74 Kloster Arnsburg.
vom Jahre 1803 den geistlichen Stiftern in Deutschland ein jähes Ende bereitete, fielen die Güter des Klosters zum grössten Teile an das Haus Solms, die Abtei selbst an die Linie Solms-Laubach, in deren Besitz sie noch jetzt ist.
Treten wir, von der Altenburg zurückkehrend, durch das nach W. sich öffnende Hauptthor, über dem das Standbild des heiligen Bernhard, des Begründers des Cisterzienserordens, thront, so liegt vor uns ein langgestrecktes massives Gebäude, der Bursenbau, ehemals die Wirkungsstätte des Pater Bursa- rius, dem die Verwaltung des Klostervermögens anvertraut war. Seit 1847 ist der Bau zu einem Rettungshaus für ver- wahrloste Mädchen umgewandelt, die hier von einer Lehrerin und fünf Schwestern unterrichtet und erzogen werden. An der Spitze des Vorstands der Anstalt steht der Graf von Solms- Laubach.
Ein Thorweg führt durch diesen Bau in den inneren Klosterhof, wo an dem Gebäude rechts sich die Schelle be- findet, um den mit der Führung durch die Ruine betrauten gräflichen Obergärtner herbeizurufen(Trinkgeld). Man lasse sich, um bei der Besichtigung möglichst dem Gange der ge- schichtlichen Entwickelung zu folgen, sogleich zu dem ältesten Teile, zu der das Kloster auf der Nordseite abschliessenden Kirche führen. Auf alle werden diese Ruinen in ihrer stillen Entlegenheit mitten im üppigen Gartengrün, in die nur das Rauschen der hohen Bäume hineintönt, einen unauslöschlichen Eindruck machen, der nur durch den Gedanken an den Van- dalismus gestört wird, der ein solch edles Menschengebilde dem Verderben überliefern konnte. Und doch würde der Zauber, den das unversehrte Gotteshaus ausüben könnte, kaum grösser sein, als die so jammervollen Trümmer in ihrer stummen Be- redsamkeit, die sich in ihrer Wirkung vollrechtlich den be- rühmten Resten der Klosterkirche von Paulinzell in Thüringen an die Seite stellen dürfen. Unmöglich aber ist es, sich eine Vorstellung zu bilden von der zauberischen Schönheit, mit der die Ruinen auf den wirken, dem es vergönnt ist, am späten Sommerabend bei Vollmondschein in ihnen verweilen zu dürfen. Da werden sie lebendig und scheinen hervorzutreten aus den schwarzen Schatten der scharf umrissenen Pfeiler, die alten Mönche und Aebte, die einst hier beteten, deren Grabdenk- mäler noch jetzt zum Teil in den Wänden der Seitenschiffe eingelassen sind, und die dereinst in stillen und entsagungs- reichem Wirken Kultur und Aufklärung in die deutschen Wälder trugen. Da müssen wir Achtung gewinnen vor einem viel geschmähten Stande, aus dem heraus ein schlichter, frommer Sinn Gebilde zu schaffen vermochte, vor denen' wir jetzt in Bewunderung und Beschämung stille stehen müssen.


