Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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Wetzlar. Goethebrunnen. 95

seinem Schutze, zieht sich eine Reihe stattlicher Gebäude hin, die ihre dem Beschauer zugekehrten Mauern und Giebel im Wasser wiederspiegeln. Fluss, Busch und Wiese bilden den lieblichsten Vordergrund und helfen, das Stadtbild zu einem wirkungsvollen zu gestalten.

Biegt man aber vor dem genannten Hotel nach links, so kommt man in wenigen Schritten zur neuen Hängebrücke über die Lahn; eine in den rechten Sandsteinpfeiler des rechten Ufers eingelassene eiserne Platte nennt als die Bauherrn vien Gewerke, welche 1873 die Brücke auf eigene Kosten errichteten, ein bleibendes Denkmal, welch reichen Gewinn der Bergbau des Wetzlarer Reviers abwirft. Jenseits der Brücke, an deren Ausgang links eine vom Taunusklub angebrachte doppelte Wegetafel steht, gelangt man auf die Strasse von Garben- heim, welche nach rechts durch ein altes, zwischen Berg und Fluss eingezwängtes Thor, die Ziegelpforte, auch Hauserthor ge- nannt, in die zwischen Gartenmauern an der Badeanstalt vorbei zur Stadt leitende Hausergasse führt. Nach wenigen Schritten mündet von links unmittelbar vor dem in parkartigem Garten gelegenen stattlichen Direktionshause der Buderusschen Eisen- werke ein anmutiges Thälchen, welches von dem zur Lahn fliessenden Wasser gerissen, die die Stadt tragende Berglehne von dem Lahnberge scheidet. Ein kleiner Bach, der Haarbach, führt spärliches Wasser die Thalsohle herab, nur bei plötz- lichem Regen wird er ungestüm. An den sonnigen Thal- wänden liegen stattliche Häuser und wohlgepflegte Gärten, und auf der linken Seite steigt eine Steintreppe zu einem hübschen Aussichtspunkte über Stadt und Thal, der Metzeburg, hinauf(oben einfache Restauration). Innerhalb der Schleife, welche der die Haarbach aufwärts leitende Fahrweg bildet, um zur Stadt hinanzuklimmen, fliesst in der Tiefe aus zwei Röhren ein Quell klaren Wassers, der Wöllbacher Brunnen, gewöhnlich aber Goethebrunnen genannt.

In Werthers Leiden findet sich im Briefe vom 12. Mai folgende Stelle:Ich weiss nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme, himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so paradiesisch macht. Da ist gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin, wie Melusine mit ihren Schwestern. Du gehst einen kleinen Hügel hinunter und findest dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Ein- fassung macht, die hohen Bäume, die den Platz ringsumher be- decken, die Kühle des Orts, das hat alles so was Anzügliches, so was Schauerliches. Es vergeht kein Tag, dass ich nicht eine Stunde da sitze. Jetzt kommen kaum noch, wie zu Goethes Zeit, die