Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
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Wetzlar, Goethe.! 101

empfinden wir doch mit Rührung, in wie bescheidenen Ver- hältnissen unsere Vorfahren glücklich zu sein vermochten, wie viel reicher unser Leben geworden ist.

Vor dem Thore des deutschen Hauses links wendend gelangen wir in die Schmiedgasse, welche links zu einem zweiten grösseren Platze, dem Kornmarkt, führt. Unter den Häusern, welche ihn umrahmen, ragt in der südlichen Reihe der Gast- hof zum Römischen Kaiser hervor, kenntlich an dem stattlichen Standbilde über seiner Thür, in welchem schon zu Goethes Zeiten die Konzerte und grössern Lustbarkeiten, besonders zur Karnevalszeit die Maskenbälle, abgehalten wurden, eine Bestimmung, der es bis heute treu geblieben ist. Vom obern Ende des Kornmarbts führt die Oberthorgasse an den auf dem Terrain der ehemaligen Jesuitenniederlassung errichteten Ge- bäuden des Kgl. Gumnasiums vorbei aus der Stadt heraus auf die Franbfurterstrasse. Biegt man aber vorher rechts in die erste, ziemlich steil abwärts führende Gasse, die enge Näksburg ein, so gelangt man neben dem Hause zum Kalsmunt links zu einer Treppe, welche ihren Namen von dem am obern Ende gelegenen ehemaligen reformierten Pfarrhause führt. Hier war einst im Oberstock die Wohnung Johann Christian Kestners. im Werther als Lottes Bräutigam Albert genannt, welcher bei Goethes Anwesenheit in Wetzlar als Sekretär der Bremischen Subdelegation der Reichskammergerichtsvisitation bereits seit fünf Jahren in der Stadt weilte und sich nach kaum halb- jährigem Aufenthalt mit Charlotte Buff, wenn auch nicht öffent- lich, verlobt hatte. Goethe weilte manche Stunde in den pescheidenen Räumen bei dem anspruchslosen, aber gediegenen und warm empfindenden Manne, dessen ruhige Besonnenheit nicht wenig dazu beigetragen hat, dass die W etzlarer Episode in dem Leben des Dichters ohne Katastrophe endigte. In dem stillen Schatten des gegen die Stadtmauer stossenden Gartens hielt dieser am 10. September als Gast Kestners sein letztes Mittagsmahl in Metalar, ohne dass dieser eine Ahnung davon hatte, dass bereits die tiefe Bewegung der bevorstehenden Trennung das Herz des Freundes durchzuckte. Am folgenden Morgen war er ohne Abschied verschwunden.

Vom Kornmarbt senkt sich das Terrain gegen W. ziemlich steil zur Unterstadt, und die Gassen, welche hinunter führen, müssen die Steigung zum Teil durch Treppen überwinden. Schlagen wir die obere derselben, die Gewandsgasse, ein, zu der neben der Imgardtschen Buchhandlung Stufen hinunterführen, so bemerken wir an dem vierten Hause zur Linken eine ein- fache Marmortafel, welche anzeigt, dass hier einst Goethe seine Behausung hatte. Von hier aus hatte er wenige Schritte zu seinem Freunde Kestner, zu seinem Mittagstisch im Kron-