hinzuzufügen, was nach ſeinem Kreuzesrufe„Es iſt voll⸗ bracht“ zunächſt für die vor ihm Geſtorbenen noch erfor⸗ derlich war. Dies aber nicht bloß für die Gerechten des Alten Bundes, ſondern für alle vor ihm Geſtorbenen, die nach ihrem Lebensabſchluſſe befähigt waren, ſeinem Kreuzes⸗ opfer hinzuzutreten; iſt doch nach 1 Petr. 3, 20 anzunehmen, daß unter denen, die der Herr alſo aufſuchte, auch Seelen derer geweſen ſind, die, während die Acht in der Arche ge⸗ rettet wurden, ihren Leibestod in der Strafflut gefunden haben. Die nähere Beſtimmung dieſer Seelen als„Geiſter im Gefängniſſe“ kommt dem nahe, was im zweiten Petrusbriefe von den Engeln, die ſündigten, geſagt iſt, daß ſie„in Ketten der Finſternis in den Tartarus geſtürzt worden zur Verwahrung auf das Gericht“(2 Petr. 2, 4); wo weiterhin auch noch von den Ungerechten unter den Menſchen vermerkt iſt, daß ſie auf den Tag des Gerichts zur Be⸗ ſtrafung bewahrt werden(2 Petr. 2, 9; welche Stelle jedoch Zweifel läßt, nämlich ob ſie nicht auf das göttliche Walten gegenüber den Ungerechten in dieſem Leben zu be⸗ ziehen iſt,— gar lediglich darauf, was anzunehmen, wenn auſtatt der Uebertragung„zur Beſtrafung“ zu übertragen wäre„unter Züchtigung“), Danach geht der Ausdruck „Geiſter im Gefängniſſe“ in erſter Linie auf das Zuſtands⸗ verhältnis jener Seelen: ſie waren„Gefangene“ infolge der Sünde des menſchlichen Geſchlechts und unter deſſen Todes⸗ folge, ſo lange die Erlöſung durch den Loskaufstod Chriſti ausſtand. Von ſolcher Gefangenſchaft ſchon als Unerlöſte im diesſeitigen Leben betroffen, unterſtanden ſie ihr vollends im Jenſeits: mit dem Todeszerfalle ihres Leibes war ihnen Licht und Leben gänzlich genommen. Wenn bereits vor unſerm Sterben bloß bei großer Störung unſeres Organismus unſer Bewußtſein ſchwindet, wie ſoll die von ihrem Leibes⸗ organismus vollſtändig getrennte Seele noch Bewußtſein beſitzen? Da iſt ſie zwar noch— dies auch zufolge des Wortes„Dieſe Nacht wird deine Seele von dir gefordert werden“(Luk. 12, 20)— ſie iſt noch, aber iſt als ob ſie nicht wäre. Und das muß ſo lange andauern, bis das durch den Verluſt ihres Leibesorganismus ihr Fehlende ihr zugebracht wird
Wie nun konnte, bevor der Herr ſelbſt der Erſtling der Leibesauferſtehung geworden war, jenen Seelen das hinzu⸗ kommen, was ihnen fehlte, um die Predigt des im Geiſte zu ihnen abgeſtiegenen Herrn zu vernehmen? Auch in dieſe Frage führt der erſte Petrusbrief ein durch das, was er vom Herrn ſagt:„lebendig gemacht nach dem Geiſte.“ Dem Herrn, als er„getötet worden nach dem Fleiſche“, brachte der Tod nicht das, was er uns bringt, Bewußtloſigkeit: ſeine Seele in Vereinigung mit dem göttlichen Worte blieb im Leben. Hätte nun bloß dies hervorgehoben werden ſollen, ſo würde Petrus doch einfach geſagt haben:„getötet nach dem Fleiſche, aber bebend nach dem Geiſte.“ Statt deſſen ſteht das auffällige„lebend gemacht“. Dies führt auf ein ſofort mit des Herrn Tode eingetretenes neues Verhältnis, „in welchem er auch hinging und predigte“. Dabei liegt es greifbar nahe, wodurch dies neue Verhältnis gegeben war. Als er getötet war nach dem Fleiſche,„ſchaute doch ſein Fleiſch die Verweſung nicht“(Th. 2, 27. 31. 13, 34. 35); wie ſeine Seele in Vereinigung mit dem göttlichen Worte verharrte, ſo wurde auch ſein Leib im Tod und Grabe nicht daraus getrennt, konnte dieſer darum der Verweſung nicht unterſtehen, aber nicht bloß das, es war in ihm auch das nach ſtofflicher Seite zur Ergänzung der Untern Erforderliche gegeben, auf daß der Herr ſchon vor ſeiner Auferſtehung den Toten die große Predigt des Evan geliums zu teil werden laſſe.
