96 Wetzlar, Beschreibung der Stadt.
Mädchen aus der Stadt und holen Wasser; denn die alte Quelle ist durch den Bergbau unterbunden, und die neu eingelenkte fliesst nur spärlich; die Schauer der Einsamkeit, die diesen Ort um- wehten, haben den vordringenden Häusern weichen müssen, die Bäume sind der Zeit und dem Sturm zum Opfer gefallen. Aber wer einst mit heimlichen Entzücken jenes hohe Lied der leiden- schaftlichen Empfindung gelesen, der fühlt mit frommer Rührung um sich den Genius des Dichters schweben, der aus mächtigem Empfinden sich zur Klarheit durchzuringen suchte.
Die Strasse vom Goethebrunnen aufwärts führte einst am alten, jetzt geschlossenen Kirchhof vorbei, auf welchem an nicht mehr bekannter Stelle Jerusalem-Werther begraben liegt, in die Stadt durch das Woöllbacherthor, welches wie die ganze Stadtmauer der linken Seite verschwunden ist. Auf dem Zuge derselben führt jetzt die Kreisstrasse entlang, auf der linken Seite be- gleitet von Anlagen, der sogenannten grossen Promenade. Auf derselben erblicken wir das Sammelbassin der Wetzlarer Wasser- leitung sowie etwas weiterhin ein einfaches Denkmal, einen Obelisken mit den eingelassenen Medaillons der beiden ver- storbenen Kaiser. Kreuzt man weitergehend beim jetzt abge- tragenen Oberthor, dessen Lage durch zwei einander gegen- überliegende Häuschen bezeichnet wird, die aus der Stadt führende Frankfurterstrasse, so gelangt man, einen mit Gold- fischen besetzten Teich umschreitend, zu einer Art Kanzel, von der man einen hübschen Ausblick auf das Lahnthal und die dasselbe umsäumenden Höhen des Westerwaldes und den Kalsmunt hat. Zur Rechten erkennt man die Reste der alten Stadtmauer, welche vom Oberthor bis in die Nähe der Lahn die Stadt umzieht.
Wir kehren zurück, um die Stadt auch in ihrem Innern kennen zu lernen, und verfolgen die an der Einmündung der Haarbach verlassene Hausergasse weiter an den ehemaligen Stiftsmühlen(in denselben gute Wellenbäder) vorbei zu dem stattlichen Postgebäude, welches an der Stelle des alten Reichs- kammergerichts aufgeführt und 1884 eröffnet wurde. Das alte Gebäude, dessen Lage noch nach den im Vorhofe stehenden Linden zu erkennen ist, hatte bis 1806 als Sitzungshaus gedient. Gegenüber an der Ecke der Domtreppe erhebt sich ein modernes Haus im Stil des Mittelalters, jetzt eine Weinhandlung mit Weinstube, welches ein interessantes Beispiel für sorgsamste Raumausnützung ist. An das Postgebäude schliesst sich das Kgl. Amtsgericht, in dessen Gewölben sich jetzt das Preussische Slaatsarchiv mit demjenigen Teil der alten Reichskammergerichts- abten befindet, welcher bei der Verteilung an die einzelnen Bundesstaaten als preussische und sogenannte inseparabilia


