Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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90 Geschichte Wetzlars.

die Sage in das 8. Jahrhundert zurückgelegt, die jedenfalls aber schon im 10. Jahrhundert bestanden hat. Nicht viel jünger ist auf der südwestlichen Abdachung die Königliche Niederlassung, der Saalhof, von dem noch jetzt die Namen Saalhof, Hofstatt, Silhoferstrasse Kunde geben. Aber die Lage des Platzes im Westen der weiten Flussniederung des mittleren Lahnlaufs, am Eingange der Thalrinne, welche sich der Fluss zwischen Taunus und Wester- wald hindurch gegraben hat, die von der Natur gebildete Strasse an der Dill aufwärts über die Wasserscheide zur Sieg, wo sich die Wege zur alten Handelsmetropole des nordwestlichen Deutsch- lands Köln und nördlich zu den früh erblühten westfälischen Städten öffneten, die leichte Verbindung in die Wetterau, die den Verkehr nach Frankfurt zwanglos vermittelte, während der Oberlauf der Lahn in das Weserthal und nach Osten hinüber wies, beherrschte in viel höherem Masse als jetzt eine der wichtigsten Nebenstrassen des grossen deutschen Handelsweges, des Fheinlaufs, und musste frübzeitig auch zu einer Handelsniederlassung einſaden.

Naturgemäss lehnte sich der Markt an die schon bestehende kirchliche Gründung an. Hier strömten bei den kirchlichen Festen die Umwohnenden von weit her zusammen, hier war die grösste Nachfrage und das bequemste Angebot, hier unter dem Schutze der Heiligen und des könglichen Saalhofes die grösste Sicherheit für Person und Ware. Die Kaufleute, welche ihre Waren auslegten, bald aber sich dauernd ansässig machten, genossen besonderer königlicher Privilegien, welche sie unmittelbar unter den Schut⸗ des Königsbannes stellten und sie ausnahmen von den allgemeinen Volksgerichten. Im rechtlichen Sinne wurde Wetalar zur Stadt, als jene Kaufmännischen Privilegien durch kaiserliche Verleihung auf die gesamte Siedelung ausgedehnt wurden und die alte Burg und das Gotteshaus mit in ihren Bereich zogen, d h. als das Kaufmannsrecht zum Stadtrecht wurde. Die erste Urkunde, welche nachweist, dass der Ort Stadtrecht erlangt und sich zum Range einer königlichen Stadt erhoben hat, ist vom Jahre 1180, in welchem Kaiser Friedrich I. seinen Bürgern von Wetzlar dieselben Rechte verleiht, wie den Bürgern von Frankfurt.

Wetzlar war jedoch keineswegs ein blosser Markt und Durch- gangspunkt für Handel und Warenverkehr, sondern die Verar- beitung der in den heimischen Bergen gewonnenen Erze, besonders des Eisensteins, die jetzt eine der Haupterwerbsquellen für Stadt und Umgegend bildet, muss schon in den ältesten Zeiten eine grosse Rolle gespielt haben. Auf die Bedeutung der Eisenindustrie weisen nicht nur die in dem Kaufmanns- und Handwerkerviertel erhaltenen Namen des Lisenmarkts, der Sehmied- und Pfannen- stielsgasse( Pfannenschmiedsgasse), sowie die grosse Zahl der Wetzlarer Schmiede in der Mitte des 14. Jahrhunderts, die sich infolgedessen zu einer Zunft zusammenschlossen, sondern auch