Den weitern Anhalt bietet zunächſt das Wort des Herrn über Abraham(Joh. 8, 56):„Abraham ward froh, daß er meinen Tag ſehen ſollte(dies in ſeinem Glauben, als er die
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Verheißungen während ſeines diesſeitigen Lebens empfing), und er ſah ihn und freute ſich“(dies, als der Tag gekommen, der Herr im Fleiſche erſchienen war). So aber konnte er ſich nur freuen, wenn ihm Kunde von dieſem Tage unter Ergänzung, um dieſe Kunde zu erfaſſen, zugekommen war. Wie anders ſoll das geſchehen ſein als vom Herrn her von deſſen Fleiſche, her von deſſen organiſchem Leibe, als er hienieden wandelte? Bei Annahme ſolcher Einwirkung er⸗ klärt ſich ferner ſofort beides, was die Evangelien über die Verklärung des Herrn mitteilen: daß Moſes und Elias mit dem Herrn redeten, und daß die dabei anweſenden Jünger ein ſtofflich überaus Herrliches empfanden, infolge deſſen Petrus das Wort ſprach:„Hier iſt gut ſein“(Matth. 17, 1—13. Mark. 9, 2— 13. Luk. 9, 28—36; vgl. 2 Petr. 1, 17 ff.)— Hierzu kommt das Wort des Herrn zu dem reuigen Schächer: „Noch heute wirſt du mit mir im Paradieſe ſein“(Luk. 23, 43). Das erſte Paradies enthielt eine Naturerhöhung, die zur Naturverklärung führen ſollte, aber unterging, als die Menſchheitseltern ſündigten. Das durch Chriſtus erneuerte Paradies wird vollendet bei ſeiner Wiederkunft in der dann eintretenden Naturverklärung(Off. 21. 22). Der Anfang dieſer dereinſtigen Naturverklärung begann in vollem Glanze mit des Herrn Auferſtehung, verhüllt aber ſchon vorher mit ſeinem Tode, als ſein Fleiſch ausgelitten hatte, in dieſem, dem unverweslichen. Von dieſem Zeitpunkte bis zur Wieder⸗ kunft Chriſti iſt kein anderes Paradies auszudenken als des Herrn Leib(vgl. 2 Kor. 12, 4 und Deutſcher Merkur Jahrg: 1898 S. 35). In ihm war gegeben, weſſen es zur Ergän⸗ zung für die Toten bedurfte, zu denen er abſtieg.
Hiermit iſt das Wort„abgeſtiegen zu den Untern“ noch nicht erſchöpft. Auch nach Chriſtus waren und ſind die meiſten Menſchen geſtellt wie die Menſchen vor ihm. Sie müſſen ſterben, ohne ihn geſehen zu haben; nur verhältnis— mäßig wenige ſind, die von ihm wiſſen, noch weniger, die, von ihm wiſſend, zum Glauben an ihn gelangen. Und die da an ihn glauben, iſt ihr Glaube, wie er ſein ſoll, wenn der Tod ihr diesſeitiges Leben beendigt? Galt der Ruf des Herrn zu Philippus„So lange bin ich bei euch, und du haſt mich nicht erkannt, Philippus!“ nur etwa für dieſen? Demnach bedurften und bedürfen auch ſeit Chriſtus die Menſchen, die das diesſeitige Leben verlaſſen haben wie die„Untern“, zu denen der Herr abſtieg, gleicher Hilfe durch ihn unter Zubedingung des ihnen Fehlenden, und iſt dies nur inſoweit anders zu denken, als ſeine Auferſtehung und Himmelfahrt darin eine Veränderung herbeigeführt haben. Auch hierfür fehlt der Anhalt nicht. Der Herr ſagte bei ſeinem Abſchiede zu ſeinen Jüngern:„In meines Vaters Hauſe ſind viele Wohnungen.... Ich gehe hin, euch eine Stätte zu be⸗ reiten; und wenn ich hingegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, ſo komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen“(Joh. 14, 2 f.). Und wiederum:„Ueber ein kleines, ſo werdet ihr mich nicht ſehen, und aber über ein kleines, ſo werdet ihr mich ſehen, denn ich gehe zum Vater“ (Joh. 16, 16).
Das der Schriftbezeugung voll entſprechende Wort des Apoſtolikum„abgeſtiegen zu den Untern“ berührt hiernach allerdings Verhältniſſe, die uns mehr oder minder verhüllt ſind. Darum iſt es jedoch in keiner Weiſe ein myſtiſch irre— führendes Wort, vielmehr das Glaubenswort höchſten Troſtes, dazu das große Duldungswort, wenn wir vermeinen, bei der Frage nach dem jenſeitigen Loſe unſerer Menſchenbrüder urteilen und verurteilen zu ſollen; auch derer ſind ſelig ge⸗ worden, die in dem Flutgerichte untergingen, weil ſie unge⸗ horſam geweſen, als Gott langmütig war in den Tagen des Noah. Und auch derer werden ſelig werden, die in unſern Tagen über die Predigt für die Toten lächeln oder gar ſpotten, wofern nur unſer Fürſprecher beim Vater bei ihrem Sterben ihnen gegenüber ſein Kreuzeswort wiederholen kann „Vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun“ und dann


