102 Wetzlar, Gang durch die Stadt.
prinzen, zu dem Silaungshause und wohin es ihn wohl öfter ziehen mochte, als zum Orte seiner beruflichen Thätigkeit, zum deutschen Hause. Sie bildete auch örtlich den Mittelpunkt seines Wetzlarer Interessenkreises.
Weiter abwärts vereinigt sich die Gewandsgasse auf dem Liebfrauenberg mit der Sehuhgasse, und beide münden mit jähem Abfall auf den Eisenmarkt. Trotz seiner geringen Grösse und der dem Verkehr wenig günstigen Bodengestalt bildet dieser dritte Platz den eigentlichen Mittelpunkt der Stadt. Hier stehen die Häuser am engsten gepackt, laufen die Gassen am zahlreichsten zusammen, und schon die Namen derselben zeigen an, dass hier das eigentliche Kaufmanns- und Hand- werkerviertel lag, welches sich zwischen die kirchliche und könig- liche Niederlassung unwiderstehlich hineinschob. Leider ist der alte Brunnen bei Anlage der Wasserleitung in Rücksicht auf den Verkehr entfernt worden; aber wer spät abends bei Voll- mondschein des Weges kommend von der Ecke der Lahngasse seine Blicke schweifen lässt über die scharf beleuchteten, altertümlich spitzgiebeligen Häuser, deren Oberbau zum Teil über die Grundmauern hervorragt, während die dunkeln Schatten die einmündenden Gassen mit ihren Häuserreihen mehr ahnen als erkennen lassen, wird sich unwillkürlich um Jahrhunderte zurückversetzt glauben und dieses alte Städte- bild dem vielgerühmten von Nürnberg und anderen an die Seite stellen.
Die Hauptstrasse, welche vom Hauserthor her die Stadt unter den verschiedenen Namen der Hauser, der Weissadler-, der Krémergasse durchzieht, setzt sich von hier unter dem Namen der Silhöferstrasse fort und führt, von beiden Seiten verschiedene Gassen aufnehmend, zu dem vierten städtischen Platz, der seit dem hundertjährigen Geburtstage Schillers nach diesem seinen Namen trägt. Den dreieckigen Raum schliesst im S. das Kirchengebäude eines ehemaligen Franziskanerklosters, jetzt im Chor für den evangelischen Gottesdienst eingerichtet, während das geräumige Schiff, welches zu diesem Zwecke mit einem aufgesetzten Stock und einem Treppenturm ver- sehen ist, für die evangelischen Volksschulen verwendet wird.
In der Häuserreihe, welche im N. den Plat⸗z umsäumt, fällt hinter den Kastanien durch seine zwei vorspringenden Erker ein Haus in die Augen; eine kleine Marmortafel meldet, dass hier am 20. Oktober 1772 Kar! Wilhelm Jerusalem starb, jener unglückliche, vielversprechende Sohn des Abts von Rid. dagshausen, welcher aus hoffnungsloser Liebe und gekrünktem Ehrgefühl freiwillig aus dem Leben schied, und dessen tragisches Ende Goethe seinem Werther substituiert hat.


