Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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Wetzlar, Kalsmunt. 103

Wenden wir uns dem westlichen Ausgange der Stadt zu, so führt die grosse Strasse, nachdem wir zwischen den Resten der alten Stadtmauer das verschwundene Silhéferthor durch- schritten und auf einer Brücke den Wetzbach passiert haben, lahnabwärts zwischen wohlgepflegten Gärten und stattlichen Häusern hindurch zu einem mit herrlichen alten Linden bepflanzten Platz, der Starkenweide, der gegenüber die Garten- wirtschaft von A. Bersch liegt. Zur Linken zieht vom Thore aus eine Strasse ins Thal der Wetzbach aufwärts nach dem Dorfe Nauborn, unser Hauptaugenmerk aber nimmt der Burgberg in Anspruch, dessen Masse sich beherrschend in die Gabelung der beiden Thäler einschiebt. Der Weg zieht sich, von schwarzen Dreiecken bezeichnet, zwischen dem Schützengarten, einem im Sommer vielbesuchten Gartenlokale, und den stattlichen, von Anlagen umgebenen Gebäuden der optischen Fabrik von Leitz durch eine noch erhaltene Vorstadt- pforte gegen den Berg. Leider wird die Reinheit seiner Höhenlinien empfindlich gestört durch die Steinbrüche, welche von der Südost- und Nordseite immer tiefer in die Bergformen eindringen und den Gesamteindruck beeinträchtigen. Um so prächtiger ist der Anblick, der sich uns nach einer Wanderung von etwa 10 Min. zuerst durch Baumstücke und im obern Drittel durch spärlichen Tannenbestand auf der Höhe darbietet, wo der Wetzlarer Verschönerungsverein durch Anbringung mehrerer Bänke Gelegenheit zum Ausruhen ge- geben hat.

Zwar ist von der alten Burg ausser dem trotzigen Berg- fried nicht viel übrig geblieben, und nur die basaltnen Trümmer des Thores und des schlanken, kühn gegen das Thal vor- hängenden Mauerturms, welche die Anlage gleichsam aus dem Berge herausgewachsen erscheinen lassen, geben uns ein Bild von der Gestalt und Festigkeit des alten Herrensitzes.

Die Feste war eine Reichsburg; auf derselben sass ein Vogt, welcher die kaiserlichen Rechte in der reichsfreien Stadt zu wahren hatte. Ueber Alter und Ursprung ist gestritten worden; schon der Name Kalsmunt hat zu manchen Vermutungen Anlass gegeben, von denen die, welche das Wort auf eine Zusammensetzung aus kahl undMunt= Schutz zurückführt, am meisten Wahr- scheinlichkeit haben dürfte. Dem viereckigen Bergfried hat man römischen Ursprung zuerkennen wollen; doch sind die Gründe, die dafür ins FPeld geführt werden, nicht ausreichend, und wer in den Vogesen, am Rhein und Main gewandert ist, wird die gleiche Form an den Türmen vieler mittelalterlicher Burgenhaben be- obachten können. Doch ist nicht ausgeschlossen, dass derselbe schon früher als Wartturm oder letzte Zuflucht in Feindesnöten das Haupt des Berges gekrönt hat und bei der Erbauung der