darstellungen des Uebergangsslils und bietet uns das Bild eines Gotteshauses, wie es sich mit geringen Abweichungen vor 600 Jahren den Augen der Gläubigen darstellte.

An monumentalen Kunstgebilden weist der Dom weniger auf, als man nach seiner Vergangenheit erwarten sollte. Gegenüber