Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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Gang durch die Stadt. 59

fallener Studenten, sowie ein ziemlich geräumiges Glashaus mit manchen botanischen Sehenswürdigkeiten befindet. Jen- seits des Garteneinganges treffen wir auf das älteste Gebäude der Stadt, die alte Kanzlei, auch das alte Schloss genannt. Erbaut um die Mitte des 14. Jahrhunderts, war es ein Muster alter Wasserburgen. Hoch ragt der Burgfried, im Volksmund der Heidenturm, über den Palas und die dazu gehörigen Ge- bäude, die sich um einen engen finstern Hof gruppieren. Das Dach des Burgfrieds muss in der Mitte des 15. Jahrhunderts erbaut worden sein, denn in der Windfahne sind die Abzeichen von Ziegenhain und Nidda enthalten, die 1450 an Hessen fielen. Bis auf Landgraf Luduwig IV. wohnten in dem alten Schlosse die hessischen Landesherren mit ihren Familien; auch Philipp der Grossmütige hielt sich hier während der Sickinger Fehde auf. Nach Erbauung des neuen Schlosses war es vorwiegend der Sitz der höchsten Behörden, und Georg II., der während des dreissigjährigen Krieges das daneben stehende Kollegienhaus bewohnte, baute zur bessern Verbindung mit seinen Behörden nach dem alten Schloss eine Brücke, die erst 1763 wieder entfernt wurde. Auch während des grössten Teils des letzten Jahrhunderts waren hier verschiedene Be- hörden untergebracht, dann diente es zwei Jahre lang bis 1867 als Kaserne. Seit jener Zeit ist es unbewohnt und macht, einen ziemlich zerfallenen Eindruck, soll aber demnächst gründlich renoviert und wieder bewohnbar gemacht werden.

Am alten Schlosse vorbei gehen wir über den Kanaleiberg zur Sonnenstrasse, welche nach wenigen Häusern die Neuenbäue kreuzt. Das zweite Gebäude links jenseits der Kreuzung ist das Klubhaus des Giessener Gesellschaftsvereins mit reich- haltigem Lesezimmer. Hier werden die Klubbälle und sonstige Festlichkeiten abgehalten, auch veranstaltet der Giessener Konzert-Verein die meisten seiner durchweg gediegenen Konzerte in dem geräumigen Saale dieses Hauses.

Biegen wir beim Eckhause Sonnenstrasse 15, der einstigen Wohnung des Professors Höpfner, in welcher ihn von Wetzlar aus der junge Goethe aufsuchte, links in die Neuenbäue ein, so zeigt links an Nr. 9 eine Marmortafel das Geburtshaus des berühmten Begründers der romanischen Philologie, Friedrich Diez, an, der hier am 15. März 1794 auf die Welt kam. Jen- seits des Neuenweger Thors, mit dem die Neuenbäue aufhört, führt die Gartenstrasse an der Freimaurerloge und an dem städtischen Gas- und Wasserwerk vorbei in gereder Richtung über den Ludwigsplate zu dem S. 50 erwähnten Steins Garten. Am Luduwigsplatz biegt nach links die Grünberger Strasse, von der nach einigen Minuten die Licherstrasse nach rechts abzweigt. An ihrer rechten Seite erstreckt sich jen-