Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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Wetzlar, Dom. 99

Uebergangsstil an. Nachdem dann die Bauthäütigkeit längere Zeit geruht zu haben scheint, wurde in dem Jahre 1336 unter der Regierung Ludwigs des Bayern, unter dem die Entwicklung der Stadt ihren Höhepunkt erreichte, eine Erweiterung und Ver- schönerung der Kirche in grossartiger Weise in Angriff genommen. Jener Zeit entstammt der durch eine unschöne hölzerne Erweite- rung verunzierte Lettner, der in erster Linie den Zweck gehabt haben dürfte, einen durch die Bauthätigkeit ungestörten Raum für den Gottesdienst der Stiftsherrn abzugrenzen. Der Plan ging auf eine allmähliche Erweiterung der Hallenkirche nach Westen, indem man schliesslich die Längsschiffe über den romanischen Turmbau hinaus um zwei Joche verlängerte. Die alten Türme sollten bei fortschreitender Vollendung der auf den westlichen Seitenschiffs- jochen sich aufbauenden neuen nach und nach niedergelegt werden. Aber je länger, je mehr versagten die Mittel, nicht zum wenigsten, weil das Interesse schwand; so blieb der nördliche Turmbau ganz liegen, der südliche gelangte bis zur Plattform, und als mit Ein- führung der Reformation der Bau ganz ins Stocken gerieht, erhielt er einen Holzaufsatz mit Schieferhelm, welcher nach dem Brande von 1561 durch das jetzige Krondach ersetzt wurde. Der bekannte Wetalarer Spruch: Zu Wetzlar auf dem Dom Sitzt der Teufel auf der Nonn,

beruht auf einem durch ungenaues Beobachten veranlassten Miss- verständnis. Das über dem Portal des südlichen Langhauses be- findliche, arg verwitterte Consol zeigt im Relief einen Teufel, wie er einen bärtigen Mann, nicht eine Nonne, umschlingt.

Die Kirche gehörte dem Marienstift, einem wohl im 10. Jahr- hundert gegründete Kollegiatstift, welches bald eine bedeutende Zahl von Mitgliedern aufzuweisen hatte. Schon im 14. Jahr- hundert trennten sich die Domherrn von der Stadtgemeinde. Erstere hielten ihren Gottesdienst in dem durch den Lettner abgeschlossenen Chor, während das Schiff der Gemeinde zur Verfügung blieb; doch war der Stadtpfarrer einer von den Scholastern. Als im Anfang des 19. Jahrhunderts das Kollegiatstift aufgelöst wurde, bestand es noch aus einem Dechanten, zwei Scholastern und einem Kantor, nachdem die Würde des Propstes schon vor mehr als einem Jahr- hundert dauernd auf den Erzbischof von Trier übertragen war. Seit Einführung der Reformation durch den Scholaster Antoni, der 1542 mit der gesamten Gemeinde zum evangelisch-lutherischen Bekenntnis übertrat, während die Chorherrn mit ihrer Dienerschaft dem katholischen treu blieben, hat zwischen beiden Konfessionen der Streit über den Anteil am Besitz des Domes niemals geruht. Erst in neuerer Zeit hat derselbe zu der immerhin noch proviso- rischen Einigung geführt, dass die katholische Gemeinde die aus- schliessliche Eigentümerin des Chors ist, der evangelischen das

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