Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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Giessen, Industrie und Universität. 53

lichen Truppen gegenüberstanden. Auch in den Revolutionskriegen am Schlusse des 18. Jahrhunderts wurde die Stadt verschiedent- lich von den Franzosen besetzt. Da man einsehen musste, dass Giessen als Festung bei der fortschreitenden Vervollkommnung des Geschützwesens wegen seiner Thallage nicht haltbar war, dagegen der Umgegend viel Schädigung und Elend verursachte, so wurden 1805 bis 1810 die Festungswerke geschleift und dadurch zu einer gedeihlichen Entwicklung der Grund gelegt.

Die Lage der alten Festungswerke aber hebt sich jetzt noch deutlich ab, noch jetzt scheidet der Finggraben die enge und winklige Altstadt von den geraden und breiten Strassen der neuen Stadtteile, noch jetzt sind die vier Festungsthore durch Thorhäuser markiert, und auf den ehemaligen Glacis erheben sich die Anlagen, welche rings die Altstadt umziehen und eine hohe Zierde der Stadt bilden.

Voll zur Geltung gekommen sind die Vorzüge der geo- Praphisehon Lage Giessens in der Mitte des weiten Lahn- beckens, welches sich, abgesehen von der kurzen Einschnürung bei Friedelhausen, von Marburg bis Löhnberg über 60 km weit erstreckt, erst, als die Eisenbahnen neue Verkehrswege er- öffneten. Mit natürlicher Notwendigkeit laufen hier die Schienen- stränge von Frankfurt durch die Wetterau, von Coblenz durch das Lahnthal, von Köln durch das Dillthal, von Cassel, Fulda, Gelnhausen zusammen und haben aus Giessen einen Verkehrs- mittelpunkt geschaffen, von dessen Bedeutung am besten die riesigen, von Jahr zu Jahr sich erweiternden Bahnhofsanlagen Zeugnis geben, denen das jetzige Bahnhofsgebäude schon seit langer Zeit nicht mehr entspricht. Im Gegensatz zu Marburg trägt Giessen daher nicht so sehr das Gepräge einer Univer- sitäts- und Beamtenstadt als eines Verkehrs- und Industrieplatzes. Zahlreiche Tabak- und Cigarrenfabriken, Maschinenwerkstätten, Brauereien, Möbelfabriken, Spinnereien, Thonwerke, eine Eisen- giesserei, eine Dampfziegelei, eine elektro-chemische Fabrik be- schäftigen Tausende von männlichen und weiblichen Arbeits- kräften und erwecken den Eindruck, dass Giessen auch auf diesem Gebiete noch eine bedeutende Zukunft hat. Dass aber auch die Universität in gedeihlicher Entwickelung steht, beweist die stets zunehmende Zahl der Studenten. Während das Sommersemester 1870 nur 309 Studierende aufweist, betrug die Zahl der Immatrikulierten im Winter 1901 über 800, von denen der Prozentsatz der Nichthessen in steter Steigung begriffen ist. Für das rege wissenschaftliche Leben legen eine Anzahl wissenschaftlicher Vereine Zeugnis ab, die sich keines- wegs auf akademische Mitglieder beschränken, sondern durch regelmässige gediegene Vorträge auf möglichst weite Kreise zu wirken suchen, die Oberhessische Gesellschaft für Natur- und