Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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92 Goethe in Wetzlar.

Reichsgebiets, dass die drei anerkannten christlichen Konfessionen daselbst freie Religionsübung hatten, nicht zum wenigsten aber, weil das Gericht ausser in Friedberg nirgend wo anders ein Unter- kommen sah. Denn wenn es in dem Reskript des Kaisers Leopold vom 28. März 1693 heisst, dass es einstweilen ad interim in der Reichsstadt Wetzlar zu eröffnen sei, so hat doch dieses Interim gedauert bis zum seligen Ende beider, des Reichs und seines Gerichts. Pröffnet wurde es in seiner neuen Heimstätte am 15. Mai 1693 durch den damaligen Kammerrichter, den Kurfürsten Johann Hugo von Trier, die letzte Eintragung in das Matrikel- buch findet sich unter dem 10. Mai 1806.

Wetalars Name wurde durch das ganze Reich bekannt und genannt, wenn auch nicht gerade auf rühmliche Weise. Aber wie ein die trübe Dämmerung durchleuchtender Sonnenstrahl fällt in jene Epoche die Anwesenheit des jungen Goethe, der nach Beendigung der Strassburger Studien die Stadt aufsuchte, um hier einen praktischen Kursus an demhöchstadeligen Gerichts- hof durchzumachen. Auch verwandtschaftliche Bande knüpften ihn an Wetalar, denn seine Grossmutter mütterlicherseits, eine geborne Lindheimer, stammte von dort, und noch wohnten dort seine Grosstante, die alte Geheimrätin Lange, mit ihren zwei Töchtern. Seine Eintragung in das in Archiv aufbewahrte Matrikel- buch, die wortgetreu lautet:Johann Wolfg. Goethe von Frfurt am Mayn d. 25. May 1772*, ist jedoch das einzige Ueberbleibsel seiner juristischen Thätigkeit an diesem Platze. Desto erkennbarer sind die Spuren seines Privatlebens während seines fast viermonat- lichen Aufenthalts geblieben; denn hier durchlebte er seine eigent- liche Sturm- und Drangzeit. Das Ferment, welches durch Herders Einwirkung in ihn hineingeworfen und welches in Strassburg in seinem Verhältnis zu Friederile mehr nach der ästhetischen Seite von ihm empfunden worden war, kam in Wetzlar Lotten, der Tochter des Deutschherrnamtmanns Buf, gegenüber in leidenschaft- licher Weise zum Durchbruch. Das Unhaltbare und Gefährliche in der Neigung zur Braut seines Freundes, die ihrerseits das Ver- hältnis, wenn auch mit der zeitüblichen Sentimentulität, aber inner- lich kühler auffasste(s. seine Sendung nach Atzbach S. 85), hat zweifellos der Kriegsrat Merk, der Mentor des Dichters wenn auch in mephistophelischem Gewande, aus der Ferne wohl erkannt. Als er nach Ablauf der üblichen drei Praktikantenmonate erschien, er traf mit Goethe Mitte August im Höpfnerschen Hause in Ciessen zusammen, hütete er sich wohl, seinen jugendlich schwärmenden Freund, den er nach Wetalar begleitete, durch direkte Vorstellungen zu reizen; er schlug vielmehr den seiner Eigenart entsprechenden Weg ein, ihm das Verhältnis, so sehr er Lotte selbst geschätzt zu haben scheint, lächerlich zu machen. Wie empfindlich aber der Dichter gerade einem solchen Verdachte gegenüber war, verraten