Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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98 Wetzlar, Dom.

Beziehung die Perle der Stadt. Reihen von Kastanienbäumen, unter denen die Büste des jugendlichen Goethe aufgestellt ist, schliessen ihn im Süden gegen das Alltagsleben der Strasse ab, während am Fuss der Türme, welche wegen des bröckeln- den Mauerwerks mit einer hölzernen Barriere umgeben sind, an den Markttagen das Treiben der Käufer und Verkäufer wie schon vor einem halben Jahrtausend sich tummelt. Ge- teilte Empfindungen müssen den Beschauer beim Anblick dieser halbfertigen Steinmasse bewegen, Bewunderung für den hohen Sinn unserer Vorfahren, die einem idealen Zwecke Mittel zur Verfügung stellten, welche dem lebenden Geschlecht unerschwinglich scheinen müs- sen, Staunen über die stolze Kraft des deutschen Bürgertums im Mittelalter, welches in sich das Vermögen empfand, ein sol- ches Unternehmen zur Ehre Gottes und seiner eigenen zur Vollendung zu führen; Wehmut aber, dass auf die Dauer diese Kraft versagte und einem spä- teren, schwächeren Geschlecht nur vergönnt blieb, die Zeugen einer grossen Zeit, die im Ent- stehen schon Ruinen wurden, unter schlechtem Dach in die Gegenwart herüber zu retten. Hat der Dom diesen trümmer- haften Zustand mit manchem alten Bauwerke des deutschen Vaterlan- des gemein, so steht er doch einzig da durch die Mannigfaltigkeit der Baustile, die in den einzelnen Teilen zu Tage treten und eine Jahrhunderte lange Entwicklung vom romanischen Stil bis zur späten Gotik in den mannigfachsten Abstufungen verfolgen lassen. Die älteste Anlage ist der hinter den Türmen sich bergende, aus Basalt aufgeführte sogenannte Heidenturm mit dem eigenartigen romanischen Portal, die in ihrer jetzigen Gestalt nicht über die Mitte des 12. Jahrhunderts zurückreicht, aber augenscheinlich, wie aus der mangelnden Zusammengehörigkeit der einzelnen Ornament- teile am Portal und am Turmgesims hervorgeht, durch Zu- sammenfügung von Bau- und Ornamentstücken entstanden ist, die einem früheren romanischen Bau entnommen wurden. Während auf der Scheide zwischen dem Chor und dem süd- lichen Kreuzhause eine seltsame Verquickung von romanischem und gotischem Stil bemerkbar wird, gehört der Chor selbst dem

Dom zu Wetzlar.