Neuere Entwicklung Wetzlars. 93
seine gereizten Aeusserungen über den spottlustigen Herder in Strassburg. Gelang es Merk auch nicht, seinen Schützling sogleich mit sich zu ziehen, so band er ihn doch durch einen festen Termin für ein Zusammentreffen in Coblenz.
Am 10. September riss Goethe sich los, ohne Abschied zu nehmen, und wanderte, wie er uns in Dichtung und Wahrheit beschreibt, das Lahnthal abwärts. Diesmal schied er nicht wie aus Strassburg im Gefühl der Schuld, aber vielleicht in dem für ihn noch empfindlicheren, aus jenem Herzensduell nicht als Sieger her- vorgegangen zu sein. Was aber bei schwächeren Naturen in jener empfindsamen Zeit vielleicht zum Selbstmord geführt hätte, das brach aus seiner gesunden Seele als die schönste Blüte der Poesie. Seine Rache war der Werther.
Fünf Jahre später zog in Wetzlar in gleicher Eigenschaft als Praktikant ein Jüngling ein, der als Mann nicht minder tief in das politische Leben der Nation eingegriffen hat, wie Goethe in das geistige. In der erwähnten Matrikel findet sich unter dem 20. Mai 1777 eingetragen: Henricus Fridericus de Stein od. d. et ao., die Handschrift des späteren grossen Staatsmannes, des Freiherrn vom Stein, dem wir auf unserer Wanderung abwärts noch öfter begegnen werden.
In dem merkwürdigen Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 wurde Wetzlar neben Aschaffenburg und Regens- burg dem Reichskurerzkanzler von Dalberg zugewiesen, dem es auch verblieb, als ihm drei Jahre später als Fürstprimas von Na- poleon der Vorsitz des Rheinbundtages zu Frankfurt übertragen wurde. An die siebenjährige Herrschaft desselben erinnert der reiche Dalbergsche Fond, den er aus den Ergebnissen der einge- zogenen geistlichen Güter der katholischen Gemeinde überliess und aus dem noch jetzt die gesamten Kirchen- und Schulkosten der- selben bestritten werden.
Auf dem Wiener Kongress fiel Wetzlar an Preussen, welches daraus mit dem mediatisierten Solms-Braunfelsischen und einigen anderen Gebieten einen Kreis bildete und denselben dem Regierungs- bezirk Coblenz zufügte. Die preussische Regierung errichtete in der Stadt ein Gymnasium und verlegte dorthin das rheinische Jägerbataillon Nr. 8, welches in fünfzigjähiger Garnisonszeit aufs engste mit der Bürgerschaft verwuchs, bis es zum grossen Schmerze derselben im Herbst 1877 von dannen ziehen musste, um in dem neugewonnenen Reichslande an der Grenzwacht teilzunehmen.
Mit der Eröffnung der Schienenwege und Eisenbahnen im Anfang der 1850 er Jahre hat sich auch in Wetzlar eine kräftige Industrie entwickelt; Zeugnis davon geben die ver- schiedenen Eisenwerke, welche sich um den Bahnhof herum lagern, die Sophienhütte, das Walzwerk, zwei Eisengiessereien, ferner eine chemische Fabrik, zwei Cementfabriken, eine Kalk-


