Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
Seite
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128 Braunfels.

das anstossende Treppenzimmer, welches auf den Kunstfreund einen wahrhaft überwältigenden Eindruck machen muss. Eine kunstvoll gearbeitete Treppe, an deren Pfosten ebenfalls ein geharnischter Ritter Wache hält, führt mitten in das Zimmer hinunter, wirkt aber in keiner Weise störend, sondern hilkft vielmehr im Bunde mit dem gedämpften Oberlicht, dem Raume einen lauschigen und anheimelnden Charakter zu verleihen. Der Farbenton der Täfelung, die kunstvollen Schnitzereien, die schweren Möbel, die Teppiche, die Ahnenbilder an den Wän- den, der Schrank mit kostbaren Gold- und Silbergefässen, alles in Form, Farbe und Anordnung aufs kunstsinnigste abgestimmt, weckt in dem Beschauer in unvergleichlicher Weise die Vor- stellang, dass er sich in dem Prunkgemache eines alten, rei- chen Hauses befinde, dem kein Millionär der Gegenwart etwas Aehnliches nachschaffen kann. Wenn auch die übrigen Räume des weiten Schlosses sich den beiden beschriebenen an Grösse und Pracht der Ausstattung nicht vergleichen dürfen, so bieten doch auch sie an Gobelins, Stiekereten und Sehnitzereien, an echten Religuien, an Gläsern- und Porzellanen, an Gemälden, von denen die im Korridor befindlichen Tierstücke des Düssel- dorfer Malers Hans Deicker hervorstechen, eine solche Fülle des Sehenswerten, dass eine Aufzählung hier unmöglich ist. Der mächtige Bergfried auf der Nordseite des Schlosshofes birgt auf halber Höhe für die Wasserversorgung des Schlosses ein grosses Bassin, neben dem vorbei man auf einer Wendel- treppe zu den Lücken der Turmkrönung steigt, um eine gross- artige Aussicht weit in die Landschaft zu geniessen. Rechts von dem Bergfried führt ein altertümliches Thor zu einem mit einer Fontäne gezierten Rasenplatz, welcher über riesigen Un- terwölbungen durch Aufschüttung gewonnen ist, der sogenann- tenscharfen Ecke, wo verschiedene alte Geschütze an die frühere Wehrfähigkeit der Feste erinnern; auch von hier ist der Einblick in das umgebende Waldgebiet höchst reizvoll, wenn auch beschränkt. Man folge rechts dem Fahrwege, der um den Friedrichsturm herum zwischen Stock und Rosengarten durch zum däussern Schlosshof und von dort unter dem Archiu- bau hin zum entgegengesetzten Eingange leitet. Wendet man sich bei demselben links an den Marstéillen vorbei, so gelangt man durch den dussern Schlossgarten, welcher die ganze südliche Bergböschung bedeckt, zu dem in reizender Umgebung aufge- stellten Denkmal Kaiser Friedrichs in den sogenannten Herren- garten. Der Aufenthalt in Braunfels war vielleicht die letzte Stunde reinen Genusses gewesen, die dem allgeliebten Herr- scher in seinem zu kurzen Leben beschieden war. Sein Ver- sprechen:Ich komme wieder! hat er nicht halten können. Gleichsam als Ersatz dafür haben die Braunfelser dieses Denk-