Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
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100 Wetzlar, Dom, Lottezimmer.

Schilf zufällt mit der Bestimmung, ihre Gottesdienste auf die Stunden von 7 bis 9 Uhr des Morgens und von 12 bis 2 Uhr des Mittags zu beschränken. Uebrigens entbehrte das Verhältnis der beiden Bekenntnisse nicht der humorvollen Beziehungen. Bis zur Auflösung des Kollegiatstifts hatte der katholische Dechant den evangelischen Oberpfarrer, der neu in sein Amt eintrat, auf die Augsburgische Konfession zu verpflichten und denselben einzuführen. Zum letztenmal geschah dies im Jahre 1792.

Auf der nördlichen Seite des Domes befindet sich ein mässig geräumiger, freier Platz, der kleine Kirchhof, von dem man einen prächtigen Blick auf das Lahn- und Dillthal und auf die Schorn- steine der Industriestadt hat. In der Mitte desselben hat der Bildhauer Lehr, ein Wetzlarer Kind, für die im letzten Kriege gegen Frankreich gefallenen Bürgersöhne ein Denkmal errichtet und der Stadt zum Geschenk gemacht. Das grüne Laub der Linden bildet einen stimmungsvollen Hintergrund und scheidet es in wohl- thuender Weise von dem altersgrauen gotischen Gemäuer des Doms. An der Ecke des Platzes nach dem Chor zu wohnt der katholische Küster, welcher die Kirche aufschliesst, daneben die evangelische Küsterei, in welcher der Schlüssel zum Lottezimmer zu haben ist.

Kehrt man von hier zwischen Dom und St. Michaelskapelle auf den Buttermarkt zurück und lenkt bei der ehemaligen Hauptwache in die enge, zwischen Gartenmauern eingezwängte Pfahfengasse ein, so gelangt man bei der ersten Querstrasse, der sogenannten Gänsweide, vor ein offenes Thor, welches in einen geräumigen Hof leitet. Im Hintergrunde ein stattliches, massives Haus, rechts ein mit Bäumen angepflanzter, umzäunter Platz, in dessen Mitte ein alter Baumstumpf, der Rest der Goethelinde vom Wöllbacher Brunnen, steht, links niedrige, zum Teil zu Wirtschaftszwecken bestimmte Gebäude. Wir stehen vor dem deutschen Hause, früher Eigentum des deutschen Ordens, zu dessen Commende Schiffenberg das Anwesen gehörte, jetzt von der Stadt zu einem Heim für eltern- and mittellose Kinder eingerichtet. Ein enges, steiles Preppchen führt uns von der ersten Thür des bescheidenen Seitenbaues zu zwei Räumen, von denen der grössere die Ecke gegen das Hofthor einnimmt. Es ist, wie die an der Aussenseite angebrachte Marmortafel anzeigt, das Lottezimmer, und das Haus war vor 130 Jahren die Wohnung des Ordensamtmanns Bufl, der Schauplatz des Goethe-Wertherromans in Metzlar. Einzelne unbedeutende Gegenstände, zum Teil von Lottes Hand, erinnern an die einstige Bewohnerin, und pietätvoller Sinn hat die Räume in zeitentsprechender Weise auszustatten gesucht. Aber wenn auch geschickte und sorgliche Mädchenhände ihnen damals ein wohnlicheres Ansehen verleihen mochten, so