Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
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Wetzlar. Das Reichskammergericht. 91

zahlreiche Urkunden, welche einen uralten Bergbau in der Gegend nachweisen. Die älteste Nachricht findet sich in dem Lorscher Codex aus der Zeit um 780, und aus den noch vorhandenen Resten alter Schmelzstätten lässt sich nachweisen, dass die sogenannte Fennarbeit auf Eisenstein schon vor einem Jahrtausend in Betrieb gewesen sein muss. Der starke Eisenhandel aber wird bezeugt durch eine im Stadtarchiv befindliche Urkunde vom 26. August 1277, worin die Frankfurter Bürger den Wetzlarern, welche mit ihren Eisenwaren die Messe beziehen, eine Zollermässigung zu- gestehen.

Die Entwicklung der Stadt im Mittelalter steigt und fällt mit der des Städtewesens im westlichen Deutschland überhaupt. Mit den Städten der Wetterau, Frankfurt, Friedberg, Gelnhausen, mit denen sie im Landfriedensverband steht, hebt sie sich zur Blüte, welche in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts unter Luduig dem Bayern ihren Höhepunkt erreicht, sie macht in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die stürmischen Kämpfe der demokratischen Zünſte gegen die Geschlechter durch, gerät dadurch in äusserste finanzielle Bedränguis, welche sogar zeitweise die Er- klärung der Stadt in Acht und Bann zur Folge hat, und hat besonders einen schweren Stand, weil sie ihre Freiheit und Auto- nomie gegen grössere und kleinere Dynasten, die ihr Gebiet zahl- reich und begehrlich umgeben, in oft schwierigen Fehden zu ver- teidigen gezwungen ist. Doch bewahrt sie ihre reichsunmittelbare Stellung bis zur Auflösung des Reichs.

Wie die aller Städte und in noch höherem Masse wurde ihre Kraft gebrochen in dem unseligen grossen Kriege, der die Heer- haufen fast aller streitenden Parteien in ihre Mauern führte. Durch die dreissigjährige Kriegsnot war ihr der Lebensnerv, der Handel und Verkehr, abgeschnitten, und sie sank herab zu einem bedeu- tungslosen, armseligen Ackerstädtchen, welches kaum die Erinnerung an seine einstige Stellung bewahrte. Für den Erwerb der Bürger musste es daher als eine Wohlthat empfunden werden, als sich die Aussicht eröffnete, das Reichskammergericht in ihren Mauern aufzunehmen, welches durch die Raubzüge Luduwigs XIV. aus seinem bisherigen Sitz Speyer vertrieben und heimatlos geworden war. Aber keine Stadt im Reich wollte seine oberste Behörde aufnehmen, und gegen die beiden Orte, welche sich eifrig um dieselben be- mühten, Friedberg und Wetalar, wehrten sich die Mitglieder aufs heftigste. Die Kommission, welche am Pfingstfest 1689 Wetzlar aufsuchte, fasste ihr Urteil dahin zusammen. die Stadt sei zwar eine Reichsstadt, aber so ganz unansehnlich, dass das Kammerge- richt ohne eine Verminderung der ihm gebührenden Achtung, und selbst ohne Nachteil der Hoheit des heiligen Römischen Reichs darinnen nicht wohnen könne. Dennoch wurde Wetzlar gewählt. Ausschlaggebend war neben der bequemen Lage in der Mitte des