Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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Braunfels. 127

welcher 1880 1891 regierte und 1885 die volle Wiederher- stellung des Schlosses mit feinem Verständnis unternahm. Zu Grunde gelegt wurde dem Restaurationsplan die Meriansche Zeich- nung von 1640, jedoch mit mannigfachen Modifikationen, und, da die Mittel nicht gespart wurden, so wurde in der That ein Bau geschaffen, der in seiner Art seinesgleichen sucht. Bei der Reich- haltigkeit der Kunst- und Altertumsschätze, die mit Geschmack und Verständnis verteilt sind, sollte niemand versäumen, dem Schloss einen eingehenden Besuch abzustatten. Als Kaiser Friedrich als Kronprinz am 14. Mai 1887 auf seiner Rückreise von Ems nach Berlin, wo unmittelbar darauf die entscheidungsvolle Konsultation der Aerzte stattfand, in Braunfels vorsprach und das Schloss und die Schätze desselben mit kunstverständigem Auge besichtigt hatte, war er von der Schönheit des Gesehenen so entzückt, dass er mehr- fach äusserte:Wie konnte man nur so alt werden, ohne Braun- fels gesehen zu haben!

Vom Markfplatz gelangt man am Solmser Hof vorbei durch drei der äussern Befestigung angehörige Thore zu einem über- wölbten Durchgange, über dem die Sehlosskirche sich erhebt. Derselbe führt in den äussern Schlosshof zur Schlosswache, welche Karten zur Besichtigung des Schlosses verabfolgt und den Führer stellt. Eintrittspreis für alles Zugängliche 50 Pfg., für Rittersaal und Burgfried allein 10 Pfg. Neben der Wache zeigt eine Tafel ein Beil über einer blutenden Hand mit der Warnung:Wer diesen Burgfrieden bricht, wird also gericht. Durch einen weitern Gewölbegang tritt man in den geräumi- gen, malerisch von Gebäuden und Türmen eingeschlossenen innern Hof, der sich nur nach rechts gegen den sogenannten Rosengarten öffnet. Nach dieser Seite hin liegen die ältesten Burgteile, die sich noch sichtbar dembraunen Felsen an- schmiegen. Eine breite Freitreppe steigt zu einer Loggia em- por, die eine köstliche Aussicht auf die Stadt und das Lahn- thal erschliesst. Rechts öffnet sich eine Thür in den alten Stock, einen Turm, der zahlreiche interessante und wertvolle Erinnerungen an die Geschichte des Geschlechtes und Hauses enthält. Links tritt man von der Loggia in den Rittersaal, weitaus den mächtigsten und imposantesten Raum des Schlos- ses. Eine achteckige Mittelsäule trägt vier rippenlose Gewölbe und teilt so den Saal in vier Abteilungen, deren jede mit einem prächtigen Kronleuchter geschmückt ist. Ein geharnischter Ritter hoch zu Ross hütet den Eingang zu dem anstossenden Friedrichsturm, geharnischte Gestalten umstehen die Säule, die über denselben mit Schilden geziert ist, während Waffenstücke aller Art die Wände bedecken. Den wirkungsvollsten Gegen- satz zu dieser die Waffenfähigkeit des alten Herrengeschlechts in stilvoller Weise zur Anschauung bringenden Halle bildet